Die Story dieses Spieltags unserer Löwen beginnt für mich am letzten Donnerstag. Und zwar in der Spieltagspressekonferenz, die die KgaA Löwenrunde getauft hat. Wie Ihr im verlinkten Video sehen könnt und in diversen Artikeln lesen konntet, trug sich dort folgendes zu: Michael Köllner war zum ersten Mal nicht der nette der Michi von nebenan sondern in erregtem und tendenziell stark genervtem Gemütszustand. Der Boulevard dichtete ihm eine Trapattoni-artige Wutrede (Warnung: das Anklicken des Links könnte Augenschäden verursachen!) an, soweit würde ich nicht gehen. Aber wir sahen unseren Trainer tatsächlich erstmals sauer anstatt nett und zuvorkommend, wie wir das bisher gewohnt waren. Nun, nach dem Spiel kann man sagen, dass wir die reinigende Kraft des Wutausbruchs gesehen haben.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt

Wir kennen das alle. Irgendwie läuft es nicht, irgendwie könnte alles besser klappen. Aber so wirklich schlimm ist dann auch wieder nicht. Aber irgendwann kommt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der ganze aufgestaute Ärger bricht dann aus einem heraus und man explodiert, dass es kein Halten mehr gibt. Dann setzt man zu einem Rundumschlag auf Alles und Jeden an. Danach zeigt sich oft die reinigende Kraft des Wutausbruchs und die Dinge laufen wieder besser.

Ich glaube, dass genau das am letzten Samstag mit Michael Köllner passiert ist. Zum wiederholten Male legte seine Mannschaft eine gute Leistung hin, nutzte gute Tormöglichkeiten nicht. Dann ging sie nach einem individuellen Fehler als Verlierer vom Platz. Hätte man davor ein oder zwei Tore gemacht (was durchaus möglich gewesen wäre), hätte man mindestens einem Punkt mit nach Giesing genommen. Da das nicht das erste Mal in den letzten Wochen passierte, ist dem ansonsten so lieben Michi Köllner wohl die Hutschnur geplatzt. Deswegen musste er sich gegenüber Mannschaft und Presse mal Luft verschaffen.

Der Wutausbruch macht Köllner nur noch sympathischer

Ich mag diesen Coach einfach. Ich mag seine positive Grundeinstellung, seine Art selbst aus Misserfolgen positive Dinge zu ziehen, wie er die jungen Spieler weiterbringt, ihnen stückweise mehr Verantwortung übertragt (siehe die Einwechslungen von Djayo, Mannhart und Lang gestern) und die Mannschaft einen schön anzusehenden Fußball spielen lässt. Allerdings habe ich mich immer gefragt, ob es denn nichts gibt, was diesen Mann aus der Fassung bringen kann. Jetzt haben wir es erlebt: selbst Michael Köllner kann man aus der Fassung bringen und das macht ihn für mich ehrlich gesagt noch ein Stück sympathischer.

Positive Energie aus der Wut gewonnen

Ob ihn die Mannschaft diese Woche so sympathisch gefunden hat, ist bisher nicht bekannt. Er sprach ja in der Löwenrunde davon, dass auch die Mannschaft seinen Ärger zu spüren bekommen habe. Möglicherweise hat Köllner seine Spieler eindringlich darauf hingewiesen, dass durch die Ineffektivität vor dem gegnerischen Tor jetzt einige entscheidende Punkte verloren wurden und er da keinen Bock mehr drauf hat.

Variablere Spielweise in der Offensive führte zum Erfolg

In der gestrigen Aufstellung manifestierte sich auf jeden Fall ein bisher ungeahnter Offensivdrang. Mit Mölders, Lex, Biankadi, Staude und Neudecker standen gleich fünf namentlich offensiv ausgerichtete Spieler in der Startelf. Wir rätselten in der Redaktion vor Anpfiff noch, ob Köllner eventuell sogar das 4-1-4-1 System in ein 4-4-2 mit Raute ändern würde.

Letztlich spielte die Mannschaft doch im 4-1-4-1 allerdings in einer neuen variablen und sehr offensiv ausgerichteten Form. In der ersten Halbzeit wurde konsequent bei jedem Angriff auf 3-5-2 umgestellt, in dem sich Dressel in die dynamische Dreierkette zurückfallen ließ und die beiden Außenverteidiger offensiver als in den letzten Spielen zu Werke gingen. Besonders auf der rechten Seite klappte das richtig gut. Willsch und Staude, der das erste Mal in der Startelf stand, machten gehörig Alarm über ihren Flügel. Aber das wird Euch dann Bernd Winninger in der TAKTIKTAFEL am Montag alles noch viel besser erklären, als ich das kann.

Ein Orkan namens TSV 1860 fegte durch Halle

Dass Staude von Anfang spielte, zahlte sich schon nach 41 Sekunden aus, als er den Ball nach Pass von Steinhart zum 1:0 ins Netz knallte. Auch in der Folge wirbelte er auf dem Flügel, flankte und passte und suchte immer wieder Stefan Lex, der gestern Staudes gute Zuspiele leider nicht verwerten konnte. So bliesen die Löwen dem Wetter entsprechend wie ein Orkan durchs Hallenser Kurt-Wabbel-Stadion und die Gastgeber wurden regelrecht von Löwen überrollt. Nach dem 1:0 hatten die Blauen durch ihr variables Offensivspiel gleich mehrere hervorragende Gelegenheiten, die Führung auszubauen. Die beste davon Philipp Steinhart mit einem Elfer. Leider wurden diese alle ausgelassen.

Aber in den zehn Minuten vor der Halbzeit machte der TSV 1860 München dann doch den Sack zu. Biankadi und Dressel trafen mit sehenswerten Schüssen von außerhalb des Strafraums und sorgten für einen gerechten Lohn der überlegenen Leistung. Danach war klar, dass man sich an diesem Nachmittag keine Sorgen mehr um den Sieg machen musste. Die zweite Hälfte wurde routiniert runtergespielt und Sascha Mölders konnte mit freundlicher Unterstützung der Hallenser Defensive noch einen Treffer im Kampf um die Torjägerkrone gutschreiben lassen. So stand am Ende ein leistungsgerechtes 4:0 auf dem Spielberichtsbogen.

Die erste Halbzeit war mit das Beste, was die Löwen in dieser Saison auf den Rasen gezaubert haben. Echt beeindruckend! Die reinigende Kraft des Wutausbruchs von Michi Köllner sorgte also für positive Energie und einen diskussionslosen auch in dieser Höhe verdienten Auswärtssieg. Herr Köllner, seinen Sie öfter wütend!

Noch schöner wäre natürlich, wenn die Mannschaft dem Coach durch solche Leistungen einfach gar keinen Grund mehr geben würde, wütend zu sein, um auf die reinigende Kraft des Wutausbruchs zurückgreifen zu müssen.

Geht noch was nach oben?

Bleibt die Frage, ob nach oben noch was geht. Nachdem ich im Januar ja sehr optimistisch war, bin ich jetzt eher skeptisch. Die Teams oben zeigen einfach keine Schwäche und der Abstand ist mit sieben Punkten zu Platz 3 und gar neun Punkten zu Platz 2 doch schon etwas groß. Aber vielleicht geht ja doch noch was, wenn die Mannschaft mit dieser variablen Spielweise weiter solche Offensivfeuerwerke abbrennt und eine Serie startet. Lassen wir uns überraschen!

2 KOMMENTARE

  1. ich denke das war wichtig. wichtig am Donnerstag, dass auch die Öffentlichkeit einen anderen Michael Köllner wie bisher kennen lernen durfte. mit Trapatoni hatte das wirklich nichts zu tun. und gestern auf dem Platz ein variables Spiel. eine gesammt gute geschlossene Leistung. wichtig wird sein, dass man das gepuscht auch durch das gestrige Spiel und das positive Ergebniss, dass man das mitnimmt in die nächsten Wochen.

  2. Völlig richtige Einschätzung und wie ich schon öfter taktisch bemängelte: nur mit zwei Offensiv starken Aussenverteidigern im Zusammenspiel mit dem Mittelfeld ermöglichen ausreichend Torschancen. Diese werden, falls konsequenter genutzt ( vor allen Dingen von Lexi) zu mehr Löwensiegen führen. Leider reicht es zum Ende der Saison mit einem Sieg in Audistadt wohl nur maximal Platz 3 . Dafür muss in Lübeck und gegen Dynamos nachgelegt werden.
    Die erste Halbzeit war gestern schon eine sehr starke Leistungssteigerung des ganzen Team. Diese Aufstellung plus gesunden Quirin Moll sehe ich auch als Gerüst zur neuen Saison.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here