Die Formationen

Die Gäste begannen in der erwarteten 4-3-3 offensiv-Variante, wobei zu beachten ist, dass der neu in der Startelf auftauchende linke Außenstürmer Jayson Breitenbach eigentlich ein gelernter Verteidiger ist. Im Vergleich zum Spiel gegen Unterhaching wurde eine auf vier Positionen umgebaute FCS-Elf auf den Giesinger Rasen geschickt. Über fehlende Breite im Kader kann man sich in Saarbrücken wahrlich nicht beklagen. Sechzig begann im gewohnten 4-1-4-1 mit der bekannten Stammformation, in der erwartungsgemäß Leon Klassen den gesperrten Philipp Steinhart ersetzte und seine Sache gut machte.

Die Gegentore

Beleuchten wir zunächst die Gegentore: Das 0:1 fiel nach einem berechtigten Freistoß (Handspiel von Marius Willsch). Freistöße aus den Halbpositionen in Strafraumnähe sind immer schwer zu verteidigen. Da die ausführende Mannschaft in der Regel genau weiß, was sie vorhat, kann die Abwehr bei diesen Standards meist nur reagieren. Aus diesem Grund ist die Chance, bei dererlei Standardsituationen eine Torgelegenheit zu kreieren, immer sehr hoch. Dass ausgerechnet der kopfballstärkste Löwe auf dem Platz, Sascha Mölders, der direkte Gegenspieler des Torschützen war und sich nicht nahe genug am Mann befand, um diesen in irgendeiner Weise am Header zu hindern, ist leider eine Tatsache, die man herausstellen muss. Torwart Hiller war gegen den platzierten Kopfball von Sebastian Jacob, der seinen dritten Treffer im laufenden Wettbewerb verbuchen konnte, machtlos.

Das zweite Tor für Saarbrücken fiel durch einen Kontergegenstoß. Wie aber genau entstand der Treffer? Wo lag der entscheidende Fehler? – Nach einem Ballverlust von Lex nahe der Saarbrücker Grundlinie gegen Ouaferro kommt der Ball an der rechten Spielfeldbegrenzung in der Mitte der eigenen Hälfte zu Jacob, der diesen sofort hoch, diagonal und lang in die Spielfeldhälfte der Löwen auf Breitenbach passt. Dieser läuft von links zum Anstoßpunkt ein, kann aber in dieser Situation noch von Willsch, der den Ball blockt, an der Ballannahme gehindert werden. Der Löwe Wein kommt – wieder in des Gegners Hälfte – in Ballbesitz und versucht einen riskanten Steilpass auf Neudecker, der von Jacob, der hier wirklich gute Übersicht und Antizipation beweist, abgefangen wird. Jacob passt gegen die Laufrichtung aller Löwenspieler im Mittelfeld auf Shipnoski und öffnet den Raum. So hat Shipnoski viel Platz und kann den von der Mitte auf die halbrechte Seite kreuzenden Breitenbach mit einem genialen Zuspiel in die Schnittstelle zwischen Salger und Moll, der auch noch auf Abseits spekuliert und Breitenbach laufen lässt, bedienen. Breitenbach läuft allein auf Hiller zu und versenkt. Zu Molls Verteidigung sei angemerkt, dass auch Willsch, der Breitenbach bis zum Pass von Shipnoski noch begleitet hatte, durchaus am späteren Torschützen hätte dranbleiben können. Hier lag möglicherweise ein Missverständnis bei der Übergabe vor. Nichts desto trotz ist der riskante Pass von Wein auf Neudecker der eigentliche Auslöser der Situation. Wein hätte mit Tallig, Dressel und Klassen drei sichere, ungedeckte Anspielpartner gehabt. Vor allem Tallig hätte in diesem Moment viel freien Raum für einen Antritt in Richtung Sechzehner vorgefunden, um seinerseits das Spiel für die Löwen schnell zu machen. Die Entscheidung auf Neudecker zu passen, war falsch. Die sich daraus ergebende, oben beschriebene Fehlerkette ist in diesem Fall besonders tragisch, denn 1860 war bis zu dem Zeitpunkt die spielbestimmende Mannschaft, der nur die Durchschlagskraft gefehlt hatte.

Was geschah vor und zwischen beiden Gegentreffern?

In der 5. Minute sahen die Zuschauer die erste Riesenchance für den TSV 1860. Dieser Angriff war ein Lehrstück in Sachen One Touch Football: Wein spielt nach einer Kopfballstafette der Saarbrücker, um den zweiten Ball in die Hälfte der Löwen zu bringen, einen guten Pass im eigenen Mittelfeld nach vorne auf Mölders, der wiederum direkt zu Neudecker zurücklegt. Neudecker gibt die Kugel sofort wieder über die Gegner hinweg nach vorne auf Mölders, der – begleitet von zwei Saarländern –, theoretisch selbst abschließen könnte, aber den Ball nach Innen auf Lex legt. Lex schießt und trifft leider nur den Kopf des Gästekeepers, von wo der Ball zu einem Verteidiger springt, der die Situation abschließend klären kann. Selbst zu schießen wäre für Mölders hier vielleicht die bessere Entscheidung gewesen, denn selbst wenn Torwart Batz gehalten hätte, wäre gegebenenfalls Lex in der Lage gewesen, einen Rebound zu verwandeln. Zwischen den beiden Saarbrücker Treffern waren die Sechzger spielbestimmend. Aber leider nicht zwingend genug. 100%ige Torchancen konnten nicht herausgespielt worden.

Zahlen der ersten Hälfte

Ballbesitz 62:38%; Passgenauigkeit 84%; gewonnene Defensivzweikämpfe 61% – Das könnte besser sein, speziell vor dem Hintergrund, dass Saarbrücken nur sieben Positionsangriffe in der ersten Halbzeit unterbrachte. Die PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) sind mit 10,7 auch absolut im grünen Bereich, Saarbrücken liegt hier mit 11,6 nur knapp dahinter. Schüsse gaben die Löwen in der ersten Halbzeit genau zwölf ab, drei gingen aufs Tor, hinein bekanntlich keiner. Flanken konnten in der ersten Hälfte zehn geschlagen werden, aber nur drei davon fanden auch den Adressaten.

Zweite Hälfte

In der zweiten Halbzeit trafen die Löwen – per Elfmeter – nach einem guten Angriff der diagonal von der Mitte auf die rechte Seite verlagert wurde. Tallig drang in den Strafraum ein, Ouaferro kam mit hohem Tempo und gestrecktem Bein von links mit offener Sohle heran und flog in den Fuß des sich parallel zur rechten seitlichen Strafraumbegrenzung bewegenden Mittelfeldspielers der Löwen hinein. Der Elfmeterpfiff erfolgte, was ausblieb, war die durchaus mögliche Rote Karte wegen groben Foulspiels, das ist aber eine Ermessenssache des Schiedrichters.

Nach dem Anschlusstreffer durch Molls Elfmeter spielte – bis auf wenige Entlastungsangriffe der Saarbrücker, die sich sehr geschickt in ihrer Hälfte einigelten – nur noch der TSV 1860. Welle um Welle brandeten die Angriffe der Löwen auf das Abwehrbollwerk der Saarländer und es konnten auch einige gute Strafraumszenen erspielt werden. Alles in allem war aber die Verspieltheit vor dem Tor, der Versuch, einen vielleicht noch besser postierten Mitspieler zu finden das falsche Rezept gegen die wie wild verteidigenden Saarländer. So zerschellten die Angriffswellen jedes Mal an der Abwehr oder dem glänzenden Torhüter Batz, der mehr als einmal hervorragend reagierte, um Schüsse auf seinen Kasten in höchster Not zu parieren.

Die Zahlen zur 2. Halbzeit lesen sich bis auf wenige Ausnahmen noch besser als die der ersten: Ballbesitz 71:29%; Passgenauigkeit 84%; gewonnene Defensivzweikämpfe 82%; PPDA 8.4 – ein Spitzenwert. Saarbrücken hat hier mit 23.3 eine desaströse Bilanz. Sage und Schreibe 31 Positionsangriffen der Löwen stehen nur fünf solche der Gäste gegenüber. Zum Konter setzte der 1.FCS viermal an, aber auch dabei sprang nichts heraus. Die Löwen kamen trotz dominantem Auftreten ihrerseits nur zu 13 Schüssen, davon 5 auf den Kasten des Gegners. Auch sank die Genauigkeit der Flanken in den Strafraum weiter ab. Von 19 geschlagenen Flanken kamen auch nur drei an. Die Quote bei der Zielgenauigkeit von Außen sank also im Vergleich zu Halbzeit eins um fast 50% und lag nun bei 15,8%. Das ist nicht genug! Speziell wenn man zwei Stürmer auf dem Platz hat, müssen mehr hohe Bälle den Adressaten finden.

Schlussfolgerungen, taktische Alternativen?

Bei der Dominanz, die diese Zahlen absolut untermauern, stellt sich die Frage: Was hätte 1860 anders machen müssen, um nicht dauerhaft gegen so eine massierte Abwehr anlaufen zu müssen? Wie hätte man die Saarbrücker locken können, ihre Defensive ein wenig zu vernachlässigen, damit sich Angriffsräume für die Löwen hätten ergeben würden? Es ist eine gewagte Theorie meinerseits, dass erst durch das hohe Pressing, wie es der TSV spielt, die Räume in solchen Situationen für einen selbst eng werden. Wenn man dem Gegner mehr Raum gibt, um Fußball zu spielen, hat man bei Ballgewinn, wenn schnell umgeschaltet wird, selbst auch mehr Raum zur Verfügung. Mit Tallig, Dressel, Neudecker, Willsch und Klassen waren gestern Abend auch genug sehr schnelle Spieler auf dem Platz, um genau das zu spielen. Es besteht dann natürlich – wenn man dem Gegner mehr Raum lässt – die Gefahr, dass er – anstatt zu Mauern wie beim Gegenpressing – das Spiel verschleppt und es eine Rück- und Querpassorgie der führenden Mannschaft gibt. Diese führt dann wieder zu hohem Anlaufen und Pressing, da Ballbesitz sonst schwer erlangt werden kann. Eine typische Situation, bei der sich die Katze in den Schwanz beißt. Aber gäbe es noch eine andere Möglichkeit, ein Abwehrbollwerk, wie das saarländische am Mittwoch Abend zu durchbrechen? Ich sage: Ja! Wwenn man es schafft, durch ein Tempodribbling Überzahl herzustellen und somit den Gegner zu Verschiebungen in der Raumdeckung zwingt. Dies ist allerdings bei einer so tief stehenden Mannschaft, wie Saarbrücken es in Halbzeit zwei war, auch ein schweres Brot für die Angreifer. Denn auch wenn es zu Verschiebungen bei den Räumen im Mittelfeld kommt, steht doch die Abwehr massiv und Ballkontakte im Strafraum zu bekommen und auch erfolgsbringend zu nutzen, wird durch eine vielbeinig verteidigende Abwehr unterbunden. Der Versuch, über hohe Flanken in den Strafraum zum Erfolg zu kommen fand bei den Löwen durchaus statt. Saarbrücken hatte aber mit personellen Wechseln vor der Partie genau dort angesetzt. Kopfballduelle die in den vorangegangen Spielen noch zu den Schwächen der Saarbrücker gezählt hatten, wurden im Spiel gegen den TSV 1860 zu Hauf gewonnen. Daran änderte auch Köllners Hereinnahme von Erdmann kurz vor Spielende nichts mehr.

Fazit

In einem Spiel, das man – wenn man die Überlegenheit der Löwen als Maßstab nimmt – als Löwe nie verlieren darf, hat die cleverere Mannschaft den Sieg davon getragen. Der Sieg der Gäste war glücklich, aber aufgrund einer soliden, aufopfernden Defensivleistung nicht einmal unverdient. Der TSV 1860 hat die Brechstange, um die Tür zu wenigstens einem Punkt zu öffnen, in der Zeit nach dem Anschlusstreffer leider nicht finden können. Man hat weiter versucht diese Türe mit dem Dietrich zu öffnen. Aber dazu war das Schloss, das die Saarbrücker davor gehängt hatten, leider zu kompliziert gebaut.

 

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