Auf mitunter dünnes Eis begibt sich, wer das unternehmerische Konzept hinter dem heutigen Löwengegner Türkgücü zu vehement in Frage stellt. Manchmal nicht ganz zu Unrecht ist schnell von Rassismus die Rede, wenn man die Berechtigung oder zumindest die unbedingte Notwendigkeit dieses Fußballkonstrukts in Frage stellt. Leider driftet der eine oder andere Kritiker am Fußballunternehmen Türk Gücü auch tatsächlich in dieses schmutzige Fahrwasser ab.

Wir wollen uns an dieser Stelle ausschließlich mit sportlichen, statistischen und historischen Fragen beschäftigen. Und dabei stellte sich dem Verfasser dieser Zeilen schon die erste zentrale Frage: Ist unser heutiger Gast im Sechzgerstadion wirklich der legitime Nachfolger des gleichnamigen Vereins, mit dem sich Löwenmannschaften in den späten 1980ern und ganz frühen 1990ern Bayernligaduelle lieferten? Sollten also diese Spiele Teil einer solchen Vorschau sein oder nicht? Die Frage ist meiner Ansicht nach keineswegs so eindeutig zu beantworten, wie es an manch anderer Stelle in diesen Tagen gerne getan wird.

Warum? Kurz umrissen wurde der 1975 gegründete erste SV Türk Gücü München im Jahr 2001 nach einer Insolvenz aufgelöst. Der Geldgeber und Präsident hatte München in Richtung Türkei verlassen. Ende der Geschichte? Türk Gücüs Platz in der damals fünftklassigen Landesliga übernahm der neu gegründete Türkische SV München, der in der Folge – ohne Geldgeber – bis 2008 in die Kreisliga durchgereicht wurde.

Durch eine Fusion mit dem SV Ataspor München, der sich schon 1981 vom ursprünglichen SV Türk Gücü abgespalten hatte – also im Prinzip so, wie der MTV 1879 einst von 1860, woraus später ein gewisser FC Bayern hervorging – entstand der heutige Verein, der 2013 wieder in die Landesliga – inzwischen nur noch sechste Liga – zurückkehrte. Drei Jahre Später stieg der Unternehmer Hasan Kivran ein und es folgten zwischen 2018 und diesem Sommer drei Aufstiege in Serie bis in die 3. Liga.

Und die Ambitionen gehen noch weiter: Bis 2023 möchte man in der 2. Bundesliga angekommen sein – als erster Verein mit einem (nominellen) Migrationshintergrund überhaupt. Erst diese Woche war im Münchner Printboulevard zu lesen, dass den zahlreichen Neuzugängen vor dieser Saison schon bald weitere folgen sollen. Geld spielt hier keine Rolle auf dem Weg nach oben.

Doch zurück zur regionalen Münchner Fußballgeschichte: Die Bilanz der Löwen gegen den „alten“ SV Türk Gücü ist positiv, aber wenig spektakulär: In insgesamt sechs Duellen in der damals drittklassigen Bayernliga konnte 1860 zwischen 1988 und 1991 viermal siegen (allerdings nie höher, als 2:0), zweimal trennte man sich unentschieden. Niederlagen stehen keine zu Buche. Eine Differenzierung zwischen Heim- und Auswärtsspielen macht bei dieser Betrachtung übrigens wenig Sinn, da alle sechs genannten Partien auf Giesings Höhen  – und nicht im Dantestadion! – ausgetragen wurden.

Zum allerersten Spiel zwischen beiden Vereinen kam es aber bereits zweieinhalb Wochen vor dem ersten Ligaduell: Im Bezirkspokal Oberbayern, in der 5. Runde der Vorrunde Groß-München (so die etwas sperrige Wettbewerbsbezeichnung) siegte Sechzig am 18. Oktober 1988 vor 3.500 Zuschauern mit 1:0. Für die Löwen hat dieses Spiel deswegen eine gewisse historische Bedeutung, da insgesamt sechs (!) Pokal-Qualifikationsspiele später der Einzug in die 1. Hauptrunde des DFB-Pokals 1989/90 gefeiert werden konnte, in dem dann eine unvergessene Reise in den hohen Norden zu TuS Hoisdorf und dann wiederum das sehr unglückliche Ausscheiden gegen die damals unangefochtene Bundesliga-Spitzenmannschaft von Werder Bremen auf dem Programm standen.

In der Gegenwart begegnen sich heute Nachmittag der (seit gestern Abend) Fünfte und der Achte der 3. Liga, wobei man ehrlicherweise einräumen muss, dass die Gäste zwei Spiele weniger absolviert haben. Als einziges Team der Liga mit bislang nur einer einzigen Niederlage (am 5. Spieltag in Magdeburg), ist der vom BFV im Sommer zum Aufsteiger ernannte Klub gleich gut in der 3. Liga angekommen.

Dies ist jedoch kein Zufall: Mit nicht weniger als 18 Neuzugängen (bei 13 Abgängen) wurde der Kader der sportlichen Herausforderung sehr aktiv angepasst. Die mitunter etwas aggressiv anmutende Personalpolitik bei Türk Gücü machte zuletzt auch vor der Trainerbank nicht Halt: Der Vertrag des ehemaligen Löwentrainers und -spielers Rainer Maurer, mit dem das Team als Aufsteiger aus der Bayernliga souverän durch die Regionalliga marschiert war, wurde im Mai, mitten in der Corona-Pause nicht verlängert. Man trennte sich bereits Mitte Mai in Unfrieden.

Zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs, der letztlich zu einer Unterbrechung mit Fortsetzung ohne Türk Gücü wurde, lag der Tabellenführer neun Punkte vor dem FC Schweinfurt. Bei ausstehenden elf Spielen noch keine finale Entscheidung, aber ein komfortables Polster. Maurers Nachfolger an der Seitenline wurde am 1. Juli ebenfalls ein ehemaliger Löwencoach: Alex Schmidt, der unsere Zweitligaprofis zwischen November 2012 und August 2013 betreut hat. Und noch ein gar nicht so alter Bekannter wird uns am heutigen Nachmittag wieder begegnen: Aaron Berzel. Der nicht zuletzt aufgrund seines Auftretens auf dem Spielfeld bei den Löwen zum Publikumsliebling gereifte Innenverteidiger wechselte bekanntlich im Sommer in Ermangelung eines Vertragsangebots bei 1860  zu Türk Gücü.

Im exklusiven Interview für sechzger.de gewährte das Mitglied der Aufstiegself von 2018 Einblicke in sein Seelenleben und verriet, dass ihm dieser Wechsel nicht besonders leicht gefallen ist und er gerne weiter das Löwentrikot übergestreift hätte. Vielleicht erinnert sich der gebürtige Heidelberger ja heute daran, dass in ihm noch ein Löwenherz schlägt und er zeigt keine Glanzleistung. Oder das Gegenteil ist der Fall – damit haben wir ja in der Vergangenheit durchaus Erfahrungen gesammelt. Von den weiteren fünf Spielern im 35(!)-köpfigen TG-Kader, die einen wie auch immer gearteten Vergangenheitsbezug zum TSV 1860 haben, dürfte heute Nachmittag nur noch Kilian Fischer zum Einsatz kommen, der einst bei den Junglöwen kickte. Oder sorgt Ex-Löwe Schmidt für eine Überraschung und bringt einen weiteren Akteur mit weiß-blauer Vergangenheit aufs Feld? Die Auswahl wäre ja vorhanden…

Diese und alle anderen wichtigen und weniger wichtigen Fragen, die rund um das Spiel auftreten, beantwortet Euch auch heute wieder der sechzger.de-Liveticker, der die ganze Veranstaltung – wie gewohnt – mit der gebotenen Portion Humor begleiten wird. Ergänzend dürfen wir auf die Liveübertragung im frei empfangbaren Programm des BR hinweisen. Weniger lustig, aber dafür mit bewegten Bildern. Unserer Meinung nach eine ideale Kombination.

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