Ein herzliches Grüß Gott zum ersten Artikel der Rubrik TAKTIKTAFEL in der Saison 2021/22, der sich mit der grundsätzlichen Taktik des TSV 1860 München beschäftigt. Heute geht es noch nicht um den kommenden Gegner. Heute sehen wir uns an, welche Erkenntnisse wir aus den Vorbereitungsspielen gewonnen haben.

Mit welchen Systemen hat der TSV 1860 in der Vorbereitung auf die Saison 2021/22 bislang gespielt?

3-1-4-2 und 4-4-2 (Raute flach)

Michael Köllner ließ die Mannschaft des TSV 1860 München in den ersten drei Vorbereitungsspielen in 3-5-2 (genauer 3-1-4-2) antreten. Die letzten beiden Vorbereitungsspiele wurden im 4-4-2 mit flacher Raute (auch 4-1-3-2 genannt) absolviert.

Damit hat man zwei ähnliche Systeme im Köcher, die sich wie folgt unterscheiden. Bei dem System mit Dreierkette ist die offensive Flexibilität höher, wohingegen bei der Viererkette die Defensive kompakter steht.

Blick aufs 3-1-4-2

Gehen wir zunächst auf das 3-1-4-2 ein. Im Spielaufbau hat man schon in der Grundformation über das Feld verteilt eine Menge an sogenannten Passdreiecken. Diese sind  im Positionsspiel wichtig, um Räume zu generieren.

Bei Ballgewinn im eigenen letzten Drittel sind im Positionsspiel der zentrale Innenverteidiger und der defensive Mittelfeldspieler die Protagonisten beim Aufbau. In der Regel wird einer der beiden den Angriff einleiten, wenn die gegnerische Pressinglinie überspielt ist. Wie das geschieht, kommt stark auf die taktische Ausrichtung des Gegners an. Durch die breite Mittelfeldviererkette hinter den eigenen Stürmern sollte es jedoch in der Regel gelingen, einen freien Spieler in der Zentrale oder auf den Flügeln zu finden. Dieser ermöglicht dann mit Tempo oder klugen Passkombinationen das Eindringen ins letzte Drittel.

Insbesondere dann, wenn der rechte und/oder der linke Innenverteidiger sich zusätzlich als offensive Anspielstation anbieten sollten, wird der offensive Overload einer Mannschaft im 3-1-4-2 deutlich.

Für den Fall, dass die äußeren Innenverteidiger so ins Spiel nach vorne eingebunden werden, dass sie ins Mittelfeld vorschieben, muss der defensive Mittelfeldspieler zusammen mit dem zentralen Innenverteidiger das Zentrum absichern. Dies geschieht vor allem, um bei einem Ballverlust nicht komplett offen dazustehen.

Spiel gegen den Ball

Auch gegen den Ball hat man mehrere Möglichkeiten, da durch die beiden Außenspieler im Mittelfeld große Flexibilität hinsichtlich defensivtaktischer Verschiebungen bestehen. Am einfachsten ist es aus der Dreierkette eine Fünferkette zu bilden. Hierfür lassen sich die beiden Außenspieler in den Defensivverbund vor dem eigenen Tor zurückfallen.

Das ist natürlich für beide Spieler mit erheblichem Laufaufwand verbunden. Dies kann zum Ende des Spiels bei nicht ausreichender Fitness große Lücken entstehen lassen.
Ökonomischer wäre die zweite Möglichkeit: Die gependelte Viererkette. Dabei lässt sich der ballferne Mittelfeldaußenspieler zurückfallen, um eine Viererkette in der Abwehr herzustellen. Diese Option verlangt von allen Spielern in Mittelfeld und Abwehr, dass sie das Spiel des Gegners richtig “lesen” und folglich richtig verschieben.

Der Box-to-Box Spieler im Fokus

Eine weitere taktisch flexible Rolle im Spiel gegen den Ball fällt dem Box-to-Box Spieler zu. Er muss sich, um die Räume vor der Abwehrkette eng zu machen, im besten Fall auf die ballferne Seite zurückfallen lassen. So wird die eigentliche Defensivarbeit dem nominellen Sechser überlassen. Der Box-to-Box Spieler kann eingreifen, wenn sich das Geschehen auf seine Seite verlagert. Er kann sich aber auch zurückziehen für den Fall, dass dem Gegner das Eindringen vor die Abwehrkette auf der anderen Seite gelingt. Dann macht er entweder den Raum vor dem Tor enger oder nimmt einen Stürmer in Deckung. Das geschieht, damit einer der Innenverteidiger den ballführenden gegnerischen Spieler stellen kann.

Was entgegnet man dem Kontrahenten im 3-1-4-2?

Das Aufbauspiel des Gegners zu unterbinden ist im Positionsspiel gegen den Ball bei diesem System äußerst wichtig. Eine gute Pressingformation auf einer der vorderen Pressinglinien, um lange Abspiele in die angebotenen Räume zu provozieren, ist hier die halbe Miete erfolgreicher Defensivarbeit. Dabei ist es überaus wichtig, dass die eigenen Defensivspieler schnell sind, um diese Räume (Pressingfallen) zuzulaufen, wenn der lange Ball dorthin kommt.

Schafft es der Gegner die Pressinglinie mit spielerischen Mitteln zu überwinden und verfügt er seinerseits über schnelle, passsichere und lauffreudige Spieler, offenbaren sich die defensiven Schwächen des 3-1-4-2. Denn dann werden vor allem die Halbräume im Mitteldrittel der verteidigenden Mannschaft sehr offen sein. Mit genauem, vertikalem Spiel kann die angreifende Mannschaft hier Nadelstiche setzen. Um in solchen Situationen einen erfolgreichen Angriff mit Abschluss zu verhindern, ist meist eine große Portion Glück vonnöten.

Genaues Timing beim Anlaufen des ballführenden Gegners kombiniert mit klarer Zuordung in der Raumdeckung beim Angriffspressing und mannorientierter Deckung im Mittelfeld sind das A und O, um hier erfolgreich agieren zu können. Dass die Löwen das beherrschen, haben sie bereits in diversen Spielen der vergangenen Saison gezeigt. Ein Paradebeispiel dafür war speziell die erste Halbzeit im Heimspiel gegen Viktoria Köln.

Den Neuzugängen sollte es aufgrund ihrer Defensivqualitäten nicht schwerfallen, sich hier nahtlos einzureihen. Yannick Deichmann und Marcel Bär haben beide eine positive defensive Zweikampfbilanz, obwohl sie in den letzten Jahren überwiegend offensive Rollen bekleideten. Marcel Bär gewinnt seine Zweikämpfe gegen den Ball übrigens vorwiegend bereits in der gegnerischen Spielfeldhälfte.

Weitere Taktik-Formation des TSV 1860 in der Vorbereitung auf die Saison 2021/22: das 4-1-3-2

Mit dem 4-1-3-2 System wurde in den letzten beiden Testspielen gegen den 1. FC Nürnberg und den VFR Aalen gespielt. Bei diesem System wird offensiv wenig anders aussehen wie beim 3-1-4-2. Bereits letztes Jahr und auch in diesen beiden Testspielen konnte man sehen, dass Michael Köllner offensiv gern auf die gependelte Viererkette setzt.

Der große Unterschied zum 4-1-4-1 des letzten Jahres besteht in der Addition von Marcel Bär als zweitem echten Stürmer neben Sascha Mölders. Wie man gesehen hat kann Bär sowohl als hängende Spitze als auch als Zielspieler agieren. So wird er für Mölders des Öfteren Lücken reißen. Diese können dann gewinnbringend ausgenutzt werden.

Durch die Verletzung von Marius Willsch wird in diesem System vermutlich zunächst Yannick Deichmann die Rolle des rechten Verteidigers zukommen. Auf dieses System wird der TSV 1860 München dann höchstwahrscheinlich gegen offensivstarke Teams und Mannschaften zurückgreifen, die ein System mit drei Spitzen spielen.

Gegen den Club und auch gegen den VfR Aalen ließ Michael Köllner eine beidseitig gependelte Viererkette spielen. Der defensive Mittelfeldspieler war somit – abgesehen von seiner Rolle als erste zentrale Anspielstation zum Aufbau im Positionsspiel – hauptsächlich mit zusätzlicher Absicherung im Falle von Ballverlusten beschäftigt.

Theoretisch denkbar wäre auch eine dynamische Dreierkette, bei der sich der Sechser zwischen die beiden Innenverteidiger schiebt, während die Außenverteidiger nach vorne schieben. Damit würde aber wieder etwas Druck vom Gegner genommen. Lassen wir uns überraschen, welche taktischen Kniffe sich der Coach individuell für den jeweiligen Gegner ausdenkt.

Die Offensive im 4-1-3-2

Das Spiel nach vorne kann mit der flachen Mittelfelddreierkette hinter den Sturmspitzen sehr flexibel gestaltet werden. Schieben die Außenverteidiger beide mit nach vorne, wird sie zu einer Fünferkette. Sowohl über die Halbpositionen im Zentrum nach außen als auch durch die Mitte werden die Spieler des TSV 1860 München offensiv immer wieder Wege finden, um ins letzte Drittel des Gegners einzudringen.

Gegen den Ball kann sich das Spiel im 4-1-3-2 weitaus ökonomischer für die Außenverteidiger gestalten als für die Mittelfeldaußen beim 3-1-4-2. Die Aufgaben für den Box-to.Box Spieler bleiben hingegen die gleichen wie im 3-1-4-2. Er hat also dasselbe Pensum an Laufarbeit zu verrichten.

Beim Pressing wird es vermutlich ebenfalls auf Raumdeckung im Angriffspressing und mannorientierter Deckung dahinter hinauslaufen. Gutes Timing beim Anlaufen des ballführenden Spielers ist natürlich obligatorisch.

Allerdings ist das Pressing und die bestenfalls optimale Ausführung desselben bei diesem System nicht ganz so essentiell wie beim 3-1-4-2. Die Möglichkeiten, sich hinten kompakt aufzustellen, sind aufgrund der von Haus aus defensiveren Grundausrichtung größer als in einem System mit Dreierkette.

Was können wir demnach mit dieser Taktik von der Mannschaft des TSV 1860 in der Saison 2021/22 erwarten?

Den Eindrücken der Taktik aus den Testspielen folgend können wir Fans vom TSV 1860 München in der kommenden Saison 2021/22 starken Offensivdruck erwarten. Das Spielermaterial und die in der Vorbereitung gezeigten Systeme sprechen auf alle Fälle dafür, dass die Löwen nach dem Motto “Angriff ist die beste Verteidigung” agieren werden.

Damit kommen wir aber schon zu den leicht negativen Eindrücken. In vielen Situationen haben sich die Löwen in der Rückwärtsbewegung, speziell im Umschaltspiel nach Ballverlusten, sehr anfällig für gegnerische Konter gezeigt. Die Testspielgegner wussten hierbei nicht immer etwas mit ihren Überzahlmöglichkeiten anzufangen. Man kann aber davon ausgehen, dass die Konzentration gegen den Ball im Ligabetrieb beim TSV 1860 München auf einem höheren Level liegen wird. Die Spieler werden in solchen Momenten schneller hinter das Spielgerät kommen, um zu verteidigen. Dass die drittbeste Defensive (0,92 Gegentore pro Spiel) der vergangenen Saison bei nur einem Abgang in diesem Mannschaftsteil (der noch dazu kein Stammspieler war) nicht plötzlich löchrig wie ein Schweizer Käse wird, dürfte klar sein.

Ich erwarte von daher in der vor uns liegenden Saison ähnlich viele Torchancen für die Sechzger wie im vergangenen Jahr. Allerdings mit höherer Quote beim Verwandeln der sich ergebenden Gelegenheiten.

Ferner gehe ich davon aus, dass die Defensive ähnlich stabil wie im vergangenen Jahr agieren wird und die Anzahl der Gegentreffer im Schnitt unter eins pro Spiel bleibt. Vielleicht verbessert sie sich sogar noch um die ein oder andere Nachkommastelle.

Sofern nicht allzu viele schwere oder langwierige Verletzungen auftreten, sehe ich keinen Grund, warum sich nicht auch der Tabellenplatz im Vergleich zur vergangenen Saison signifikant verbessern sollte.

Der direkte Aufstieg ist drin. Pack ma’s Buam.

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