Am Freitag gastierte der SV Wehen Wiesbaden bei unserem TSV 1860 München und machte den Löwen das Leben nicht gerade leicht. Das führte schlussendlich zu einer gefühlt eher glücklichen, aber auch redlich erkämpften Punkteteilung. Ist das tatsächlich so oder trügt der Schein?

Herzlich Willkommen zur letzten TAKTIKTAFEL-Nachbetrachtung in diesem Jahr.

Die Anfangsphase

In der ersten Viertelstunde kontrollierten die Wiesbadener klar das Spiel. Der TSV 1860 München hatte große Probleme effektiv nach vorne zu arbeiten. Vor allem individuelle Unzulänglichkeiten der Offensivkräfte im Mittelfeld führten zu unnötigen Ballverlusten. Konnte man sich aus dem hohen Pressing der Wiesbadener im Verteidigungsdrittel noch relativ gut befreien, führten teilweise zu lässige oder zu unbekümmerte Aktionen im Mittelfeld zu unnötigen Ballverlusten. Meist konnte man diese auf der linken Seite beobachten; mit diesen Aktionen machte man den Hessen das Verteidigen leicht. Auch in der Rückwärtsbewegung waren nicht alle Spieler des TSV immer auf Ballhöhe. Infolgedessen ergaben sich durch schnelle Angriffe immer wieder Überzahlsituationen für den SV Wehen Wiesbaden, die auch zu zwei Abschlüssen führten. Insgesamt zehn Mal konnten die Wehener in den ersten fünfzehn Minuten ihre schnellen Attacken bis in die rote Zone der Löwen durchbringen. Unsere Mannschaft schaffte es hingegen in der gleichen Zeit nur vier Mal so weit ins Territorium des Gegners vorzudringen.

Das Gegentor

Dem Dauerdruck des SV Wehen standzuhalten gelang dem TSV 1860 bis zur 17. Minute. Nach einer Ecke von der linken Seite der Wehener kommt ein völlig freier Gürleyen im Torraum an den Ball und düpiert den unentschlossen aus seinem Kasten kommenden Torhüter der Löwen mit einem Kopfball zum 0:1. Ich habe das diese Sasion schon einmal nach einem Gegentreffer geschrieben, der aus einer Ecke resultierte. Wenn der Torwart rauskommt, muss er den Ball haben. Der Fünfer gehört dem Keeper. Natürlich darf man aber auch einen hünenhaften Gegenspieler wie Gürleyen da nicht so frei stehen lassen. Leider weiß ich nicht, wie die Zuordnungen für die Standards waren und wer für Gürleyen zuständig gewesen wäre. Der Spieler, der das verbockt hat, wird es schon selbst wissen und sich darüber mit Sicherheit mehr ärgern als ich und alle anderen, die diese Zeilen lesen.

Die restliche 1.Halbzeit

Nach dem Führungstreffer rissen sich die Spieler des TSV 1860 München zusammen und bekamen das Spiel bis zur Halbzeitpause langsam aber stetig wieder unter Kontrolle. Bei Wiesbaden war immernoch Pressing angesagt. Das geschah aber nicht mehr ganz so konsequent. Höhepunkt der Wiederfindungsphase war ein schöner Konter in der 28. Minute, bei dem leider Mölders das Leder nicht richtig traf. Sein Linksschuss von halbrechts ging knapp am langen Pfosten des Kastens vorbei.

Dieser Konter war auch so etwas wie die Initialzündung in der ersten Hälfte. Waren die Spielanteile nach dem Führungstreffer bis etwa zur 30.Minute noch ausgeglichen, so spielten die Löwen die letzte Viertelstunde vor dem Pausenpfiff sogar in der Art, dass man guten Mutes in Richtung der zweiten 45 Minuten blicken konnte. Der Ball lief besser in den eigenen Reihen, die Spieler wurden aufmerksamer und auch die unnötiger Lässigkeit geschuldeten Ballverluste im Mittelfeld verschwanden. Leider schafften es die Löwen in dieser Zeit nicht gegen die gut verteidigenden Spieler des SVWW derart überraschende Akzente zu setzen, dass auch ein zählbarer Erfolg dabei herausgesprungen wäre. Die Wehener verteidigten ihre Box sehr souverän, so dass im Strafraum für den TSV 1860 nichts zu holen war. Einzig Steinhart konnte in der Box noch einen Abschluss verzeichnen. Die weiteren Schüsse des TSV 1860 kamen alle von außerhalb des Sechzehnmeterraums.

Die Zahlen der ersten Halbzeit
  • Ballbesitz 50%:50%
  • Passquote TSV 1860 77%; SVWW 72%
  • Schüsse 7:7 (davon aufs Tor 1:3)
  • Defensivzweikampfquote TSV 1860 62%; SVWW 56%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 12,1; SVWW 8,1

Die PPDA lag bis zum Gegentor noch bei 27 auf Seiten der Löwen. Das bedeutet, dass sich der Gegner im Schnitt 27 mal den Ball zupassen konnte, bis eine aktive Defensivaktion der Löwen erfolgte. An der Entwicklung dieser statistischen Kennzahl kann man gut erkennen, wie gut die Moral dieser Mannschaft ist. Anstatt nach dem Gegentreffer aufzustecken, hat man Gas gegeben. Der Gesamtwert von 12,1 für die gesamte Halbzeit zeigt dies deutlich auf.

Die zweite Halbzeit

Die Löwen kamen mit Wein, der für Tallig eingewechselt wurde und fortan hauptsächlich rechts in der Viererkette seinen Platz finden sollte, genauso kämpferisch aus der Kabine wie sie hineingegangen waren. Leider liefen die Sechzger in der 52. Minute in den einzigen erfolgreichen von vielen Kontern, die der SVWW in der zweiten Halbzeit fahren konnte, und es fiel das 2:0 für Wiesbaden. Eine Mannschaft ohne die Moral von Sechzig München hätte sich nun vielleicht ihrem Schicksal ergeben. Aber nein – der TSV 1860 München drückte und war heiß auf den Anschlusstreffer. Das geschah aber keineswegs überhastet. Wehen Wiesbaden machte einen großen Fehler. Man presste nun nicht mehr und ließ die Löwen kommen. Die Gäste verteidigten fast nur in der eigenen Spielfeldhälfte.

Der dadurch mögliche kontrollierte Aufbau, bei dem die Löwen die Richtung der Attacken sowie das Tempo bestimmen konnten, brachte Sechzig nach und nach viele gut ausgespielte Positionsangriffe und Schusschancen ein. Der Gegner aus Hessen verließ sich hauptsächlich auf sein Konterspiel und vertraute darauf, dass sein Abwehrbollwerk den Löwen im Spiel  standhält. Im Spiel funktionierte das auch relativ gut. Geblockte Schüsse und erzwungene Abschlüsse von jenseits der Strafraumgrenze waren in den ausgespielten Angriffen, die eine Schusschance einbrachten, die Regel für den TSV 1860 München.

Standardsituationen – der Knackpunkt

Dieses tiefe Spiel in der eigenen Hälfte brachte jedoch Standardsituationen für die Löwen herbei. Die hatten es zum Leidwesen des SVWW diesmal ganz besonders in sich. Die Tore für den TSV 1860 jeweils nach Freistößen haben sich die Wehener selbst zuzuschreiben. Wenn man den Gegner nach einer 2:0 Führung ins Spiel kommen lässt, kann das nach hinten losgehen. Vor wenigen Tagen erst konnten die Hessen selbst nach einem 0:2 Rückstand in der heimischen Brita Arena gegen Lübeck zurück ins Spiel finden und schlussendlich mit 4:2 gewinnen. Aufgrund des Drucks, den die Löwen in der gesamten zweiten Halbzeit ausübten, waren genug Chancen für den TSV vorhanden um die Partie theoretisch komplett zu drehen. Die aus dem offensiven Spiel der Löwen resultierenden Konter der Wehener hätten allerdings auch für eine ganz bittere Heimpleite sorgen können.

Das 0:2

Nachdem Dressels Steilpass auf Greilinger von Gürleyen abgefangen wurde, ergab sich ein schneller Konter über vier Stationen, bei dem dann schließlich Prokop die Vorlage von Malone in der 52. Minute zum 2:0 unter Hiller hindurch schob. Mit zwei ungedeckten Stürmern vor sich, daher nicht sicher welcher letztendlich den Abschluss vornehmen wird, kann man Hiller hier keinen Vorwurf machen. Die gesamte Mannschaft wurde in dieser Umschaltsituation auf dem falschen Fuß erwischt und es entstand eine 3:2-Überzahlsituation vor dem Tor der Löwen. Soll Dressel den Steilpass nicht spielen? War Greilinger einen Moment lang nicht aufmerksam genug bei der Ballannahme? Ich möchte hier keinem die Schuld in die Schuhe schieben. Das war einfach ein blöder Konter, den der SVWW eiskalt und souverän genutzt hat.

Das 2:1

Neudecker schlägt in der 74. Minute einen Freistoß aus zentraler Position ca. 15 Meter vor dem Strafraum auf den Kopf von Moll. Von dort geht der Ball geradeaus in Richtung Tor. Wehens Torhüter Boss hätte problemlos mit einer Fußabwehr klären können, wäre da nicht noch Mölders gewesen. Dieser erwischt den Ball im Fünfer im genau richtigen Moment mit dem rechten Fuß, sodass die Kugel unter der Latte des Wiesbadener Gehäuses einschlägt.

Das 2:2

Bei einem Freistoß in der 83. Minute an der linken Seitenauslinie etwa 30 Meter von der Grundlinie entfernt wehren die Wehener den Ball zur Mitte ab, wo zuerst Erdmanns Schuss Belkahia trifft. Belkahia kann den freien Ball zu Knöferl (ab Minute 82 für Dressel) spitzeln, der aus ca. 14 Metern einfach draufhaut. Von Gürleyen abgefälscht prallt der Ball unhaltbar für Keeper Boss am linken Innenpfosten ab und trudelt hinter die Linie.

Die Zahlen zur 2. Halbzeit
  • Ballbesitz 59%:41%
  • Passquote TSV 1860 85%; SVWW 72%
  • Schüsse 9:10 (davon aufs Tor 4:4)
  • defensive Zweikampfquote 62%:53%
  • PPDA TSV 1860 8,07; SVWW 10,61
Fazit

Aufgrund der starken zweiten Halbzeit war dieses Unentschieden, dass sich für mich wie ein Sieg anfühlt, absolut verdient. Natürlich war es auch ein wenig glücklich. Man darf nicht vergessen: Bevor der Anschlusstreffer durch Mölders in der 74. Minute fiel, hatte der Gegner aus der hessischen Landeshauptstadt riesige Konterchancen, um den Sack zuzumachen.

Diese Moral, die die Spieler des TSV 1860 nach dem 0:1 und 0:2 an den Tag legten, um wieder zurück ins Spiel zu finden, diese Moral gibt´s nur bei Sechzig München (frei nach Hannes Ringlstetter). Selbst nach dem Ausgleichstreffer war man immernoch hungrig auf mehr und spielte auf Sieg.

Gegen einen sehr starken Gegner, der aber in den entscheidenden Spielphasen den Sieg schon als sichere Kiste verbuchte und in der 75. Minute mit der Auswechslung von Malone auch noch den besten Spieler der Partie vom Platz nahm, hat der TSV 1860 München eines bewiesen: im Fussball ist jederzeit alles möglich. Nur wer aufgibt, verliert.

In diesem Sinne, wünsche ich Euch lieben Leser*innen mit einer nach dieser englischen Woche etwas kürzeren TAKTIKTAFEL ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Euer Bernd Winninger

Datenquelle: http://www.wyscout.com/

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