Am morgigen Samstag spielt der TSV 1860 München auswärts beim FSV Zwickau. Was können beziehungsweise müssen wir von den Westsachsen aus taktischer Sicht erwarten? Ich habe mir die beiden ersten Ligaspiele des FSV angesehen und komme dabei zu folgenden Schlussfolgerungen:

Trainer Joe Enochs lässt seine Mannen gerne in einem 3-4-1-2 flach-System auflaufen, um generell ein Übergewicht im Mittelfeld zu erzielen und den Gegner vom eigenen Strafraum fern zu halten.

Gegen den Ball kippen die beiden äußeren Mittelfeldspieler im letzten Drittel vor dem eigenen Strafraum in die Abwehrreihe ab, sodass eine Fünferkette entsteht. Vor die Fünferkette reiht sich gegen den Ball das restliche Mittelfeld auf einer Linie ein, es entsteht also ein 5-3-2 tief, womit ein Durchkommen für eine langsam und kontrolliert aufbauende Mannschaft schwer gemacht wird. Dennoch können schnell und zügig vorgetragene Angriffe auch bei kontrolliertem Aufbau des Gegners die Hintermannschaft der Zwickauer vor Probleme stellen, da die Spieler teilweise weite Wege auf dem Feld gehen müssen, um den kompakten Abwehrverbund – so wie vom Trainer erdacht – herzustellen. Bis sich die Außenspieler in die Kette und der offensive Mittelfeldspieler ins Zentrum der eigenen Spielfeldhälfte bewegt haben, müssen teilweise viele Meter zurückgelegt werden, was man in den Spielen des FSV gegen Duisburg und Unterhaching deutlich gesehen hat. Das kostet zum einen Kraft und kann zum anderen – wenn der Gegner intelligent spielt und Auge für den freien Raum vorhanden ist – zu großen Lücken in den Räumen zwischen den Ketten führen. Sobald der Abwehrverbund der Schwäne aber steht, kommt der Gegner nur noch mit der Brechstange und hohen Flanken in deren Strafraum.

Bei Ballgewinn der „Trabbi-Städter“ schwärmt ihr Doppelriegel sofort aus. Wenn dann präzises Passpiel dazukommt, zeigt das 3-4-1-2 seine Gefährlichkeit. Da gegen die meisten anderen Systeme sofort sowohl ein Übergewicht im Mittelfeld herrscht, als auch die Staffelung der Spieler gute Passdreiecke nach sich zieht und nicht nur ein Mittelstürmer den Strafraum des Gegners belagert, sondern zwei, hat jeder Akteur beim Spiel nach vorn meist mehr als eine Anspielstation und es entwickeln sich bisweilen schwungvolle Positionsangriffe. Diese werden meist über die Halbpositionen und Flügel vorgetragen Bei 54 Positionsangriffen in der bisherigen Saison, schlugen die Zwickauer 41 Flanken. Das sind knapp 76%. Diese kommen oft präzise in den Strafraum. Ganze 46% aller geschlagenen Flanken von den Zwickauer Flügeln waren erfolgreich, kamen also auch beim Mitspieler an. Die Präzision der Westsachsen ist hier äußerst hoch und kann – wenn eine Seite schlecht gedeckt ist – zu massiven Problemen führen. Alle drei bisherigen Tore schoss der FSV nach Flügelangriffen. Das Tor gegen Duisburg nach einer hohen Flanke in den Torraum, die beiden Treffer gegen Unterhaching kamen – nach flachen Querpässen vom Flügel an die Strafraumkante – durch Weitschüsse zustande.

Weitere Vorteile des 3-4-1-2-Sytems:
Es ermöglicht bei Ballbesitz eine gute Staffelung in der Breite und Tiefe, dadurch kann eine für Passkombinationen gute Raumaufteilung entstehen.
Außerdem bringen zwei Stürmer in der Spitze starke Präsenz in das Zentrum des gegnerischen Abwehrdrittels.
Und durch ein kompaktes Mittelfeldzentrum lässt man dem Gegner gegen den Ball wenig Raum.

Aber kein Vorteil ohne Nachteil… Diese sind beim 3-4-1-2-System:
Es ergeben sich bei Ballverlust teilweise weite Abstände, die der Gegner bei schnellem Spiel ausnutzen kann.
Die für die Flügelspieler langen Laufwege können in einem dynamischen Spiel mit viel Ballbesitzwechseln zu verfrühtem Kraftverlust der Außenspieler und damit zum Erlahmen des Drucks, der über die Flügel aufgebaut werden soll, führen.
Die Flügel sind nur einfach besetzt, deshalb können entweder Defensive oder Offensive dort schwächeln.
Gegen Systeme in denen mit zwei oder mehr Stürmern agiert wird kann es bei Kontern des Gegners oder zügigen Positionsangriffen leicht zu einer Unterzahl in der Hintermannschaft kommen.

Persönlich bin ich übrigens kein großer Freund dieses Systems, vor allem für Mannschaften in unteren Ligen, deren Passgenauigkeit nicht unbedingt die Qualität hat, dieses System effektiv umzusetzen.

Es gibt – außer den angeführten Nachteilen – eigentlich wenig Argumente dafür, dass Joe Enochs seine Mannschaft gegen die Löwen anders auftreten lässt. Auch beim letzten Heimspiel gegen den TSV 1860 schickte der Zwickauer Coach seine Truppe im 3-4-1-2 aufs Spielfeld. Dieses endete Anfang Februar bekanntermaßen mit einem 2:2, was sich für die Hausherren damals wie ein Sieg angefühlt haben dürfte.

Aufgrund der Schwächen im Umschaltspiel nach Hinten, die dieses System aufweist, könnte es aber auch sein, dass Enochs uns alle überrascht und gegen die passgenaue und spielstarke Mannschaft der Löwen lieber doch auf ein 4-4-2 setzt. Dies hätte zur Folge, dass dann der lediglich der beim 3-4-1-2 im defensiven Mittelfeld agierende nominelle Innenverteidiger Maurice Hehne (#5) auf seine angestammte Position gestellt würde und Enochs für die Position des rechten Verteidigers Marcus Godinho (#2) für entweder Jozo Stanic (#6) oder Davy Frick (#19) brächte.

Zwickauer Spieler auf die morgen ein besonderes Augenmerk gelegt werden muss, sind die sich gut ergänzenden Stürmer Dustin Willms (#11), ein technisch versierter, torgefährlicher, abschlussstarker 21jähriger und Ronny König (#15), seines Zeichens ein 37 Jahre alter Haudegen, der mit allen Wassern gewaschen ist und auch dorthin geht, „wo‘s wehtut“. Außerdem sind hier die beiden variabel spielenden Mittelfeldakteure Can Coskun (#22) und Felix Drinkuth (#7) zu nennen, die gerne Positionstäusche vornehmen und sich in der Zentrale und auf der linken Seite abwechseln.

Um gegen die Zwickauer Schwäne erfolgreich zu sein, müssen unsere Spieler offensiv ihr dominantes Passspiel aus den vorangegangen Partien wieder auf den Platz bringen und die Chancenverwertung auf ein höheres Niveau schrauben, als noch gegen Magdeburg. Gegen den Ball dürfen sie sich aber gleichzeitig nicht durch zu hohes Pressing dazu verleiten lassen, dass der Gegner einerseits in entstehende Lücken hineinstößt. Andererseits – und darauf muss der eigentliche Focus im Spiel gegen den Ball beim TSV 1860 liegen – müssen die Flügel dicht gemacht werden. Wie weiter oben angemerkt wurden alle Tore des FSV Zwickau in der laufenden Saison durch Angriffe über die Außenpositionen eingeleitet. Die Flanken kommen überaus zielgenau zu den Adressaten.

Ich bin mir sehr sicher, dass Michael Köllner eine gute Antwort auf alles was der FSV Zwickau anbietet, haben wird. Die Mannschaft des TSV 1860 München wird top vorbereitet sein, und dem Gegner in seinem eigenen Stadion alles abverlangen.

Datenquelle: http://www.wyscout.com/

Die vermutliche Aufstellung des FSV Zwickau morgen wird so aussehen:

 

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