Für die hochkarätige Partie gegen Hansa Rostock setzte Löwentrainer Michael Köllner auf die gleiche Startaufstellung wie beim 4:1-Sieg gegen Lübeck. Hansa Rostock musste gegenüber dem Spiel in Verl aufgrund von Verletzungen und einer Rotsperre auf zwei Positionen umstellen, wie ich bereits in der TAKTIKTAFEL vom Freitag angekündigt hatte: Für Lukas Scherff kam Luca Horn  im Mittelfeld zum Einsatz. Der rot-gesperrte Damian Roßbach wurde von Max Reinthaler, der schon gegen Verl nach dem Platzverweis eingewechselt worden war, um die Defensive zu verstärken, ersetzt.

 

Die Schiri-Leistung

Bevor es in die für Euch Leser gewohnte Nachbetrachtung geht, ein paar Worte zum Herrn in Schwarz: Ich komme hier leider nicht umhin, die Schiedsrichterleistung von Konrad Oldhafer genauer zu beleuchten – und viel Positives habe ich nicht zu berichten. Dieses ab der 15. Minute total zerfahrene Spiel, welches durch taktische Fouls auf beiden Seiten geprägt war und am Ende einen für die Löwen schmeichelhaften Punktgewinn einbrachte, dürfte in beiden Fanlagern, vor allem wegen fragwürdiger und inkonsequenter Schiedsrichterentscheidungen, so schnell nicht in Vergessenheit geraten. Dass die Hanseaten im Zweifel auf taktische Fouls setzen, um den Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, habe ich ja schon in der Taktiktafel vor dem Spiel am Freitag angekündigt. Dass der Unparteiische Konrad Oldhafer aus Hamburg diese dann auch so konsequent pfiff, wie er es getan hat, jedoch oft die im Regelwerk für diese Vergehen vorgesehene gelbe Karte in der Hemdtasche ließ, sorgte für viel Zerfahrenheit. Ein mit gelb vorbelasteter Spieler überlegt zweimal, bevor er ein weiteres Foul begeht. Bei regelgerechter Auslegung hätten bereits zum Ende der ersten Halbzeit zwei Rostocker Spieler (John Verhoek und Jan Löhmannsröben) nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen. Drei weitere hätten mit dem gelben Karton vorbelastet sein müssen, was bei gleicher harter Gangart im zweiten Durchgang im Verlauf des Spiels eine wahre Flut von Platzverweisen nach sich gezogen hätte. Auch für die Münchner Löwen hätte es in der ersten Halbzeit zusätzlich zu den zwei zurecht gezeigten gelben Karten noch weitere drei Verwarnungen geben müssen. Ich kann die Linie des Schiedsrichters, einerseits die taktischen Fouls zu pfeifen, sie aber andererseits nicht regelkonform zu ahnden, nicht nachvollziehen. Das konsequente Pfeifen dieser Vergehen bringt ja nichts für den Spielfluß, wenn die Karten dann stecken bleiben. Die betreffende Regel (Regel 12-3 “Disziplinarmaßnahmen”) lautet folgendermaßen: Ein Spieler ist zu verwarnen, wenn er (…) ein Foulspiel begeht, um einen aussichtsreichen Angriff zu verhindern oder zu unterbinden, es sei denn der Schiedsrichter entscheidet auf Strafstoß für ein Vergehen, das bei dem Versuch begangen wurde, den Ball zu spielen (…). Zu deutsch: Wenn es ein taktisches Foul gibt, ist die gelbe Karte zu zeigen, es sei denn, es gäbe wegen dieses taktischen Fouls einen Elfmeter. Der Schiedsrichter hätte also durch konsequentes Zeigen gelber Karten schon vor dem Halbzeitpfiff für ein besonneneres Herangehen der jeweils verteidigenden Mannschaft an Zweikämpfe sorgen können. Dieses Versäumnis von Konrad Oldhafer sorgte meines Erachtens nach dafür, dass das Spiel den Lauf genommen hat, den es dann genommen hat. Es war leider auch kein klassisches Kampfspiel, denn dafür hätten die Situationen durch Oldhafer wiederum großzügiger ausgelegt werden müssen. Es war – abgesehen von der ersten Viertelstunde – leider eine Aneinanderreihung kurzer Spielsequenzen und Standardsituationen. Wir wollen diesen Umstand mal entschuldigend darauf schieben, dass der erst 25jährige Oldhafer noch nicht über die Erfahrung manch anderer Kollegen verfügt. Dies auch aufgrund der Tatsache, dass er erst seit dieser Saison in die 3. Liga aufgestiegen ist. Bis zur letzten Saison leitete der Hamburger insgesamt 35 Partien in der Regionalliga Nord, in welcher er seit der Saison 2016/17 tätig war.

 

Die Spielanalyse

Kommen wir nun zum Spiel an sich: Bei eigenem Ballbesitz spielte die Rostocker Kogge ein 3-4-3 mit Löhmannsröben als defensivem und Bahn als offensivem Mittelfeldspieler. Sozusagen eine Flache Raute im Mittelfeld. Gegen den Ball verschob sich das 3-4-3 zu einem 5-3-2 oder 5-4-1. Die Rostocker verschieben taktisch wirklich sehr flexibel. Die Münchner Löwen traten im gewohnten, variabel interpretierten 4-1-4-1 an. Sowohl Lex als auch Tallig schoben aus dem Mittelfeld immer wieder in die vorderste Front mit hinein, wenn es für die Löwen in die rote Zone der Hanseaten ging.

Während der ersten 15 Minuten des Spiels schien der Matchplan diesbezüglich auch wunderbar aufzugehen. Dass eine starke Mannschaft, wie die Hausherren es sind, von Beginn an mehr Ballbesitz hat, verwundert nicht wirklich. Es hat wohl keiner wirklich damit gerechnet, dass der TSV 1860 nach Rostock fahren und das Spiel von Grund auf dominieren würde – dafür sind die Hanseaten alles in allem zu kompakt und auch von der Spielintelligenz zu clever. Dennoch war es in der ersten Viertelstunde, wenn man die Zahlen betrachtet, ein offenes Spiel mit leichten statistischen Vorteilen für die Sechzger. Beide Mannschaften hatten je eine Szene, die zum Torerfolg hätte führen können: Die Heimelf, als Löhmannsröben nach einem schlecht zu Ende gespielten Positionsangriff in Minute acht den nicht entscheidend geklärten Ball Hiller in die Arme schoss. Die Löwen, nachdem Steinhart in der zwölften Minute einen langen Ball auf Lex spielte, der diesen im Sechzehner auf halblinker Position unnachahmlich mit dem Fuß aus der Luft pflückte und mit seinem Abschluss nur noch am Verteidiger der Hanseaten scheiterte. Die Hanseaten also mit mehr Ballbesitz, die Sechzger mit der höheren Passgenauigkeit und dem besseren defensiven Stellungsspiel in der ersten Viertelstunde. In nackten Zahlen sieht das so aus: Ballbesitz 55:45 zugunsten der Rostocker. Passgenauigeit bei den Löwen knapp 80%, bei Rostock 74%. PPDA (zugelassene Pässe pro defensiv Aktion) 5.2 bei Sechzig 13.5 bei den Hanseaten. Auch die Quote bei den Flanken sieht den TSV 1860 im Vorteil zwei von drei geschlagenen Flanken kamen an, die dritte wurde von Hasas Abwehr zum Eckball, wovon die Löwen in der Anfangsviertelstunde insgesamt zwei auf ihrem Konto verbuchen konnten geklärt. Rostocks Ausbeute hier Null.

Der höhere Ballbesitz in der ersten Viertelstunde liegt, wie man das auch bei anderen Gegnern des TSV schon gesehen hatte, an der hohen Anzahl von Rückpässen und der Querspielerei in der eigenen Hälfte, was dem guten Pressing der Münchner geschuldet war. Ganze Elf mal gab es in der Anfangsviertelstunde einen Pass nach hinten bei den Rostockern. Dem stehen nur fünf solche Aktionen des TSV 1860 gegenüber. Auch bei den Querpässen erspielte sich in dieser Phase die Kogge im Ostseestadion einen klaren Vorteil. Die Verteidiger Sonnenberg, Riedel, Reinthaler waren Absender und Adressat der meisten Querpässe bei Rostock in den ersten 15 Minuten.

 

Der übrige Spielverlauf der ersten Halbzeit

Offensiv kamen die Löwen immer wieder über Richard Neudecker, der im Mittelfeld immer mehr zum Regisseur avanciert und Phillipp Steinhart, der als genialer Passgeber und Vorbereiter auf dem linken Flügel operiert, an den Sechzehner der Hanseaten heran. Leider sprang außer wenigen Standardsituationen nichts weiter Zählbares für den TSV dabei heraus. Man darf also getrost sagen, dass die Sechzger auf einem guten Weg waren, sich in das Spiel hineinzubeißen. Mit 4:2 Fouls ging Michael Köllners Elf zu Beginn auch eindeutig bissiger zu Werke. Marius Willsch sah bereits in Minute 14 den Gelben Karton. Ab etwa diesem Zeitpunkt begann das Spiel dem Unparteiischen – wie schon einleitend erwähnt – zu entgleiten.

Für beide Teams war die restliche halbe Stunde bis zum Pausenpfiff ein vom Schiedsrichter durch Inkonsequenz verursachtes Desaster, was den Rostockern, die mit einem zerfahrenen Spiel gegen die fußballerisch eindeutig stärkere Münchner Mannschaft mehr anfangen konnten, voll in die Karten spielte. Sage und schreibe zehn Mal foulten die Rostocker Spieler in dieser Zeit. Viermal allein John Verhoek, der wegen taktischer Fouls und wiederholtem Foulspiel, wenn man nach den geschriebenen Regeln pfeifen würde, schon in Halbzeit eins des Feldes verwiesen gehört. Das gleiche gilt für Jan Löhmannsröben, der im ersten Spielabschnitt zweimal ein sogenanntes taktisches Foul beging, aber nur einmal dafür verwarnt wurde. Lichtblick war allein Dennis Erdmanns Tor nach einem Eckstoß kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit. Der Ex-Rostocker kam nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Daniel Wein herein. Ansonsten gab es keine wirklichen Torchancen, außer nach je einem Schussversuch aus dem Spiel heraus.

 

Die Entstehung des Ausgleichs

Halbzeit zwei begann eigentlich ganz vielversprechend und es sah für wenige Minuten so aus, als ginge es diesmal ohne das fast schon obligatorische Gegentor. Aber wie man unsere Löwen kennt und es als Fan fast schon erwartet, kam der Treffer der Gastgeber prompt in Minute 50: Nach einem langen Ball von Dressel für Mölders kommt Hansa Rostock in Ballbesitz und baut den Angriff zielstrebig über das Zentrum und die halbrechte Seite auf. Dabei ist zu beachten, dass Salger in der Rückwärtsbewegung seine angestammte Position nicht hält und nahe der Mittellinie ein Kopfballduell gegen Verhoek klar verliert. Flügelverteidiger Steinhart wird wegen Salgers Fehlen in der Abwehr auf die Halbposition gezwungen, Erdmann muss in die Abwehrkette rutschen. Dressel versucht die Außenbahn zu decken. Auf der Halbposition vor dem Sechzehner verliert Steinhart dann einen Zweikampf, den er nicht hätte führen müssen, wäre Salger nicht irgendwo am Mittelkreis rumgeturnt. Daraufhin bekommt Rostocks Neidhart auf dem rechten Flügel den Ball, den er quer und damit für die in der Rückwärtsbewegung befindliche Abwehr der Löwen sehr schwer zu verteidigen, nach innen passt. Bentley Baxter Bahn, für den Erdmann, der in die Kette abkippen musste, zuständig ist, kann daher aus ca. 18 Metern unhaltbar für Marco Hiller ins Tor abschließen. Als Bahn schießt, sieht man noch, wie Salger aus dem Mittelfeld zurückkommt und versucht zu verhindern, was leider wegen seiner taktischen Undiszipliniertheit nicht mehr zu verhindern ist.

 

Der weitere Verlauf der zweiten Halbzeit

Ab diesem Zeitpunkt spielten nur noch die Rostocker. Die wenigen Entlastungsangriffe des TSV 1860, der nach wie vor versuchte, über kurzes Abspiel des Torwarts aus der Defensive heraus kontrolliert aufzubauen, wurden von Hansas konsequentem hohen Pressing fast jedes Mal im Keim erstickt. Die absolute Lufthoheit der Gastgeber machte aber auch langes Spiel weit in des Gegners Hälfte hinein zu keiner wirklichen taktischen Option für die Löwen im Aufbau nach Ballgewinn. Nur drei Kopfballduelle gewannen die Löwen in der gegnerischen hälfte während Halbzeit zwei. So kämpften sich tapfere, zum Schluss auch noch um Steinhart dezimierte Löwen nach dem Gegentor durch weitere 40 Minuten reguläre Spielzeit (plus fünf Minuten Nachspielzeit), in die der Schiedsrichter unzählige weitere Fehlentscheidungen einbaute.

 

Die zweite Halbzeit in Zahlen

Für die zweite Halbzeit sehen die Zahlen für Sechzig absolut grausam aus: Null Schüssen auf des Gegners Tor stehen sieben für Rostock gegenüber. Die Löwen konnten nur 36% Ballbesitz verzeichnen. Nur die PPDA konnte  im Rahmen gehalten werden und sieht mit 10.65 bei so wenig Ballbesitz gar nicht mal schlecht aus. Dafür sank die Präzision im eigenen Passspiel auf den mit rund 63% schlechtesten Saisonwert in einer Halbzeit. All diese Zahlen sind ein Indikator für den großen Druck, den Hansa aufbaute. Von den Schüssen der Kogge gingen in der zweiten Halbzeit knapp 71,5% auf den Kasten von Hiller, und nur durch Glück, Wille und der Mithilfe dreier Unparteiischer konnte das 1:1 von den Löwen verteidigt werden. Allerdings – und das ist entscheidend – auch so einen Punkt zu retten, muss eine Mannschaft erst einmal schaffen. Von daher ist für mich nach wie vor alles im Lot und es gibt keinen Grund zur Panik. Die Mannschaft hat Charakter gezeigt, gekämpft bis zum Umfallen und wird das meiner Meinung nach auch weiterhin bedingungslos tun. Individuelle Fehler, die zu Toren führen, können immer mal passieren. Ich bin mir sicher, Michael Köllner wird in der Analyse die richtigen Worte finden und dem Spieler Salger nicht den Kopf abreißen. Ich bin ausgesprochen zuversichtlich, dass der bisher überzeugende Innenverteidiger im nächsten Spiel beweisen wird, dass sein „faux pas“ ein einmaliger Ausrutscher war.

 

Das Fazit

Mein Fazit führt mich nochmal weg vom eigentlichen Spiel und hin zum Unparteiischen: Ein konsequent pfeifender Schiedsrichter hätte bei insgesamt 40 Fouls sicher öfter als sieben Mal den gelben Karton gezogen. Mit der Schiedsrichterleistung steht und fällt das gesamte Spiel. Und hier hat er beiden Mannschaften durch die Art und Weise der Spielleitung leider einen Bärendienst erwiesen. Ich gehöre normalerweise zu den Menschen, die einen Schiri gern in Schutz nehmen und hervorheben, dass Fehler menschlich sind. Das geht hier aber leider nur bedingt. Diesen Unparteiischen sollte man – aufgrund seiner mangelnden Erfahrung – nicht in Spielen der dritten Liga, bei denen man im Vorfeld weiß, dass es ruppig werden könnte, an die Pfeife lassen. Der Fehler liegt hier also eher beim DFB, den armen Teufel an der Ostsee in so ein kaltes Wasser zu werfen. Hoffen wir für ihn, dass er bei künftigen Partien mehr Glück hat. Ansonsten sollte man eventuell darüber nachdenken, ihm doch noch für ein paar Spielzeiten Erfahrung in der Regionalliga sammeln zu lassen. Sein junges Alter macht dies ohne Weiteres möglich.

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