Die Heuchelei unter’m Regenbogen

Die Frage ob die Allianz-Arena bzw. „Fußball Arena München“ am heutigen Tage in den Regenbogen-Farben erstrahlen darf, hat in den letzten Tagen für starke Diskussionen gesorgt. Viele davon waren richtig und wichtig. Einige waren in ihrer Heuchelei jedoch unerträglich.

Allianz-Arena in Regenbogen-Farben als Statement gegen Homophobie

Das Pseudo-Neutrale „Fußball Arena München“ zur EM schenken wir uns übrigens an dieser Stelle, denn die Arena wird in fast jedem Artikel zum Thema „Regenbogen-Farben“ „Allianz-Arena“ genannt. Die Arena erleuchtet ja schon seit einigen Jahren z.B. zum Christopher-Street-Day in den Regenbogen-Farben. Als Statement gegen Homophobie ist das richtig und wichtig.

Wobei München diesbezüglich ja ohnehin schon seit jeher zu den liberalsten und tolerantesten Städten gehört. Bereits  vor über 100 Jahren entwickelte sich im liberalen München im Glockenbachviertel eine Schwulenszene, welche ab den 80ern regelrecht aufblühte. Dass z.B. Freddy Mercury nicht nur wegen einem Plattenstudio viele Jahre in München weilte, dürfte bekannt sein. „Leben und leben lassen“ ist seit jeher das Motto in München – und das ist auch gut so.

Als Statement gegen das Anti-LGBTIQ-Gesetz

Am heutigen Spieltag wird die Arena nicht in den Regenbogen-Farben erstrahlen, die UEFA hat ihre Zustimmung dazu verweigert. An dieser Stelle sei im Übrigen der Hinweis erlaubt, dass das Gesetz von der Regierungspartei in Ungarn erlassen wurde. Diese wurde vom ungarischen Volk gewählt. Was das für die Europäischen Werte bedeutet, bedarf etwas mehr Diskussion auf politischer Ebene, als ein Stadion in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen.

Statement gegen Homophobie jedes einzelnen

Sich auf Facebook über Homophobie zu empören ist leicht und das eine. Etwas dagegen zu unternehmen, ist das andere. Wer heute Krokodilstränen vergießt, weil die Arena nicht schön bunt ist, der möge doch bitte zukünftig bei der Wahl seines Urlaubslandes etwas genauer hinsehen. Saudi Arabien, wo es für Schwule wahlweise Peitschenhiebe oder die Todesstrafe gibt, ist vermutlich bei den Wenigsten auf der Liste.

Aber Homosexualität ist unter anderem auch in Ägypten, Marokko, Tunesien, den Malediven, Singapur, Sri Lanka, den Vereinigten Arabischen Emiraten (ja, da gehört Dubai dazu) oder im Reggae-Paradies Jamaika illegal.

Bis hin zur lebenslänglichen Haft, Prügel- oder gleich Todesstrafe ist hier im Übrigen auch alles möglich.

Heuchelei – oder auch: Wer hat nach dem DFB und dem FC Bayern gerufen?

Bei der obigen Aufzählung fehlen noch viele Länder, eines ist dem einen oder anderen vielleicht sogar aufgefallen: Katar. Fünf Jahre Haft stehen dort auf gleichgeschlechtliche Handlungen.

Katar ist das Land, in dem unsere Nationalelf nächstes Jahr zur Weltmeisterschaft reisen wird. Viele Nationalspieler kennen es sehr gut, der FC Bayern hält dort seit einigen Jahren sein Trainingslager ab und hat auch kein Problem damit, die staatliche Fluggesellschaft „Qatar Airways“ als Sponsor auf dem Ärmel zu tragen. Wie Hohn erklingt es, wenn FCB-Präsident Herbert Hainer erklärt: „Wir hätten uns gefreut, wenn die Allianz Arena am Mittwoch in den Regenbogenfarben hätte strahlen können. Weltoffenheit und Toleranz sind grundsätzliche Werte, für die unsere Gesellschaft steht und für die der FC Bayern steht.“

Oder DFB-Präsident Koch von deutlichen Zeichen redet, die gesetzt werden sollen und sich der DFB bei der Verteilung von 10.000 Regenbogen-Fähnchen beteiligt.

Worte und Regenbogen-Fähnchen sind eigentlich kein schlechtes Zeichen. Wenn diesen Worten jedoch keine Taten folgen, dann ist die Grenze zur Heuchelei jedoch fließend. Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass der FC Bayern zukünftig nicht mehr nach Katar ins Trainingslager fliegt? Oder sich der DFB gegen eine WM dort ausspricht? Eine WM, um die es einige Schmiergeldskandale gibt oder für deren Stadien bereits tausende Arbeiter gestorben sind?

Das wird nicht geschehen.

Womit wir wieder bei der Überschrift dieses Artikels wären.

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Nicht immer mit Finger auf andere Länder zeigen: In Deutschland hat sich meines Wissens bisher noch kein einziger aktiver Fußballprofi geoutet. Warum wohl? Es spricht wohl einiges dafür, dass es auch bei deutschen Fans homophobe Einstellungen gibt, oder täusche ich mich da?

Sehe ich ganz genauso. Klasse Kommentar Stephan!