Hasan Ismaik hat sich wieder zu Wort gemeldet, in einem Interview mit den investorennahen Blog “dieblaue24” äußerte sich Ismaik zur Stadionthematik und seinen Wohnungsplänen in München – sechzger.de unterzieht seine Aussagen einem Faktencheck mit persönlicher Bewertung.
Ismaik: “Wir verlieren jedes Jahr knapp 6 Millionen Euro garantierten Gewinn”
Ismaik: “Wir müssen mit Oberbürgermeister Dieter Reiter reden, um eine Lösung für ein Grundstück zu bekommen. Unsere Löwen verlieren jedes Jahr knapp sechs Millionen Euro garantierten Gewinn. Das nennt man im Umkehrschluss Verluste. Geld, das uns fehlt, um eine gute Mannschaft aufzubauen und in den Nachwuchs zu investieren. Und das alles nur, um im Grünwalder Stadion zu bleiben und weiterhin in Nostalgie zu schwelgen? Daher brauchen wir eine Kampagne, um endlich neue Wege für ein Stadion-Projekt zu gehen. In ganz Deutschland werden neue Stadion-Lösungen – von der Bundesliga bis in die Regionalliga runter – angestrebt. Nur Sechzig soll auf der Strecke bleiben. Warum?”
sechzger.de Faktencheck: Zum Stadion: Gespräche mit Dieter Reiter gab es in der Vergangenheit bereits mehrfach – auch Hasan Ismaik war öfters im Rathaus vorstellig. Einem von der Stadt angebotenen Grundstück in Riem erteilte Ismaik jedoch eine Absage: denn für das von ihm geplante Stadion mit 50.000+ Plätzen war das Grundstück zu klein, wie er der Stadt selbst schrieb. Jetzt steht das Grundstück nicht mehr zur Verfügung. Was Ismaik mit einer “Kampagne” für ein Stadionprojekt meint, führte er nicht näher aus.
“Auf der Strecke bleiben” sollen die Löwen im Übrigen nicht: 1860-Präsident Robert Reisinger hatte betont, eine zukunftsfähige, wirtschaftlich tragfähige Lösung für die Stadionsituation der Löwen zu wollen. Hauptaugenmerk läge dabei auf dem Standort Giesing, nicht nur mangels realistischer alternativer Stadien oder gar Grundstücke, sondern auch aufgrund des identitätsstiftenden Charakters des Viertels. Eine Festlegung auf das Grünwalder Stadion um jeden Preis, wie Ismaik es darstellt, ist das freilich nicht.
Was ist “garantierter Gewinn”?
Was ein “garantierter Gewinn” sein soll, erklärt Ismaik nicht. Ebenso wenig, wie er auf die Zahl von “knapp 6 Millionen Euro” kommt. Wenn man im Profifußball eines weiß: Garantierte Gewinne gibt es nicht, ebensowenig wie Parkhäuser, welche die Raten für überdimensionierte Stadien finanzieren. Die Geschäftsführung des TSV 1860 ist sicherlich in der Lage, Herrn Ismaik die Gewinn- und Verlustrechnungen aus den Jahren in der Allianz Arena, als diese dem TSV 1860 München noch zu 50% gehörte, vorzulegen.
Hierzu hatte der Blog, der nun das Ismaik-Interview führte, bereits 2015 herausgefunden:
“Die Löwen und die Allianz Arena – eine innige, herzliche Beziehung wird das wohl nicht mehr: Hohe Kosten, leere Zuschauerränge und keine Punkte, das zeichnet das Fröttmaninger WM-Stadion aus, wenn der TSV 1860 im Wohnzimmer des FC Bayern seine “Heimspiele” austrägt (…) Macht summasumarum 4,8 Millionen Euro per anno. Ein Verlustgeschäft, auch weil die Löwen als Mieter keine zusätzlichen Erlöse aus Namensrechten, Catering und Logen generieren können. Nicht mal am Bier-Umsatz profitiert der Löwe.” (Auszug aus: “Unrentable Arena: Nicht mal fürs Bier bekommt 1860 Geld” auf “dieblaue24” vom 24.03.2015)
“Starke Marke 1860 nur mit einmaligem Stadionprojekt”
Ismaik: “Eine starke Marke 1860 gibt es nur mit einem einmaligen Stadion-Projekt. Das Grünwalder Stadion, so viel Geschichte auch drin steckt, wird uns keine Zukunft schenken können, mit der alle einverstanden sind. Mir wurde von der Stadt vor Jahren versichert, dass in Giesing kein Bundesliga-Fußball gespielt werden kann, zumindest nicht in der Ersten Liga. Deswegen ist das vergebene Liebesmühe. Wir sollten vor der Stadt geschlossen auftreten – und sagen: “Wie und wo könnt ihr uns helfen?”
sechzger.de-Faktencheck: Was ein “einmaliges” Stadionprojekt sein soll, lässt Ismaik offen. Eigentlich sollte der TSV 1860, der in seiner Historie schon diverse Stadionprojekte durchlaufen hat, von denen einige sicher als “einmalig” (in wörtlicher wie metaphorischer Hinsicht) zu bezeichnen sein dürften, hier schon vollkommen zufriedengestellt sein.
Aber Spaß beiseite und zur Markenthematik: Die “Marke 1860” ist mit der Rückkehr ins Grünwalder Stadion wiedererstarkt. Dies spiegelt sich in den deutlich gestiegenen Mitgliederzahlen seit 2017, darunter eine stark gestiegene Anzahl an Kindern und Jugendlichen, jedoch auch der internationalen Anerkennung (siehe hierzu den Gastbeitrag auf sechzger.de: “A night in Giesing“) des Standorts und dem TSV 1860 als eigenes, bodenständiges und in der Stadt verwurzeltes Original, wieder.
Hier zitieren wir gerne unseren eigenen Artikel von vor knapp zwei Jahren: Betrachtet man den Punkt Identifikationspotential, muss klar gesagt werden: 1860 in Giesing ist eine Marke. Gerade in Zeiten, in denen Weltmeisterschaften nach Katar und Asiatische Winterspiele nach Saudi-Arabien (kein Witz!) vergeben werden, in denen im großen Stil Sportwashing betrieben wird und Menschenrechte in Austragungsländern oder beim Großsponsoren höchstens zweitrangig behandelt oder durch hübsche Plakate pro forma angesprochen werden, ist ein Fußball-Original wie der TSV 1860, der seine Wurzeln und Spielstätte in Giesing hat und für Bodenständigkeit, Verrücktheit und unbrechbare Treue steht, eine echte Alternative für Sponsoren gleich welcher Größe, die ihren Kunden die Identifizierung mit dem Echten, dem Bodenständigen, dem „Sauberen“ nahebringen wollen, von unschätzbarem Wert.
“Wir sollten vor der Stadt geschlossen auftreten” – über diesen Satz muss man freilich schmunzeln. Ist es doch Hasan Ismaik mit dem hier zitierten Interview höchstselbst, welcher der vom Verein dargelegten Haltung zur Stadiondiskussion mit seinen utopischen Neubauträumen (mehr dazu weiter unten) widerspricht und somit ganz allein dafür sorgt, dass der TSV 1860 München dieser Tage nicht geschlossen vor der Stadt auftritt. Ein klassisches Eigentor?
“Wir kennen die Zahlen. Wir dürfen nicht weniger als 37.000 Plätze anbieten”
Ismaik: “Wir kennen die Zahlen, die 1860 früher im Olympiastadion oder in der Allianz Arena aktivieren konnte, wenn große Spiele angestanden sind. Ich sage: Wir dürfen nicht weniger als 37.000 Plätze anbieten.”
sechzger.de-Faktencheck: Wir alle kennen die Zahlen, das ist korrekt. In der Bundesliga, also zwei Spielklassen höher als der Status quo, boten sich folgende Zuschauerzahlen:
Saison Wettbewerb Zuschauerschnitt Prozentuale Auslastung
03/04 Bundesliga 28.203 40,87%
02/03 Bundesliga 26.547 38,47%
01/02 Bundesliga 26.424 38,26%
00/01 Bundesliga 27.982 40,55%
99/00 Bundesliga 32.671 47,35%
98/99 Bundesliga 32.476 47,07%
97/98 Bundesliga 33.624 48,73%
96/97 Bundesliga 38.794 56,22%
95/96 Bundesliga 35.512 51,47%
Quelle: transfermarkt.de
Nur ein einziges Mal in neun Saisons schafften es die Löwen, im Schnitt Ismaiks präferierte Zahl von 37.000 Zuschauern zu erreichen bzw. zu überbieten. In der erfolgreichsten Saison der jüngeren Geschichte, 1999/2000, als die Löwen mit Icke Häßler und Martin Max die Champions League Qualifikation erreichten und zweimal im Derby gegen die Seitenstraße erfolgreich waren, hatte der TSV 1860 lediglich einen Zuschauerschnitt von 32.671.
Ja, Herr Ismaik, wir alle kennen die Zahlen. Wer natürlich möchte, dass alle Eventfans, die es mehr oder weniger mit dem TSV 1860 München halten, für die Spitzenspiele gegen den FC Bayern und Borussia Dortmund eine garantierte Eintrittskarte erhalten (nicht gleichzusetzen mit garantiertem Gewinn), und dafür in Kauf nimmt, dass das Stadion in der restlichen Saison zu 1/3 bis zur Hälfte gefüllt ist (und das scheint Ismaik im Sinn zu haben, da er ja nur von den “großen Spielen” spricht), findet sich in Ismaiks Größen(wahn?)ordnungen wieder.
“Wichtig ist, dass uns das Stadion zu 100 Prozent gehört”
Ismaik: Wichtig ist aber auch, dass uns das Stadion zu 100 Prozent gehört und wir nicht der Mieter sind. Wie soll sich denn 1860 überhaupt finanzieren? Das ist seit Jahrzehnten das Kernproblem in diesem Verein.
sechzger.de-Faktencheck: Der TSV 1860 München konnte sich bereits ein halbes Stadion nicht leisten, und dies wohlgemerkt in der 2. Liga, in welcher ein Vielfaches an Fernsehgeldern eingenommen wird, mit Parkhaus, eigener Vermarktung, VIP-Logen, etc. Die Allianz Arena war seit dem Abstieg aus der 1. Bundesliga das große Sorgenkind des TSV 1860, welches die Kassen Jahr für Jahr erdrückte und somit mittelbar auch den sportlichen Erfolg bzw. Nichterfolg verantwortlich war.
Zudem: wenn der TSV 1860 Alleineigentümer eines Stadions – wie Ismaik es vorsieht – sein sollte, wie wäre nach Ismaiks Ansicht ein solcher Neubau zu finanzieren? Wir haben kurz auf das Festgeldkonto der KGaA geschaut. Ganz reichen dürften die Reserven für einen Stadionneubau samt Infrastruktur drumherum nicht. Es wäre also in jedem Falle eine Fremdfinanzierung nötig. Eine hohe Verschuldung für kühne Stadionträume? Da klingelt irgendwie was…
Zum Glück hatte Hasan Ismaik im Gespräch mit Pro1860 vor der Mitgliederversammlung 2024 bereits mehr oder weniger konkrete Ideen hinsichtlich einer Stadionfinanzierung verlautbaren lassen.
Heißt: maßgeblich (verzinstes) Fremdkapital. Die Bonität der Löwen dürfte den Zinssatz hier nicht gerade in den Keller drücken, auch wenn Ismaik die “Bank kennt”.
“Grünwalder Stadion, Grünwalder Stadion, Grünwalder Stadion”
Ismaik: “Die Leute, die die Kontrolle über 1860 haben, haben drei Prioritäten: Grünwalder Stadion, Grünwalder Stadion, Grünwalder Stadion – egal, was ist. Das ist wichtiger als alles andere. Sie wissen aber nicht, dass sie ihrem Verein dadurch schaden und ihn kleinmachen.”
sechzger.de-Faktencheck: diese Aussage – ganz im Narrativ des interviewenden Mediums – ist belegbar falsch: Erst vor wenigen Tagen äußerte sich Präsident Robert Reisinger in der AZ wie folgt: “Was wir wollen ist glasklar: Eine längerfristig wirtschaftlich tragfähige Lösung für den Spielbetrieb der TSV München von 1860 GmbH & Co KGaA im Profifußball. Ob das Grünwalder Stadion eine solche Lösung sein kann, wissen wir nicht”.
“Zukunft funktioniert nur in einem neuen Stadion”
Ismaik: “1860 braucht eine Zukunft und die funktioniert nur in einem neuen Stadion. Ich kann ihm (OB Dieter Reiter, d.Red.) versprechen: Die Stadt wird davon auch profitieren. Es wird eine Arena sein, auf die alle Fans und alle Menschen der Stadt stolz sein werden. Sie wird moderner als die Allianz Arena.”
sechzger.de-Faktencheck: wie gut 1860 in einem neuen Stadion “funktioniert” hat, zeigt erneut das Beispiel Allianz Arena (frei nach Klaus Lutz: siehe oben!). Der Unterschied zwischen der Allianz Arena und Ismaiks Neubauphantasien ist, dass es seinerzeit ein Grundstück sowie eine erhebliche Beteiligung von Stadt und Freistaat Bayern in der Bereitstellung der benötigten Infrastruktur gab (“Darüber hinaus hat die öffentliche Hand rund 210 Millionen Euro für Arealerschließung und Infrastruktur gezahlt.”). Eine solche Förderung/Beteiligung durch die öffentliche Gelder für nur einen Fußballcub wäre rechtlich gar nicht zulässig (deshalb wurde der TSV 1860 damals in das Projekt Allianz Arena, auch im Hinblick auf die WM 2006, willig hineingedrängt) und zudem aufgrund der begrenzten Mittel, gestiegenen Baukosten und benötigten Planungszeiten völlig unrealistisch.
Hasan Ismaik: Alles wiederholt sich
Wenn man bei Hasan Ismaik eine Konstante in seinem Verhalten erkennen will, so ist es diese: Phantasierereien über einen Stadionneubau auf der grünen Wiese, höher, größer, moderner, haben beim Jordanier Tradition. Bereits 2016 schrieb die “Süddeutsche Zeitung” darüber, bereits damals waren seine diesbezüglichen Aussagen Teil eines “fixen Programms”:
“Wenn Hasan Ismaik seinen TSV 1860 besucht, scheint er mittlerweile ein fixes Programm zu haben. Das läuft gefühlt so ab: Einmal geht er ins Stadion, wo seine Mannschaft mit Sicherheit verliert. Dann sagt er was über Champions-League-Perspektiven, was mal seine Anhänger euphorisiert und mal die traditionalistischen Investorenverweigerer nervt. Und am Ende fährt er zum Marienplatz und besucht Oberbürgermeister Dieter Reiter in dessen Büro.
Dort sprechen die beiden etwa eine halbe Stunde über ein neues Löwenstadion. Der Standort in Riem hat sich als Konstante herauskristallisiert, das Wildgehege mit echten Löwen, die Namen von Vereinshelden tragen, eher nicht. Und das Stadion selbst wächst und wächst. Anfangs war von 25 000 bis 30 000 Zuschauern die Rede, nun von mehr als 50 000. Die Münchner staunen nur, weil keiner weiß, wie solch eine Arena regelmäßig gefüllt und damit wirtschaftlich betrieben werden soll. Man darf annehmen, dass es den 1860-Verantwortlichen nicht anders geht.”
(Süddeutsche Zeitung, “Der Stadion-Neubau ist eine Posse, und alle spielen mit” vom 30.09.2016)
Hausmiete in München: “leider etwas dazwischengekommen”
Ismaik: “Ja, ich hatte ein Haus zur Miete in Thalkirchen gefunden. Aber dann ist aus privaten Gründen leider etwas dazwischen gekommen und so musste ich das stornieren. Ich überlege jetzt, ob es nicht sinnvoller ist, mir gleich ein Haus zu kaufen, anstatt nur zu mieten.”
sechzger.de-Faktencheck: nach 2011 und 2016 nun der dritte, noch nicht von Erfolg gekrönte Anlauf. sechzger.de weiß: Der Immobilienmarkt in München ist ein hartes Pflaster. Der Immobilienmarkt für Stadiongrundstücke ist noch härter. Wir wünschen eine glückliche Hand und gutes Durchhaltevermögen!
Fazit und Meinung: Kein Grundstück, keine Finanzierung, kein Plan, und die wie gewohnt ausgemachten Schuldigen.
Ismaiks Interview wartet nur mit Schuldzuweisungen und populistischen Aussagen auf. Es existiert in keiner Silbe ein konkreter Plan, wie er seine anvisierten Ziele mit dem TSV 1860 München erreichen könnte. Dank ihm spricht der TSV 1860 in der Stadionfrage nun tatsächlich auch öffentlichkeits- und medienwirksam nicht mehr mit einer Stimme. Hasan Ismaik hat mit diesem Interview seinem Invest einmal mehr einen Bärendienst erwiesen.
Zum Glück sind all seine unwahren Behauptungen durch Quellen widerlegbar, wenn man sich die Mühe macht.
Titelbild: (c) Anne Wild














