Wie erwartet spielte der VfB Lübeck am Samstag ein 3-5-2 offensiv-System. Entgegen meiner Erwartungen traten sie aber auch so auf. 3-5-2 offensiv mit hohem Gegenpressing ab der ersten Minute des Spiels. So konnte der TSV 1860, der im vertrauten, variabel angelegten 4-1-4-1-System antrat, zu Beginn nie – wie gewohnt – beruhigt aus der Defensive heraus mit kurzen Pässen agieren. Heranarbeiten an den Strafraum des Gegners war für Sechzig zu Beginn des Spiels ein schwer verdientes Brot. Lange Pässe und hohes Laufpensum – vor allem für die immer wieder aufrückenden, ihren Mittelfeldkollegen hinterlaufenden Außenverteidiger Willsch und Steinhart, aber auch für alle anderen Akteure – bestimmten das Bild bei Löwenangriffen zu Spielbeginn.

So war auch das konsequente Gegenpressing der Lübecker der Grund für das 0:1. Zuerst fand Hiller keine kurze Anspielstation, musste also eine lange Variante wählen. Der Abschlag landete bei einem Gegenspieler. Der folgende Angriff der Lübecker konnte zwar durch Steinhart nach wenigen Pässen unterbunden werden, das konsequente Pressing des VfB ließ für die Löwen aber keinen Spielaufbau zu und so verlor wenige Sekunden nach dem Ballbesitzwechsel Lex das Leder wieder durch ein konsequent geführtes Doppeltackling von Deters und Riedel, das Deichmann in Ballbesitz brachte. Deichmann konnte Hobsch, der die Abseitsfalle der Viererkette geschickt umging, mit einem Traumpass in den Sechzehner bedienen. Hobsch legte sich den Ball kurz selbst vor und schloss ab. Die Gäste hatten ganz offensichtlich einen guten Matchplan für das Auswärtsspiel an der Grünwalder Straße gefunden.

Kurz nach dem Führungstor jedoch ließen die Hanseaten – für mich unverständlicherweise – von diesem Matchplan ab. Sie störten nicht mehr aggressiv das Aufbauspiel des TSV 1860 in dessen Hälfte. So konnten die Sechzger ab diesem Zeitpunkt – für fast den kompletten Rest der Partie – den Spielaufbau von Hinten mehr oder weniger nach Belieben steuern und das Spiel verschleppen oder schnell machen.

Die Tempowechsel im Löwenspiel bekamen die Lübecker überhaupt nicht in den Griff. Standen die Gäste nah am Mann, wurde das Spiel von Sechzig plötzlich schnell. Dadurch öffneten sich Räume nach vorn. Standen die Gäste eher weiter von den Münchner Spielern entfernt und stellten die Räume zu, sorgten also für wenig Raum zum Passen, verschleppten die Löwen das Spiel kurzzeitig mit Rückpässen auf die fast bis zur Mittellinie aufgerückten Verteidiger. Von dort wiederum öffneten vor allem Steinharts Steilpässe auf Tallig oder Lex das Spiel der Löwen in Richtung Grundlinie und sorgten für unbeschreiblichen Dynamikgewinn im Angriff. Diese Dynamik im Angriff ermöglichte jetzt auch wieder hohes Gegenpressing für den TSV 1860, wenn der Ball im letzten Drittel der gegnerischen Spielfeldhälfte verloren wurde, da die bis auf Salger und Moll alle in des Gegners Hälfte versammelten Münchner sowohl die Lübecker Passwege zustellen, als auch deren ballführenden Spieler attackieren konnten. Die beiden verdienten Tore der Löwen in Halbzeit eins fielen genau wegen dieser plötzlichen Dynamik.

Wenn man sich vor allem die Situationen ansieht, die zum 1:1 führten, sieht man, dass die Gäste nur reagieren konnten, aber kein Mittel fanden, die permanenten Angriffe der Löwen effektiv zu unterbinden. Ich zähle in den 45 Spielsekunden, die dem Ausgleichstreffer vorangehen, dessen Entstehung mit einem Einwurf für den TSV 1860 beginnt, genau fünf Ballkontakte für die Hanseaten, die alle nur die Angriffswelle abschwächen, aber nie klärend sind. Die Löwen können hier für permanenten Druck auf den Sechzehner des VfB Lübeck sorgen. Siebzehn Ballkontakte stehen in diesen 45 Sekunden beim TSV 1860 zu Buche, bei denen die Spieler der Gäste mehr oder weniger zum Zuschauen oder allerhöchstens zum Reagieren verdammt sind, weil die weiß-blauen Ballstafetten in der Breite und Tiefe sehr sicher ausgeführt werden. Sieben der erwähnten 17 Ballkontakte haben die Löwen während der letzten 15 Sekunden vor dem Treffer. Steinhart, von dem die ausgeht, leitet den Teilangriff über die linke Seite mit einem Diagonalpass ins Zentrum auf Neudecker ein, kommt nach zwei Querpässen über Dressel und Tallig durch einen Steilpass des Achters der Löwen erneut in Ballbesitz und kann eine Traumflanke ins Zentrum schlagen, die Neudecker mit dem Knie und wohl eher unabsichtlich auf den zum Torerfolg abschließenden Willsch verlängert. In Summe zähle ich in diesen 45 Sekunden drei Angriffe, die alle zur selben Angriffswelle gehören, welche die Abwehr der Hansestädter nie in den Griff bekommen. An allen drei Angriffen sind Neudecker und Steinhart entscheidend beteiligt. In dieser Form sind beide nicht mehr aus der ersten Elf des TSV 1860 wegzudenken. Allerhöchsten Respekt, meine Herren!

Knappe neun Minuten später erhöhte Mölders für die Löwen auf 2:1. Vorangegangen war ein schnell ausgeführter, aus dem eigenen Strafraum lang gespielter Freistoß von Dressel auf den Torschützen, der sowohl die beiden Verteidiger, die ihn in den Strafraum begleiten, als auch den Torwart mit seiner Schnelligkeit und einem schlitzohrigen Lupfer – bei dem zwischen Ball und Torlatte wohl kein Papier mehr gepasst hätte – grandios übertölpelt. Auch dieses Tor zeigt, wie der VfB Lübeck in den entscheidenden Momenten durch schnelles intelligentes Spiel der Löwen mehr zum Zuschauen und Hinterherlaufen, als zum Agieren und aktiv Verteidigen gezwungen wurde.

Wie sehen die statistischen Zahlen für die erste Hälfte aus? In der ersten Viertelstunde verzeichnen wir einen Ballbesitz von 60:40 zugunsten des TSV 1860 und eine immens hohe Passgenauigkeit bei beiden Mannschaften – rund 85%. Den Unterschied machten in dieser Phase des Spiels die gewonnenen Zweikämpfe, denn hier war Lübeck zunächst noch überlegen: 75% aller Defensivduelle konnten die Gäste bis zur 15. Minute für sich entscheiden. dem stehen nur 44% gewonnene Defensivzweikämpfe der Löwen gegenüber. Zwei Schüsse, die aber für den Kasten vor der leeren Westkurve keinerlei Gefahr bedeuteten konnte der TSV anbringen, vier hingegen stehen für Lübeck zu Buche, davon zwei aufs Tor. Einer davon ging bekanntermaßen auch rein. Interessant ist, dass die Löwen bei der von mir immer gern genutzten Statistik der PPDA (Zugelassene Pässe pro Defensivaktion) hier mit 10,3 einen verhältnismäßig niedrigen Wert erreichen, Lübeck hingegen mit 16,1 viel mehr Pässe zuließ, bevor gestört wurde. Leider kann ich diese Statistik nicht ganz konkret für die Spielzeit vom Anpfiff bis zum 0:1 einsehen. Da würde sie vermutlich eher andersherum aussehen.

Die restliche halbe Stunde des ersten Abschnitts sieht dann die Löwen in allen Statistiken überlegen, was sich auch im Halbzeitstand widerspiegelt: PPDA 10,3 beim TSV, 32 beim VfB; Ballbesitz 57% zugunsten des TSV; Schüsse 6:1, davon aufs Tor 3:1. Die Zweikampfbilanz bei den defensiven Zweikämpfen dominierten nun die Spieler in weiß-blau mit 75% und auch offensiv konnten immerhin 47% aller Duelle gewonnen werden. Bemerkenswert ist, dass die Münchner in allen Defensivduellen auf den Beinen blieben, also keine Grätschen nötig waren um den Gegner vom Ball zu trennen. Wenn Spieler im Zweikampf stets auf den Beinen bleiben, wirkt sich das natürlich gewaltig auf die Dynamik im Spiel aus, wenn es nach Ballgewinn in die andere Richtung geht. Des Weiteren vermeidet man so auch Fouls und entgeht somit gefährlichen Standardsituationen. Die Passgenauigkeit beim TSV 1860 war absolut überragend. Abgesehen von der Zahl für lange Bälle, die mit 47% trotzdem noch in Ordnung geht, liegt 1860 hier in fast allen Kategorien bei ca. 80% oder höher. Einzig die immer schwer zu spielenden Pässe ins letzte Drittel fallen mit 66,7% etwas ab. Lübeck weist eine ähnliche Gesamtgenauigkeit auf, spielte aber knapp ein Drittel weniger Pässe insgesamt, und etwa 50% der Pässe zur Seite oder zurück.

Die erste Viertelstunde nach der Pause ist bekanntlich eine Achillesferse im Spiel des TSV 1860 München. Auch diesmal gab es zu Beginn der zweiten Hälfte Druck des Gegners auf die Löwen. Der Lübecker Deters vergab eine tausendprozentige Chance, Marius Willsch rettete zweimal in höchster Not. Diesmal dauerte es knappe acht Minuten bis sich das Team von Michael Köllner aus der Pausenlethargie befreite und das Heft wieder selbst in die Hand nahm. Ab Minute 55 folgte eine Belagerung des Strafraums der ganz in grün gekleideten Hanseaten, die – nur durch kurze Befreiungsversuche unterbrochen – in der 63. Minute zum Torerfolg führte. Hierzu gibt es aus taktischer Sicht nicht viel anzumerken, außer dass Willsch, als er – nach Kopfballabwehr einer Steinhart-Flanke durch einen Lübecker – an den Ball kommt, um das Tor durch Neudecker vorzubereiten, von den Lübeckern sträflich allein auf weiter Flur gelassen, einige Meter vor dem Sechzehner der Gäste lauerte. Diese Unachtsamkeit kostete Lübeck möglicherweise einen Punkt, der bei einem knappen Spielstand ja immer möglich ist. Aber nach dem 3:1 war für die Gäste dann aber nichts mehr zu retten, zu zerfahren war deren Spiel. Lex netzte drei Minuten nach dem 3:1, nach Gewinn eines sogenannten zweiten Balles an der Mittellinie durch Dressel, dessen Pass in die Spitze ein Lübecker im Abwehrversuch ungeschickt auf Sechzigs Nummer 7 verlängerte, ein. Im weiteren Verlauf gab es hüben wie drüben einige weitere Szenen, diese bedürfen aber keiner weiteren genauen Betrachtung, denn sowohl an der Überlegenheit des TSV 1860, als auch an der Unfähigkeit der Gäste, diese unter Kontrolle zu bekommen, änderte sich nichts. Das Spiel wurde offener, denn Lübeck rannte einem Drei-Tore-Rückstand hinterher. Die Konter und die Positionsangriffe, die der VfB Lübeck noch fahren konnte, endeten entweder durch Abseitspositionen, wurden konsequent vom TSV 1860 unterbunden oder die Akteure aus dem hohen Norden schossen überhastet aus Reihe zwei ab und machten den Löwen das Verteidigen somit äußerst leicht.

In den Zahlen zur zweiten Spielhälfte spiegelt sich das auch deutlich wider: In fast allen entscheidenden Kategorien weisen die Löwen ein Plus auf. Besonders hervorzuheben ist wieder die Passgenauigkeit. 82% alle Pässe kamen beim Adressaten an. Da die Lübecker – um überhaupt noch eine Chance auf zumindest einen Punkt zu haben – etwas offener wurden, kamen auch mehr lange Pässe der Löwen an. Im Vergleich zur ersten Halbzeit stieg der Wert hier um 24 Prozentpunkte auf 71%. Der Ballbesitz lag bei 55%. Die Pässe ins letzte Drittel wurden allerdings nun besser von Lübeck verteidigt. Der einfache Grund hierfür ist: Lübeck musste mehr nach vorne tun, weshalb die Sechzger auch öfter mit Verteidigen beschäftigt waren und bei hohem Tempo im Vorwärtsgang auf oft nur eine Anspielstation im letzten Drittel passen konnten, da der Rest der Mannschaft nicht so schnell nachrückte. Dadurch waren diese Pässe für Lübeck meist leicht abzufangen. Das Schussverhältnis lag bei 7:10, sieht also Lübeck ein wenig im Vorteil, was allerdings dadurch relativiert wird, dass der TSV 1860 vier seiner sieben Schüsse aufs Gehäuse des Gegners brachte, der VfB Lübeck dagegen gerade einmal zwei. Mit mehr Ruhe im Spiel vor dem gegnerischen Sechzehner hätte der Aufsteiger das Spiel möglicherweise noch einmal spannend machen können. Aber für abgezockte Löwen waren die Hanseaten einfach zu grün hinter den Ohren. Die PPDA hat sich beim TSV 1860 im Vergleich zum Auswärtsspiel in Zwickau sowohl insgesamt, als auch in der zweiten Hälfte wieder erhöht, also verschlechtert. Aber in den entscheidenden Spielphasen waren die Defensivaktionen gegen das Passspiel des Gegners von erstaunlich hoher Anzahl und Konsequenz – und das bei nur zwei Zweikampfgrätschen in den gesamten neunzig Minuten.

Bitte so weitermachen liebe Löwen! Es macht sowohl von der Spielanlage als auch in den taktischen Feinheiten brutal Spaß, Euch in dieser Form zuzusehen.

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