Sollte jemand behaupten, der TSV 1860 träfe heute Abend um 18.60 Uhr zum ersten Mal in seiner langen und wechselhaften Geschichte auf den SC Verl, täuscht der sich gewaltig. Als Ligaspiel ist das Duell zwar eine Premiere, aber vor zehn bzw. dreizehn Jahren kam es in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals zu Duellen mit dem damaligen Regionalligisten, bei denen sich jeweils der Zweitligist durchsetzen konnte (2007 mit 3:0 durch drei Tore von Antonio di Salvo und 2010 mit 2:1 durch den Doppeltorschützen Stefan Aigner). Gespielt wurde beide Male im Stadion an der Poststraße, das mittlerweile auf den Namen „SC-Arena“ hört. Hier trugen die Ostwestfalen auch ihre ersten beiden Heimspiele der aktuellen Drittligasaison gegen die kleinen Roten und Hansa Rostock vor jeweils 1.000 Zuschauern aus. Seit dem 6. Spieltag tritt der Liganeuling hingegen vor leeren Rängen in der Paderborner Benteler-Arena an. Diesem Standortwechsel ging ein ziemlicher Eiertanz voraus: Da das Verler Stadion eine Maximalkapazität von 5.000 Besuchern aufweist, musste der Aufsteiger vor der Saison für die Drittligalizenz eine Ausweichspielstätte benennen und tat dies mit der Heimstatt des SC Paderborn. Aufgrund der Corona-bedingten begrenzten Zuschauerzulassung ab Beginn dieser Saison erhielt Verl dann aber eine Ausnahmegenehmigung und begann die Spielezeit zu Hause in der vertrauten Umgebung. Und eigentlich sollte dies so beibehalten werden. Für die Abendspiele organisierte der Verein eine mobile Flutlichtanlage, um fortgesetzt im beschaulichen 26.000-Einwohner-Städtchen bleiben zu können. Allerdings lehnte der Gast 1. FC Magdeburg Mitte Oktober eine Verlegung, des ursprünglich ja in Paderborn angesetzten Spiels nach Verl ab. Da dann am 8. Spieltag die Verler Heimpartie gegen Zwickau abgesagt werden musste (der Nachholtermin ist genau heute in einer Woche), das Spiel gegen Lübeck auf Montag Abend angesetzt worden war und auch die heutige Partie ein Abendspiel ist, bestreiten die Verler in diesem Herbst in Summe acht Wochen lang ausschließlich Flutlichtheimspiele – und zwar alle in Paderborn. Ob eine Rückkehr nach Verl im Dezember oder später angedacht ist, ist aktuell nicht bekannt. Für uns aber auch egal, da für die Löwen das Gastspiel im Westen ja schon morgen der Vergangenheit angehört

An den „Wellblechpalast“ in Paderborn haben die Löwenfans – ohne abschweifen zu wollen – übrigens eher schlechte Erinnerungen. In neun Zweitligaspielen gelangen dort nur ein einziger Sieg (gleich zur Premiere im März 2006) und zwei magere Unentschieden. Ansonsten setzte es in Paderborn stets – mitunter empfindliche – Pleiten. Diese aber eben gegen einen anderen Verein, als den heutigen Gastgeber.

Der „Sportclub Verl von 1924“ macht erst seit den 1970er-Jahren mit Ambitionen im Fußball jenseits der Kreis- oder Bezirksliga auf sich aufmerksam. Im Jahr 1986 gelang erstmals der Sprung in die drittklassige Oberliga Westfalen, der man acht Jahre lang in Serie angehörte und sich 1994 auch direkt für die Regionalliga West/Südwest bzw. Nord (ab 2000) qualifizierte. Erstmalig für allerdings sehr kurzzeitige bundesweite Aufmerksamkeit sorgte der SC Verl im Jahr 1991, als man als Staffelmeister an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga/Gruppe Nord teilnehmen durfte. In der Süd-Gruppe gelang in diesem Jahr einem gewissen TSV 1860 München der vielumjubelte Aufstieg nach neun Jahren in der Bayernliga. Den Verlern war diese Freude nicht vergönnt. In der Fünfergruppe (mit nur einem Aufsteiger!) waren sie zwar besser, als TeBe Berlin, aber landeten hinter Göttingen 05, dem VfL Wolfsburg (erste Mannschaft!) und dem Aufsteiger, den wahrscheinlich kaum ein Leser hier im Kopf hat: Dem FC Remscheid.

Nach dem Abstieg aus der Regionalliga 2003 und einem vierjährigen Gastspiel in der mittlerweile viertklassigen Oberliga gelang 2007 nochmal für ein Jahr der Sprung in die Drittklassigkeit – die Qualifikation zur neu gegründeten bundesweiten 3. Liga misslang jedoch. Und auch in den Folgejahren tat man sich gegen die extrem namhaften und traditionsgeladenen Konkurrenten in der – nun wieder auf den Namen Regionalliga West hörenden – vierten Liga schwer. Mittelfeldplatzierungen zwischen sieben und 13 gehörten zum Verler Alltag, genauso wie die stets nur dreistelligen Besucherzahlen in der SC-Arena. Der überraschende Aufstieg in die 3. Liga in diesem Corona-Jahr 2020 wurde nicht als Meister realisiert. Nachdem die reguläre Saison nach dem 28. Spieltag abgebrochen wurde, der „ernannte“ Meister SV Rödinghausen jedoch auf die Beantragung einer Drittligalizenz verzichtete, rückten die Verler als Zweitplatzierte in die beiden Qualifikationsspiele gegen den Nordost-Vertreter Lokomotive Leipzig nach und – das nächste Kuriosum – stiegen ohne einen Sieg in den beiden Spielen auf. Nach einem 2:2 in Leipzig reichte zu Hause ein 1:1, um aufgrund der Auswärtstorregel in die 3. Liga zu rutschen.

Die Annahme, der SCV könnte – aufgrund dieser durchaus zweifelhaften Aufstiegs-Umstände – in der 3. Liga dann gar nicht richtig ankommen, wies man im Kreis Gütersloh allerdings schnell zurück: Die bereits eingefahrenen 16 Punkte bedeuten einen starken sechsten Tabellenplatz, dabei haben die Verler erst neun Partien absolviert und könnten im Erfolgsfall noch weiter aufrücken. In einer Saison, in der nach elf Partien ein anderer Aufsteiger (nämlich der 1. FC Saarbrücken) die Tabelle souverän anführt und in der ein weiterer ambitionierter Aufsteiger (nämlich Türk Gücü) mit genauso vielen Punkten nach genauso vielen Spielen dasteht, mag das Erreichte für relativ wenig Aufsehen sorgen – nichtsdestotrotz ist der bisherige Saisonverlauf der Ostwestfalen absolut bemerkenswert.

Entsprechend steht heute Abend für unsere Löwen wieder mal eine echte Herausforderung auf dem Programm, zu der unter normalen Umständen – trotz des ungünstigen Dienstagabendtermins – natürlich wieder zahlreiche Fans in weiß und blau angereist wären. So verfolgen die Daheimgebliebenen – in gewohnter Manier – im Bezahlfernsehen bzw. im sechzger.de-Liveticker, wie das Team von Michael Köllner mit einer der stärksten Offensiven dieser Liga zurecht kommt. Wobei: So richtig gewöhnen werden wir uns daran wahrscheinlich nie, oder?

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