Am 13.06.1964 krönte sich der TSV 1860 zum Pokalsieger und qualifizierte sich damit für den Europapokal, wo die Löwen ein Jahr später das Finale erreichten.

Unter den zigtausend Löwenfans, die sich damals auf den Weg ins Neckarstadion nach Stuttgart machten, war auch der Vater unseres Autors Stefan Kranzberg, der uns (und Euch) an seinen Erinnerungen teilhaben lässt. Viel Spaß!

Erinnerungen eines Zeitzeugen

Bereits am frühen Morgen des 13.06.1964 fuhren wir von München aus mit dem Auto nach Stuttgart. Wir, das waren ich (damals gerade 18 geworden), ein Arbeitskollege und zwei ältere Männer, mit denen wir schon des Öfteren auf einer Wiese an der Naupliastraße in Obergiesing Fußball gespielt hatten. Es war schon ein riesiges Erlebnis, wie viele Löwenfans mit ihren Fahrzeugen Richtung Schwaben unterwegs waren, um 1860 zu unterstützen. Der große Favorit war ja die Eintracht, zumal wir uns im Halbfinale beim 4:1 nach Verlängerung gegen Altona sehr schwer getan hatten.

Wir hatten eine große Sechzgerfahne dabei, die wir auch mit auf den Stuttgarter Fernsehturm nahmen. Für uns war das natürlich etwas ganz Besonderes, zumal es damals in München den Olympiaturm noch gar nicht gab. Aufgrund der Fahne wurden wir von vielen Besuchern jedoch nur belächelt, aber wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am Besten.

Als wir im Stadion ankamen, war es bereits brütend heiß. Spielbeginn war um 16 Uhr, die Hitze war schier unerträglich und keiner von uns wollte mit den Spielern auf dem Platz tauschen. Trotzdem entwickelte sich ein spannendes Spiel mit vielen Tormöglichkeiten. Als Kohlars in der 43. Minute das 1:0 für die Löwen erzielte, war der Jubel natürlich riesengroß, denn schon vorher waren wir uns einig, dass die Mannschaft gewinnen würde, die zuerst trifft.

TSV 1860 wird Pokalsieger 1964

In der zweiten Halbzeit musste dann (wenn ich mich nicht täusche) Berti Kraus verletzungsbedingt raus und damals durfte ja noch nicht gewechselt werden. Diese Hitze und nun auch noch Unterzahl… Die Eintracht machte mächtig Druck auf unser Tor, doch die Löwen machten ihrem Namen alle Ehre und kämpften bis zum Umfallen. Umso größer war die Erleichterung, als Rudi Brunnenmeier in der 63. Minute das 2:0 für 1860 erzielte und der Jubel kannte keine Grenzen. Uns war klar: Das lassen sich die Löwen nicht mehr nehmen!

Frankfurt gab sich zwar noch nicht geschlagen, doch trotz Unterzahl brachte Sechzig dieses Ergebnis souverän über die Zeit und sicherte sich den DFB-Pokal. Als Kapitän Rudi Brunnenmeier den Pokal überreicht bekam, floss nicht nur auf dem Platz die ein oder andere Freudenträne. Wie wir heute wissen, standen uns damals goldene Jahre bevor: Europapokalfinale und Meisterschaft sollten folgen. Damals jedoch genossen wir den Moment und die Heimfahrt war wie ein weiß-blaues Meer, da alle ihre Fahnen aus den Autos hängen ließen.

Autoren: HJF & Stefan Kranzberg

 

4.2 10 votes
Artikelbewertung
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
14 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
Dennis M.

Mythos 60 München 💪

Chemieloewe

Ein großer Erfolg in einer ganz großen, glanzvollen Zeit von 60. Absolut löwenstark. Danach, in der nächsten Saison 1964/65 hat 60 im Europapokal der Pokalsieger sogar das Finale gegen West Ham United im Londoner Wembley-Stadion gespielt, leider mit 0:2 verloren, aber immerhin. Und dann der ganz große Triumph 1966 mit dem Meistertitel. 👍👏💙🦁💙👌💪

Danach ging es leider nach u. nach bergab, mal wieder bergauf u. nach 2002…2004 in der AA wirtschaftlich u. später auch sportlich so richtig bergab. Leider. Bis dato keine Aussicht auf Besserung. 😫😭😴😖👎

Last edited 11 Monate zuvor by Chemieloewe
Kraiburger

Wobei man möglicherweise aber auch sagen kann, dass uns diese Epoche ziemlich versaut hat.

Klar ist mir die Vizemeisterschaft 1931 und der Pokalsieg im Kriegsjahr 1942 bekannt. Und mir ist durchaus bewusst, dass wir Ende der 1990er Jahre mal ein klitzekleinewenig dran war, oben mal wieder ran zu kratzen.

Aber die Zeit von 1963 bis 1966 waren in unserer 175jährigen Geschichte der einzige Zeitraum, in der wir mal so etwas wie kontinuierlichen Erfolg im Fußball hatten. Wobei man ja wirklich von Glück reden muss, dass wir 1963 überhaupt in die Bundesliga gekommen men sind. Das hätte locker anders aus gehen können: in den 12 Jahren vor der Bundesliga gab es auch drei Abstiege aus der Oberliga und die Clubs, mit denen wir auf Augenhöhe waren nannten sich Stuttgarter Kickers und SSV Ulm.

Alles in allem hatten wir damals ein ziemliches Dusel, die Gunst der Zeit aber voll für uns genutzt. Es steht außer Frage, dass ich damals gerne dabei gewesen wäre.

Es waren drei erfolgreiche Jahre, kein Zweifel.

Aber rückblickend stellt man fest, dass diese 3 erfolgreichen Jahre letztendlich 60 Jahre später noch den Anspruch an uns selbst darstellen, dass wir uns unbedingt ganz oben sehen wollen. Dabei sind 3 Jahre von 175 eigentlich nicht viel und trotzdem bezieht man alles auf den Zeitraum und wünscht sich nur diesen zurück.

Es stellt sich mir die Frage was heute unser Anspruch wäre, wenn wir in der Saison 62/63 die entscheidenden 3 Punkte für die Bundesligaqualifikation nicht geholt hätten?

Unser Anspruch heute ist es, wieder dahin zurück zu kehren wo wir nur ein Bruchteil unserer Geschichte standen. Das verängstigt mich und während der Lektüre unserer Geschichtsbücher stelle ich mir dabei sehr viele Fragen.

Wobei ich es auch liebe, darüber zu philosophieren.

Was mich aber nachhaltig irritiert ist doch folgendes: während dieser Zeit der größten Erfolge wurde auch unsere Hymne für die Ewigkeit geschrieben, die jeder von uns im Schlaf singen kann. Darin beschwören wir die Treue zu “meinem Verein für alle Zeit” und dass “die Kameradschaft alles aus macht!”.

Und nachdem ich die Hymne im Schlaf gesungen habe und aufwache, stelle ich immer wieder folgendes fest: es gibt sehr, sehr viele Leute, welche aus dieser tollen Epoche einen Anspruch an unseren Verein ableiten, der einzig und allein auf den sportlichen Erfolg der ersten Fußballmannschaft abzielt. Und genau diesen Leuten aber der Verein und unsere Kameradschaft am Arsch vorbei gehen.

Und das macht mich traurig. Und dann denke ich mir, dass uns diese 3 Jahre versaut haben.

WilkinsMicawber

Sehr spannender Beitrag, Kraiburger! Danke für diese Denkanregung, über die ich so nie nachgedacht hatte. Wird mich noch eine Weile begleiten, aber ich möchte trotzdem auch spontan was zu schreiben.

Das alles ist natürlich hypothetisch und es gibt keine wahren Antworten. Aber die Frage ist, welcher Verein 1860 heute wäre ohne die goldenen 60er Jahre. Und ob wir ohne Gründungsteilnahme ein Opfer der Bundesliga geworden wären wie Westfalia Herne: in der Oberliga ein ernst zu nehmender Verein, danach in der Versenkung verschwunden. Und somit hat Herne heute wohl keinen Kraiburger, keinen Kranzberg, keinen Walter, keinen Dennis, die sich ständig in den Kommentaren tummeln: weil’s einfach keinen mehr interessiert.
Ist wie das Künstlergenie, das vor 200 Jahren als Kind verstorben ist, ohne ein großes Werk zu hinterlassen. Redet wer über dieses Genie? Gibt ja nichts zu reden..

Vielmehr sehe ich aber in dieser Meistermannschaft ein identitätsstiftendes, vereinendes Symbol. Meinst du nicht auch, man kann bei 1860 alles und jeden kritisieren – und weiß Gott, alles und jeder wird kritisiert und schlecht geredet: aber die Meistermannschaft nicht. Hast du nicht nach Hansi Rebeles Tod ein Bild von dir mit ihm irgendwo gepostet? Diese Mannschaft hat als einziges den unumstrittenen Respekt des gesamten Vereins. Und dass wir, wir 1860, das geschafft haben, das ist was Besonderes, eben Identitätsstiftendes.

Ich war auch nicht dabei damals, aber allein dass dieser Mythos um diese Truppe existiert, gibt mir irrsinnig viel. Ist keine Belanglosigkeit für mich, keine Notiz in der Chronik, kein abgehalfterter Fangesang, den man mal mitsingt. Na, für mich sind die goldenen 60er Jahre (die halt echt in den 60er Jahren waren) ein ganz wesentlicher Teil von Sechzig.

Übrigens glaube ich nicht, dass die drei von den 124 Jahren unserer Fußballhistorie (du weißt natürlich, dass die Fußballabteilung erst 1899 gegründet wurde) heute unsere Ansprüche definieren. Das waren eher die Herren Wildmoser und Lorant, die uns diese Welt von Europa, Derbysiegen und zehn Jahren Erstklassigkeit gezeigt haben. Und weil’s damals ja möglich war, müssen doch die aktuell Verantwortlichen nur ahnungslose Holzköpfe sein – sonst wären wir ja wieder da und hätten die Nachfolger von Icke Häßler und Martin Max und Gerald Vanenburg in unserem Kader.

Aber wieder: diese Epoche hat halt auch eine große Generation an Löwenfans erzeugt, die jetzt auch weiter den Verein tragen und relevant halten. Weißt, ich glaube nicht, dass wir Löwenfans Erfolgsfans sind – aber ohne diese Epochen und Erfolge wären halt viele von uns nicht Löwen geworden und hätten gar keine Gelegenheit gehabt, Löwentreue zu beweisen. Wenn man mal da ist, bleibt man; aber diese Erfolge haben halt auch Leuten die Tür geöffnet, zu 1860 zu kommen.

Deinen Worte zum Vereinslied stimme ich voll zu. Ja, wir lügen uns mit dem Kameradschaft-Besingen leider schon ordentlich in die Tasche.
Müssen wir halt alle für uns reflektieren, wie wir Kameradschaft definieren: was wir Leuten ins Gesicht sagen, was wir ihnen auf sechzger.de um die Ohren hauen – und was wir zum Wohle des Vereins für uns behalten.

Nochmals Danke für deinen Beitrag, war eine toller Impetus zum Nachdenken. Und immer, wenn ich so über unseren Verein nachdenke, bleibt am Ende trotz allen Ärgers und Frusts irgendwie doch die simple Antwort übrig: Sechzig ist der geilste Club der Welt!

Grüße

Wilkins

Kraiburger

Guten Morgen,

danke für dein Feedback.

Den Ansatz den du wählst kann ich sehr gut nachvollziehen: Die glorreichen 60er-Jahre als identitätsstiftendes Merkmal, die 90er-Jahre als Sinnbild dafür, wie wir es versauen können?

Mit dem Ansatz kann ich leben und arbeiten und habe auch ein Argument dafür, leider auch eines dagegen (*)! Sicher ist auf jeden Fall, dass wir unser Fandasein, sofern wir überhaupt Fans geworden wären, möglicherweise anders ausgelebt hätten.

Was ebenfalls dafür spricht ist auch meine andere These, dass jeder Fan die Ansprüche hat, in welche er aufgrund der Gnade seines Geburtszeitraums hineinsozialisiert wurde.

Dazu sehe ich zB Typ 1 als Fan: In den 60er-Jahren oder früher geboren und als Deutscher Meister und Europacupteilnehmer aufgewachsen. Mit Sechzig sozialisiert spätestens mit der Ära Schorsch Metzger und seit 1977 kein Spiel mehr verpasst. Klar, diese Löwen kennen Sechzig nur als Deutscher Meister und ertragen es nicht, auch nur ansatzweise eine Liga darunter zu spielen. Zeiten wie diese sind ihnen ein Greuel. Wildmoser hat sie in den 90ern endlich wieder dahin gebracht, wo sie hingehören. Früher war halt alles besser, woast eh.

Typ 2 ist jetzt ungefähr 50 Jahre alt, Mitte/Ende der 70er Jahre geboren und wurde bei Spielen gegen Ampfing und Frohnlach ein Sechzgerfan. Schneetreiben, das ständige Scheitern und das Wissen, sowieso auf die Schnauze zu fallen und wieder aufzustehen. Und dann noch diese alten, die immer nur von der Meisterschaft labern. Sechzig ist hier und jetzt, und wenns sein muss rauf ma auch gegen Bayreuth! Früher war halt alles besser, woast eh.

Typ 3 kam dann zwischen 1990 und 2005 dazu. Yeah, Europacup, aufkommende Kommerzialisierung, Nordkurve-Olympiastadion. Der Wildmoser hat uns endlich gezeigt, wo wir hingehören. Wenn da nur nicht diese Alten wären, die ständig von ihrer Scheiß Bayernliga erzählen. Die machen wohl das Licht noch mit dem Hammer aus. Ach, was waren das für Zeiten. Wo wären wir denn heute ohne Wildmoser? Früher war halt alles besser, woast eh.

Typ 4 ist jetzt alles, was irgendwie seit 2005 gekommen ist. Zweite Liga, Cosa Nostra, AllianzArena. Viele von denen sind jetzt auch schon alt und erzählen von früher. Ein neuer Schwung Typ 4 kommt seit 2017 hinzu und die genaue Differenzierung kann man noch nicht feststellen. Und man erzählt sich wie geil das war, früher, 2018. Beim Aufstieg gegen Saarbrücken. Früher war halt alles besser, woast eh. Und früher wird schon immer alles besser gewesen sein.

Der Kranzberg und ich sind irgendwo zwischen 2 und 3 sozialisiert worden. Den Dennis, den du ebenfalls erwähnt hast orte ich voll in 3 ein. Wo du stehst weiß ich nicht, ich habe aber eine Vermutung.

Aber zusammengefasst hat daher jede Generation an Fans seine eigenen Ansprüche, und wie es in Generationenkonflikten nunmal so ist, kann die darauffolgende Generation damit nichts anfangen.

Mein Ansatz war zumindest mal zu hinterfragen, woher das “identitätsstiftende” aus den 60er-Jahren so kommt. (* siehe Eingangssatz) Und was ein Argument ist, das gegen deine These spricht. Aber das erzähle ich dir heute Abend im Riffraff, falls du kommst.

WilkinsMicawber

Wieder ein spannender Beitrag. Ich habe in meinem Umfeld keine Löwenfans, sodass ich schwer beurteilen kann, wie stark sich das in Wirklichkeit ausprägt, aber du hast das sehr schlüssig argumentiert. Ich habe da nie sehr stark weiter gedacht, außer dass eben im Zuge der 90er Jahre viele zu den Löwen kamen. Aber wenn man es so gliedert wie du, wundert man sich eigentlich nicht, dass alle in eine andere Richtung denken… Danke also für den Gedankenimpuls!

Das mit der Fußballabteilungsgründung 1899 las ich erstmals in der Vereinschronik (“Geschichte eines Traditionsvereins”, die du sicher auch kennst). Und ich erinnere mich 1999 gab es so eine Serie an T-Shirts, Aufklebern etc. Also dachte ich, das sei recht amtlich so.

Da ich nicht in München, nicht mal in Deutschland lebe, kann ich leider nicht ins Riffraff. Wobei ich mir ein ausgiebiges Löwengespräch mit dir bei ein paar Bier sehr unterhaltsam vorstelle. Aber habt einen schönen Abend und viel Glück beim Quiz!

Grüße

Wilkins

Kraiburger

Nachtrag:

Falls du einen Beleg findest, dass die Fußballabteilung 1899 gegründet wurde, bring ihn mir bitte. Ich find ihn nirgends! (Kein Witz!)

Aschlegel

Zu der Zeit war ich noch ein Baby, aber mein Vater war dort und berichtete mir später immer wieder mit großem Glanz in den Augen davon. Das war ein tolles Erlebnis für ihn. Er wollte 65 auch nach Wembley, aber da hatte er sich zu spät um Flug und Ticket gekümmert.

Ach, ich vermisse die Fußballgespräche mit meinem Vater …

Aschlegel

Großartig! Da hat Dein Vater bestimmt auch oft davon berichtet. Ein paar Jahre später haben wir auch viele Erlebnisse dann geteilt. Mein Vater hat als Autohändler immer die entsprechenden PS zur Auswärtsfahrt mitgebracht. Das war für uns immer ein Kurzurlaub, wo wir alles hinter uns ließen … 🙂

Gundel

Sehr schöner Bericht! Aus Sicht eines damals 18-jährigen Jugendlichen waren die Begleiter “zwei ältere Männer”. Vermutlich waren die Herren keine 30 😉

WilkinsMicawber

Ganz toller Beitrag! Der Pokalsieg geht immer bisschen unter mit Blick auf Wembley und 1966, aber war sicher auch ein unvergessliches Erlebnis. Danke für den Bericht! 🙂

Beste Grüße

Wilkins

Kraiburger

Wobei wir damals ja streng genommen nicht den DFB-Pokal gewonnen haben, sondern den Vorgänger “Tschammer-Pokal”, der an dem Tag das letzte mal vergeben wurde!

Wäre übrigens eine gute Frage fürs Pub-Quiz!