Herzlich Willkommen zur letzten Taktiktafel-Analyse des Jahres 2022 nach dem 1:1 gegen Rot Weiß Essen. RWE lieferte dem TSV 1860 den erwarteten heißen Tanz. Danach war die Ernüchterung groß. Zuhause nur Unentschieden gegen einen Aufsteiger. Ausgerechnet in einer Phase, wo es wichtig gewesen wäre, ein Erfolgserlebnis mit in die lange kommerzveranstaltungsbedingte Pause zu nehmen. Aber wie in anderen Spielen scheiterten die Löwen wieder einmal an der eigenen Ungenauigkeit vor dem gegnerischen Tor.

TSV 1860 München – RWE. Montag Abend, Flutlicht, voll besetzter Auswärtsblock. Stimmung, um die wir von vielen höherklassigen Vereinen beneidet werden. Genau das was man sich für ein letztes Spiel vor so einer Pause wünscht. Einzig das Ergebnis stimmte aus Sicht des TSV 1860 nicht so ganz.

4-2-3-1 war das System in dem sowohl der TSV 1860 München als auch RWE begannen. Bei den Sechzgern war Rieder als tiefer Sechser unterwegs und Wörl schlüpfte in die Rolle des Box-to-Box-Spielers.

Die Sechzger begannen mit hoher Pressinglinie. Die Essener legten diese eher tief bis mittel an. Ebenso verhielt es sich mit den Defensivlinien der beiden Mannschaften. Sechzig erwartete mittel bis hoch stehend die Angriffe des Gegners. Essen hatte zunächst den Plan tiefer und damit kompakter und sicher zu stehen.

Beide Konzepte gegen den Ball funktionierten wunderbar. Aus dem Spiel heraus ergaben sich für beide Teams kaum Gelegenheiten, erfolgreich den Abschluss zu suchen.

Die Löwen wie auch die Essener hatten nach vorne den Plan, im letzten Drittel des Gegners mit drei Spielern in der vordersten Reihe Gefahr für das gegnerische Tor zu erzeugen. Insgesamt gelang das den Sechzgern zwar besser, fehlendes Zielwasser verhinderte jedoch immer wieder eine Führung für die Hausherren. Die Essener hatten generell Probleme ihre Positionsangriffe durchzubringen. So waren auch bei den Jungs von der Ruhr echte Torchancen Mangelware.

Bevor wir zur Analyse schreiten, hier wie immer zunächst die wichtigsten statistischen Werte der Partie.

Die wichtigsten statistischen Werte

  • Ballbesitz TSV 1860 54% – RWE 46%
  • Passgenauigkeit TSV 1860 72% – RWE 73%
  • Defensive Zweikampfquote TSV 1860 68% – RWE 62%
  • Schüsse/auf’s Tor TSV 1860 15/2 – RWE 8/2
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 6,2 – RWE 8,7

Analyse der statistischen Werte

Ballbesitz

Mit 54:46 Prozent war der Ballbesitz relativ ausgeglichen. Der TSV 1860 München schaffte es im Gegensatz zu RWE zwar deutlich öfter (+21%) seine Angriffe bis in die Spielfeldhälfte der Rot-Weißen durchzubringen und auch fast doppelt so häufig das Spielgerät in den gegnerischen Strafraum zu bringen, geringes Spieltempo und Ungenauigkeiten seitens der Sechzger einerseits und eine kompakt stehende Defensive im Zentrum der Ruhrpottkicker andererseits, verhinderten jedoch, dass die Löwen sich klare Chancen hätten erarbeiten können.

Keine Mannschaft verzögerte das Spiel, beide versuchten bei Ballbesitz nach vorne zu spielen. Insgesamt gelang das dem TSV 1860 deutlich besser als RWE. Die Statistik der bis ins letzte Drittel zuende gespielten Positionsangriffe zeigt hier ein Plus von 52,5% für Sechzig gegenüber Essen. Diese 52,5% entsprechen in diesem Fall 21 Ballbesitzphasen mehr, die die Sechzger ins gegnerische letzte Drittel brachten. Aber spätestens dort begannen dann die Probleme. Vor allem bei der Genauigkeit der Zuspiele und beim Abschluss war es im letzten Drittel für Sechzig ein gebrauchter Abend.

Passgenauigkeit

Mit knapp über 72%, einmal auf und einmal abgerundet, haben sich hier beide Mannschaften nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Wobei man aber nach Analyse aller Daten und nochmaliger Betrachtung der Partie auch sagen muss, dass – in Abhängigkeit vom Ballbesitz – Essen hier deutlich genauer gespielt hat. Drehen wir diese Statistik um und nehmen wir nur die Summe der nicht angekommenen Pässe als Grundlage zur Bemessung, haben wir bei Essen 84 Fehlpässe zu verzeichnen. Für die Löwen stehen 108 Fehlpässe zu Buche.

Noch eklatanter wird das, wenn wir uns nur die Vorwärtspässe der beiden Teams ansehen: Hier lag das Verhältnis der nicht angekommenen Pässe bei 46:61 zugunsten der Gäste.

Im Endeffekt haben die Sechzger nur in zwei Passstatistiken – von insgesamt acht – genauer gespielt, als Essen. Das waren zum einen Rückpässe – wobei hier alle Pässe die in irgendeiner Weise nach hinten gespielt wurden gezählt werden, also auch wenn ein Stürmer im Strafraum beispielsweise den Ball auf einen etwas weiter hinten postierten Mitspieler ablegt – und zum anderen sogenannte progressive Pässe. Progressive Pässe gehören natürlich mit in die Gruppe der Vorwärtspässe, in der die Sechzger zwar insgesamt schlechter abschneiden als Essen, bilden aber aufgrund des hohen Raumgewinns eine eigene Unterkategorie.

Am deutlichsten fällt die Passschwäche der Löwen ins Auge, wenn man sich die Erfolgsquote bei Passversuchen durch die Abwehrkette des Gegners ansieht. Ein einziger kam hier – bei sieben Versuchen – an. Essen verzeichnet hier bei sechs Versuchen viermal erfolgreiche, also angekommene Pässe.

Defensive Zweikampfquote

Der relative Wert, 68% gewonnene defensiv Zweikämpfe für den TSV 1860 gegenüber 62% Erfolgsquote bei RWE schaut zunächst einmal gut aus.

Sehen wir uns die reellen Zahlen an, fällt jedoch auf, dass man trotz in etwa ausgeglichenem Ballbesitz, mit 66 Zweikämpfen gegen den Ball insgesamt 30% weniger defensive Zweikämpfe führte, als der Gegner. 45 Balleroberungen aus diesen Zweikämpfen gegenüber 59 bei Essen sind am Ende des Tages 25% weniger Balleroberungen für die Löwen aus defensiven Zweikämpfen.

Hier hinkt die Statistik deutlich wenn man sich nur auf die relativen Prozentwerte verlässst.

Allerdings ist es auch so, dass, wie so oft, viele der nicht gewonnenen Zweikämpfe im Nachgang trotzdem zu einer Balleroberung für das verteidigende Team führten.

In dieser Statistik kann man also keiner der beiden Mannschaften den Vorwurf machen, nicht gut oder konsequent gewesen zu sein.

Schüsse/aufs Tor

Nun kommen wir zur größten Problematik. Dieses Thema verfolgt uns seit mehreren Spielen. Schussgelegenheiten und Genauigkeit.

Dreizehnmal schlossen die Löwen ab, um im besten Fall ein Tor zu erzielen. Einer diese Abschlüsse war der Elfmeter. Nehmen wir diesen aus der Rechnung, verzeichnen die Sechzger genau einen Schuss aufs Tor aus dem Spiel heraus. Das war Lakenmachers Kopfball in der 46. Minute. Verlaats Schuss nach einer Ecke in der 60. Minute, ebenfalls aus vielversprechender Position, allerdings mit dem schwächeren linken Fuß, zentral vor dem Tor, konnte durch einen Essener Verteidiger geblockt werden und geht daher nicht als Schuss aufs Tor in die Statistik ein.

Vier weitere Schüsse, von denen einer geblockt wurde, konnten die Sechzger insgesamt in der Box der Essener für sich verbuchen. All diese Schüsse kamen aus zentraler oder halbzentraler Position vor dem gegnerischen Kasten. Am vielversprechendsten war Wörls Chance in 22. Minute, als er frei vorm Tor aus fünf Metern die Kugel neben das Gehäuse setzte.

Alles in Allem ist eine Schussgenauigkeit von 13,3% zu wenig, vor allem dann wenn einer dieser Schüsse ein Strafstoß ist, der im Normalfall immer aufs Tor geht. Nehmen wir den Elfer aus der Statistik, liegt die Schussgenauigkeit der Sechzger in diesem Spiel bei mageren 7,14%.

RWE konnte bei acht Schüssen – davon ein gefährlicher Freistoß der am Pfosten landete – dreimal so abschließen, dass Hiller eingreifen musste. Zweimal gelang ihm das. Beim dritten Schuss der Essener auf sein Tor – Bastians Kopfball nach einem Freistoß in der Nachspielzeit – war er machtlos.

Dieser Kopfball war einer von vier Abschlüssen, die Essen im Strafraum der Sechzger absetzen konnte.

Die Schussgenauigkeit der Essener liegt somit bei 25%. Auch nicht das Gelbe vom Ei, aber nichtsdestotrotz um rund 18% höher als die der Sechzger.

PPDA

Die Pressingintensität der Teams liegt für beide in einem guten Bereich. Dafür, das Essen nicht so hoch gepresst hat, haben sie mit knapp neun zugelassenen Pässen pro Defensivaktion im Schnitt in den pressingrelevanten Zonen in Puncto Pressingintensität einen guten Wert erzielt. Wie allerdings vor dem Spiel schon so erwartet, erfolgten die meisten Balleroberungen der Essener im Mittelfeld und im letzten Drittel der eigenen Spielfeldhälfte. Das Anlaufen der Essener war also wie erwartet eher dazu gedacht Fehlpässe in die Pressingfallen zu provozieren, als das Spielgerät direkt zu erobern.

Die Spieler des TSV 1860 hatten gegen RWE die höchste Intensität beim Anlaufen bisher bei einem Heimspiel in dieser Saison. Die Pressingintensität blieb beim TSV über fast die gesamte Spielzeit auf hohem Niveau. Erst nach dem Führungstreffer veränderte sich dieser Wert bis zum Ende der Partie auf sage und schreibe 26.0 für die letzte Viertelstunde plus Nachspielzeit, in der Essen dann aufgrund des Rückstands noch einmal einen Gang hochschaltete und die Löwen in der Defensive eher tief standen und ihrerseits auf Umschaltmöglichkeiten und Konter lauerten.

In der ersten Halbzeit und über weite Strecken der zweiten Halbzeit hielten die Sechzger diesen Wert also auf gutem und sehr hohem Niveau. Zur Erinnerung: je niedriger der PPDA Wert desto besser ist dieser. Wenn wir es für die letzte viertel Stunde des Spiels mit einer PPDA von 26 zu tun haben liegt das Niveau zuvor bei etwa 4,5.

Die Tore

Über die Tore an sich braucht man nicht viele Worte verlieren. Vrenezi feuerte einen – durch Lex herausgeholten und wohl berechtigten – Elfmeter unhaltbar halbhoch links neben den Pfosten ins von Golz gehütete Tor zur Führung. Bastians verwandelte einen Kopfball nach einem Freistoß aus der Tiefe zum Ausgleich in der Nachspielzeit.

Das fiel auf…

Bereits vor der Partie, als die Aufstellung bekanntgegeben wurde, wunderte sich der ein oder andere, warum sowohl Boyamba als auch Kobylanski auf der Tribüne Platz nehmen mussten. Eine wirklich schlüssige Erklärung für diese Entscheidung war dem Trainer auch in der Pressekonferenz nach dem Spiel nicht zu entlocken. Bei Kobylanski verstehe ich diese Entscheidung. Zu pomadig war sein Spiel in den bisherigen Partien. Bei Boyamba hingegen, der immer bemüht ist und sowohl bei eigenem Ballbesitz, als auch gegen den Ball immer viel Einsatz zeigt, hab ich mich über die Entscheidung, ihn auf die Tribüne zu verbannen, gewundert.

Vrenezi – als ständiger Aktivposten – gelang viel. Kein anderer Offensivspieler hüben wie drüben hatte eine auch nur annähernd so hohe Erfolgsquote bei eigenen Offensivaktionen. Auf der anderen Seite muss man sagen, so gut er auch spielt, er verzettelt sich dabei zu oft und kommt dadurch in ausweglose Situationen. Tempo heraus nehmen um den Ball wieder zurück zu passen und dann von neuem aufzubauen war dann des öfteren das Resultat des Ganzen.

Morgalla gewinnt 100% seiner Zweikämpfe. Leider führt er den entscheidenden gar nicht, als er Bastians vor dem Gegentreffer in seinem Rücken entkommen lässt.

Fazit

Ein so schlechtes Spiel, wie es für viele nach dem ersten Eindruck aussah, war es definitiv nicht. Ich denke bei vielen wiegt die Enttäuschung über eine vergeigte Führung so schwer, dass man gleich alles in Frage stellt. In Summe und im Vergleich mit anderen Spielen der letzten Zeit war der Auftritt solide und akzeptabel.

Zu bemängeln gibt es nämlich – abgesehen von der Performance im gegnerischen Strafraum und der Unkonzentriertheit vor dem Gegentreffer – nicht viel. Unter anderem allerdings die Passgenauigkeit im letzten Drittel und im Strafraum des Gegners.

Dass bei 34 in die Box gespielten Bällen und achtzehn Ballkontakten der Sechzger dort, abgesehen vom Strafstoß, nur ein weiterer Ball so auf Tor geht, dass der Keeper des Gegners Arbeit bekommt und insgesamt nur fünf Schüsse aus dem Spiel heraus oder nach strafraumnahen Standards in der Box abgefeuert werden konnten, ist deutlich zu wenig.

Seit der Partie gegen Duisburg konnten die Löwen im Schnitt nur jedes dritte Spiel derart gestalten, dass aus den herausgespielten Torchancen auch genügend Tore fielen um einen Sieg davon zu tragen. Laut der xG (expected Goals) Statistik sollten die Sechzger seither fünfzehn Tore erzielt haben. Zwölf Treffer stehen aber nur zu Buche.

In zwei dieser Spiele – gegen Osnabrück und Wiesbaden – übertraf die Trefferausbeute die statistische Erwartung. Gegen Aue (mit drei Treffern bei 2,67 xG) und Ingolstadt (xG 0.93 bei einem Tor) hat es gepasst. In den weiteren Spielen seither lag die Torausbeute teilweise deutlich unter dem xG Wert.

Wie geht’s weiter?

Hoffen wir darauf, dass der Trainer, dem gestern von Präsident Robert Reisinger das Vertrauen ausgesprochen wurde, im neuen Jahr zusammen mit der Mannschaft das Ruder herumreißen kann und der TSV 1860 München in den 21 verbleibenden Spielen wieder auf Aufstiegskurs kommt – und dann auch auf diesem Kurs bleibt.

Kolportierte Gerüchte, nach denen Trainer Köllner schon vor dem Spiel, egal wie das Ergebnis ausgesehen hätte, Geschichte gewesen wäre, können also klar ins Reich der Fabel verwiesen werden.

In der nun anstehenden Pause wird es wichtig, die Probleme auszumerzen. Der Fokus in der Vorbereitung auf die restliche Saison muss auf Passgenauigkeit im letzen Drittel unter Druck, das Freispielen aus Pressingsituationen, der Dynamik in der Spielhälfte des Gegners und vor allem der Schussgenauigkeit, liegen.

Datenquelle: Wyscout

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bin froh um deine sachliche Analyse, es relativiert sich wie von dir schon angesprochen….der subjektive Eindruck…merci!
ein Zusatz: in der Pause BITTE die Standards nicht vergessen