In den letzten Wochen habe ich mich schon öfter mit Artikeln dieser Art – über die Frage, ob man darf, über das Schweigen und seine Notwendigkeit, in einem offenen Brief an die Spieler und mit der Analyse über Narrative als Gastautor „Tobi“ an euch gewendet. Heute darf ich euch auch als Teil der Redaktion von meinen Gedanken zu unserem Wappen und seiner Bedeutung erzählen.
Ikonische Wappentiere
Was wäre der Liverpool FC ohne den Liver Bird auf der Brust? Was wären die Chicago Bulls ohne den Bullen? Die Berliner ohne ihren Eisbären? Diese Wappentiere sind mehr als nur ein gedrucktes Logo auf Trikots und Fanartikeln. Sie stehen für etwas, das über 90 Minuten Fußball, 48 Minuten Basketball oder 60 Minuten Eishockey hinausgeht. Die Wappentiere stehen für einen Teil der Identität von Spielern, Funktionären und vor allem auch von ihren Fans. Sie werden zu Symbolen für Erinnerungen, Erlebnissen und Geschichten, die man weitererzählt. Manch einer würde meinen, man nimmt den Fans einen Teil ihrer eigenen Identität, wenn man ihnen das Symbol nimmt, das ihnen weit mehr bedeutet, als ein einfaches Logo.
Die Lage bei Sechzig
Wenn man sich in den letzten Wochen nicht unter einem Stein versteckt hielt, wird man gehört haben, dass genau dieses Schicksal den Turn- und Sportverein München von 1860 e. V. ereilt haben soll. Die Identität wäre weg, tönte es aus einem einschlägig bekannten Fan-Blog. Wenn man sich allerdings nicht auch gleichzeitig unter einer riesigen Stecksemmel versteckt hält, wird man auch mitbekommen haben, dass dies juristische Gründe im Markenrecht hat. Man wird auch mitbekommen haben, dass der Verantwortliche dafür nicht ein Ehrenamt bei einem Münchner Breitensportverein ausübt, sondern regelmäßig diffuse – und teilweise erstaunlich nach KI klingende – Botschaften aus Dubai absetzt. Die juristischen Hintergründe dazu wurden bereits ausführlich erläutert.
Negative oder positive Auslegung?
Auch für mich war es ungewohnt, das weiß-blau gestreifte Trikot zu sehen, welches nicht das uns bekannte Wappen ziert. Auch wenn es einen gewissen Charme hat, war es irgendwie ungewohnt. Aber wie soll man sich an einem Trikot stören, das nicht nur einmalig sein wird, sondern sogar mit den Aufdrucken „Freiheit für Sechzig“ und „Football for the People“ versehen ist? Das Trikot, das nicht nur sinnbildlich für den Neustart steht, sondern diese Stimmung auch zwei Mal als Sponsorenaufdruck verewigt auf sich trägt. Einer davon alleine durch Spenden aus verschiedensten Ländern, von Fans verschiedenster Vereine für eine gemeinsame Sache finanziert. Es ist ein unausgewogener Kampf. Die Freude überwiegt eindeutig. Das Trikot wird für immer ikonisch sein. Es wird für immer diesen Zeitpunkt festhalten. Wenn wir das Trikot in zwanzig Jahren sehen, werden wir nicht als Erstes daran denken, dass das Wappen nicht das gewohnte ist. Wir werden uns daran erinnern, was wir in dieser Zeit geschafft haben. Und vielleicht genau weil es nicht perfekt ist, ist es so passend.
Ein kleiner Preis für einen TSV in Freiheit
Auch mich nerven die blöden Kommentare, die man von Kollegen oder Bekannten bekommt. Aber wie soll mich das ärgern, wenn ich weiß, dass sie nur ein kleiner Preis dafür sind, dass „Freiheit für Sechzig und nach Giasing zurück“ wahr geworden ist? Wenn ich weiß, dass Sechzig zum ersten Mal in der Zeit, an die ich mich als 26-Jähriger erinnern kann, nicht von einem Verein, dem eine Kloschüssel auf einem Müllberg gehört, oder einem Scheich, der uns als großer Anführer und alleiniger Entscheider auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona bringt, abhängig ist. Ein kleiner Preis dafür, dass junge Fans den TSV 1860 in Freiheit kennenlernen und sich eine solche Abhängigkeit nicht einmal vorstellen können. Dass ein kleines Kind an Vaters Hand, wenn er zum ersten Mal im Grünwalder Stadion steht und vom Virus infiziert wird, kein bestimmtes Wappen braucht, um zu wissen, zu welchem Verein es gehört.
Es zählt, dass sich die Jungs zerreissen
Auch für mich war es komisch, die Spieler ohne den König der Tiere auf der Brust auf dem Platz des Grünwalder Stadions kämpfen zu sehen. Aber wie soll ich mich darüber aufregen, wenn diese Mannschaft sich für das, was sie nicht mehr auf der Brust tragen dürfen, auf dem Platz zerreißt? Wenn sie für den Verein und für die Fans brennen. Wenn sie all das verkörpern, was man uns zu nehmen versucht. Und genau das ist die beste Antwort auf diesen Versuch. Nicht darüber zu reden, was uns fehlt, sondern zu zeigen, was uns ausmacht.
Aus Wappen wird Identität
Ein Symbol ist am Ende nur ein bedrucktes Stück Stoff. Ein Bild. Seine Bedeutung entsteht erst in den Menschen, die etwas damit verbinden. In Erinnerungen, Erlebnissen und Geschichten, die man weitererzählt. Ein Symbol kann man entfernen. Aber die Bedeutung, die Menschen ihm gegeben haben, kann ihnen nicht einfach genommen werden. Wer immer noch denkt, dass Sechzig nicht mehr Sechzig ist, weil man das Wappen der Fußballabteilung auf der Brust trägt, darf gerne versuchen, das Wort „Löwe“ im bisherigen Text zu finden. Du wirst es nicht finden. Und trotzdem gab es für dich keinen Zweifel daran, wovon ich spreche. Denn es kommt nicht darauf an, welches Wappen man auf der Brust trägt. Sondern darauf, was man im Herzen darunter trägt.
Freiheit für Sechzig!
Einmal Löwe, immer Löwe!
Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.










