2000 Corona-Infektionen durch EM-Spiele liest sich erst einmal äußerst bedrohlich. Bei genauerem Hinschauen fällt auf: In den Stadien ist (fast) nichts passiert.

Genauer hingesehen von Stephan Tempel

Am 29.06. habe ich geschrieben, dass volle Fußballstadien keine Corona-Gefahr wären. Zumindest dann nicht, wenn sich darin nur Geimpfte, Genesene bzw. Getestete befinden. Die Erfahrungen z.B. aus Budapest schienen das zu bestätigen.

2000 Corona-Infektionen durch Fußball-Europameisterschaft. Wirklich?

Nun schwebt seit gestern eine neue Zahl im Raum. 2000 Infektionen soll es durch die Fußball-Europameisterschaft geben. Diese Zahl scheint meine These zu widerlegen. Ich bin jedoch der Meinung, man sollte sich diese Zahlen etwas genauer anschauen. Dann wird die These im Prinzip sogar unterstützt.

Die schottischen Gesundheitsbehörden vermelden rund 2000 neue Coronafälle im Zusammenhang mit der Fußball-EM. So berichtet der Spiegel in diesem Artikel.

1294 Infektionen alleine bei England – Schottland

Rund 1300 Infektionen seien bei schottischen Fans aufgetreten, die ihrer Nationalmannschaft zum Spiel nach London gefolgt sind.

Von 1294 Infizierten waren allerdings „nur“ 397 im Wembleystadion.

Liest man den Artikel, dann fällt einem allerdings eine Zahl ins Auge: Von 1294 Infizierten waren ganze 397 im Wembleystadion. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich mindestens 2/3 der Fans NICHT im Stadion infiziert haben können.
Betrachtet man das Artikelbild, dann ist auch wirklich jedem klar, dass das schief gehen musste: Tausende Schotten, darunter viele tausend ohne Tickets, feiern stundenlang ausgelassen zusammen mit viel Alkohol und ohne Abstand auf Londons Straßen. Im Artikel ist die Rede davon, dass 2600 Tickets an Schotten ausgegeben wurden, zehntausende jedoch mit der Nationalmannschaft mitgereist sind. Ins Hochrisikogebiet der Delta-Variante.

Haben sich also 397 im Stadion angesteckt?

Wer kann das mit Sicherheit sagen, an einem Tag, an dem sich rund 900 Schotten schon außerhalb des Stadions angesteckt haben? Ist nicht eher davon auszugehen, dass diejenigen, die ins Stadion gegangen sind, auch zusammen mit den anderen vor und nach dem Spiel gefeiert haben?
Fakt ist, dass sich außerhalb des Stadions mehr angesteckt haben als im Stadion.

Nicht mit einem regulären Bundesligaspieltag vergleichbar

Wer jetzt also mit dem Verweis auf die 2000 Infektionen der Schotten leere Stadien in der Bundesliga fordert, verkennt, dass man beide Szenarien überhaupt nicht miteinander vergleichen kann. Zehntausende ohne Ticket und ohne Test, die dichtgedrängt in den Straßen und in Pubs zusammen feiern, hat man an einem regulären Spieltag eher selten.

38 Ansteckungen bei Schottland – Kroatien, 37 bei Schottland – Tschechien

Die Zahlen der Ansteckungen, die bei den anderen beiden Spielen der Schotten genannt werden, sind ganz anderer Natur. Bei Schottland-Kroatien waren es 38, bei Schottland-Tschechien waren es 37. Aber auch hier möchte ich ein „sicher das?“ anfügen. Es gab 38 bzw. 37 Infektionen bei Menschen, die in den Tagen zuvor auch bei einem Fußballspiel waren. Sie können sich aber ebenso gut an einem anderen Ort angesteckt haben. Auch in München haben wir aktuell noch jeden Tag mehrere Dutzend Infektionen – ganz ohne Fußballspiele.

Noch einmal zur Erinnerungen: Null Infektionen nach Aufstiegsfeier von Hansa Rostock

Für die, die es schon vergessen haben: Vor drei Wochen haben alle auf Ungarn geschimpft, weil dort Tausende im Stadion ohne Maske und Abstand waren. Die Zahlen in Ungarn gehen seit dem aber trotzdem nach unten. Wer die Zahlen von Viktor Orban anzweifelt, der möge sich wenige Wochen zurück erinnern:

Hansa Rostock stieg auf, Zehntausende feierten den FC Hansa. Bekannte Neuinfektionen danach: Null.

Corona-Infektionen nach Spielen in der Allianzarena? Offensichtlich Null

Vor etwas mehr als zwei Wochen fand in der Allianzarena das Spiel Frankreich – Deutschland statt. Fanfeste etc. in der Innenstadt gab es nicht. Vielfach wurde in den Medien kritisiert, dass die Fans die Abstände nicht eingehalten und keine Masken getragen hätten.

Zur Erinnerung: In die Allianzarena kam man an diesem Tag nur geimpft, genesen oder mit einem tagesaktuellen Test, der entweder in die Corona-Warn-App oder die Luca-App hochgeladen werden musste. Bekannte Infektionen von Leuten, die im Stadion waren mehr als zwei Wochen danach: Null.

Gewagte These: Volle Stadien mit Getesteten sicherer als viele kleine Events mit Ungetesteten

Was bedeuten diese Zahlen für den Fußball in Deutschland? Die einen kommen zu dem Ergebnis, dass Spiele mit Fans oder mit vollen Stadien so nicht möglich sind.

Wirklich?

Was ist wohl sicherer:

Variante a) Am Spieltag lassen sich Zehntausende testen und dann sind ausschließlich negative unter freiem Himmel zusammen. Natürlich werden von diesen auch welche davor und danach eine Kneipe besuchen. Aber sie wurden alle an diesem Tag getestet.

Variante b) Die Stadien bleiben geschlossen. Tausende ungetestete Fußballfans schauen in kleinen Gruppen in Kneipen und Gaststätten die Spiele ihrer Mannschaft gemeinsam am TV gemäß den jetzt geltenden Regeln.

Die Antwort darauf kann sich jeder selber überlegen.

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
2 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

Problem ist, dass Variante b) letzte Saison anscheinend prima funktioniert hat. Deshalb wird’s die Regierung so lassen.

Vernunft siegt eines schönes Tages und dann sehen wir uns bald alle wieder in und um das SECHZGER. ELIL