Herzlich willkommen zur Taktiktafelanalyse des Spiels TSV Havelse – TSV 1860 München. Beim TSV Havelse langte es für die im 4-1-4-1 von Michel Köllner ins Rennen geschickten Sechzger zum ersten mal für einen Auswärtsdreier. Die Havelser, von Rüdiger Ziehl im 5-3-2 aufgestellt, versuchten das mit allen ihnen möglichen Mitteln zu verhindern. Gelungen ist es jedoch nicht. Ein hochverdienter Auswärtserfolg, der, betrachtet man das Spiel in seiner Gesamtheit, um mindestens zwei Tore zu niedrig ausgefallen ist.

Die wichtigsten Statistiken des Spiels

  • Ballbesitz: TSV 1860 49% TSV Havelse 51%
  • Passgenauigkeit: TSV 1860 79% TSV Havelse 81%
  • Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 62% TSV Havelse 58%
  • Schüsse/aufs Tor: TSV 1860 19/8 TSV Havelse 16/7
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 14,61 TSV Havelse 12,57

Genauerer Blick auf die Statistik

Beim ersten Blick auf die statistischen Werte sieht es aus, als wären zwei etwa gleichstarke Teams in einem ausgeglichenen Spiel aufeinander getroffen. Wer das Spiel gesehen hat aber weiß, dass die Löwen hochverdient als Sieger vom Platz gingen. Welche Zahlen führen den Leser der Werte hier also in die Irre?

Ballbesitz

Da hätten wir zunächst die Ballbesitzquote. Die ist nahezu ausgeglichen mit leichter Tendenz pro Havelse. Entscheidend für diese Ausgeglichenheit ist allerdings die Art und Weise, wie mit dem eigenen Ballbesitz umgegangen wurde. Schaut man auf die Zahlen der Pässe, die jeweils in den Abwehrreihen unter den dort befindlichen Akteuren gespielt wurden, hat Havelse hier ein klares Übergewicht. Das heißt: Havelse konnte seltener was mit dem eigenen Ballbesitz anfangen. Zu statisch und ideenlos waren die Hausherren gegen gut gestaffelte Sechzger im Positionsspiel.

Die Sechzger hingegen versuchten fast immer, wenn sie in Ballbesitz kamen, sofort den Weg nach vorne zu finden. Das gelang bis zur Grenze zwischen Mittelfeld und gegnerischem letzten Drittel auch hervorragend. Meistens waren es erst die Pässe dorthin die, unter anderem, weil sie durchaus mit Risiko gespielt waren, nicht den eigentlichen Adressaten fanden, sondern von der Fünferkette der Garbsener abgelaufen werden konnten.

Zweikämpfe

Auch der Bereich, in dem defensive Zweikämpfe geführt wurden, und vor allem wo sie verloren wurden, ist ein starker Indikator für die Überlegenheit des TSV. Zehn von fünfunddreißig Defensivzweikämpfen verloren die Sechzger im eigenen letzten Drittel. Havelse verlor siebzehn von siebenunddreißig im letzten Drittel geführten Zweikämpfen in ihrer defensiven Zone. Klarer Vorteil also auch hier für den TSV 1860.

Schüsse und Ballkontakte in der Box

Die Schussbilanz wirkt zunächst auch relativ ausgeglichen. 19 Schüsse für die Sechzger, 16 für Havelse. Mit sieben Schüssen mussten die Havelser aber fast die Hälfte ihrer Versuche von außerhalb der Box abfeuern. Der TSV 1860 hingegen hat nur vier Schüsse von außerhalb des Sechzehners zu Buche stehen. Damit schossen Michael Köllners Männer nur einmal weniger aus der Box aufs Tor als die Havelser insgesamt zu Schüssen kamen. Ein Drittel der Schüsse des TSV 1860 München in der Box erfolgte sogar von innerhalb des Fünfmeterraums.

Dort konnte Havelse nur zweimal überhaupt an den Ball gelangen. Beide Male nach Standards – und beide Male war der Ball auch drin.

42% mehr Ballkontakte im gegnerischen Strafraum hatten die Löwen im Vergleich mit den Niedersachsen. Deren Flankengenauigkeit und Passspiel im letzten Drittel sind klar ausbaufähig. Von 19 Versuchen, aus dem Spiel heraus in die Box zu kommen, gelang es den Gastgebern ganze neunmal, das erfolgreich zu bewerkstelligen.

So: Genug von den die Analyse begleitenden Statistiken, kommen wir zum Spiel!

Das Spiel

Die erste Halbzeit

TSV 1860

Die in der 4-1-4-1 Grundformation angetretenen Löwen verschoben bei eigenem Ballbesitz von hinten heraus zunächst asymmetrisch auf 3-5-2 und bei Ballbesitz im letzten Drittel der Gastgeber auf 3-4-3. Gegen den Ball spielte Neudecker in der Position des Box to Box Spielers neben Dressel den zweiten Sechser bei der Verschiebung auf 4-2-3-1. Die Pressinglinie der Sechzger war variabel angelegt. Vor der 1:0-Führung wurden die Havelser noch früh angegangen. Dieses raumorientierte Pressing der Löwen diente allerdings stark zur Angriffssteuerung und weniger dazu, den Ball schon in der ersten Linie zu erobern. Die Fehlpässe auf die zweite Linie waren allerdings eine logische Konsequenz aus dieser Herangehensweise. So konnten die Sechzger bis zum 1:0 den Ball häufig schon vor der Mittellinie wieder in ihren Besitz bringen.

Druckvolle Anfangsminuten der Löwen waren die Folge daraus. Bis zum Führungstreffer der Löwen verzeichnet unser Statistikprovider keinen zu Ende gespielten Positionsangriff des TSV Havelse.

Die frühe Führung durch ein Eigentor des Havelser Kapitäns, der das Risiko an den Ball zu gehen nehmen muss, brachte dann erstmal Sicherheit für den TSV 1860. Weitere hochkarätige Chancen, um das Ergebnis frühzeitig deutlich werden zu lassen, ließen die Löwen zunächst liegen. Bis zur 33. Minute, als Marcel Bär zum 2:0 einschädelte. Auch nach diesem Treffer muss der TSV 1860 in Halbzeit eins mindestens noch ein weiteres Tor erzielen. Zweimal Bär, zweimal Mölders und auch Biankadi hatten vor dem Pausentee noch Hochkaräter auf dem Fuß, die allesamt nicht im Tor landeten.

Nach der Führung ließen die Sechzger dem TSV Havelse in deren eigener Spielfeldhälfte mehr Raum zur Spielgestaltung. Dadurch wurde es für den Aufsteiger im Mittelfeld sehr eng. Schwierigkeiten, Anspielstationen zu finden und mit Tempo nach vorn zu agieren, war für Havelse die Folge davon. Die Angriffe der Niedersachsen fanden meist zwischen Mittelline und dem letzten Drittel der Löwen ein jähes Ende.

Havelse

Der TSV Havelse fand während der gesamten ersten Halbzeit, auch aufgrund der gewählten taktischen Grundausrichtung, die klar auf kompakte Defensive ausgerichtet war, in der ersten Halbzeit kein Mittel, um dauerhaft Druck auf die Löwen auszuüben. In dem von Trainer Rüdiger Ziehl gewählten System 5-3-2 war die Möglichkeit, trotz der beiden offensiv ausgerichteten Außenverteidiger Teichgräber und Riedl, durch das starke Mittelfeld der Sechzger konsequent durchzustoßen, nicht gegeben.

Nur zweimal konnte Havelse tatsächlich gefährlich in den Sechzehner der Löwen eindringen. Einmal war das nach einer Ecke, als Teichgräber zum Schuss kam, und einmal kurz vor Ende der ersten Halbzeit, als Hiller Plumes Schuss entschärfen konnte.

Die schnellen Leute der Havelser – Damer, Meyer und Lakenmacher – konnten kaum effektiv eingesetzt werden. Einzig Meyer, der nach einem fragwürdigen Zweikampf mit Belkahia gern einen Elfmeter oder zumindest einen Freistoß an der Strafraumgrenze gehabt hätte, stieß dieses eine gefährlich mal durch die Kette der Löwen, als er von Froese mit einem Pass in die Schnittstelle schön auf die Reise geschickt wurde.

Die zweite Halbzeit

Havelse

Mit der Hereinnahme von Jaeschke für Tasky stellten die Havelser auf 4-4-2 um. Jaeschke orientierte sich nach vorn als zweite Spitze neben Lakenmacher. Dafür begab sich der bis dahin dort tätige Damer in Mittelfeld auf die rechte Halbposition. Die Gastgeber spielten von da ab bei eigenem Ballbesitz mit einer sogenannten engen Raute im Mittelfeld.

Das half den Havelsern allerdings nur bedingt, um besser nach vorne spielen zu können. Gegen das gute Stellungsspiel der klug gestaffelten Sechzger waren die wirklich kreativen Ideen weiterhin Mangelware. Bezeichnend hierfür ist, dass die beiden Tore für die Niedersachsen aus Standardsituationen fielen. Aus dem Spiel heraus gab es gegen gut verteidigende Löwen nach wie vor kein Durchkommen.

TSV 1860

Die Sechzger machten dort weiter, wo sie in der ersten Halbzeit aufgehört hatten. Kompaktes Spiel mit tief stehender Pressinglinie, das Mittelfeld eng für die Gastgeber machend, verteidigten die Löwen das Positionsspiel sehr erfolgreich. Vor allem Stephan Salger wirkte wie ein Staubsauger für Pässe der Havelser nach vorn. In der zweiten Halbzeit ist er der Spieler beim TSV 1860 mit den meisten abgefangenen Bällen. Aber auch seine Kollegen konnten die meisten Angriffe vor deren Abschluss unterbinden. Aus dem Spiel heraus gelang es Havelse in der zweiten Halbzeit nur viermal, einen Schuss abzusetzen. Zwei dieser Schüsse kamen von außerhalb des Strafraums. Überhaupt konnte Havelse im zweiten Durchgang nur fünfmal erfolgreich den gegnerischen Strafraum aus dem Spiel heraus entern. Mehr ließen die Sechzger nicht zu.

Im Spiel nach vorn spielten die Löwen weiterhin schnell und direkt, sofern das möglich war. Man hatte aufgrund der Führung aber keine Not, dies überhastet anzugehen. Konnten die Havelser sich schnell genug zurückziehen, spielten die Löwen mit Bedacht und im Mittelfeld sehr passsicher. Alle Kontersituationen, die sich für die Löwen durch die vielen Ballverluste, die sich Havelse zwischen der Mittellinie und dem Strafraum des TSV leistete, konnten mit einem Schuss abgeschlossen werden. Auch die durchgebrachten Positionsangriffe endeten für den TSV 1860 größtenteils positiv. Meistens konnte bei den Angriffen, die bis ins letzte Drittel gingen, entweder geschossen werden oder man holte zumindest einen Eckstoß heraus. Nur wenige der durchgebrachten Angriffe von Köllners Team gingen stressfrei für die Havelser Defensive aus. Einer dieser Angriffe in einer Umschaltsituation führte zu einem wunderschön herausgespielten Treffer. Dazu weiter unten mehr.

Die beiden Gegentore durch Jaeschke in der 51. und 85. Minute fielen nach Standardsituationen. Hier müssen die Löwen nachjustieren immer wieder entstehen wegen nonchalant verteidigten Ecken gefährliche Torchancen für gegnerische Teams.

Die Tore

Das 0:1

Nach einem lang und diagonal von der linken Seite auf halbem Weg zwischen Toraus- und Mittellinie getretenen Freistoß für den TSV 1860 konnte dieser knapp hinter dem Mittelkreis von einem Havelser per Kopf verteidigt werden. Zunächst kam dann Mölders in Ballbesitz, der die Kugel zurück auf Deichmann spielte. Deichmann auf der Mittellinie in der Halbposition befindlich, gibt das Leder nach vorn zu Biankadi. Dieser findet keine Anspielstation und macht sich mit dem Ball am Fuß auf den Weg in Richtung eigene Hälfte. Dort angekommen gab Biankadi das Leder zu Belkahia. Nun wurde der Angriff über Salger neu aufgebaut.

Salger spielte aus halblinker Position zehn Meter vor dem Mittelkreis den Ball steil diagonal nach außen an die linke Spielfeldbegrenzung, wo Lex mit nur einem Kontakt sofort den durchstartenden Steinhart auf die Reise schickte. Steinhart erreichte das Leder dort, wo Torauslinie des Gegners und die Seitliche Strafraumbegrenzung aufeinander treffen, und gab zurück zu Neudecker, der in halbrechter Position befindlich in der Box noch einen Schritt mit dem Ball geht und dann nach innen legt, wo Bär Mölders und am Ende der kleinen Box auch noch Deichmann lauern. Diese scharfe Hereingabe versuchte Fölster zu klären, bevor sie einen der gefährlich positionierten Löwen erreicht.

Die Idee war sicherlich richtig. Zu seinem Pech haperte es mit der Ausführung. Der Ball landete im eigenen Netz zur 1:0 Führung der Löwen in der 8. Minute des Spiels.

Das 2:0

Das 2:0 aus Löwensicht erzielte Marcel Bär per Kopf. Aber der Reihe nach: Zunächst befand sich der TSV Havelse im Angriff. Semi Belkahia konnte den durchgebrochenen Meyer im letzten Moment vom Ball trennen. (Ob hier ein Foul gepfiffen hätte werden müssen oder nicht, soll uns Babak Rafati auf liga3-online diese Woche auflösen. Ich bin mir nicht sicher.)

Die sich beim Schiedsrichter beschwerenden Havelser verloren hier etwas den Fokus, denn Hiller hatte den Ball bereits zu Salger gegeben, der wie zuvor Lex an der linken Außenbahn bediente. Statt auf Steinhart, der ebenfalls auf dem Weg nach vorn war, weiterzuleiten, entschied sich der Erdinger diesmal dazu, selbst den Ball nach vorn zu bringen.

Mit Tempo und langen Schritten ging Lex leicht diagonal von der Außenlinie in Richtung der linken Strafraumbegrenzung. Von dort flankte er butterweich ins Zentrum vor die kleine Box, wo Marcel Bär sehr frei zum zweiten Treffer für die Löwen einnetzen kann.

Ein toller Angriff. Michael Köllner nannte das gesamte Offensivverhalten in diesem Angriff – speziell aber den Kopfball und die Flanke – “schulbuchmäßig”. Wie Mölders den anderen Innenverteidiger mit nach außen zieht, damit Bär freie Bahn hat, ließ der Coach auch nicht unerwähnt.

Das 2:1

Nach einem Eckstoß von rechts auf den langen Pfosten kam zunächst Plume per Kopf an den Ball. Dieser wuchtige Versuch landete jedoch nur am Pfosten. Von dort springt er auf der anderen Seite der kleinen Box Jaeschke vor die Füße, der nur noch das Leder über die Linie schieben muss.

Der Abstauber von Jaeschke war nicht zu verteidigen. Dass Plume jedoch am langen Pfosten so zum Kopfball kommt, sollte Teil der Videoanalyse zum Standardverhalten defensiv sein. Das war zu einfach.

Das 3:1

Auf der rechten Seite einige Meter in der gegnerischen Hälfe eroberte Deichmann beim Versuch der Havelser, einen Angriff zu lancieren, die Kugel. Postwendend spielte er Biankadi auf der rechten Seite an der Außenlinie an. Biankadi wiederum schickt nach kurzer Verarbeitungsphase Bär auf die Reise in den Strafraum der Havelser. Marcel Bär erreichte das Leder und zog von halbrechts aus spitzem Winkel ab. Quindt, der Torhüter des TSV Havelse, konnte hier noch abwehren. Die Abwehraktion landete bei Richy Neudecker zentral an der Sechzehnmeterlinie. Neudecker köpfte zurück an die kleine Box, wo Mölders den Ball bekam. Mit dem Rücken zum Tor sah Mölders Biankadi. Dieser bekam den kurzen Pass und schoss gezielt und überlegt aus zwölf Metern in halbzentraler Position befindlich rechts ins Tor.

Einleitung und Abschluss dieses Angriffs durch Merv Biankadi waren spitze. Man muss einfach erwähnen, dass das Auge für den freien Raum, in den Bär gestartet war, einerseits und das sofortige Wechseln der Position nach der Abgabe auf Bär andererseits, absolut entscheidend für den Erfolg dieses Angriffs waren.

Das 3:2

Nach einem steil gespielten Freistoß auf der linken Seite bekam Froese den flach gespielten Ball an der Torauslinie und legte die Kugel sofort zurück nach innen in die kleine Box, wo wieder Jaeschke seinen Fuß an den Ball bringt und zum zweiten Mal für die Hausherren trifft.

Unseren Talkgast Yannik Jaeschke hatte ich aufgrund seiner guten Trefferquote und hohen Zielgenauigkeit beim Abschluss eigentlich in der Startelf erwartet. Aus Löwensicht muss man sagen: Gott sei Dank kam es anders. Der Torriecher des Mittelstürmers ist sehr ausgeprägt. Vier Tore bei acht Einsätzen in der Startelf und vier Einwechslungen, macht heruntergerechnet auf die effektive Spielzeit von 739 Minuten, 0,49 Tore pro 90 Minuten, oder anders ausgedrückt jedes zweite Spiel ein Treffer.

Fazit

Ein absolut verdienter Sieg des TSV 1860 München, der, wenn alle hochkarätigen Chancen genutzt hätten werden können, mindestens drei Tore höher ausfällt. Endlich der erste Auswärtsdreier der Saison! Mit klar besseren Anlagen ließ der TSV 1860 nie Zweifel daran, wer das überlegene Team ist.

Warum es die Löwen oft so spannend machen müssen, ist mir seit mittlerweile fast vier Jahrzehnten ein Rätsel. Kollege Thomas Enn hat versucht es in den Giesinger Gedanken zu ergründen, und sein Fazit dazu stimmt wohl. Aber mal ehrlich: Burschen, ich brauch die Spannung in so einem klaren Spiel nicht. Da müssen einfach die Gelegenheiten, in denen Spieler eins gegen eins auf den Torhüter zulaufen, cleverer gespielt werden.

Seis drum. Am morgigen Dienstag gehts gegen Mannheim weiter.

Datenquelle: wyscout

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