Herzlich willkommen zur heutigen Taktiktafel Nachbetrachtung des Spiels der SpVgg Unterhaching gegen den TSV 1860 München vom Montagabend.

 

Die beiden Mannschaften liefen in den von uns erwarteten Aufstellungen – Haching im 4-2-3-1, die Löwen im 4-1-4-1  auf. Personell stand bei Unterhaching letztlich auch Christoph Greger (nach einer Gehirnerschütterung gegen Duisburg) zur Verfügung, weshalb Grauschopf im defensiven Mittelfeld spielte. Auch Anspach war – wie schon gegen Duisburg – in der Anfangsformation zu finden, wo ich statt ihm Marseiler vermutet hätte. Beim den Sechzgern ersetzte Martin Pusic erwartungsgemäß Stefan Lex.

 

Der Verlauf der ersten Halbzeit

 

Die Hachinger versuchten gleich zu Beginn den TSV 1860 zu pressen, was auch ungefähr drei Minuten lang funktionierte. In diesen drei Minuten erspielten sich die Vorstädter auch ihre einzige Torchance der ersten Halbzeit. Ab dann war von hohem Anlaufen bei der SpVgg nicht mehr viel zu sehen.

 

Sechzig nahm das Heft in die Hand und dominierte mehr oder weniger nach Belieben. Was war das Rezept, mit dem die Löwen die Hachinger in den Griff bekamen? Die Antwort auf diese Frage habe ich schon in der Taktiktafel von vor dem Spiel gegeben, und es freut mich, dass es tatsächlich auch so gekommen ist.

 

Diagonales Spiel war bei vielen Angriffen der Löwen der Schlüssel, um in das letzte Drittel der Hachinger einzudringen. Bei fast jedem erfolgversprechenden Angriff aus der eigenen Spielfeldhälfte heraus gab es einen Seitenwechsel – entweder direkt von einem Flügel zum anderen oder über das Zentrum weitergeleitet.

 

Beispielhaft hierfür seien hier nun zwei Angriffe der Löwen, die kurz hintereinander stattfanden, beschrieben:

 

In der 18. Minute gab es einen Befreiungsschlag der Hachinger durch Heinrich, der bei Löwengoalie Marco Hiller landete. Dieser spielte den Ball zu Salger der auf Moll, Moll zu Wein, dieser wieder zurück auf Moll. Während dieser kleinen Dreieckspasssequenz rückten die Hachinger auf, um zu pressen.

 

Dies hatte den Nachteil, dass es ab dem Moment als genügend Spieler aufgerückt waren nichts mehr zu pressen gab. Moll spielte dann nämlich hoch und lang in Richtung Mölders, der in halbrechter Position, in der Mitte der gegnerischen Spielfeldhälfte mit der Brust annimmt und mit nur einem weiteren Kontakt auf Willsch legt. Willsch schlägt nun einen hohen weiten Diagonalball in Richtung Pusic.

 

Der hätte frei an der Strafraumkante den Ball annehmen können, aber er lässt den Ball für den aus dem Hintergrund in den Strafraum einlaufenden Steinhart durch. Von Schwabl mehr begleitet als gestört zieht Phillip Steinhart aus etwa 13 Metern ab.

 

Torwart Mantl kann nur parieren – so kommt Steinhart ein weiteres Mal zum Schuss, der allerdings einige Meter über dem Gebälk im Fangnetz hinter dem Tor landet. Genau so bespielt man ein 4-2-3-1 System effektiv. Man lässt den Gegner kommen, spielt einen Scheinangriff, der zur Verdichtung einer Seite führt, schlägt dann den Ball auf die andere Seite, um Räume zu schaffen und startet die eigentliche Attacke. Dass diese Räume sich so nah an des Gegners Kasten öffnen ist natürlich obendrein bemerkenswert. Arie Van Lent, dem Trainer der Hachinger, steht hier noch viel Arbeit bevor.

 

In der 20. Minute pressen die Hachinger hoch bei Ballbesitz des TSV 1860. Aus dieser Pressingsituation entsteht durch Ungenauigkeit im Passspiel der Löwen ein Einwurf für die SpVgg.

 

Das aggressive Attackieren der Sechzger nach dem Einwurf führt zu einem Ballverlust auf der linken Seite der Vorstädter. Willsch kommt nahe der eigenen Grundlinie in Ballbesitz, und sofort geht es dynamisch nach vorne. Er spielt Mölders in der Mitte der eigenen Hälfte an, der nach Verarbeitung des Balles sofort zu Dressel auf Halblinks weitergibt. Dressel wiederum schickt ohne weitere Verzögerung Pusic über etwa 30 Meter steil die Linie entlang.

 

Dessen zielgenaue Flanke an den Fünfmeterraum der Hachinger kommt zwar gut auf Mölders, doch zum Leidwesen aller beteiligten Löwen kann Greger hier in höchster Not vor Mölders klären.

 

Der Nachschuss von Dressel geht weit über das Tor und sorgt nicht für Gefahr. Beachtenswert sind hier auch die Laufwege von Mölders und Dressel, die beide schon in der eigenen Spielfeldhälfte an diesem Angriff beteiligt waren.

 

Die Spielverlagerung von rechts nach links war, auch in diesem Angriff, bei dem wieder der einerseits unauffällige, andererseits aber doch effektive Neuzugang aus Österreich beteiligt war, der Schlüssel zum Erfolg. Dass leider nicht jeder gelungene Angriff auch mit einem Torerfolg abgeschlossen werden kann, liegt in der Natur des Spiels.

 

Ein Angriffserfolg durchs Zentrum blieb den Löwen in der kompletten ersten Halbzeit verwehrt – zu massiv war die Defensive von Unterhaching mit der Doppelsechs durch Fuchs und Grauschopf aufgestellt. Die Spielverlagerungen von links nach rechts oder umgekehrt klappten aber gut, und der TSV 1860 München kontrollierte daher sowohl Spieltempo als auch Spielfluss fast nach Belieben.

 

 

Die Zahlen zur ersten Halbzeit

 

Warum die Zahlen zur ersten Halbzeit, die auf den ersten Blick für die Löwen zwar nicht so toll aussehen, es im Endeffekt aber doch sind, werde ich nun kurz erläutern.

 

Der Ballbesitz sieht die Unterhachinger mit 62% zu 38% sehr im Vorteil; die Passquote der Sechzger 80% zu 86% bei der SpVgg. Auch die PPDA (zugelassene Pässe pro defensiv Aktion) sieht für die Löwen mit einem Wert von 15,75 eher mittelprächtig aus.

 

Warum aber waren die Löwen trotzdem dermaßen überlegen? Weil sich das Spielgeschehen während der ersten Halbzeit fast nur in der Hälfte der Hachinger abspielte. Befreiungsschläge und Entlastungsangriffe außen vorgelassen, kann man dem Gegner gern den Ball überlassen, wenn er damit dann zumeist nicht weiter als bis knapp hinter die Mittellinie kommt. Die wenigen Angriffe, die Haching weiter in die Spielfeldhälfte der Löwen trug, zerschellten an der guten Abwehrleistung des TSV 1860 – oder am eigenen schlechten Zuspiel im letzten Drittel.

 

Ganze drei Schüsse gaben die Hachinger während der ersten 45 Minuten ab. Davon ging nur einer – in Minute 3 – auf den Kasten von Marco Hiller. Dem stehen neun Schüsse der Giesinger gegenüber, drei davon aufs Tor, einer in die Maschen.

 

Werfen wir mal einen genauen Blick auf das Passspiel der Hachinger in der ersten Halbzeit: 255 gespielte Pässe, davon 36 Rückpässe und 105 Querpässe. Diese 105 Querpässe haben es in sich. Ganze 93, also rund 85% dieser Pässe verteilen sich auf die sechs Defensivspieler plus Torwart.

 

Bei den Rückpässen gibt ein ähnliches Bild. Zehnmal war hier der Torwart der Adressat, 23 Mal wurde zu einem Abwehrspieler zurückgepasst und nur dreimal war der Empfänger ein Mittelfeldspieler. Das heißt in Summe waren knapp die Hälfte aller Pässe der SpVgg Unterhaching defensiv.

 

Das lud die Löwen wieder und wieder zu hohem Pressing ein, woraus sich dann 15 Positionsangriffe und fünf Ecken (eine mit Torerfolg) für die Sechzger ergaben. 14 Ballberührungen im Strafraum für die Löwen stehen ganzen drei für die Vorstädter gegenüber.

 

Ballbesitz ist zwar grundsätzlich immer gut, aber wenn man mit dem Spielgerät, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig anfangen kann, durch aus gerne mal überbewertet.

 

Fast hätte ich es vergessen: Ein Tor fiel ja auch noch! Nach einer Ecke konnte Dressel einen von der Hachinger Abwehr schwach geklärten Ball im Kasten der SpVgg unterbringen. Zur Entstehungsgeschichte dieses Treffers gibt es wenig zu bemerken, außer vielleicht der Tatsache, dass das Dauerpressing der Löwen zu diesem Zeitpunkt mehrere Ecken für den TSV 1860 mit sich brachte, und somit die harte Arbeit, die das hohe Anlaufen der Sechzger mit sich bringt durch diesen Treffer belohnt wurde.

 

 

Die zweite Halbzeit

 

In der Halbzeitpause wechselte Arie van Lent positionsgetreu Marseiler für Heinrich und Schröter für Hasenhüttel. Marseiler brachte ein bisschen mehr Schwung in die Partie, aber dennoch blieb das Bild des Geschehens im Großen und Ganzen bei dem der ersten Halbzeit.

 

Mit einem kleinen Unterschied. Das Tor für den TSV 1860 fiel diesmal nicht in der ersten Viertelstunde der Halbzeit, sondern in der letzten. Wieder einmal gab es Konterfußball der Extraklasse mit einem etwas glücklichen Ende für Mölders beim Torschuss zu sehen.

 

Aber der Reihe nach: Willsch stibitzt Dombrowka den Ball ca. vier Meter vor dem eigenen Strafraum in halbrechter Position, geht ein paar Meter steil Richtung Zentrum mit dem Ball am Fuß und leitet dann vertikal flach auf Pusic weiter.

 

Pusic mit dem Rücken zum gegnerischen Tor aber noch vor der Mittellinie sieht Dressel ins rechte Zentrum aufrücken und verlängert sofort. Ohne vom Gegner gestört zu werden, kann Dressel fünfzehn Meter in des Gegners Hälfte eindringen bevor er einen Pass auf Mölders spielt.

 

Mölders nimmt den Ball ohne Gegenwehr der Hachinger an, zieht ein paar Meter diagonal nach links und haut aus ca. 25 Metern einfach mal drauf. Dabei trifft er den Hachinger Müller an der Schulter, von wo der Ball unhaltbar ins Tor der SpVgg abgefälscht wird.

 

 

Die Zahlen der zweiten Halbzeit

 

Die wichtigsten Zahlen für Halbzeit zwei seien noch genannt: Ballbesitz 68% zu 32% für Unterhaching, Schüsse 7 zu 5 auch für die Vorstädter. Schüsse aufs Tor ausgeglichen 1 zu 1; Passquote 75% beim TSV 1860 – 83% bei der SpVgg.

 

Auch hier gilt wieder: man muss sich alles etwas genauer ansehen, sonst könnte man auf die Idee kommen, Sechzig hätte glücklich gewonnen und den Sieg nicht verdient gehabt. Dem ist aber ganz und gar nicht so!

 

Tatsächlich hatten es die Hachinger in der zweiten Spielhälfte nicht viel besser gemacht als in der Ersten. Gerade mal fünf Ballkontakte hatten die Hachinger in der Box der Löwen, das ist gerade einmal einer mehr als in Halbzeit eins.

 

Von zehn Flanken kam eine an. Das Passspiel war auch wieder hauptsächlich durch Querpässe der Verteidiger geprägt – alleine Torwart Mantl war 33 Mal an Querpässen der Hachinger in Halbzeit zwei beteiligt. Weitere 87 Querpässe spielten sich die anderen sechs Defensivspieler zu. Mehr braucht man glaube ich dazu nicht sagen.

 

 

Mein Fazit

 

Zum Schluss möchte ich jedoch noch ein Wort an die Kritiker von Martin Pusic richten.

 

Ich habe da gestern wirklich schlucken müssen, als ich den ein oder anderen Satz über den Neuzugang in den sozialen Netzwerken lesen musste. Erstens hatte dieser seit dem Frühjahr 2020 bis er zum TSV kam kein Pflichtspiel bestritten. Zweitens auch die Vorbereitung nicht mit dem Kader zusammen gemacht und drittens in Folge dessen auch kaum Spielpraxis.

 

Hier daher ein paar Zahlen zu seiner Leistung: Passquote insgesamt 88%, 100% Quote bei Pässen ins letzte Drittel, 100% Quote bei Pässen in den Strafraum, 100% Quote bei Steil- und Vorwärtspässen. Nur vor dem Tor hat er es gestern zweimal vergeigt. Ja mei. Des wird scho werden. Und das kann auch mal passieren.

 

Dass Pusic auf der anderen Seite einige Pässe, die auf ihn gespielt wurden, nicht erreicht hat, liegt an der fehlenden Bindung ans Team, den daher nicht abgestimmten Laufwegen und an der fehlenden Spielpraxis. Wenn die mal da ist, dann unterhalten wir uns vielleicht noch einmal über ihn.

 

Ich habe gestern jedoch verdammt viel Gutes von ihm gesehen, vor allem im defensiven Stellungsspiel während der starken Pressingphasen des TSV, bei den wichtigen Pässen, und auch in Momenten, in denen es wichtig war, den Ball mal nicht anzunehmen, wie bei der Anfangs beschriebenen Chance für Steinhart.

 

Das war’s von mir zum Spiel gegen die Bobschubser – bis zur nächsten Taktiktafel für das Spiel gegen Duisburg.

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