Ein herzliches Grüß Gott zur TAKTIKTAFEL vor dem vorletzten Heimspiel unseres TSV 1860 München diese Saison. Es gastiert der 1.FC Kaiserslautern, unsere Freunde, die Roten Teufel vom Betzenberg, im Sechzgerstadion.

Neue Besen kehren gut. Die Pfälzer, die unter Jeff Saibene einen Tiefschlag nach dem anderen erleiden mussten, sind seit Februar unter neuer Regie aufgeblüht und haben sich seit dem Trainerwechsel von Jeff Saibene zu Marco Antwerpen gehörig stabilisiert. Im April war Kaiserlautern sogar eines der drei besten Teams der 3. Liga. Was sind die genauen Gründe für diesen Höhenflug der Unentschiedenkönige der Liga? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Statistiken.

Die statistischen Werte des 1. FC Kaiserslautern, seit Antwerpen übernommen hat

  • Ballbesitz 53% (zuvor 46%)
  • Passgenauigkeit 79% (zuvor 79%)
  • Defensive Zweikampfquote 59% (zuvor 62%)
  • Flankengenauigkeit 31% (zuvor 38%)
  • PPDA 7,42 (zuvor 14,10)

Was sagen uns diese Zahlen?

Der Trainerwechsel hat den Verein aus der Pfalz also in gewissen Punkten verbessert, aber auf den ersten Blick zumindest auch verschlechtert, oder? Da müssen wir ein wenig genauer hinsehen. Die defensive Zweikampfquote ist offensichtlich um 3% gesunken. Aber trotzdem ergattern die Lauterer mittlerweile mehr Punkte. Die reelle Anzahl der gewonnen Zweikämpfe hat sich tatsächlich im Schnitt kaum verändert, aber der FCK führt jetzt pro Spiel mehr defensive Zweikämpfe als unter Coach Saibene. Und genau das ist der springende Punkt. Mit jedem Zweikampf, den ich führe, störe ich das Spiel des Gegners und er muss beim laufenden Angriff eine Kleinigkeit ändern oder er braucht länger, bis er selbst eine Aktion setzen kann. Gleichzeitig haben meine Mitspieler dadurch mehr Zeit, sich im Raum so zu positionieren, dass sie Pässe besser abfangen können oder selbst besser in einen Zweikampf kommen. Diese Verschlechterung ist also nur auf den ersten Blick eine solche.

Flankengenauigkeit und Ballbesitz

Wie sieht das mit den Flanken aus? Hier sank der Genauigkeitswert um satte sieben Prozent. Auch hier sehen wir beim 1. FC Kaiserslautern ein ähnliches Bild. Die tatsächliche Anzahl der Flanken, die ihr Ziel finden, ist auf dem gleichen Niveau wie zuvor. Die Anzahl der insgesamt geschlagenen Flanken hat sich aber signifikant erhöht. Die Zahlen der Statistik sind also in Summe ein klares Zeichen für den höheren Druck, den die Lauterer nun auf den Gegner aufbauen können.

Das zeigt sich ganz deutlich am um 6% verbesserten eigenen Ballbesitz. Durch diese leichten Verbesserungen, die mit den Umstellungen von Antwerpen bei Kaiserslautern einhergehen, hat man weniger das eigene offensive Spiel verbessert, als das offensive Spiel des Gegners beschnitten. Spielten Kaiserslauterns Kontrahenten, als der FCK von Jeff Saibene trainiert wurde noch 463 Pässe mit einer Genauigkeit von 82% im Schnitt pro Spiel, so lässt der FCK nun nur noch 345 gegnerische Pässe mit einer Genauigkeit von 78% pro Spiel zu. Woher kommt das, was macht die Pfälzer stärker?

Was hat sich beim 1. FCK systematisch und taktisch verändert?

Die Fünferkette in der Verteidigung

Mit dem seit nun drei Spielen praktizierten Systemwechsel stehen die Pfälzer statistisch viel stabiler als zuvor. Der Wechsel auf eine Dreierkette in der Innenverteidigung mit offensiv ausgerichteten Flügelverteidigern, die zur Unterstützung ihrer Kollegen bei eigenem Ballbesitz ins Mittelfeld hochschieben, trägt größtenteils zu dieser Stabilisierung bei.

Die Art, wie der Trainer seine Fünferkette dann im letzten Drittel taktisch verteidigen und verschieben lässt, ist ein Schmankerl für Defensivfanatiker, wie ich einer bin.

Sobald der Gegner ins letzte Drittel eindringt und sich die Fünferkette gegen den Ball etabliert hat, rückt der zentrale Innenverteidiger situationsabhängig entweder ein wenig nach vorne und agiert wie ein Libero vor der Abwehr oder bleibt im Zentrum der Dreierinnenverteidung. Damit können die beiden defensiven Mittelfeldspieler der Lauterer im Spiel gegen den Ball im Zentrum breiter agieren. So kann der Raum für die gegnerischen Offensivspieler sehr eng werden.

Bei Angriffen durch das Zentrum kann der 1. FC Kaiserslautern durch dieses Verhalten des zentralen Innenverteidigers Stress und Hektik im gegnerischen Angriffsspiel provozieren. Bei Angriffen, die auch im letzten Drittel auf den Flügeln bleiben, kippt dieser Spieler dann wieder in die Kette und sorgt für Überzahl bei den zu verteidigenden Flanken.

Die Offensive der Roten Teufel

Auch im Spiel nach vorne hat der zentrale Innenverteidiger eine tragende Rolle, wenn von hinten kontrolliert aufgebaut werden soll. Während einer oder beide Flügelverteidiger ins Mittelfeld vorschieben, rückt dieser Spieler in den Raum zwischen Abwehr und defensivem Mittelfeld, um dort als Verbindung zwischen den Mannschaftsteilen zu fungieren. Die entstehende Formation macht es der gegnerischen Mannschaft schwerer im Raum zu pressen.

Diese Idee der Spieleröffnung hat aber auch einen gravierenden Nachteil. Wenn die Zuspiele nicht genau kommen oder ein Gegenspieler es schafft, in einen Passweg einzulaufen, ist die Gefahr plötzlich sehr hoch, in Unterzahl dem Gegner ins offene Messer zu laufen.

Beim Spiel mit Ball fiel in den letzten drei Spielen – also seit auf Dreier- respektive Fünferkette umgestellt wurde – auf, dass Teile der Mannschaft höchst flexibel agieren und andere äußerst statisch bleiben. Das bringt bei den Pfälzern auch offensiv eine Stabilität ins Spiel, die davor nicht zu sehen war.

Stark verbesserte PPDA

Die Spieler auf der zentralen Achse interpretieren ihr Spiel weitestgehend positionsgetreu. Alle anderen haben einen gewissen Spielraum, sich frei im System zu bewegen. Damit wird die Offensive des 1. FC Kaiserslautern ein Stück weit unberechenbarer. Weitere Verbesserungen beim kommenden Gegner sind einerseits die zunehmende Häufigkeit bei Standardsituationen in Tornähe und andererseits der häufige Gewinn zweiter Bälle.

Wenn der 1. FC Kaiserslautern sich ins letzte Drittel des Gegners hineingespielt hat, ist die Verweildauer dort, seit der neue Trainer im Amt ist, viel höher als noch unter Jeff Saibene. Das drückt sich auch im Indikator für die Pressingintensität beim 1. FC Kaiserslautern aus. Die PPDA ist, seit Marco Antwerpen das Traineramt übernommen hat, nur im knapp verlorenen Spiel gegen die Kogge aus Rostock über dem Wert von zehn geblieben. Sie liegt seitdem im Schnitt bei 7,42. Man darf sich also auf aggressives Pressing der Pfälzer gegen den ballführenden Spieler einstellen.

Pressing im Raum mit Pressingfalle sieht man bei den Lauterern in den von mir beobachteten Spielen eher nicht.

Wie kann man Lautern knacken?

Das A und O gegen die Pfälzer ist eine stabile Defensive, aus der heraus man dann nach Ballgewinnen schnell und sicher nach vorne kombinieren muss. Ob das über die Flügel oder zentral geschieht, ergibt sich immer aus der jeweiligen Situation. Wichtig ist, dass man Kaiserslautern dazu bringt, im Rückwärtsgang zu verteidigen. Lässt man den Pfälzern Zeit, um sich hinten zu formieren, wird das Durchbrechen der stabilen und kompakten Defensivformation sehr schwer.

Bei Ballgewinn im Mittelfeld kann man eine Formation mit Dreierkette auch sehr leicht auf dem falschen Fuß erwischen.

Die generellen Vor- und Nachteile des Systems 5-4-1

Vorteile

In der Defensive ist das 5-4-1 unfassbar kompakt, es lässt wenige Chancen zu. Speziell wenn es mit flacher Vier im Mittelfeld gespielt wird, sind zudem die Flügel jeweils doppelt besetzt. Konterspiel wird stark begünstigt.

Nachteile

Die Offensivaktionen sorgen normalerweise mit einem Stürmer und kaum Offensivkraft aus dem Mittelfeld nur für wenige Überraschungen beim Gegner. Bei der flachen Vier im Mittelfeld können die Wege im Positionsspiel recht lang werden, es erhöht sich möglicherweise der Erschöpfungsgrad zum Ende des Spiels. Ohne aufrückende Außenverteidiger ist das System im modernen Fußball offensiv ineffizient.

Schlüsselspieler

Torhüter Avdo Spahic (#1) hat die meisten vereitelten Tore der Liga zu Buche stehen, liegt aber in der Statistik der gehaltenen Schüsse nur auf Platz fünf. Das bedeutet, dass die stabilere Abwehr, die er ja nun seit dem Trainerwechsel hat, macht ihn zu einem wahren Monster im Kasten. Auch in der Strafraumbeherrschung ist der 24-Jährige ein Guter. Dass er erst sieben Mal zu null spielen konnte ist definitiv der Leistung seiner Vorderleute geschuldet.

Tim Rieder (#17), den zentralen Innenverteidiger, muss ich Euch wohl nicht weiter vorstellen. Mit der Amtsübernahme von Antwerpen hat Rieder zu der Stärke zurückgefunden, die wir bei ihm während seiner Zeit beim TSV 1860 bewundern durften.

Nur Leihspieler und trotzdem Kapitän. Der 27-jährige Jean Zimmer (#16) kam während des Wintertransferfensters aus Düsseldorf zu den Pfälzern. Offensiv ist er in den meisten Spielen der auffälligste Akteur auf dem rechten Flügel. Ihn unter Kontrolle zu bekommen wird Steinhart auf der linken Seite vor eine große Aufgabe stellen.

Marvin Pourié (#9) reist wie Rieder mit Löwenvergangenheit an, nur liegt sie beim 30-Jährigen etwas länger zurück. Mit 19 Jahren schnürte der Mittelstürmer für ein Jahr die Fußballschuhe für den TSV 1860 München. Seither ist der 1.FC Kaiserlautern seine elfte Station in elf Jahren. Der Toptorjäger der Lauterer hat neun Treffer und zwei Vorlagen zu Buche stehen.

Weitere Schlüsselspieler im Kader der Pfälzer (Ciftci, Skalartidis, Hanslik) sind im Moment verletzt. Das Lazarett in Kaiserslautern beherbergt im Moment zwölf Spieler, drei davon coronabedingt. Bei Daniel Hanslik könnte ein Einsatz am Dienstag möglich sein.

Fazit

Wer auf der Jagd weiterhin erfolgreich bleiben will, muss dreifach punkten. Soviel ist klar. Möglich scheint für den TSV 1860 München auch gegen die Pfälzer alles. Wenn die Sechzger aber ihre standardmäßige Leistung abrufen können und mit dem üblichen Biss ins Spiel gehen, wird der Sieger dieser Partie derselbe sein wie im Hinspiel. Da bin ich mir sicher. Wie in allen anderen Spielen darf man sich aber keinen Augenblick der Unkonzentriertheit erlauben. Kaiserslautern hat unter dem neuen Trainer einen gewaltigen Sprung gemacht. Nicht nur spielerisch, auch taktisch. Vor allem die jetzt sehr gut sortierte Defensive hat mich beeindruckt. Dass die starke Defensive des TSV 1860 München allerdings die Offensive des 1. FC Kaiserslautern gut in Schach halten kann, sollten wird alle nicht bezweifeln. Bei Ballgewinn dann schnell umschalten, genau spielen, den Gegner im Rückwärtsgang zahlenmäßig vor Probleme stellen. Diesen Plan müssen die Löwen verfolgen.

So könnte der 1. FC Kaiserslautern gegen den TSV 1860 München beginnen

mögliche Aufstellung des 1.FC Kaiserslautern gegen den TSV 1860 München

Datenquelle: wyscout

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