Ein herzliches Grüß Gott zur Taktiktafel vor unserem Heimspiel gegen Ingolstadt. Zum ersten Mal seit seiner Entlassung im vergangenen Jahr kommt Michael Köllner an seine alte Wirkungsstätte zurück. Worauf muss man sich gefasst machen?

Am Sonntag kommt es zum Duell TSV 1860 – FC Ingolstadt 04 oder anders gesagt: Traditionsverein trifft auf Fusionsverein. Ein Duell mit einer insgesamt bisher besseren Bilanz für die Sechzger. Mit den diesmal klar als Favoriten anreisenden Ingolstädtern kommt ein dickes Brett auf die Löwen zu. Ingolstadt ist die Mannschaft, die am häufigsten trifft, mit Jannik Mause den Toptorschützen der Liga in ihren Reihen hat und von den Top Teams nach Regensburg den effektivsten Fußball spielt.

Die Ingolstädter werden von Michael Köllner in dieser Saison hauptsächlich im 4-4-2 mit Doppelsechs aufs Feld geschickt. Offensiv wird über außen (meistens rechts) zunächst auf 3-4-3 und in der Folge sehr mutig auf ein 2-4 oder 1-5 in der vordersten Reihe im letzten Drittel verschoben. Der Box-to-Box Spieler spielt dabei im System der Ingolstädter eine tragende Rolle.

Gegen den Ball gehört Ingolstadt zu den Teams, die relativ hoch anlaufen, dabei aber eher im Raum pressen und und auch im Gegenpressing nach Ballverlust in der gegnerischen Spielfeldhälfte aggressiv zu Werke gehen. Die Defensivlinie bewegt sich dabei meistens der Pressinglinie von der Höhe her angepasst, steht also tendenziell mittel bis hoch.

Bevor wir die Spielweise der Schanzer genauer beleuchten gibt es an dieser Stelle den üblichen Blick auf die statistischen Werte.

Die wichtigsten statistischen Werte des FC Ingolstadt

  • Ballbesitz 47%
  • Passgenauigkeit 76%
  • defensive Zweikampfquote 61%
  • Flankengenauigkeit 35%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) 9,65

Wie spielt Ingolstadt?

Offensiv

Mit einer kontrollierten Spielweise, die dafür sorgt, dass man sich den Gegner mehr oder weniger im Raum zurechtlegt bevor man eine Aktion nach vorne im Positionsspiel startet, sieht man bei Ingolstadt immer wieder interessante Varianten in der Offensive, die in ihrer qualitativen Breite das Prunkstück der Mannschaft darstellt. Positionelle Rotation in der Stammformation auf dem Posten des Box-to-Box Spielers und unterschiedliche Rollenverteilung innerhalb dieser Rotation bei verschiedenen Spielern haben daran großen Anteil.

Alles in allem kann man sagen, dass Ingolstadt durch ein hohes Spielverständnis der einzelnen Spieler, also einer hohen Spielintelligenz der Mannschaft insgesamt, aus einer immer sehr ähnlich wirkenden Stammformation mit taktischer Variabilität im Mittelfeld überrascht. So kann man die Gegner immer wieder mit unerwarteten Kniffen überrumpeln, sich sehr effektiv ins gegnerische letzte Drittel durchspielen und sich dort bisweilen auch gut festsetzen.

Spielen sich die Ingolstädter in eben jenes  letzte Drittel des Gegners hinein, sehen wir bei den Schanzern hauptsächlich zwei Varianten der offensiven Verschiebung. In der ersten Variante verschieben beide Mittelfeldaußen ballfern asymmetrisch nach vorne. Der ballferne Außenverteidiger komplettiert dann oft die Fünferreihe auf dem Flügel, während der Box-to-Box Spieler und der tiefe Sechser gestaffelt dahinter auftauchen. Die zweite Variation sieht vor, dass der ballnahe Mittelfeldaußen in die Halbzentrale einrückt und neben dem Box-to-Box Spieler auftaucht. Der Außenverteidiger dort übernimmt dann die offensive Außenposition auf diesem Flügel.

Mit sechs Offensivspielern, die so auf unterschiedliche Weise die Box penetrieren können, hat Ingolstadt die Möglichkeit große Verwirrung in gegnerischen Defensivreihen zu stiften. Diese nutzen die Schanzer von allen Teams am besten aus. Das Verhältnis von Toren zu erwarteten Toren ist lediglich beim SC Verl besser als bei Ingolstadt. Mit beim Verhältnis nur auf der zweiten Nachkommastelle differierenden Werten sind diese beiden Vereine zwei von lediglich fünf Mannschaften, deren Torerfolge den xG Wert übertreffen.

Gegen den Ball

Im Pressing gegen das Positionsspiel sehen wir bei Ingolstadt überdurchschnittlich viele Aktionen, die allerdings hauptsächlich auf Balleroberung im Raum und nicht am Mann abzielen. Das Anlaufverhalten zielt darauf ab den Gegner bei den Aufbaupässen unter Druck zu setzen und spätestens in der zweiten Linie einen Ballgewinn durch eine Abfangaktion zu erzielen.

Schafft es der Gegner das Pressing zu überspielen, verteidigt Ingolstadt meist mit zwei klaren Linien durch Offensivspieler unterstützte Doppelungen auf den Außenpositionen und abkippen der hängenden Spitze vor die erste Linie. Dieser Ansatz sorgt oft für Stress beim Gegner. Trotzdem hat Ingolstadt von den Top-Mannschaften eine sehr hohe Quote, was das zulassen gegnerischer Ballkontakte und Schüsse in der Box betrifft.

Von den Top Teams ist Ingolstadt die Mannschaft die am härtesten hinlangt. Aber nicht nur das – die Ingolstädter haben auch was defensive Aktionen generell anbelangt die höchste Intensität über das ganze Feld gesehen. Die harte Herangehensweise und die daraus resultierenden strafraumnahen Standards sind mit ein Grund für häufige Ballkontakte des Gegners in der Box.

Stärken und Schwächen des Systems 4-4-2

Die Stärken

Mit den doppelt besetzten Flügeln kann man großen Druck über die Außenpositionen erzeugen. Kurze Laufwege im Umschaltspiel helfen der Mannschaft im 4-4-2 kraftsparend zu spielen. Das kann am Ende einer Partie der entscheidende Faktor für Sieg oder Niederlage sein. Die kompakte Formation gegen den Ball kann Mannschaften, die kreativ limitiert sind, vor Probleme beim Eindringen in die Box stellen. Durch die Ausgewogenheit in allen Mannschaftsteilen kann man gegen manche andere Systeme mit geringen Verschiebungen für Überzahl sorgen. Mittelfeldpressing wird stark begünstigt.

Die Schwächen

Wenn die Stürmer vom Gegner gut isoliert werden, ist es für die Offensive schwer, Bindung zwischen Mittelfeldzentrum und Stürmern herzustellen. Daher geschieht der Aufbau häufig über die Außenpositionen. Im Spiel gegen Mannschaften, die ein System mit nur einer Sturmspitze spielen, kann die Ausgewogenheit in beide Richtungen auch eine Schwäche darstellen. Nämlich dann, wenn die Stürmer gegen den Ball nicht mit nach hinten arbeiten und bei Ballbesitz beide Stürmer gleich in vorderster Front anzutreffen sind.

Der Klassiker unter den modernen, taktischen Systemen ist im Grunde eine ausgewogene Variante, die ohne zu kompliziert zu werden Offensive und Defensive gut miteinander verbindet.

Wie kann der TSV 1860 den FC Ingolstadt knacken?

Schwer tut sich Ingolstadt immer dann, wenn der Gegner zuerst trifft und aus einer abwartenden Position heraus agieren kann, also der anfängliche Matchplan des FCI über den Haufen geworfen wird.

Welchen Matchplan entwirft man nun gegen eine Mannschaft, die gut mit gegnerischem Pressingdruck umgehen kann sowie gleichzeitig gegen den Ball hart ,teilweise unfair agiert und mit viel Resilienz bezüglich gegnerischem Angriffsdruck ausgestattet ist?

Es gibt hier mehrere logische Herangehensweisen. Der in meinen Augen vielversprechendste Weg wäre Ingolstadt nicht zu hoch anzulaufen und generell im Raum versuchen zu pressen. Gleichzeitig sollte man die Defensivlinie auf höherem Niveau platzieren, um das Mittelfeld eng zu halten. Aus diesem defensiven Ansatz sollte es dann gelingen Umschaltsituationen zu kreieren, die zügig mit vertikalem Spiel in die Spitze zum Abschluss führen sollen.

Gelingt es so eine Führung herauszuspielen, kann der TSV 1860 München den FC Ingolstadt vor eine Aufgabe stellen, an der sie diese Saison schon öfter gescheitert sind. Punktverluste gehen bei den Schanzern fast immer Hand in Hand mit vom Gegner zuerst erzielten Toren.

Schlüsselspieler

Tor

Marius Funk (#1) im Tor der Schanzer ist kein unüberwindbares Hindernis, aber durch seine katzenartigen Reflexe hat er den Schanzern in dieser Saison schon viele Punkte gerettet. Kassiert Ingolstadt Treffer, ist er meistens machtlos. Auf Fehler von Funk in den Bereichen Strafraumbeherrschung oder Positionierung im Kasten wartet man vergebens. Die zu Treffern führenden Chancen, welche die Abwehr zulässt, sind meistens zu klar und deshalb seinen Vorderleuten anzulasten. Schwächen finden wir bei ihm in eins gegen eins Situationen.

Abwehr

Mit Simon Lorenz (#32) hat Ingolstadt einen alten Bekannten als einen von zwei Schlüsselspielern in der Innenverteidigung. Der als Leihgabe aus Bochum in der Saison 18/19 beim TSV 1860 München spielende Innenverteidiger ist der Stabilitätsfaktor in der generell etwas anfälligen Defensivreihe der Schanzer. Er gewinnt nahezu drei Viertel seiner Defensivzweikämpfe und hat ein Top Timing bei Kopfballduellen. Die Spieleröffnung obliegt jedoch dem sehr passsicheren Ryan Malone (#16) neben ihm. Gegen Dresden gelbgesperrt kehrt der US-Amerikaner gegen die Löwen vermutlich wieder in die Startelf zurück. Malone ist obendrein, was die Lufthoheit bei Flanken betrifft, einer der Spieler, die in der 3.Liga wenig anbrennen lassen. Lediglich Jannik Löhden, der 2.01 m große Riese vom VfB Lübeck, gewinnt mehr Kopfballduelle als Malone.

Mittelfeld

Mit Kapitän Lukas Fröde (#34) und dem offensiver agierenden Felix Keidel (#43) hat Ingolstadt im Zentrum eine Achse, die in beide Richtungen nahezu perfekt funktioniert.

Der technisch starke und durchsetzungsfähige Keidel ist ein kreatives Element für die Offensive. Er ist allerdings kein Spieler, der viele Schussvorlagen liefert. Er lenkt vielmehr das Spiel mit Übersicht und steuert so die Angriffe der Schanzer.

Fröde, dem vor allem die Organisation der Defensive im Raum vor der letzten Linie obliegt, besticht durch sein exzellentes defensives Stellungsspiel und seinem Durchsetzungsvermögen bei defensiven Luftduellen. In die Offensive schaltet er sich nur sehr dosiert mit ein. Allerdings findet man ihn in Druckphasen der Schanzer durchaus auch öfter und über längeren Zeitraum im gegnerischen letzten Drittel

Sturm

Mit dem 15 Tore-Mann Jannik Mause (#7) hat Michael Köllner wieder einmal den besten Stürmer der 3.Liga in seinem Kader. Torschützenkönige züchten hat er drauf. Beim TSV 1860 München haben es unter ihm bekanntlich Sascha Mölders und Marcel Bär geschafft die Kanone einzuheimsen. Für Mause scheint der Weg dahin ebenfalls geebnet.

Mauses hohe Trefferquote liegt vor allem an seiner unglaublich hohen Schussgenauigkeit. Sechs von zehn Schüssen des Stürmers gehen so auf den Kasten, dass der Torhüter Arbeit bekommt. Jeder vierte Schuss ist statistisch gesehen ein Treffer. Mause versenkt auch bei geringer Qualität einer Chance regelmäßig die Kugel. Er hat bisher sieben Treffer mehr als statistisch erwartet erzielt. Seine Fähigkeit sich im Strafraum durchzusetzen und im richtigen Moment abzuziehen ist exzellent. Seine Erfolgsquote pro Aktion liegt deutlich über dem Durchschnittswert für seine Position.

Von CD Castellón kam am Ende der Wintertransferperiode außerdem der Däne Sebastian Grönning (#11). Er hat sich mit seinem ersten Treffer im ersten Einsatz am Sonntag gegen Dresden ebenfalls gut eingeführt. Damit ist Ingolstadt nun noch stärker im Sturmzentrum und auch unberechenbarer.

Fazit: Was ist für den TSV 1860 gegen den FC Ingolstadt drin?

Mit dem FC Ingolstadt 04 kommt auf den TSV 1860 München eine Mannschaft zu, die nur eines der letzten elf Spiele verloren hat. Seit dem letzten Aufeinandertreffen sind die Schanzer von Platz 16 auf Platz vier geklettert. Damit klopfen sie mittlerweile ganz stark am zur Aufstiegsrelegation qualifizierenden 3. Platz an.

Ich denke wenn man gegen Ingolstadt einen Punkt holen kann, darf man sich freuen. Nichtsdestotrotz wünsche ich mir natürlich einen Dreier. Der Schlüssel zum Sieg liegt vor allem darin sich von der Härte der Schanzer nicht beeindrucken zu lassen. Die Sechzger müssen konsequent, diszipliniert und einsatzfreudig den eigenen Matchplan verfolgen.

Nach wie vor kann in dieser Liga jeder jeden schlagen und auch Ingolstadt kocht nur mit Wasser. Wenn jeder auf dem Platz alles gibt, ist alles möglich. Keinen Fehler zu machen ist im Fußball nicht möglich, aber die kleineren Fehler zu machen als der Gegner und dessen Fehler konsequenter auszunutzen sind die Zutaten im Rezept das Siege bringt.

So könnte Ingolstadt beginnen

Datenquelle: Wyscout

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Linksblau

Die Analyse klingt schon so, als ob der Prediger wirklich eine Ahnung von seinem Job hätte.
Schade, dass sich bei uns völlig ins Abseits geschwurbelt hat, statt sich um seine Spieler zu kümmern.

Last edited 5 Monate zuvor by Linksblau
Posicelli

Michael Köllner ist ein erfahrene Fussball Lehrer. Das es bei uns zum Schluß nicht mehr funktioniert hat, hat mehrere Gründe. Ihm aber seine Fähigkeiten abzusprechen ist lächerlich, sonst wäre er nicht in Ingolstadt, denn die könnten sich auch andere, gute Trainer leisten.
Und er hat ja auch Erfolg, siehe Tabelle.

Last edited 5 Monate zuvor by Posicelli
Benjisson

Welche Gründe? Er hat seine 10 Spieler bekommen. Er hat seine All In Saison bekommen und bis zu einem Punkt vollkommene Unterstützung aller bekommen
Er hatte genug Zeit und man hat alle Augen zugedrückt

Posicelli

Gegenfrage : Stellst du seine Fähigkeiten als Trainer in Frage? Wenn ja, allgemein, oder nur bei uns?

Benjisson

Er hat gut angefangen und sehr stark nachgelassen. In der Nachlassphase hat man erkannt das vieles mehr Schein war.