In der sehr erfolgreichen Saison 1930/31 wurden von den Löwen-Fußballern unter Trainer Max Breunig nicht nur die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft und das Finale in Köln erreicht, sondern es kamen auch namhafte Vereine nach München, um sich mit dem SV München von 1860 zu messen. Darunter waren nicht nur der Deutsche FC und der AC Sparta aus Prag, die Admira und Rapid aus Wien sowie Ambrosia aus Mailand (das heutige Inter), sondern auch der argentinische Fußballmeister von 1929, der Club de Gimnasia y Esgrima La Plata.
Decano de América
Der Turn- und Fecht-Club aus der Stadt La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, wurde am 3. Juni 1887 gegründet. Auffällig sind viele Gemeinsamkeiten mit unserem Verein. Der Club de Gimnasia y Esgrima La Plata ist der älteste Club im südamerikanischen Fußballverband und wird deshalb ehrenvoll “Decano de América” (“Ältester Amerikas”) genannt. Berühmt ist der Club aus La Plata durch seine Fußballer, die traditionell in weißen Trikots mit einem waagrechten, marineblauen Bruststreifen und blauen Hosen spielen. Am 21. April 1901 wurde zum ersten Mal bei Gimnasia ein Fußballspiel ausgetragen.
An den Küsten und entlang der Bahnlinien verbreitete sich der Fußball in ganz Argentinien, hauptsächlich durch die englischen Arbeiter. So war es auch ein Team von englischen Seeleuten, die am 20. Juli 1903 die Gegner in Gimnasias erstem internationalem Fußballspiel wurden. Als die Popularität des Fußballs in ganz Argentinien zunahm, wurde 1905 die Fußballabteilung von Gimnasia gegründet. Man trat auch dem Argentinischen Fußballverband bei und bestritt erste Punktspiele. Die Trikots von Gimnasia waren damals noch dieselben wie bei 1860: weiß-blau vertikal gestreift. Aber noch im selben Jahr wurden alle Fußballaktivitäten im noch zu sehr aristokratischen “Turn- und Fechtverein” aus La Plata eingestellt. Der Fußball hatte bei vielen Turnern noch ein schlechtes Image, weil er ein englischer Sport war. Einige Mitglieder von Gimnasia verließen den Verein und gründeten den heutigen Stadtrivalen “Club Estudiantes de La Plata”. Die Rückkehr des Fußballs im Jahre 1915 veränderte den Verein für immer, Gimnasia wurde ein beliebter und integrativer Ort für Menschen der unteren und mittleren Klasse.
Dominante Südamerikaner
Der südamerikanische Fußball zählte damals zu den besten der Welt. Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris holte Uruguay als einziger Vertreter aus Südamerika die Goldmedaille im Fußball. Auch vier Jahre später, bei den Spielen in Amsterdam, gab es Gold für Uruguay und Silber für Argentinien. Bei der ersten Fußballweltmeisterschaft 1930 standen wieder Uruguay und Argentinien im Finale. Das europäische Fußballpublikum war versessen auf südamerikanischen Fußball. So kam es immer wieder dazu, dass südamerikanische Mannschaften Gastspiele in Europa gaben (u.a. am 14.04.1929 mit der Partie SV 1860 – Rampla Juniors FC Montevideo 2:2).

Am 7. Dezember 1930 machte sich die Fußballmannschaft von Gimnasia mit elf eigenen Spielern und sieben Gastspielern von anderen argentinischen Vereinen mit dem Schiff auf den langen Weg nach Europa. Nach einem Zwischenstopp in Brasilien mit zwei Spielen verbrachte die Delegation von Gimnasia das Weihnachtsfest fernab der Heimat an Bord der Royal Mail Line M.V. Asturias. In Europa angekommen, konnten sie das neue Jahr mit glorreichen Siegen gegen Real Madrid (3:2 am 1.1.1931) und gegen den FC Barcelona (2:1 am 6.1.1931) begrüßen. Die spanische Presse überschlug sich mit Lobpreisungen: “Die Argentinier scheinen geboren worden zu sein, um Fußball zu spielen.”
Nach weiteren Spielen in Spanien ging die Reise von Gimnasia während des für argentinische Fußballer sehr kalten Winters über Frankreich nach Deutschland. Am 8. Februar 1931 spielten sie zum ersten Mal auf schneebedecktem Spielfeld gegen den FSV Frankfurt (1:1). Die Südamerikaner waren nicht auf die winterlichen Wetterbedingungen eingestellt und taten sich schwerer als zuhause.
1860 empfängt Club de Gimnasia y Esgrima La Plata
Am 10. Februar 1931 kamen die Vertreter von Gimnasia nach München und residierten im vornehmen Hotel Reichsadler in der Nähe des Stachus. Für das Spiel am Sonntag, den 15. Februar 1931 konnten die Fußballer von Gimnasia zuvor zweimal (am 12. und 13. Februar) im Sechzgerstadion auf Schneeboden trainieren. Auch ihre Schuhe mussten sie den Witterungsverhältnissen anpassen.
Als das Spiel im Heinrich-Zisch-Stadion um 15 Uhr nach einem Faschingsgaudi-Vorspiel angepfiffen wurde, kamen die Argentinier mit dem weißen Untergrund überhaupt nicht zurecht und purzelten die erste Zeit mehr auf den Boden als dass sie standen.
Der “metallische Vorhang” hält dicht
Doch sie hatten einen der besten Torhüter Südamerikas, den WM-Teilnehmer von 1930 und den sogenannten “metallischen Vorhang” Bottaso im Tor, der alle Chancen des Löwensturms vereiteln konnte, obwohl er, wie er später berichtete, unter der Kälte in Deutschland sehr gelitten hatte. Die Gäste wurden immer besser. Die Abwehr mit Di Giano und dem “Tangotänzer” Delovo stand sicher und sie begeisterte das Publikum auch durch ihr Kopfballspiel.
Das Mittelfeld mit Ruscitti, Chalu und Belli hatte einfach alles, besonders die Eigenschaften, die man sich für die eigene Elf wünschen würde. Die Bälle wurden nicht erst lange gestoppt, sondern so wie sie kamen, aus der Luft übernommen und mit Virtuosität weitergeleitet. Lediglich Alois Pledl konnte sich in Bezug auf die Ballbehandlung erfolgreich mit den Gästen messen. Im Sturm der Argentinier zauberten Sandoval, Spielführer Morgada und Nationalspieler Arrillaga, der als wahrer “Jongleur des Balles” bezeichnet wurde. Im Angriff spielte zudem der argentinische Nationalspieler und Vizeweltmeister Demaria. Er beeindruckte auf der weiteren Reise von Gimnasia beim Spiel in Mailand dermaßen, dass ihn die Mailänder gleich nach Italien holten. Da er italienischer Abstammung war, spielte er bei der nächsten WM für Italien und wurde 1934 Weltmeister.
Minella erlegt die Löwen
Ein besonderes Spiel bei der Begegnung auf Giesings Höhen legte der spätere Nationaltrainer Argentiniens, Minella, hin. Er schoss alle vier Tore gegen 1860 und wurde somit bester Spieler des Tages. Das Stadion seines Geburtsorts Mar del Plata, Spielort bei der WM 1978, wurde ihm zu Ehren in “Estadio José María Minella“ umbenannt. In der zweiten Hälfte war das Spiel der Südamerikaner so gut, dass man von den Tribünen die Rufe des Münchner Publikums “Argentinien – Argentinien” vernahm. Zur Freude auch des deutschen Publikums endete die Partie 0:4 und alle Zuschauer waren sich einig, einem außergewöhnlichen Spiel beigewohnt zu haben.
Die deutsche Presse berichtete ausführlich über das besondere Ereignis. Schlagzeilen wie “Südamerikanischer Zauber”, “blitzschnelles Tempo”, “Schnelligkeit war Trumpf”, “die Argentinier waren klasse” oder “das war argentinische Fußball-Kunst” dominierten die Berichterstattung. Die Argentinier demonstrierten ihre fabelhafte Ballbehandlung und ihr reiches Trickrepertoire, Fußballspielen konnten sie alle famos. Die 10.000 Zuschauer auf Giesings Höhen waren auf alle Fälle mit den Leistungen der Gäste aus Südamerika voll zufrieden.
Stolzer Honorarkonsul
Auch der Honorarkonsul der Republik Argentinien in München, Hermann von Fremery, wohnte Spiel bei. Er hatte nicht nur die Delegation von Gimnasia in seinem Konsulat empfangen, sondern auch seinem Dienstherren in Argentinien über den Aufenthalt der Fußballer Bericht erstattet. Er schrieb: “Die Reise dieser bewundernswerten Sportmannschaft hat hier in diesem Land den allerbesten Eindruck im Zeichen der Sympathie für Argentinien hinterlassen und damit Zeugnis abgelegt von einer unvergesslichen Etappe des Fortschritts in unserem Land, insbesondere auch auf dem Gebiet des Sportes.” Dass der Besuch von Gimnasia etwas Besonderes für Herrn von Fremery war, konnte man später auch daran festmachen, dass sich in seinem Nachlass viele Zeitungsausschnitte und Briefe über das Spiel befanden.
Nachdem Gimnasia Deutschland verließ, verlief die Tour weiter über die Tschechoslowakei nach Österreich und Italien, schließlich wieder nach Spanien und Portugal. Während der Heimfahrt gab es noch einmal einen Aufenthalt in Brasilien und dann, als die Reise am Bahnhof von La Plata zu Ende ging, warteten bereits 3.000 begeisterte Argentinier und feierten ihre heimgekehrten Helden.
Und der TSV 1860 München ist durch dieses Freundschaftsspiel vor 95 Jahren ein kleiner Teil der Geschichte des “Club de Gimnasia y Esgrima La Plata” geworden.
Dieser Artikel entstand mit Unterstützung des Archivo y Museo Histórico del Club de Gimnasia y Esgrima La Plata, des Archivs des TSV 1860 (Fotos) und Matthias Huber.

























