Herzlich Willkommen zur Taktiktafelanalyse des 3:1 Heimsiegs unseres TSV 1860 München über den SV Wehen Wiesbaden.

Dieser Sieg lässt einige Fragezeichen, die sich in den letzten Wochen gebildet hatten, kleiner werden. Manche löst er sogar in Luft auf. Der TSV 1860 München hat mit einer mannschaftlich geschlossenen Top-Leistung gegen Wehen Wiesbaden zurück in die Spur gefunden. Hut ab. Charakter zu zeigen war gefordert – und das hat die Sechzger-Mannschaft auch getan. Kritik war in den letzten Wochen nötig und berechtigt. Die Reaktion der Mannschaft darauf war sehr ansehnlich. Wenige kleine Herzinfarktmomente, die aber irgendwie auch mit das Salz in der Suppe sind, sorgten trotz Überlegenheit der Löwen für Spannung.

Die Systeme der beiden Mannschaften

TSV 1860 München – SV Wehen Wiesbaden war das Spitzenspiel Zweiter gegen Dritter am vergangenen Samstag im Sechzgerstadion auf Giesings Höhen. Markus Kauczinski hatte systematisch und taktisch keine Überraschung im Köcher. Mit dem erwarteten 3-4-1-2 kam ein gut aufgelegter Drittplatzierter am Samstagnachmittag auf den Platz. Michael Köllners Löwen, die zum ersten Mal unter seiner Regie im 4-2-3-1 antraten, hatten es zunächst nicht leicht.

Beim TSV 1860 spielte Wörl neben dem tiefen Sechser Rieder in der Doppelsechs den offensiveren Part, also die Box-to-Box Rolle. Bei Ballbesitz verschob sich das 4-2-3-1 der Sechzger zu einem 3-4-3, bei dem in den offensiven Linien kreiselnd verschoben wurde. Der Mittelfeldaußenspieler rückte in die Spitze zum Stürmer auf. Der zentrale offensive Mittelfeldspieler hatte alle Freiheiten dort zu agieren, wo er Räume findet. Der Box-to-Box Spieler besetzte dort, wo der offensive Mittelfeldspieler durch seine Freiheiten Lücken ließ, den Raum. Der ballferne Außenverteidiger schob asymmetrisch ins Mittelfeld vor.

Die Wiesbadener spielten ihr 3-4-1-2 mit den in der Taktiktafel vor dem Spiel angekündigten Verschiebungen gegen den Ball als asymmetrisches 5-4-1.

Das Pressing im Fokus

Während bei Ballbesitz die Verschiebungen seitens der Löwen von Ballnähe oder Ballferne abhingen, war es gegen den Ball so, dass Skenderovic, Lakenmacher und Deichmann anliefen. Konsequentes Pressing im Raum in der vordersten Linie und entschlossenes Mittelfeldpressing mit Fokus auf Balleroberung dort waren mit ein Grund für den Erfolg der Löwen am Samstag.

Der SV Wehen Wiesbaden versuchte sich in der Disziplin Pressing ähnlich bemüht wie der TSV 1860 München, allein der Erfolg sollte sich nicht einstellen. Die Löwen waren zu clever und zu agil, um sich in den Pressingfallen den Ball abjagen zu lassen. Außerdem waren sie im Positionsspiel geduldig und präzise genug, um sowohl den richtigen Moment zur Spieleröffnung abzuwarten als auch den ersten Pass im Positionsspiel auch so an den Mann zu bringen, dass dieser damit etwas anfangen konnte. Somit versandete das Bemühen der Wiesbadener, Ball- und Spielkontrolle durch erfolgreiches Pressing zu erlangen.

Beide Mannschaften agierten mit einem Wechsel von hoher und mittlerer Pressinglinie. Beide verfolgten mit ihrem Anlaufverhalten das Ziel im Mittelfeld – im besten Fall in den Halbräumen noch vor der Mittellinie – den Ball zurück zu erobern.

Wenn der Gegner im Positionsspiel doch bis ins eigene letzte Drittel kam, gelang es zunächst beiden Mannschaften sehr gut das eigene Zentrum über die jeweils doppelt besetzte Sechserposition sauber zu halten. Das änderte sich im Spielverlauf deutlich.

Bevor wir die Partie genauer analysieren wie immer die Statistiken zum Spiel TSV 1860 – SV Wehen Wiesbaden.

Die wichtigsten Statistiken des Spiels

  • Ballbesitz TSV 1860 49% – SVWW 51%
  • Passgenauigkeit TSV 1860 78% – SVWW 72%
  • defensive Zweikampfquote TSV 1860 56% – SVWW 70%
  • Schüsse/aufs Tor TSV 1860 14/4 – SVWW 8/1
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion TSV 1860 6,89 – SVWW 9,73

Analyse der statistischen Werte

Ballbesitz

Der Ballbesitz war im Spiel des TSV 1860 München gegen den SV Wehen Wiesbaden fast ausgeglichen. Beide Mannschaften hatten ungefähr gleichlange Ballbesitzphasen. Die Zonen, in denen diese Phasen endeten, unterscheiden sich jedoch. Während der TSV 1860 etwas häufiger im Mittelfeld die Kugel zurückeroberte, musste Wiesbaden öfter bis zurück ins eigene letzte Drittel verteidigen. Mit etwas weniger Tempo im Passspiel und auch weniger Bewegung im Mittelfeld als die Sechzger waren die Gäste aus Hessen leichter auszurechnen. Gegen das gut organisierte Stellungsspiel der Löwen-Defensive führte das zu allerhand abgefangenen Bällen Damit wären wir auch schon bei der Passgenauigkeit angelangt.

Passgenauigkeit

Um satte acht Prozent sind die Löwen hier besser und genau diese acht Prozent beschreiben zum einen den Unterschied im Spiel der Kontrahenten sehr gut und liefern zum anderen auch einen der Gründe, warum die Sechzger spielerisch wieder besser unterwegs waren. Dieser Wert konnte vor allem deshalb verbessert werden, weil mehr Bewegung im Offensivspiel der Löwen vorhanden war. Kurz: die Spieler sind mehr gelaufen. Seit zwei Spieltagen musste ich fehlende Laufbereitschaft bei eigenem Ballbesitz kritisieren. An dieser Stelle gibt es diesmal keine Kritik, aber den Hinweis: “ein bisserl Luft nach oben is immer”.

Die hohe Laufbereitschaft der Sechzger sorgte diesmal dafür, dass sich die Quote bei den Vorwärtspässen im Vergleich zum Schnitt der letzten beiden Spiele stark verbessert hat. Wenn die Quote angekommener Bälle bei den Vorwärtspässen steigt, verbessert sich auch die Spielqualität in der Offensive.

Auch bei Vorwärtspässen, die nicht ankommen aber dann als zweiter Ball doch in den Reihen der Löwen landen, hat die Laufbereitschaft hohen Anteil am Erfolg dessen. Als nächstes blicken wir auf die defensiven Zweikämpfe.

Defensive Zweikampfquote

Nur 56% Prozent defensive Zweikampfquote schaut im ersten Moment schlecht aus, ist aber beim genaueren Hinsehen doch gut. Wie kann das sein? Diese Diskrepanz zwischen Zweikampfquote und Ballgewinnen im Spiel mussten wir schon des Öfteren auflösen. Das Stellungsspiel und die Staffelung waren derart gut, dass oft – selbst wenn die Sechzger einen Zweikampf gegen den Ball verloren hatten – sofort der nächste Defensivspieler übernehmen konnte und das Leder doch noch in die Reihen der Sechzger zurückholte.

Die hohe Quote der Gäste aus Hessen lässt für die Wiesbadener Defensive Wunderdinge vermuten. Es ist das Gegenteil der Fall: oft gewann ein Wiesbadener Spieler zwar seinen Zweikampf gegen einen Angreifer der Sechzger, jedoch verlor er das Leder postwendend wieder durch das Nachsetzen der Kollegen des zuvor des Balles beraubten Gegenspielers. Auch das kann man nur mit Laufbereitschaft in der kompletten Mannschaft erreichen.

Schüsse

Ein Schussverhältnis von 14:8 aus Löwensicht (4:1 davon aufs Tor) – das hätte man vor der Partie anders erwartet. Speziell im Zentrum der Box, wo der SV Wehen Wiesbaden in den vergangenen Wochen sehr wenig bis gar nichts zuließ, hatte der Tabellendritte große Probleme Ballkontakte des TSV 1860 zu verhindern. Vierzehn der achtzehn Ballkontakte der Sechzger im Strafraum der Wiesbadener erfolgten in zentraler bzw. halbzentraler Position vor dem gegnerischen Kasten. Von zwölf Ballkontakten der Gäste im Strafraum waren nur drei in zentraler Position und kein einziger im Fünfmeterraum. Daraus lässt sich leicht ableiten, warum die Schusshäufigkeit und die Schussgenauigkeit der Sechzger deutlich besser sind als die des SV Wehen Wiesbaden.

Schießen konnten die Wiesbadener im Strafraum der Sechzger drei Mal. Der vielversprechendste dieser Versuche ging aber daneben, als der durchgebrochene Hollerbach Hiller schon umkurvt hatte, den Führungstreffer für Wiesbaden aber vergab.

Unsere Sechzger auf der anderen Seite brachten es mit neun Schüssen innerhalb der gegnerischen Box auf dreimal so viele Versuche. Davon konnten drei geblockt werden, vier gingen auf den Kasten und einer landete am Pfosten.

PPDA

Der Index für die Pressingintensität war diese Saison auf Seiten der Sechzger bisher in noch keinem Spiel besser als am Samstag gegen Wiesbaden. Auch die Ballgewinne in den pressingrelevanten Zonen waren zahlenmäßig passend zu diesem Wert. Mit 64 Ballgewinnen in direkter Folge guten Pressings oder Gegenpressings in Kombination mit sehr gutem defensivem Stellungsspiel seitens des TSV 1860 München in den pressingrelevanten Zonen stehen die Löwen gegenüber dem Gegner vom Samstag, der in diesen Zonen nur insgesamt fünfzehn Mal über einen defensiven Zweikampf oder einen abgefangenen Pass in Ballbesitz kommen konnte, deutlich besser da.

Die Tore beim Spiel TSV 1860 – Wehen Wiesbaden

Hier kann man die Tore in der Zusammenfassung noch einmal bewundern.

Herauspicken möchte ich mir diesmal den wichtigen Treffer von Meris Skenderovic. Er hat zum zwischenzeitlichen und im Endeffekt spielentscheidenden 2:0 getroffen. Man könnte sagen er ist Mr. Effizienz schlechthin beim TSV 1860 München. Relativ zur Einsatzzeit schießt Skenderovic 0,72 Tore pro 90 Minuten. Das sind nur 0,03 Tore pro 90 Minuten weniger als Luca Schnellbacher von der SV Elversberg schießt. Dieser führt momentan mit acht Treffern die Torschützenliste an.

Wie Skenderovic nach Lakenmachers Zuspiel seinen Gegenspieler Mrowca ins Leere laufen lässt, um dann allein auf den Keeper zuzulaufen, mit der Option Lakenmacher anzuspielen oder selbst zu versenken, war wunderschön anzusehen. Dann diese Chance, bei dem Druck, der vor der Partie auf den Sechzgern gelegen hatte, so eiskalt zu verwerten ist aller Ehren wert.

Genauso viel Anteil am Treffer gebührt aber Fynn Lakenmacher, der durch das schnelle Weiterleiten des langen Balles die Kontersituation ermöglichte und Skenderovic punktgenau und uneigennützig einsetzte. Durch das Mitlaufen Lakenmachers musste Lyska im Wiesbadener Tor auch jederzeit damit rechnen, dass Skenderovic den Querpass spielt, um seinen Kollegen in Szene zu setzen.

Das fiel auf

Bewegung

Anders als in den letzten Wochen war viel mehr Bewegung und damit auch eine größere Dynamik im Spiel der Löwen. Der verdiente Sieg ist der Lohn für diesen Fleiß. Jeder Spieler – es waren ja nicht alle, denen man in den vergangenen Wochen Lauffaulheit hätte vorwerfen können – hat sich am Samstag deutlich verbessert. Bitte weiter so.

Erfahrung und Stabilität von der Bank

Im Verlauf der zweiten Halbzeit wechselte Trainer Köllner insgesamt 713 Drittligaspiele Erfahrung ein. Mit Moll, Lex, Boyamba, Tallig und Kobylanski, die nach ihrer Einwechslung fast ausnahmslos gut ins Spiel fanden, kamen von der Bank Spieler, deren Einsatz das Spiel des TSV nicht nur auf dem gleichen Level hielt, sondern sogar teilweise noch verbessern konnte.

Effizienz

Mehr als jeder zweite Schuss aufs Tor, fast jeder vierte Schuss ein Treffer. Das ist eine Statistik, die es zu beachten gilt. Was für eine Statistik ist das? Es ist die kombinierte Torschussstatistik in dieser Saison von Fynn Lakenmacher und Meris Skenderovic. Absolut Top! Dreiundvierzig Schüsse, zehn Treffer für die beiden torgefährlichen Stürmer. Hier kann ein Traumduo entstehen, wenn man den beiden Spielern Zeit gibt.

Wieder in der Spur

Nach der Partie war auch das Stimmungsbild und die allgemeine Meinung zwischen Sechzgerstadion und Grünspitz unzweifelhaft. Wir sind zurück in der Spur. Die letzten Wochen sollten Warnung genug sein wie schnell Kritik aufkommen kann, wenn man als Mannschaft, aus welchen Gründen auch immer, den Schlendrian ins Spiel bekommt und das Leistungslevel nicht auf gleichbleibend hohem Niveau hält. Damit ist nicht gemeint, dass nur Siege zählen. Auch in einem Spiel, das man verliert oder in dem nur ein Punkt herausspringt, kann das Leistungslevel hoch gewesen sein. Also bitte ab jetzt in der Spur bleiben.

TSV 1860 gegen den SV Wehen Wiesbaden – das Fazit

Wir haben ein lange Zeit offenes Spiel gesehen, aber auch einen verdienten Sieg unserer Mannschaft.

Der SV Wehen Wiesbaden hat sich in Giesing gegen den TSV 1860 München gut präsentiert. Wer aber Geschenke nicht annimmt, braucht sich nicht wundern hinterher mit leeren Händen dazustehen. Das soll die Leistung des TSV 1860 in keinster Weise schmälern. Gehen alle Chancen auf beiden Seiten rein steht es 2:2 zum Pausentee. Dann wäre, wie beim 0:0 Pausenstand ebenfalls noch nichts entschieden gewesen.

Massig Erfahrung von der Bank, viel junge Unbekümmertheit in der Startelf. Das war ein gutes Rezept für den TSV 1860 München. Wie oben schon beschrieben wechselte Trainer Köllner 713 Drittligaspiele Erfahrung ein, also knapp 143 Spiele Erfahrung pro eingewechseltem Akteur. Dafür verließen 251 Drittligaspiele Erfahrung den Platz. Im Schnitt also etwa 50 Spiele pro ausgewechseltem Akteur. Die Breite im Kader hilft momentan nicht nur stabil zu bleiben, die Sechzger können den Druck mit Einwechslungen von der Bank aus erhöhen.

So darf es weitergehen Löwen. Der TSV 1860 muss nun das Positive vom Samstag konservieren. Funktioniert das, werden die zukünftigen Aufgaben auch zur Zufriedenheit aller gelöst werden.

Datenquelle: Wyscout

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Die Umstellung auf 4-2-3-1 in der Defensive war sehr gut. Auch, dass der Spielaufbau meistens flach und präzise erfolgte. Die höhere Beweglichkeit der Offensive, die zu Anspielstationen führte, tat dann ihr übriges.

Wirklich schön anzusehen, und auch erfolgreich. Die Kritik der letzten Wochen wurde sich zu Herzen genommen und genau die richtigen Maßnahmen ergriffen. Wiesbaden hatte sich auf das 4141 eingestellt, aber Maßnahmen wie eine erneute, teilweise Manndeckung von Rieder verpufften.

Nicht nur gut gespielt, sondern auch gut gecoacht.

Last edited 3 Monate zuvor by _Flin_

An der Laufbereitschaft hat sich nichts geändert. Mit der Umstellung auf 4-4-2 mit hängender Spitze gab es schlichtweg mehr Anspielstationen im Spielaufbau, weil das Zentrum nicht völlig verweist war, weswegen es weniger Ballverluste gab, was sich eben in der besseren Passquote ausgewirkt hat UND das eigene Zentrum nicht automatisch bei Ballverlust überspielt war. Im Übrigen konnte man auch wieder ein Pressinglinie bilden und ins Gegenpressing gehen, weil das Zentrum nicht offen wie ein Scheunentor war. Da hat eher Köllner die richtigen Schlüsse gezogen, als dass die Mannschaft urplötzlich eine größere Laufbereitschaft an den Tag legt.

Vor dem Spiel gegen osnabrück war ich schon der Meinung er soll mit zwei stürmen spielen also das System ändern.
Dann hat es Michael köllner tatsächlich so gemacht und wir haben gegen Osnabrück gewonnen auch etwas glücklich.
Und jetzt gabs 3 Punkte gegen Wiesbaden