…und warum ein 25.000er der folgerichtige Weg ist
Wer beim TSV 1860 München über ein neues Stadion spricht, diskutiert selten nur über Beton, Dächer und Drehkreuze. Es geht um Identität, Spieltag, Bindung – und am Ende auch um die ganz profane Frage, wie ein Verein im Profifußball dauerhaft konkurrenzfähig bleibt. Genau deshalb wirkt die Debatte oft so aufgeladen. Dabei liefern die Fakten inzwischen ein erstaunlich klares Bild: Ein Ausbau in Giesing auf rund 25.000 Plätze ist nicht nur emotional naheliegend, sondern auch rational gut begründbar.
Harte Nachfrage statt Bauchgefühl
Die Gegenwart im Grünwalder Stadion ist der beste Ausgangspunkt. 27.000 Mitglieder, 11.000 Dauerkarten, die bereits in der ersten Verkaufsphase vergriffen waren – das ist nicht der Sound einer kurzfristigen Mode. Das ist strukturelle Nachfrage. Und sie entsteht unter einer Kapazitätsgrenze, die seit Jahren den Markt „künstlich“ verknappt. Das Stadion ist immer voll, der freie Verkauf ist minimal, und selbst wenn am Spieltag vereinzelt Tickets im Zweitmarkt auftauchen, ändert das nichts am Grundmuster: Dieses Produkt ist begehrt!
Diese Knappheit ist dabei nicht einfach ein lästiger Engpass. Sie ist auch ein Mechanismus, der Bindung verstärkt. Eine Dauerkarte ist in Giesing nicht nur ein Steh- oder Sitzplatz, sondern Zugang zu einem Ritual. Genau deshalb geht es bei der Kapazitätsfrage nicht um „so groß wie möglich“, sondern um „so groß wie sinnvoll“, damit die Nachfrage stabil bleibt und sich nicht im Alltag abnutzt.
Die Impact-Studie vom vergangenen Jahr: Fernanreise und Standortliebe schließen sich nicht aus
Ein starkes Argument liefert die Impact-Studie aus dem vergangenen Jahr: Viele Fans reisen von weiter an, nicht nur aus München und dem unmittelbaren Umland. Gleichzeitig wird der Standort in Giesing überproportional geschätzt. Das ist ein entscheidender Punkt, weil er ein verbreitetes Gegenargument entkräftet. Es heißt oft, ein Außenstandort sei für Auswärtige oder Fernanreisende automatisch praktischer. Die Daten erzählen eine andere Geschichte: Gerade wer nicht um die Ecke wohnt, schätzt offenbar den Zielort als Teil des Gesamterlebnisses.
Das passt zu dem, was jeder Spieltag in Giesing zeigt. Der Weg durchs Viertel, die Ecken, die Kneipen, der Straßenraum, das „Stadion in der Stadt“ – das ist keine Kulisse, sondern Teil des Produkts. Wer diesen Faktor herausnimmt, verändert das Produkt fundamental. Und zwar nicht zwangsläufig zum Besseren.
Allianz-Arena als Reality-Check: Größe und Liga allein bringen keine Bindung
Die Debatte wird oft so geführt, als sei ein großes modernes Stadion automatisch gleichbedeutend mit mehr Zuschauern, mehr Dauerkarten, mehr Gewinn. Die eigene Historie widerlegt das ziemlich deutlich.
In der letzten Saison in der Allianz Arena lag die Zahl der von 1860 verkauften Dauerkarten bei 6.600 – trotz Euphorie, namhaften Neuzugängen und dem teuersten Kader der Liga, der die Spielzeit am Ende mit dem Abstieg beendete. Das ist als Kennzahl hochinteressant: Denn heute, als sogenannter „Drittliga-Dino“ in der 3. Liga, werden in Giesing 11.000 Dauerkarten verkauft – und zwar so, dass die erste Phase sofort ausverkauft ist.
Noch deutlicher wird es beim Blick auf die Zuschauer im Ganzen. Nimmt man den Heim-Zuschauerschnitt von 1860 in der Allianz Arena über die sieben Saisons 2010/11 bis 2016/17, landet man bei einem Mittelwert von 22.283 pro Heimspiel. In einem großen, modernen Stadion und in einer höheren Liga war die reale Nachfrage also nicht automatisch in Regionen, die ein 35.000er oder 40.000er Projekt als „sicher füllbar“ erscheinen lassen. Das ist ein guter Beleg dafür, dass Infrastruktur und Ligazugehörigkeit allein keine Garantie für dauerhaft höhere Erlöse sind.
Dieser Punkt ist wichtig, weil er die Risiko-Frage schärft: Ein großes Stadion außerhalb funktioniert nur dann wirklich gut, wenn die Nachfrage nicht nur theoretisch existiert, sondern praktisch Woche für Woche zuverlässig kommt. Die Allianz-Jahre zeigen, dass man sich darauf nicht blind verlassen sollte.
Modernisierung ja – Standortwechsel nein
Natürlich ist das Grünwalder nicht perfekt. Genau das sagt auch die Impact-Studie: Modernisierung wird eingefordert. Das ist aber kein Argument gegen Giesing, sondern ein Auftrag an Giesing. Es geht um zeitgemäße Infrastruktur, bessere Abläufe, Komfort, Sanitär, Barrierefreiheit, Sicherheits- und Medienstandards, Catering, Hospitality – also um all die Dinge, die ein moderner Profifußballstandort liefern muss.
Und hier wird das derzeitige Vorgehen des Vereins relevant: die Machbarkeitsstudie. Das ist kein Symbolprojekt, sondern der richtige Schritt, weil er die entscheidenden Fragen geordnet klärt: Was ist genehmigungsfähig? Was ist technisch machbar? Welche Kosten und Zeitpläne sind realistisch? Welche Anforderungen aus dem Profifußball müssen erfüllt werden? Welche Lösungen braucht es beim Thema Lärm und Umfeld?
Vor allem aber benennt der Verein dabei nicht nur Sitzplätze, sondern auch zusätzliche Möglichkeiten, Einnahmen zu generieren: Fanshops (spätestens ab 2032 auch wieder bei uns ein relevanter Faktor), gastronomische Angebote und flexible Eventflächen. Diese Eventflächen sind mehr als ein Nebengedanke. Sie sind der Hebel, mit dem ein Stadion auch außerhalb von 17 (oder 19) Heimspielen wirtschaftlich arbeiten kann – für Vereinsveranstaltungen, Partner-Events, Tagungen, kleinere Formate, vielleicht sogar Konzerte, die dem Standort regelmäßige Nutzung geben. Wer so plant, baut nicht nur eine Tribüne, sondern eine Plattform.
Warum 25.000 in Giesing das sinnvollste Ziel ist
Ein 25.000er in Giesing löst mehrere Probleme gleichzeitig:
Es entspannt den Engpass, ohne das bewährte Produkt „Heimspieltag in Giesing“ zu verändern.
Es schafft Wachstumsspielraum bei Dauerkarten, ohne den freien Verkauf komplett auszutrocknen.
Es hält Auslastung und Atmosphäre planbar hoch, weil man nicht in ein Größenrisiko läuft, das bei sportlichen Dellen sofort sichtbar wird.
Es ermöglicht zusätzliche Erlöse über Gastronomie, Fanshop (spätestens ab 2032 wieder in der eigenen Hand) und insbesondere flexible Eventflächen – also nicht nur mehr Plätze, sondern bessere Nutzung.
Das ist am Ende die nüchterne Logik hinter dem emotionalen Wunsch: Giesing ist nicht nur Tradition. Giesing ist ein Standortvorteil, der Nachfrage produziert und Bindung stabilisiert. Ein Ausbau auf rund 25.000 Plätze wäre deshalb kein romantischer Rückgriff, sondern eine pragmatische Entscheidung: Wachstum dort, wo das Produkt nachweislich funktioniert – und Modernisierung dort, wo sie nötig ist.
Wer den TSV 1860 München langfristig im Profifußball stark sehen will, braucht nicht das größte Stadion. Er braucht das richtige. Und vieles spricht dafür, dass dieses richtige Stadion weiterhin in Giesing steht.
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider