In der ersten Halbzeit spielte Magdeburg gegen den Ball noch defensiver, als von mir vor der Partie vermutet. 4-3-1-2 war die Devise bei den Festungsstädtern. Gleich drei defensive Mittelfeldspieler wurden vor die Viererkette gepackt. Wenn sich das Spielgeschehen ins letzte Drittel vor dem Magdeburger Tor verlagerte, kippte auch noch Jurgen Gjasula nach hinten ab und der TSV 1860 hatte es mit einer dichten Fünferkette zu tun.

Im Spiel nach vorne baute Magdeburg einerseits auf dynamisches Konterspiel, bei dem den Akteuren nach vorne viele Freiheiten gelassen wurden, sich die richtigen Laufwege zu suchen. Wenn Magdeburg kontrolliert aufbauen musste, rückten Thore Jacobsen und Andreas Müller auf die zentralen Halbpositionen und Luka Sliskovic zumeist ins Zentrum. Im letzten Drittel vor dem Löwentor wich der Österreicher oft auf den Flügel aus, um die Spitzen Kai Brünker und Christian Beck zu bedienen.

Die Sechzger liefen in der gleichen 4-1-4-1-Formation, wie schon gegen Meppen auf. Im Spiel gegen den Ball ließen sich Erik Tallig oder Fabian Greilinger situationsbedingt mit zurückfallen und sorgten so für Sicherheit. Sowohl im Raum als auch am Mann war die Defensive der Löwen gut im Spiel. So gab es bis auf eine dicke Chance von Sliskovic – der nach Kopfballverlängerung von Beck den Ball nicht richtig unter Kontrolle brachte – und einem weiteren Schuss keine tatsächliche Gefahr für das Löwentor.

Im Spiel nach vorne wurde den Löwen das Leben von den Magdeburgern ab der Mittellinie sichtlich schwer gemacht. Die Gäste ließen 1860 unbedrängt aus der eigenen Spielfeldhälfte aufbauen, gingen jedoch ab der Mittellinie giftig in die Zweikämpfe und standen in der eigenen Hälfte so gut im Raum verteilt, dass die Löwen sich ein ums andere Mal vor dem Strafraum und auf den Flügeln festrannten. Der FCM zwang die Giesinger somit zu Fehlpässen, zu halbherzigen Abschlüssen, die meist geblockt wurden oder zum Zurückspielen, um wieder neu aufzubauen. Die weitestgehend über links vorgetragenen Angriffe der Münchner zerschellten an dem Abwehrbollwerk des 1. FC Magdeburg wie Wellen an einer Felsenküste.

Nicht jedoch der erfolgversprechendste Angriff aus Halbzeit eins, als Willsch Lex den Ball zuspielte, der Mölders im Strafraum bediente und sofort weiter in Richtung Fünfmeterraum startete, wo er den von Mölders verlängerten Ball aber leider verstolperte. Der wieder einmal – bis auf ein Foulspiel – defensiv fast fehlerfreie Steinhart setzte noch zum leider geblockten Nachschuss an. Das war die für 1860 wohl aussichtsreiche Szene, in einer auf beiden Seiten chancenarmen, jedoch von den Sechzgern sowohl in Punkto Ballbesitz, als auch in der Feldüberlegenheit klar dominierten ersten Halbzeit.

Insbesondere der durchaus bemühte Greilinger hatte im ersten Abschnitt große Probleme auf dem engen Raum, den er durch die massiv verteidigenden Magdeburger zur Verfügung hatte, seine Schnelligkeit auszuspielen und mit Tempodribblings für Gefahr zu sorgen. Sein Gegenspieler Steininger fiel durch wiederholtes Foulspiel auf. Der die Regeln sehr großzügig auslegende Mann mit der Pfeife sah sich aber nicht dazu veranlasst, dafür irgendwann einmal den gelben Karton aus der Hemdtasche zu ziehen.

Fazit der ersten Halbzeit: Die überlegenen Löwen fanden keine spielerischen Mittel, um die tief stehenden und beherzt kämpfenden Gäste vor wirkliche Probleme zu stellen. Zu ideenlos und statisch waren die Angriffe der Münchner. Etwas mehr Bewegungsfreude des ein oder anderen Spielers in des Gegners Hälfte und das Pausenresultat hätte durchaus anders aussehen können.

Die wahrgenommene Überlegenheit belegen auch die Zahlen der ersten Hälfte: Allen voran der Ballbesitz, der bei knapp 68% zu Gunsten der Löwen lag. 83% Passgenauigkeit und zugelassene Pässe pro Defensivaktion (PPDA) 7.67 sind alles Spitzenwerte. Auch das Schussverhältnis von 7:2, leider aber davon keiner aufs Tor, zeigt die klare Dominanz der Sechzger in der ersten Hälfte auf.

In der zweiten Halbzeit entwickelte sich das Spiel zu Beginn etwas offener. Wie schon Würzburg, Frankfurt und Meppen in den ersten drei Pflichtspielen dieser Saison, kamen auch die Magdeburger offensiver aus der Kabine und waren nun tatsächlich gewillt, auch Fußball zu spielen und nicht nur Angriffe zu zerstören und dann Konter zu fahren. So ging es – allerdings mit deutlich weniger Gefahr für das Löwentor, als noch in den Spielen zuvor – in den ersten zehn Minuten des zweiten Durchgangs munter hin und her. Bis Gjasula einen sogenannten zweiten Ball von halbrechter Position auf Höhe der Mittellinie auf den von der linken Abwehrseite nach vorne durchgestarteten Obermair spielte, der wegen eines Stellungsfehlers von Willsch sträflich frei in den Strafraum ziehen konnte und durch die Beine von Keeper Hiller die Führung für den 1. FCM besorgte. Sehr Schade! Hatte es doch knapp zehn Minuten lang danach ausgesehen, als wäre der „Viertelstundenfluch“ nach der Halbzeitpause ad acta gelegt worden. Aber: Schwamm drüber. Denn die im vorherigen Spiel in diesem Spielabschnitt noch deutlich schlechteren Statistikzahlen haben sich bei den Löwen verbessert. Ich nenne stellvertretend den schon oben erwähnten PPDA-Wert, der in Meppen für die 15 Min nach der Pause noch bei 26,5 lag. Dieser war am Samstag bei nur noch 14,5 angesiedelt. Dazu kommt: Es gab auch nur diesen einen Schuss auf das Löwengehäuse, der halt leider gleich ein Treffer war. In der Folgezeit, also den 35 Minuten nach dem Gegentor gab es noch genau drei Schüsse der Magdeburger. Zwei davon gingen aufs Tor. Zum einen in der 65. Minute, als Sliskovic ca. 19 Meter vor dem Kasten von Hiller ansetzte, den Keeper der Löwen aber mit seinem Flachschuss keineswegs in die Bredouille brachte und zum anderen ein Kopfball von Kapitän Beck nach einem Freistoß von Sliskovic in Minute 70. Auch dieser konnte vom Löwengoalie ohne Probleme entschärft werden.

1860 kam bis zum Abpfiff hingegen satte 13mal zum Abschluss. Nimmt man den einen Schuss aus der Anfangsviertelstunde der zweiten Spielhälfte dazu, sind es sogar vierzehn Abschlüsse und somit eine Verdoppelung gegenüber dem, was in Halbzeit eins abgeliefert worden war. Fünf dieser Schüsse, also 38% gingen nicht nur Richtung sondern tatsächlich auch auf das Tor der Magdeburger. Leider aber nur ein einziger hinein. Nämlich Erik Talligs Schuss aus der zweiten Reihe in der 76. Minute, der – weil er abgefälscht war – unhaltbar für Keeper Behrens ins – vom Schützen aus gesehen – rechte obere Eck flog.

Die Löwen hatten in der zweiten Halbzeit, bis auf den einen Fehler von Willsch, als er nicht da stand, wo er hingehört, das Heft spielerisch und kämpferisch komplett in der Hand. Die Laufbereitschaft beim TSV 1860 war deutlich höher als in Halbzeit eins und auch die Wechsel des Magdeburger Trainers, die ich persönlich nicht ganz nachvollziehen konnte, spielten den Löwen in die Karten. So kam direkt nach der Führung Julian Weigel für Müller im Mittelfeld ins Spiel. Thomas Hoßmang an der Magdeburger Seitenlinie wollte vielleicht eine Gelb-Rote Karte für Müller vermeiden, denn anders kann ich es mir nicht erklären, warum man bei einer 1:0-Führung auf des Gegners Platz einen offensiven Mittelfeldmann für einen defensiven bringt. Sebastian Jakubiak einzuwechseln wäre die eindeutig sinnvollere Wahl gewesen. Direkt nach dem Ausgleichstreffer für die Löwen nahm der FCM-Coach dann seinen besten Mann, Luka Sliskovic, Dreh- und Angelpukt im Mittelfeld mit allen Freiheiten in der Offensive vom Feld und schickte mit Sören Bertram einen nominellen Stürmer auf den Platz. Bertram reihte sich zwar im Mittelfeld ein, fand aber in der verbleibenden Zeit keinerlei Bindung zum Spiel der Magdeburger. Der Sinn dieses Wechsels verschließt sich mir ebenso. Der dritte und letzte Wechsel, den die Gäste vornahmen, war Kapitän Beck für Conteh in der 83. Minute vom Feld zu nehmen. Ein positionsgetreuer Wechsel. Conteh hatte in der Folge vier Aktionen – keine davon erfolgreich.

Die beiden Wechsel, die Michael Köllner hingegen vornahm, brachten beide frischen Wind ins Spiel der Sechzger. Fabian Greilinger musste in Minute 58 für Richard Neudecker vom Platz. Neudecker fand sofort ins Spiel und war bei 65% seiner Aktionen erfolgreich. 83% seiner gespielten Pässe während der 35 Minuten auf dem Platz, kamen an. Er hat zwei Balleroberungen zu verzeichnen und nur zwei direkte Ballverluste. In der 79. Minute musste Dennis Dressel für Martin Pusic das Feld räumen. Damit wurde aus dem 4-1-4-1 ein 4-1-3-2 bzw. ein 4-4-2, da Daniel Wein sehr hoch nachrückte. Auch Pusic war ein lohnender Wechsel. Das drückt sich zwar nicht in statistischen Zahlen aus, aber ab dem Moment, in dem er auf dem Rasen stand, war vor allem für Mölders mehr Platz im Strafraum. Und er selbst hatte auch zweimal die Möglichkeit, den Sieg für den TSV 1860 festzumachen. Acht der vierzehn Schüsse, die die Löwen in Halbzeit Nummer zwei abfeuerten, kamen während Pusic schon auf dem Platz war.

Die relevanten Zahlen der Statistik aus Halbzeit zwei: Ballbesitz 69%, Passquote 84%, Schussverhältnis 14:4, defensive Zweikämpfe gewonnen: 74%. Das sind bombastische Zahlen. Und weil es noch nicht genug ist, hier noch meine Lieblingsstatistik: Die PPDA Magdeburgs war in Halbzeit zwei bei 31,4. Das bedeutet, dass sich die Spieler des TSV 1860 München statistisch gesehen in der zweiten Halbzeit 31,4 mal den Ball zuspielten, bis der Gegner eine Defensivaktion dagegen setzen konnte! Was noch nicht aussagt, dass diese Aktion auch erfolgreich war. Raumaufteilung und Laufwege der Löwen waren also bestens abgestimmt. Die PPDA für Sechzig lag – zum Vergleich – bei 7,14 und damit nochmal um 0,53 Punkte unter dem Wert der ersten Halbzeit.

Fazit: Zwei verlorene Punkte, ganz klar. Diesen Verlust allein am Gegentor festzumachen, ist allerdings nicht der richtige Weg. Vielmehr muss die Chancenverwertung der Löwen besser werden. 21 Schüsse, davon fünf aufs Tor und nur einer drin. Großchancen, wie die von Salger kurz vor Schluss, Mölders Schuss nach Zuspiel von Lex in der 66. Minute oder als Dressel nach einem Freistoß von Steinhart in Minute 73 eine Kerze mit dem Innenrist fabriziert, anstatt Vollspann (oder auch mit dem Spitzerl) auf den Kasten zu dreschen, müssen drin sein.

Individuelle Fehler in der Hintermannschaft passieren immer mal wieder, da ist kein Team davor gefeit. Positiv zu bewerten ist, dass es nicht die Lethargie der ganzen Elf war, die zum Gegentor führte, so wie noch gegen Würzburg, Frankfurt und in Meppen, sondern ein vermeidbarer Fehler, der Marius Willsch – der bis auf diesen Fauxpas glänzend unterwegs war – so sicherlich nicht mehr passieren wird.

In Halbzeit eins muss man das Spiel meiner Meinung nach generell breiter anlegen, da wurde bis auf wenige Ausnahmen fast nur die linke Seite beackert. Wenn es mal über rechts ging, kam oft schon aus dem Halbfeld die Flanke in Richtung Zielspieler am Strafraum. In Halbzeit zwei sahen die TV-Zuschauer Bombenfußball vom TSV 1860. Magdeburg war mit dem Unentschieden gut bedient, es dürfte sich niemand aus Sachsen-Anhalt beschweren, hätten die Löwen mehr als nur das eine Tor geschossen. Die Möglichkeiten waren da. Schade, dass sie nicht genutzt wurden!

Datenquelle: http://www.wyscout.com/

3 KOMMENTARE

  1. super-hilfreiche Analyse, merci dafür! du fasst das gefühl während des Spiels in Fakten, die dann rückblickend einiges erklären! Zahlen vs. Bauch, sehr aufschlussreich…….v.a.wenn man sich im Forum mit den ewigen Pessimisten auseinandersetzen muss/darf

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