Ein herzliches Grüß Gott zur TAKTIKTAFEL vor dem Spiel unseres TSV 1860 München beim SV Wehen Wiesbaden.

Auf der Jagd nach den Aufstiegsrängen müssen die Löwen am Samstag in die hessische Landeshauptstadt, um dort in der BRITA-Arena den Traum von der zweiten Liga am Leben zu erhalten. Wehen Wiesbaden hat uns bereits im Hinspiel alles abverlangt und der TSV 1860 München konnte erst kurz vor Schluss durch den Youngster Lorenz Knöferl den glücklichen aber verdienten 2:2 Ausgleich erzielen. Was für ein Gegner erwartet uns beim Gastspiel am Oberrhein im Mainzer Becken?

Die Spielweise des SVWW

Trainer Rüdiger Rehm hat mehrere Systeme für sein Team in petto. 4-4-2 flach, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 sind die diese Saison am häufigsten gewählten Grundformationen seiner Mannschaft. In den letzten Spielen der Hessen setzte der Coach der Wiesbadener vornehmlich auf das 4-1-4-1, das wir ja auch von den Löwen kennen. Der SVWW setzt aber noch stärker als der TSV 1860 München auf Flügelspiel. Die Mannschaft verschiebt im Positionsspiel beim Aufbau ähnlich wie die Löwen. Seit der etatmäßige Sechser Dennis Kempe fehlt, wird hauptsächlich asymmetrisch über die Flügel und nicht mehr dynamisch durch Abkippen des defensiven Mittelfeldspielers bei gleichzeitigem Hochschieben der Außenverteidiger versucht, eine Überzahl im Mittelfeld herzustellen.

Die verletzungsbedingte Absenz weiterer Schlüsselspieler setzt dem SV Wehen Wiesbaden gehörig zu. Rehm konnte trotzdem mit seiner Mannschaft in den vergangenen Spielen relativ konstant punkten. Abgesehen von einer 0:3 Heimniederlage gegen den MSV Duisburg am vorletzten Spieltag blieb der SV Wehen Wiesbaden im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich und holte bei einem Torverhältnis von 8:4 satte zehn Punkte aus den letzten fünf Spielen.

Die statistischen Zahlen des SVWW

  • Ballbesitz 49%
  • Passgenauigkeit 79%
  • Defensive Zweikampfquote 59%
  • Flankengenauigkeit 34%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) 11,17

Gegen den Ball geht die Truppe gern direkt ins aggressive Pressing. Gegen den ballführenden Mann zu pressen ist meist das oberste Credo der Landeshauptstädter aus Hessen. Gegnerabhängig ist dabei die Linie auf der dieses Pressing stattfindet. Grundsätzlich kann man sagen: je besser das gegnerische Team spielerisch daherkommt, desto früher und direkter wird auf zweikampforientierten Ballgewinn hingearbeitet.

Auf die Pässe kommt es für 1860 gegen Wehen Wiesbaden an

Die Wiesbadener schaffen es durch dieses aggressive Anlaufen oft, den Gegner in Stresssituationen zu versetzen. Wenn der Gegner seine Zweikämpfe mit Ball gewinnt, stehen die Wehener Spieler durch den zwar geringen aber doch entscheidenden Zeitgewinn, den diese Störungen bedeuten meist so gut, dass weit bevor die gegnerische Mannschaft in gefährliche Regionen vordringt Pässe abgefangen werden können. Hohe Laufbereitschaft, gute Laufwege, überlegtes Passspiel und hohe Präzision bei den Pässen werden also der Schlüssel für die Löwen sein, um sich durch die Reihen der meist gut gestaffelten Wiesbadener zu kämpfen. Spiele gegen passsichere und schnelle Teams haben gezeigt, dass die Hessen sich auch damit schwer tun, in der Rückwärtsbewegung zu verteidigen. Mannschaften, die konterstark sind, haben einen klaren Vorteil. Flügelspiel mit hohen Flanken wissen die Wehener jedoch gut zu verteidigen.

So agiert Wiesbaden bei eigenen Angriffen

Offensiv setzt der SVWW stark auf seine schnellen Mittelfeldaußenspieler. Kevin Lankford und Maurice Malone sind beide einerseits zielgenaue Flankengeber, können aber auch mit Ball am Fuß diagonal von außen in Richtung Strafraum ziehen und im Passspiel mit den zentraler agierenden Mittelfeldakteuren eine Abwehrformation gehörig durcheinanderwirbeln und unter Druck setzen.

Im Umschaltspiel agieren die Wiesbadener konzentriert und sehr präzise. Sie nutzen den sich bietenden Raum konsequent aus. Konterangriffe des SVWW sollten demnach tunlichst vermieden werden, da sind die Hessen brandgefährlich. Bei der Verteidigung im Raum müssen die Löwen also sehr darauf achten, wann ein Spieler übergeben wird und in welchen Situationen von Raum auf Manndeckung umgestellt werden muss. Dass man Wiesbaden ebenso hoch anlaufen kann wie Viktoria Köln und den 1. FC Kaiserslautern, um dann lange Bälle zu erzwingen, die leicht zu verteidigen sind, will ich nicht ausschließen. Die technisch versierten Hessen sind aber definitiv in der Lage, sich aus solchen Situationen ruhig freizuspielen.

Werfen wir nun einen Blick auf das System von Wehen Wiesbaden, dass wir vom TSV 1860 München nur allzu gut kennen.

Stärken und Schwächen des 4-1-4-1

Die Stärken

Mit zwei Viererketten gegen den Ball zu spielen, macht die Räume für den Gegner meist sehr eng. Dadurch entsteht ein eng gestricketes Netzwerk, in dem sich die Spieler gegen den Ball gegenseitig breit absichern können.

Eine weitere Stärke ist die fast perfekte Raumaufteilung, welche gegen den Ball die meisten Spielfeldbereiche abgedeckt. Speziell die kompakte Verbindung zwischen Abwehr und Mittelfeld führt oft zu Vorteilen gegen den Ball und somit zur häufigen Eroberung zweiter Bälle, um danach mit gleich mehreren Anspieloptionen einen schlecht ausrechenbaren Gegenangriff zu starten.

Weil das System auch in der Breite kompakt gegen den Ball ist, hat man überall auf dem Feld rasch Zugriff auf den ballführenden Gegenspieler.

In der Offensive beruht die Stärke des Systems 4-1-4-1 in der Flexibilität durch Verschiebungen in der zweiten Kette “on the fly” auf andere Systeme umzustellen. Wenn man technisch versierte, schnelle, torgefährliche, intelligente, taktisch gut geschulte Mittelfeldspieler hat, gibt es vermutlich kein System, das sich so schwer ausrechenbar zeigt wie dieses.

Schwächen

Vor allem der Solostürmer kann eine Schwäche sein, wenn die Mittelfeldspieler ihre Aufgaben bei eigenem Ballbesitz nicht offensiv genug ausführen. Daher kann es vorkommen, dass der solitäre Stürmer zu sehr isoliert wird und ohne Bindung zum Spiel agiert. Wenn jedoch ein bis zwei Mittelfeldspieler situativ immer wieder nach vorne schieben, hat man auch mit nur einem Stürmer im System ausreichend Torgefahr.

Bei Kontergegenstößen nach Standards oder wenn das Pressing schlampig ausgeführt wird, sind auch in der defensive Schwachstellen vorhanden, die ein Gegner aufdecken und ausnutzen kann.

Da das Spiel im 4-1-4-1 sehr von den Offensivqualitäten und der Ballsicherheit der Flügelverteidiger abhängt, besteht logischerweise, falls einer dieser Spieler im Vorwärtsgang den Ball verliert, immer die Gefahr, dass wenn der Sechser dann verschieben muss, im Zentrum vor der Viererkette Lücken im Raum entstehen. Diese könnten vom Gegner erfolgreich ausgenutzt werden.

Schlüsselspieler

Tor

Tim Boss (#1) im Tor ist ein relativ sicherer Rückhalt seiner Mannschaft mit guten Reflexen und guter Strafraumbeherrschung. Auch im eins gegen eins konnte er sich schon oft auszeichnen. Mit bisher dreizehn Weißen Westen gehört er in dieser Kategorie zu den Top drei Torhütern der Liga.

Abwehr

Innenverteidiger Sascha Mockenhaupt (#4), der zweikampfstarke und passsichere Abwehrspieler und nach dem Ausfall von Sebastian Mrowca (#10) nun Kapitän der Wiesbadener, antizipiert die Pässe der Gegner sehr gut und glänzt daher mit vielen abgefangenen Bällen. Als kopfballstärkster Spieler des SVWW verteidigt er auch im Luftkampf excellent.

Mittelfeld

Der junge und für den verletzten Dennis Kempe (#25) im defensiven Mittelfeld auflaufende Tim Walbrecht (#16) könnte eine Schwachstelle im Defensivverbund der Hessen sein, die man ausnutzen muss, wenn dem so wäre.

Die beiden oben schon erwähnten Flügelspieler Maurice Malone (#11) (Toptorschütze) und Kevin Lankford (#28) (Winterleihgabe des FC St. Pauli) können spielentscheidend für Wehen Wiesbadens Offensive sein. Die beiden über neunzig Minuten unter Kontrolle zu halten, wird sehr schwer werden. Nachlässigkeiten ihrer Gegenspieler werden sie bestrafen.

Sturm

Winterneuzugang Gustaf Nilsson (#29) vom BK Häcken aus der Schwedischen ersten Liga konnte in bisher elf Spielen drei Treffer für die Hessen erzielen und zwei Vorlagen beisteuern. Er wird den rotgesperrten etatmäßigen Mittelstürmer Phillip Tietz (#9) ersetzen. Kopfballstark und technisch versiert trifft er statistisch gesehen in seiner bisherigen Karriere in etwa jedem dritten Spiel das Tor. Im Zusammenspiel mit beiden Flügelspielern kann dieser Spieler der Löwenabwehr große Schmerzen bereiten.

Fazit: was ist drin für 1860 bei Wehen Wiesbaden?

Um die Jagd, auf der sich der TSV 1860 München momentan befindet, weiterhin erfolgreich zu gestalten muss die Elf von Löwendompteur Michael Köllner gegen den SV Wehen Wiesbaden klar alle Register ziehen. Das Team muss alles geben und wenn möglich drei Punkte vom unteren Oberrhein entführen. Es wird ein harter Brocken.

Für Wehen Wiesbaden geht es hingegen um fast nichts mehr. Bei drei Siegen in Folge wäre theoretisch der vierte Platz noch drin. Das ist aber mehr als unwahrscheinlich. Trotzdem wollen die Hessen in den DFB Pokal. Die Qualifikation dazu soll über den hessischen Landespokal erfolgen. Da heißt der Gegner am kommenden Mittwoch FSV Frankfurt. Worauf für den kommenden Gegner der Löwen also der Fokus liegt, sollte klar sein. Die Wiesbadener deshalb aber zu unterschätzen, darf nicht passieren. Die individuelle Klasse der Spieler von Rüdiger Rehm ist zu gut, um das Spiel auf die leichte Schulter zu nehmen.

An der Einstellung unserer Sechzger zu zweifeln wird sowieso keinem Fan einfallen. So fokussiert, bissig und kämpferisch wie sich Michael Köllners Elf in den letzten Wochen präsentiert wird es auch gegen Wiesbaden weitergehen. Wir haben eine gute Chance, weiter den Druck auf die Konkurrenz um die Aufstiegsplätze zu erhöhen. Wenn der sicherlich wieder optimal vom Trainer gewählte Matchplan aufgeht, wird der TSV 1860 München diese Chance auch in Wiesbaden nutzen. Nothing’s gonna stop us now!

So könnte der SV Wehen Wiesbaden gegen 1860 beginnen

Mögliche Aufstellung SV Wehen Wiesbaden gegen den TSV 1860 München am 36.Spieltag der 3.Liga 2020/21

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
4 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

An der Stelle auch noch ein großes Lob für den Text. Man merkt, wie sehr du dich mit dem Gegner beschäftigst. Ich kann die Spielweise sehr gut wiedererkennen 🙂

Vielen Dank für das Lob. Ich gebe stets mein Bestes.

Wiesbaden liegt nicht in Rheinhessen. Das ist eine Region in Rheinland-Pfalz 😉