Ein Einwechselspieler spielte eine überragende Partie. 95% seiner Aktionen im Spiel waren von Erfolg gekrönt. Mit nur einem in der Offensive verlorenen Zweikampf und einer Passquote von 100% bei nur drei Rückpässen (zwei davon auf Keeper Hiller) zeigte er sich vor allem was die Ballverarbeitung und -weiterleitung angeht von seiner besten Seite. Um wen es geht? Die Antwort darauf gibt es jetzt!

Herzlich willkommen zur Taktiktafel Nachbetrachtung des Spiels TSV 1860 München gegen den SV Waldhof Mannheim.

Ein Spiel fast ohne taktische Fehler macht einem die Analyse der Leistung der Löwen an diesem Wochenende sehr leicht. Daher beleuchte ich heute die Highlights und die Situationen, die zu diesen führten.

Der letzte Pass vor einem Tor ist bekanntlich selten der tatsächliche Ursprung eines Treffers für eine Fußballmannschaft. Genauso wichtig ist der Ballgewinn und die auf selbigen folgenden Aktionen bis zum entscheidenden Pass, der Vorlage und dem Torschuss.

Aber der Reihe nach: Blicken wir zuerst einmal auf das gesamte Spiel und zerlegen es danach in seine Phasen, die wir gesondert betrachten.

Die Grundformationen

Die Mannheimer kamen wie erwartet mit einem 3-4-3 auf den Platz, das gegen den Ball zu einem 5-4-1 (5-2-2-1) verschoben wurde. Die Ausfälle der drei Stammspieler Verlaat, Christiansen und Ferati sollten Hofrath, Saghiri sowie Garcia kompensieren. Zusätzlich dazu rückte Ünlücifci für den sonst sehr starken defensiven Mittelfeldspieler dos Santos in die Startelf. Die Löwen liefen mit ihrem flexiblen 4-1-4-1 auf. Der für Wein spielende Erdmann nahm seinen Platz in der Innenverteidigung ein und Moll rückte dafür aus der Viererkette auf die Sechserposition vor. Den Box-to-Box Mittelfeldspieler gab erneut Erik Tallig für den gesperrten Dennis Dressel.

Von Spielbeginn an hatten die Mannheimer Probleme im Aufbauspiel. Die Löwen pressten ab der ersten Sekunde des Spiels. Durch kluge Raumaufteilung und dem daraus resultierenden erstklassigem Stellungsspiel ließen die Löwen dem Gegner kaum Möglichkeiten zur Entfaltung. Die Entschlossenheit, Giftigkeit und Hartnäckigkeit gegen den Ball, mit der die Mannschaft von Michael Köllner den Waldhöfern ab der ersten Spielsekunde entgegentrat, war überragend. Jeder Spieler der Sechzger erledigte seine Aufgaben mit Bravour. Es entwickelte sich somit ein Spiel, das die Löwen nach Belieben kontrollierten. Ohne überhastete Aktionen blieb man in jeder Phase der Herr im Haus. Mit der Abgeklärtheit einer Spitzenmannschaft zerlegten die Löwen den SV Waldhof Mannheim über die neunzig Minuten hinweg in seine Einzelteile und zeigten überall auf dem Platz den Schwarz-Blauen ihre Grenzen an diesem Spieltag auf. Auch wenn man der Elf von Patrick Glöckner in gewissen Spielphasen etwas mehr Entfaltung zugestand war eines deutlich ersichtlich: die Löwen hatten am Samstag die Hosen an.

So gliedert sich das Spiel grob in drei Phasen auf: die Anfangsoffensive, die Kontrollphase und die Ergebnisverwaltung.

Die Anfangsoffensive

Mit Anpfiff gab es bei den Sechzgern nur eine Richtung und die hieß nach vorne. Allerdings wurde nicht mit harakirimäßigen Sturmläufen agiert, die auf Teufel komm raus zu Treffern führen sollten, sondern ganz nach der rehagelschen Philosophie der kontrollierten Offensive. Bei Ballgewinn wurde das Spielgerät nicht unbedingt sofort auf die Reise in Richtung gegnerisches Tor geschickt. Erst einmal hielt man den Ball in den eigenen Reihen, um den Angriff auf die hoch stehende Defensivlinie der Mannheimer adäquat vorzubereiten. Mit einer hohen Defensivlinie und einer eher tiefen Pressinglinie wollten die Schwarz-Blauen das Mittelfeld für die Löwen möglichst eng machen, um Kombinationen von vornherein den Raum zu nehmen. Daraus folgte, dass die Löwen in der eigenen Spielfeldhälfte relativ ungestört waren und sich das Gros der Spieler beider Mannschaften in dem Raum zwischen der Mannheimer Box und der Mittellinie aufhielt. Lediglich Martinovic und bisweilen zusätzlich einer seiner Sturmpartner (Garcia oder Boyamba) rückten bei Ballbesitz der Löwen etwas über die Mittelline hinaus auf, um den Aufbau zu stören. In dem Bereich zwischen Mittellinie und eigener Grundlinie ließen die Waldhöfer die Löwen im Aufbau gewähren. Dass lange Bälle ein tödliches Mittel werden, wenn der Gegner das Mittelfeld so eng macht, ist die Konsequenz. Die Entstehung des Angriffs zum frühen 1:0-Führungstreffer ist ein Paradebeispiel für die entschlossene Arbeit gegen den Ball, kollektive Ballkontrolle und Übersicht im Spiel nach vorn.

Während dieser Anfangsoffensive bis zum 3:0 schlichen sich allerdings fünf Minuten im Löwenspiel ein, wo man bis zum 2:0 nach einem Freistoß das Heft ein wenig aus der Hand zu geben schien. Zwei gefährliche Angriffe, bei denen einmal Erdmann und einmal Salger als klärende Figuren in der Defensive verantwortlich sind und mehrere Eckbälle hätten in dieser kurzen Phase der Unaufmerksamkeit durchaus für den Ausgleich sorgen können.

Die Tore in dieser Phase

Das 1:0 in der 3.Minute hat eine wahnsinnige Entstehungsgeschichte. Sie beginnt damit, dass Greilinger robust seinen Körper an der linken Seitenauslinie dazwischen stellt und damit einen Fehlpass der Mannheimer provoziert. In der Folge geben die Löwen den Ball zünächst im Angriffsspiel noch einmal ab. Daraus resultiert allerdings nur genau ein defensiver Ballkontakt der Mannheimer, als ein Pass auf Neudecker nicht genau genug gespielt wurde. Die #31 der Löwen erobert aber mit großer Einsatzfreude das Leder sofort zurück. Ab diesem Punkt wird der Angriff in meinen Augen genial.
Es folgt eben nicht die sofortige Attacke durch das engmaschige Verteidigungsnetz auf die Mannheimer Box, sondern der kontrollierende Rückpass. Dies hatte zur Folge, dass die Gegner ihre Defensivlinie wieder weiter nach vorne verschoben, während Moll, Erdmann, Willsch und Salger im Mitteldrittel der eigenen Hälfte die Kugel kontrollierten. Ein Pass von Salger geht zu dem in Richtung Mittellinie trabenden Steinhart, der daraufhin in die Mannheimer Spielfeldhäfte eindringt und dann sofort den im richtigen Moment in der Schnittstelle der Abwehrkette startenden Mölders mit einem traumhaften, hohen Anspiel über 40 Meter perfekt bedient. Mölders verarbeitet das Leder mit unnachahmlicher Perfektion und netzt aus etwa elf Metern zum 1:0 ins lange Eck ein.

Mölders zweiter Streich folgt durch einen Kopfballtreffer nach einem von Greilinger herausgeholten Freistoß. Moll dreht das Leder hier wunderschön von der linken Strafraumkante vor das Tor, wo sich der Zielspieler des TSV 1860 durchsetzt und die kurze Drangphase der Waldhöfer beendet.

Der dritte Treffer unserer Nummer 9 nur drei Minuten später entstand aus einer grandiosen Pressingarbeit. Zuerst lief wieder Greilinger nach Ballverlust der Löwen seinen Gegenspieler sehr hoch an, was bei Mannheim für eine Unterbrechung im Aufbau sorgte. Zwar blieben die Schwarz-Blauen noch kurz in Ballbesitz, aber schon der nächste Versuch sich zu befreien wurde abermals von der Nummer 11 der Sechzger unterbunden. Das Leder gelangte vor Neudeckers Füße, der einen Traumpass in die Schnittstelle der letzten Reihe auf Mölders spielte. Dieser wiederum lupfte die Kugel mit viel Übersicht über den Mannheimer Kepper hinweg in die Maschen.

Die statistischen Werte der ersten halben Stunde

  • Ballbesitz: 66%:33%
  • Passquote: 1860 89%; Waldhof 78%
  • Schüsse: 7:3 (davon aufs Tor 4:1)
  • Gewonnene Defensivzweikämpfe 1860: 85%; Waldhof 63%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): 1860 7,08; SV Waldhof 14,13

Die Kontrollphase

Ab dem 3:0 nahmen die Löwen bis zum Pausenpfiff ein wenig das Tempo aus dem Spiel und gestatteten den Mannheimern mehr Ballbesitz. Nachlässigkeit in der Defensivarbeit war dabei aber nicht zu beobachten. Vielmehr baute der TSV 1860 nun aus einer beruhigenden Führung heraus seine Angriffe derart kontrolliert auf, dass der Gegner dem Spielgeschehen bei Ballbesitz der Löwen überall auf dem Platz hinterherlief. Das Spieltempo schwankte zwischen moderat und blitzschnell. Je nach den sich bietenden Möglichkeiten schafften es die Spieler unseres TSV in fast jedem Angriff so zu agieren, dass den Waldhöfern selten eine Aktion gegen den Ball gelang und das Aufbauspiel kaum in Bedrängnis war. Die Großzahl der Angriffe der Löwen konnte frühestens im letzten Drittel vor dem eigenen Sechzehner gestoppt werden. Bis zur Halbzeitpause konnte Mannheim in dieser Phase genau zwei Positionsangriffe und einen Konter zu Ende spielen, was ihnen drei erfolglose Ecken einbrachte. Dem stehen elf ausgespielte Angriffe der Löwen gegenüber.

Auch in der Viertelstunde nach der Pause blieb der TSV in der kontrollierenden Rolle, spielte seine Angriffe mit Bedacht und verteidigte sowohl aggressiv in den direkten Duellen als auch mit gutem Stellungsspiel. Auch war man sich nicht zu fein in dieser Phase wenn nötig den Befreiungsschlag zu wagen um dann wieder hoch anzulaufen und auf den zweiten Ball zu gehen. Ein Gegenangriff führte zum vorentscheidenden 4:0 durch einen Steinhart-Elfer.

Der Elfmeter

Aus einer vom sehr gut spielenden Erdmann eingeleiteten Kontersituation entstand der Angriff, der den souveränen Schiedsrichter Mitja Stegemann zum Elfmeterpfiff zwang. Von Erdmann über Mölders, Neudecker und Lex kam das Leder wieder zu Mölders, der Costly beim Abschluss an den Unterarm schoss. Den fälligen Strafstoß versenkte Steinhart.

Die Zahlen in der Kontrollphase

  • Ballbesitz 54%:46%
  • Passquote 1860 90%; Waldhof 84%
  • Schüsse 9:1 (davon aufs Tor 2:1)
  • gewonnene Defensivzweikämpfe: 1860 65%; SV Waldhof 55%
  • PPDA: 1860 11,65; Mannheim 18,5

Die Ergebnisverwaltung

Mit dem vorentscheidenden 4:0 begann die Ergebnisverwaltung. Der TSV 1860 München nahm jetzt deutlich den Fuß vom Gas. Man überließ den Mannheimern viel Ballbesitz, schonte das Stammpersonal und brachte nach und nach junge frische Spieler. Diesen merkte man direkt an, wie heiß sie auf ihre Einsätze waren. Der dritte Treffer aus einer Standardsituation heraus in diesem Spiel markierte in Minute 71 das endgültige K.O. für den Gast aus der Quadratestadt. Weiterhin waren die Löwen vor allem gegen den Ball sehr konzentriert und hätten in ihren Situationen nach vorne aus dem Spiel heraus das Ergebnis durchaus noch dramatischer für den SV Waldhof gestalten können.

Die Einwechselspieler

Semi Belkahia, der schon in der 54. Minute für Salger ins Spiel kam, spielte eine überragende  Partie. 95% seiner Aktionen im Spiel waren von Erfolg gekrönt. Mit nur einem in der Offensive verlorenen Zweikampf und einer Passquote von 100% bei nur drei Rückpässen (zwei davon auf Keeper Hiller) zeigte er sich vor allem was die Ballverarbeitung und -weiterleitung angeht von seiner besten Seite. Dreimal konnte er in den Passweg des Gegners einlaufen, das Leder abfangen und einen Gegenangriff einleiten. In Folge einer Ecke für den TSV setzte er nach dem Gewinn eines zweiten Balles Stefan Lex klug rechts im Strafraum in Szene. Lex spielte jedoch zu ungenau in die Mitte, so dass dieser Angriff für Mannheim folgenlos blieb.

Der sehr motiviert wirkende und erst 17 Jahre alte Lorenz Knöferl (ab Minute 72 für Lex) hat mir sehr gut gefallen. In den 19 Minuten auf dem Platz hat er sieben erfolgreiche Aktionen im Spiel zu verzeichnen. Dabei war ein höchst genialer Pass auf Greilinger, der infolgedessen mit einem Flankenlauf über links einen Torschuss von Mölders vorbereitet konnte. Bei einer weiteren Aktion hätte er fast selbst die Vorbereitung zum Torschuss geben können. Auf der rechten Seite wollte er nach Zuspiel von Erdmann eine flache Flanke in den Fünfer spielen, deren Abnehmer wiederum Sascha Mölders hätte sein können. Mannheims Kapitän Seegert konnte in letzter Sekunde klärend in den Passweg springen. In der Schlussphase hätte er bei seinem Debüt auch gleich seinen ersten Treffer markieren können. Leider war er jedoch sichtlich überrascht, dass der Ball an Matthew Durrans vorbei den Weg zu ihm fand und schlug vor dem gegnerischen Tor ein Luftloch.

Matt Durrans, der schließlich in der 83. Minute für Kapitän Mölders auf den Platz kam, war nicht ganz so erfolgreich wie die beiden anderen Jungen. Nichtsdestotrotz kann auch er auf eine Passquote von fast 70% (für einen Stürmer ein sehr guter Wert) und eine Balleroberung in des Gegners Hälfte aufbauen. Wie auch Knöferl verpasste er in derselben Szene kurz vor Schluss die Chance auf 6:0 für den TSV zu stellen.

Wer behauptet eigentlich immer man hätte im Kader fehlende Breite? Noch viel wichtiger: Warum wird das unreflektiert wiederholt? Die Statistiken belegen Gegenteiliges. Die Spieler von der Ersatzbank haben die richtige Antwort gegeben. Danke Buam!

Der Todesstoß

In der 71. Minute erzielte Steinhart nach einem von Gohlke schlecht auf die linke Seite des Fünfmeterraums abgewehrten Freistoßes der Löwen das 5:0 und setzte damit den letzten Zuckungen des SV Waldhof ein Ende.

Die Statistik der letzten Phase

  • Ballbesitz 34%:66%
  • Passquote TSV 81%; SV Waldhof 87%
  • Schüsse 4:3 (davon aufs Tor 1:0)
  • gewonnene Defensivzweikämpfe: 1860 56%; SV Waldhof 50%
  • PPDA: 1860 11,85; SV Waldhof 12,43

Fazit

Gegen zugegebenermaßen stark ersatzgeschwächte und, wie deren Trainer Glöckner auch selbst im Interview nach dem Spiel erwähnte, vogelwilde Mannheimer erzielten die von Beginn an über fast die ganze Spielzeit höchst konzentrierten Löwen fünf Tore. Im gesamten Spiel konnte der Waldhof nur fünfzehn ihrer Positionsangriffsversuche und zwei Konter zu Ende spielen. Die Torschussquote mit 45% sowie die Trefferquote mit 25% war bei den Löwen dieses Mal überragend. 20 Schüsse, 9 auf’s Tor, 5 Treffer.  Diesen Torhunger gilt es nun zu konservieren und auf den Betzenberg mitzunehmen. 

Eine Löwenelf in dieser Verfassung zu erleben, die angesichts der besonders in der letzten Woche laut gewordenen und teilweise völlig überzogenen Kritikpunkte eine derartige Antwort auf dem Platz gibt, tut sehr gut. Jetzt heißt es auf nach Lautern. Macht bitte genauso konzentriert und konsequent weiter wie am Samstag!

P.S.: Ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft mehr von den Spielern Belkahia, Knöferl und Durrans sehen werden.

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