Zu allererst muss ich anmerken: Ja, ich bin auch sehr enttäuscht, dass es am Samstag nicht zu einem Punkt oder gar einem Sieg gereicht hat. Was mich jedoch tierisch aufregt, ist die Tatsache, dass es aufgrund der hochemotionalen Natur, die dem leidenschaftlichen Fan innewohnt, anscheinend vielen nicht möglich ist, die Ereignisse der letzten Wochen reflektiert zu betrachten. Seit der Niederlage gestern schreiben sich in den Kommentarspalten der verschiedenen Social-Media-Plattformen dutzende Fans ihren Frust von der Seele und lassen dabei den subjektiven Eindrücken der „Sieglosserie“ freien Lauf.

Da wird der Trainer teilweise in einer Form kritisiert, die mit Anstand nichts zu tun hat. Da gibt es bei vielen eine Erwartungshaltung an die Mannschaft, die absolut realitätsfremd ist. Eine äußerst flexible taktische Ausrichtung der Mannschaft wird als das immer gleiche Schema heruntergeputzt. Da bekommt man das Gefühl, dass die Kritiker entweder die Spiele nicht gesehen haben – oder das taktische Verständnis irgendwo in der Zeit stehengeblieben ist, als noch mit Libero und Manndeckern gespielt wurde und der immer dynamischer gewordene Sport Fußball heute noch so statisch gespielt werden könnte wie zu Zeiten eines Thomas Miller oder Roland Kneißl.

Die Niederlage bei Viktoria Köln

Freilich ist es nicht so, dass ich nicht auch den ein oder anderen Kritikpunkt zum gestrigen Spiel hätte; die sehen allerdings etwas anders aus als die der Kritiker in den Kommentarspalten.

Kommen wir zunächst zu dem, was ich anders gemacht hätte als Michael Köllner und das betrifft genau eine Position in der Startaufstellung: Ich hätte für die Rolle des Box-to-Box-Spielers nicht Tallig gebracht, sondern aufgrund der – vor allem defensiven Wichtigkeit dieser Spielerrolle im 4-1-4-1 System – den wesentlich robusteren Djayo mit dieser Aufgabe betraut. Wenn nicht beide defensiven Mittelfeldspieler mit vier gelben Karten vorbelastet gewesen wären, hätte bei mir übrigens Wein dort gespielt und Erdmann als Sechser – das aber nur als Anmerkung am Rande.

Klar ist auch: Dafür, dass man beste Chancen liegen lässt und das just in der Phase, als man nach kurzen Anfangsschwierigkeiten das Spiel in den Griff bekam und begann die Partie zu diktieren, kann außer den Akteuren auf dem Platz keiner was. Und schon gar nicht der Trainer!

Eine ausführliche Analyse der gestrigen Partie folgt heute Nachmittag um 15 Uhr in unserer beliebten Rubrik TAKTIKTAFEL!

Taktische Ausrichtung

4-1-4-1: was bedeutet das eigentlich? Nur ein Stürmer? Nur ein Spieler, der im Mittelfeld für Defensivaufgaben zuständig ist? Nein! Das 4-1-4-1 ist eine taktisch besonders flexible Formation, in der jeder der Akteure auf dem Platz sowohl offensive als auch defensive Aufgaben zu bewältigen hat. Je nachdem, wo der Trainer die Verteidigungs- und Pressinglinien setzt, beginnen diese Aufgaben für jede Position und Rolle natürlich in unterschiedlichen Bereichen, setzen sich aber ganz klar für alle bis zum (und teilweise auch in den) eigenen Strafraum fort.

Gehen wir aber erst einmal auf den offensiven Aspekt beim 4-1-4-1 der Löwen ein: Offensiv verschiebt sich diese Formation, wenn über die Flügel gespielt wird, zu einem asymmetrischen 4-1-2-3, wobei jeweils der Mittelfeldaußenspieler auf der ballfernen Seite als zweite Sturmspitze ins Zentrum einrückt und einer der zentralen Mittelfeldspieler als Schattenstürmer oder hängende Spitze hinter die Spitzen aufrückt. In dem von Michael Köllner gespielten System hinterlaufen oft zusätzlich noch die Flügelverteidiger ihre Kollegen im Mittelfeld auf der Angriffsseite, damit noch mehr Druck auf den gegnerischen Strafraum ausgeübt werden kann. Der Box-to-Box-Spieler schiebt – wie sein Name schon andeutet – ebenfalls bis ins letzte Drittel mit, um vom Gegner aus dem Strafraum geklärte Bälle abzufangen und den Druck aufrecht zu erhalten. Der Dauerdruck, der dadurch entstehen kann, reibt viele Mannschaften in der Defensive auf und sorgt bei konzentriertem Spiel für viele Torgelegenheiten und Strafraumsituationen.

Hinzu kommt, dass die offensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler sehr viele Freiheiten in ihrem Bewegungsradius genießen. Sowohl ein Neudecker als auch ein Lex oder Greilinger können auf den zentralen Halbpositionen oder dem jeweiligen Flügel auftauchen. Mehr Flexibilität und größere Unberechenbarkeit in der Offensive als mit diesem System ist nicht möglich. Natürlich gibt es offensivere Systeme (4-3-3/3-5-2), diese belasten aber läuferisch und damit auch konditionell die einzelnen Mannschaftsteile in viel stärkerem Maß und sind daher für Sechzig in der momentanen Situation eher schlecht.

Was kann das 4-1-4-1 defensiv? Defensiv lässt Köllner die Mannschaft hier zu einem 4-2-3-1 verschieben. Es wird also vor allem der Spieler der die Rolle des Box-to-Box-Mittelfeldspielers innehat läuferisch aufs Höchste gefordert. Denn ihm obliegt es zusätzlich zum nominellen defensiven Mittelfeldspieler, die Räume vor der Viererkette zuzustellen. Auf den Flügeln wird im 4-1-4-1 versucht, durch starkes Verdichten Räume eng zu machen und somit das Passspiel der angreifenden Mannschaft zu stören. Gelangt der Ball im letzten Drittel oder im Strafraum ins Zentrum, verteidigt die Kette mit Unterstützung des defensiven Mittelfeldspielers und des Box-to-Box-Spielers, wobei die Kette im Raum und die Mittelfeldspieler gegen den Mann verteidigen. Das gelingt der Mannschaft auch in den meisten Fällen. Einzig individuelle Fehler, meist klare Konzentrationsfehler bzw. taktische Denkfehler von Einzelspielern, begünstigen den Gegner beim Angriff. Oft sind es falsche Laufwege in Umschaltsituationen, die zu Gegentreffern führen. Das ist zwar bitter, aber leider nie ganz zu verhindern.

Die bisherige Saison

Kommen wir nun zur Gesamtleistung der Mannschaft bisher und sehen uns dazu ein paar Zahlen an. In dieser Saison sind die Sechzger in folgenden wichtigen Kategorien der Statistiken unter den Spitzenteams (Platz eins bis sieben) vertreten:

Geschossene Tore: 25 – hier teilt man sich Platz eins mit Saarbrücken, Verl und Mannheim. Ligadurchschnitt 17,4

Gegentore: 17 – hier ist man mit einer weiteren Mannschaften auf Platz sechs der Liga. Ligadurchschnitt logischerweise ebenfalls 17,4

Tore Pro Spiel: 1,7 ergibt Platz drei. Besser ist nur Mannheim mit 2 und Verl mit 1,8 Ligadurchschnitt 1,3

Tore nach Ecken: 5 mit Verl teilt man sich hier Platz eins
Ligadurchschnitt 1,8

Tore nach Freistößen: Interessanterweise gelang es überhaupt erst sechs Mannschaften, ein Tor aus einem Freistoß zu erzielen. Somit liegt man mit fünf anderen Teams und einem erzielten Treffer auf Platz eins in dieser Kategorie.

Steilpässe: Von im Schnitt 82 gespielten Steilpässen pro Partie kommen mit 76% (Ligadurchschnitt 73%) überdurchschnittlich viele an. Zusammen mit Uerdingen und Saarbrücken liegt man auf damit Platz eins.

Schüsse: 13,4 Schüsse pro Spiel bedeuten Platz eins vor Mannheim (13,3) und Unterhaching (13).
Ligadurchschnitt 11,3

Zugelassene Schüsse: Mit nur 8,59 zugelassenen Schüssen pro Spiel liegt man hinter Hansa Rostock (8,24) auf Platz zwei.
Ligadurchschnitt 11,3

Ballkontakte im Strafraum: Mit 18 pro Spiel liegt man hier gemeinsam mit fünf weiteren Teams auf Platz drei hinter Mannheim (20) und Verl (19).
Ligadurchschnitt 16

Geblockte Schüsse: 28% aller gegnerischen Schüsse werden von den eigenen Spielern geblockt; das ergibt Platz fünf. Rostock 33,3% führt hier die Liga an.
Ligadurchschnitt 26%

PPDA against: gespielte Pässe pro Defensivaktion des Gegners 12,57, somit Platz fünf. Saarbrücken auf Platz eins spielt mit 14,09 nur einen Pass mehr, bis der Gegner eine Defensivaktion setzt.
Ligadurchschnitt 11,3

Zugelassene Ecken pro Spiel: 3,2 das ist Platz eins gemeinsam mit Wehen Wiesbaden

Herausgespielte Ecken Pro Spiel: 5,59 und somit Platz drei hinter den erstplatzierten Wiesbadenern (6,54) und Verl (6,3)
Ligadurchschnitt bei Ecken liegt bei 4,5 für beide Kategorien

Weitere statistische Werte

Wichtige Kategorien, in denen der TSV 1860 München im Mittelfeld (platz acht bis dreizehn) zu finden ist:

Punkte: 20 – nur sechs Punkte, also zwei Siege, befindet man sich hinter dem Spitzenreiter Dynamo Dresden

Ballbesitz: 50% – damit führt man das Mittelfeld auf Platz acht an. Spitzenreiter hier Saarbrücken und Verl mit 58%, Schlusslicht ist Zwickau mit 41%

Gewonnene Defensivduelle: Mit 61,7% gewonnener Defensivduelle liegt man auf Platz zehn. Spitzenreiter in dieser Kategorie ist Ingolstadt mit 65,3%; hier liegen alle Mannschaften der Liga unter den 70%, welche als optimal angesehen werden können, aber von keinem Team in keiner deutschen Liga auch nur annähernd erreicht werden. Selbst der rote Nachbar hat hier in seiner Liga nur einen Wert 59,6 (Platz 11) vorzuweisen. Schlusslicht in dieser Kategorie ist übrigens Viktoria Köln mit nur 53,9%.

Passgenauigkeit: 80% – das bringt den Löwen Platz neun in dieser Wertung ein. Die Spitzenreiter aus Saarbrücken haben eine Passgenauigkeit von 84,3 vorzuweisen.
Ligadurchschnitt ist 80,1%

PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): 11,37 – das ergibt Platz 13 und somit gerade noch Mittelfeld. Es führt hier Verl mit 8,83, Schlusslicht Meppen lässt 16,16 Pässe des Gegners zu bevor sie stören können.
Ligadurchschnitt 11,32.

Flankengenauigkeit: 32,4% – das bringt den Löwen Platz dreizehn in diesem statistischen Wert ein. Auf Platz eins liegt der FSV Zwickau mit 40%, Letzter dieser Kategorie der SC Verl mit nur 22,4% Erfolgsquote.
Ligadurchschnitt: 32,16

Schussgenauigkeit: 33,5%, somit Platz dreizehn. Hier führt Mannheim mit 48,2%

Entwicklungsfelder

Wichtige Kategorien in denen sich die Löwen im letzten Tabellendrittel wiederfinden.

Abgefangene Pässe: 41,04 Pässe können die Sechzger pro Spiel abfangen. Zum Verständnis: Das sind keine direkten Fehlpässe des Gegners, sondern die Pässe, bei denen ein Spieler der Löwen in den Passweg einläuft um den Ball abzufangen. Damit liegt der TSV hier auf dem letzten Tabellenplatz. Spitzenreiter ist Hansa Rostock mit 51,7.
Der Ligadurchschnitt liegt bei 46,8.

Kopfballduelle: 45,2% aller Kopfballduelle gewinnen die Löwen. Damit liegt man auf Platz fünfzehn. Es führt Dynamo Dresden 52,4% bei einem Ligadurchschnitt von 47,7%

Fouls Pro Spiel: Hier liegt der TSV mit 12,94 auf Platz 14. Am wenigsten foulen auf Platz eins Magdeburg mit 10,23 Fouls pro Spiel, am häufigsten die Spieler des Halleschen FC mit 13,51. Im Ligadurchschnitt wird pro Spiel und Mannschaft der Gegner 12,15 mal regelwidrig angegangen.

Welche Krise denn bitte?

Diese Statistiken zeigen deutlich auf, dass der TSV 1860 keine schlechte Mannschaft hat und diese Mannschaft auch nicht schlecht trainiert wird. Das einzige, was Sechzig im Moment hat, ist Scheiße am Schuh. Oder vornehmer ausgedrückt: Pech. Und zwar in erster Linie vor dem Kasten des Gegners. Denn wenn man die erzielten Tore und die Großchancen pro Spiel miteinander aufrechnet, wird klar, dass der TSV 1860 zwar einerseits oft trifft, andererseits aber pro Treffer mehr Chancen braucht als die meisten anderen Teams. Nun hat man zwar auch gesehen, dass schon einige Torhüter ihre Saisonbestleistungen gegen den TSV abgeliefert haben, (Batz, Weinkauf, Behrens, Jurjus), die Wahrheit liegt aber woanders.

Die Schussgenauigkeit lässt bei Sechzig zu wünschen übrig. Im Schnitt schießt Sechzig 13,4 mal pro Spiel, davon gehen nur etwas über ein Drittel also 4,6 auf des Gegners Tor. Etwas mehr als die Hälfte dieser Schüsse (6,8) kommen noch dazu von außerhalb des Strafraums. Die Gegner schießen zwar pro Spiel 9,89 mal, davon gehen allerdings 40% (also vier Stück) auf den Kasten von Hiller. Wenn die Löwen also etwas besser und vor allem geduldiger beim Abschluss wären – es handelt sich um nur 5 Prozentpunkte die bei der Genauigkeit fehlen – hätten wir in jedem Spiel einen Treffer mehr auf dem Konto. Das sind die Nuancen, über die diskutiert werden muss. Kleinigkeiten also.

In den Sozialen Medien hingegen wird ein Fass aufgemacht, als gäbe es nicht noch genug Zeit, um hier nachzujustieren, und als wäre es unsere Pflicht, um den Aufstieg mitzuspielen. Dass die Mannschaft die Fähigkeit hat, im oberen Drittel der Tabelle die Saison abzuschließen, dürfte hoffentlich für jeden außer Frage stehen. Dass aber auch die Aufstiegsränge nur mit sehr viel Glück erreicht werden können, sollte ebenfalls jedem, der auch nur einen Funken Fußballsachverstand hat, klar sein. Es gibt neunzehn andere Teams, die da auch hinwollen.

Ruhig und sachlich bleiben

Liebe Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken, Blogs oder wo auch immer: Bitte tut dem Trainer und der Mannschaft einen Gefallen: Seid gern grantig, aber aus den richtigen Gründen. Seid grantig wegen der Chancenverwertung. Seid grantig, weil wir schon wieder einen Elfer nicht bekommen haben. Seid grantig, weil wir zu viel von außerhalb schießen. Aber seid bitteschön nicht grantig auf den besten Trainer, den wir seit Werner Lorant hatten. Und seid bitteschön auch nicht auf die Spieler grantig, die Fehler gemacht haben. Es fehlt nur ein Quäntchen Spielglück und wir holen wieder drei Punkte. Vielleicht nicht gegen Mannheim – oder vielleicht gerade gegen die?

Diese Liga ist zu ausgeglichen, um erwarten zu können, dass man es ohne Negativserie da durch schafft. Und auch ein Lorant hatte brutale Negativserien in seiner Zeit bei den Löwen. Ich erinnere nur an die Saison 93/94 als vom 18. bis zum 24. Spieltag nur ein Punkt geholt werden konnte. Was war da gleich noch mal das Ende vom Lied? Wir sind auf einem guten Weg in der Entwicklung und verglichen mit vor einem Jahr spielen wir um Welten besser.

2 KOMMENTARE

  1. Sehr gelungene Analyse. Ein Manko der Löwen in dieser Saison ist aber auch die fehlende Kadertiefe. Herr Köllner hat kaum Möglichkeiten von der Ersatzbank nachzulegen. Warum nicht mal einen von den vielen Jungen in kalte Wasser werfen.

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