Was waren das für Zeiten, als man mit den Löwen noch im Europacup quer durch den Kontinent gondeln durfte… Ob Österreich, Bulgarien, Finnland, Tschechische Republik, Italien oder England – Münchens großer Liebe wurde von ihren reisefreudigen Fans begleitet. Nicht ganz so viele Fans waren beim UI-Cup-Match des TSV 1860 in Smederevo dabei. Aber die, die Strapazen auf sich nahmen, werden diesen genialen Trip wohl nie vergessen! Auch zwei Redakteure von sechzger.de haben damals die beschwerliche Reise nach Serbien auf sich genommen.

Brisante politische Situation

Ein bisschen mulmig war uns ja schon zumute. Kurz vor Antritt unserer Fahrt nach Smederevo setzte sich die deutsche Politik vehement dafür ein, dass sich serbische Kriegsverbrecher – und allen voran der ehemalige Präsident Slobodan Milošević – vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal zu verantworten haben. Inwiefern wir nun gerne gesehene Gäste in Serbien sein würden, stand in den Sternen. Das konnte uns jedoch nicht davon abhalten, den TSV 1860 nach Smederevo zu begleiten und so wurde ein Bus gechartert, der normalerweise Gastarbeiter nach Deutschland und zurück in die Heimat bringt.

Ein Meister der Improvisation

Nach einem Besuch im Augustiner-Biergarten ging es rüber zum Busbahnhof an der Hackerbrücke, wo die Reise beginnen sollte. Wenn sich der Fahrer nur erinnert hätte, wo er den Zündschlüssel verstaut hat… Not macht bekanntlich aber erfinderisch und so hämmerte der gute Mann einen Zimmermannsnagel ins Schloss und der Bus sprang tatsächlich an. Unfassbar!

Zu den Rahmenbedingungen: Es war mörderisch heiß und der Verkehr in München war katastrophal. Nach einer Stunde (!) hatten wir die Tankstelle in der Tegernseer Landstraße erreicht, wo erstmal die mitgeführten und mittlerweile lauwarmen Biervorräte gegen gekühlte Hopfensmoothies eingetauscht wurden. Aufgrund der politischen Situation war es uns leider unmöglich, die kürzeste Route nach Serbien zu wählen – eine Durchreise durch Kroatien war schlichtweg nicht gestattet. Also mussten wir ein paar extra Kilometer abspulen und über Ungarn einreisen. Bei den obligatorischen Tankstopps musste der Bus des Motors natürlich weiterlaufen, denn der Schlüssel war weiterhin verschollen…

Über Ungarn nach Serbien

Bereits in Ungarn wurden wir des Öfteren von der Polizei aufgehalten, die sich gegen ein kleines Trinkgeld dazu entschieden, gar nicht erst zu fragen, wo wir denn eigentlich hinwollen. Unser Busfahrer war bestens vorbereitet und hatte schon immer ein paar Scheine oder die eine oder andere Schnapsflasche parat, um sie aus dem Fenster zu reichen. In Serbien wurde das dann jedoch noch getoppt und alle paar Minuten wechselten ein paar Güter den Besitzer.

Die Fahrt durch das ehemalige Kriegsgebiet war jedoch insgesamt sehr spannend. Zum Einen waren die optischen Eindrücke landschaftlich durchaus reizvoll, zum Anderen war es aber schon erschreckend, zerschossene Häuser, ausgebrannte Züge und sogar ein Panzergerippe zu sehen. Und das alles nur ein paar Stunden entfernt von zuhause.

Fans des TSV 1860 nicht willkommen in Smederevo

In Smederevo angekommen folgte die nächste Überrasschung. Der örtliche Polizeichef eröffnete uns, dass wir unsere gebuchte Unterkunft im Zentrum der Stadt nicht beziehen durften. Als Grund gab er an, dass er nicht für unsere Sicherheit garantieren könne und wir deshalb wieder 30 km außerhalb der Stadt in einem Motel an der Autobahn übernachten sollen. Dass der Motelbetreiber ihm verdammt ähnlich sah, war sicher nur ein Zufall…

Egal, es ging wieder raus aufs Land, wo wir schon von zahlreichen Polizisten erwartet wurden, die dazu abgestellt worden waren, einen Ring um das Motel zu bilden, damit nur ja keiner abhaut und sich in Gefahr begibt. Also zuerst mal unter die Dusche, doch statt Wasser kam da erstmal nur Sand raus. Klar, in dem Motel hatte seit Jahren keiner mehr übernachtet…

Die Löwen in orangenen Trikots

Hurra, der Schlüssel ist da!

Wenig später fuhren wir mit dem Bus zurück nach Smederevo. Und siehe da: Der Busfahrer hatte tatsächlich den Schlüssel wieder gefunden.

Im Stadion wurden wir von den serbischen Fans sehr unterschiedlich begrüßt. Die einen wollten unbedingt Fanartikel tauschen und waren sehr gastfreundlich, andere hingegen ließen uns ihre Ablehnung schon spüren. Insgesamt waren aber unsere Befürchtungen völlig unbegründet auch die Maßnahmen der Polizei völlig überzogen. Eine Übernachtung in der Stadt wäre sehr wahrscheinlich völlig problemlos möglich gewesen.

TSV 1860 besiegt Sartid Smederevo

Sportlich sah es nach dem 3:1-Hinspielerfolg in der Augsburger Rosenau (bis heute unerklärlich…) gut aus für den TSV 1860, denn Smederevo musste offensiv auftreten, was den Löwen wiederum Konterchancen versprach. Nach dem frühen 0:1 durch Martin Max (10.) war der Einzug in die nächste Runde zum Greifen nah. Doch die 12.000 Zuschauer feuerten ihr Team weiter an und Bogdanovic glich aus. Kurz nach der Pause gingen die Serben gar in Führung und die Partie drohte vollends zu kippen.

Der eingewechselte Samuel Ipoua beruhigte die Nerven der Löwenfans jedoch mit seinem Tor zum 2:2 und Harald Cerny sorgte gar für einen Auswärtssieg des TSV 1860 in Smederevo. Die in orange gekleidete Mannschaft bedankte sich am Zaun für die Unterstützung der mitgereisten Fans und Vidar Riseth überreichte mir das soeben mit seinem Gegenspieler getauschte Sartid-Trikot. Nach dem Spiel wurden wir über den Rasen zu unserem Bus gebracht und dort auch von den Heimfans freundlich verabschiedet.

Das Original-Trikot des Gegenspielers von Vidar Riseth

Unerlaubter Ausflug nach Belgrad

Anschließend fuhren wir mit Polizei-Eskorte zurück zum Motel und die Ansage war klar: Die Anlage darf nicht verlassen werden! Aber natürlich kann das einen Löwen nicht erschüttern und so büxten doch einige Leute aus und machten sich per Taxi auf den Weg ins knapp 60 km entfernte Belgrad. Sie werden es nicht bereut haben, denn es wurde ein legendärer Abend, der damit endete, dass einige sogar auf eine Hochzeit eingeladen wurden, die sie dann im Jahr drauf auch tatsächlich besuchten.

Der Rest der Truppe blieb aber brav im Motel und erholte sich von den Strapazen der Reise. Und das Angebot an der Bar vor Ort war auch nicht das schlechteste…

Beschwerliche Heimreise

Während die Mannschaft sich per Flugzeug auf die Heimreise begab, ging es für uns wieder via Belgrad, Ungarn und Österreich in die Heimat. In Bayern angekommen gerieten wir noch in die Schleierfahndung der Polizei, zu finden gab es aber natürlich nichts. Die mitgeführten Schnapsflaschen hatten ihre serbischen und ungarischen Kollegen bereits als Dankeschön für ihren Geleitschutz einkassiert…

Alles in allem war der Ausflug nach Smederevo eine der legendärten Fahrten, die ich mit dem TSV 1860 erleben durfte. Mal schauen, ob uns solch ein Abenteuer mit den Löwen noch einmal bevorsteht. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Die Aufstellung der Löwen

Trainer Werner Lorant schickte heute vor 20 Jahren folgende Mannschaft des TSV 1860 auf den Rasen des Tvrdava-Stadions in Smederevo.

Hofmann – Pfuderer (58. Votava), Zelic, Riseth – Borimirov, Häßler (66. Weissenberger), Tapalovic, Mykland, Cerny – Max, Schroth (58. Ipoua)

Tore:
0:1 Max (10.), 1:1 Bogdanovic (29.), 2:1 Mudrinic (48., Elfmeter), 2:2 Ipoua (72.), 2:3 Cerny (87.)

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