Über Ostern machte sich unser Leser Stefan – besser bekannt als Kraiburger – zum Groundhopping auf den Weg nach Südamerika. Insgesamt besuchte er dort 16 Partien – und sah Hinterhofstadien mit 6.000 Zusehenden genauso, wie monumentale Arenen. Viel Spaß beim Lesen!

Obwohl ich es seit 2012 bei jedem großen Fußballturnier geschafft habe, die Spiele live im Stadion zu sehen, habe ich mich diesmal endgültig gegen einen Besuch der WM in Nordamerika entschieden. Stattdessen habe ich meine „freie Zeit“ genutzt, und bin im April für zwei Wochen nach Südamerika geflogen. Und zwar ausschließlich, um Fußballkultur zu schnuppern.

Groundhopping, Sightseeing und Kulinarisches

16 Spiele in 18 Tagen in drei verschiedenen Städten sind es letztendlich geworden. Es hätten sicher noch ein paar Spiele mehr werden können, aber gerade zum Ende raus habe ich mich doch eher für Qualität statt Quantität entschieden. An den zwölf Tagen in Buenos Aires hätte ich locker jeden Tag drei Spiele besuchen können, hinunter bis zur dritten Liga. Entschieden habe ich mich dann aber doch eher für Sightseeing und den Verzehr von Steaks – viele Steaks.

Über Fußball in Südamerika, vor allem in Buenos Aires, brauche ich ja nichts schreiben. Alles, was erzählt werden muss, hat Flo von grounded/woistflo (instagram) ja schon ausführlich erläutert: Der frühere Vorsänger der Giasinga Buam hat anderthalb Jahre in Buenos Aires verbracht und dabei so ziemlich jeden Club besucht. Was kann ich denn da tun, außer ihm bei jedem Bericht wohlwollend zuzustimmen? Bedanken möchte ich mich bei ihm auf jeden Fall für die unzähligen Tipps und Empfehlungen im Vorfeld!

Start in Paraguays Hauptstadt

Der Start war in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, aus welcher elf der zwölf Erstligisten der nationalen Liga kommen. An einem normalen Spieltag mit sechs Spielen, die jeweils Freitags bis Sonntags um 18 und 21 Uhr stattfinden, werden also mindestens fünf Spiele in einer Taxi-Reichweite von maximal 20 Minuten ausgespielt. Das hat zur Folge, dass man das Spiel vom 1979-Weltpokalsieger Olimpia, die vor knapp 30.000 Leuten gegen Lokalrivalen Libertad im Nationalstadion Defensores del Chaco siegen, um 19:50 Uhr verlässt, und schon 20 Minuten später mit 35.000 Gleichgesinnten im Stadion von Cerro Porteno, General Pablo Rojas, steht, die ihr Spiel gegen den Lokalrivalen Club 2 Mai gerade beginnen. Erwähnenswert noch, dass bei beiden Spielen dieselben Chipsverkäufer ihre Ware anbieten. Mit dem Mofa sind die 3,2km wahrscheinlich noch schneller zu fahren als (wie unsereins) mit dem Taxi. Die Stimmung bei beiden Spielen war schonmal gleich sehr gut und hat unsere Vorfreude auf die nächsten Tage erhöht.

Der Zweitligaclub Resistencia Asunción hat vor ein paar Jahren sein Stadion auf 6.000 Plätze ausgebaut. Dämlicherweise stand dabei ein Baum im Weg. Der Baum wurde kurzerhand Vereinsmitglied und gibt nun auf der Hintertortribüne Schatten. Diese Anekdote war für uns Grund genug, am Ostersonntag um 11 Uhr morgens dorthin zu einem Zweitligaspiel zu fahren, nichtsahnend, dass das Stadion mitten in einer nicht befriedeten Favela liegt. Der Taxifahrer, den wir eh schon schwerlich überzeugen konnten, uns dahin zu bringen, hat dann aus Panik vor den Fußballfans auch noch kurz Gas und Bremse verwechselt und ein anderes Auto mitten in der Favela angefahren. Statt anzuhalten, hat er seine Fenster verriegelt und Vollgas gegeben und uns wortlos und ganz, ganz schnell am Stadion rausgelassen. Wir haben es uns dann unterm Baum gemütlich gemacht um der Heimmannschaft aus der Favela Chacarita bei einer 1:3-Niederlage zuzusehen. Am Tag darauf flogen wir weiter ins heilige Argentinien.

Via Buenos Aires nach Uruguay

Das Zweitligaderby in Buenos Aires zwischen Atlanta und Nuevo Chicago startete mit einem richtig geilen Fanmarsch auf der Hauptstraße, inkl. römischer Lichter, Blaskapelle und Gesängen, und endete im strömenden Regen mit einer Niederlage. Bedauerlicherweise sind die Projekte, Gästefans wieder im Stadion zu erlauben, noch nicht sonderlich ausgereift. Gästefans können wir also leider nur bei den internationalen Wettbewerben begrüßen.

Schon am Tag darauf starten wir einen 3-tägigen Ausflug ins Nachbarland Uruguay.

Das Centenario in Montevideo ist als ein Spielort für die WM 2030 vorgesehen und soll dafür für viel Geld umgebaut werden. Bitte, bitte macht das nicht. Das erste WM-Final-Stadion der Geschichte atmet und lebt Fußballkultur. Die betonierten Stühle, das weite Rund, der Funkturm, dieser Brutalismusbeton – das alles ist Fußballleben. Das darf nicht für die Erben Infantinos geopftert werden.

Sportlich wars eher mau. Montevideo City, das Farmteam von Manchester City, gewann mit Kapitän Gary Kagelmacher 1:0 in der Copa Sudamericana gegen Grêmio Porto Alegre. Von den etwa 3.000 Zuschauern waren knapp 2.500 aus der etwa 1.000 Kilometer entfernten brasilianischen Stadt angereist. Neben Montevideo hat Manchester City ja auch noch Farmteams in Mumbai und Melbourne. Die City Group suchen sich meistens Teams aus, die in ihrer Stadt Nummer 2 sind, deren Stadtnamen mit M beginnt, deren Vereinsfarben blau sind und die irgendwie zum Verkauf stehen. Keine Sorge, wir bei Sechzig sind da sicher safe …

Zurück in Buenos Aires

Freitagabend haben wir uns ein Drittligaspiel angesehen. Excursitantes hat gegen irgendwen gespielt. Ein Club, bei dem Stadtviertel, Verein und Fans absolut zusammenpassen. Alles war in sich stimmig. Der Stadioneingang war irgendwie nicht mehr als ein kleines Tor in den Hinterhof und wenn der Ball raus fliegt, dann ist er halt auf der Straße. Trotzdem waren da etwa 4.000 Leute im engen „Rund“ zwischen den Hochhäusern. Und alle hatten mächtig Spaß.

Im Vorort La Plata haben wir uns Estudiantes angesehen. Die Stadionbetreiber haben sich für eine Mantelnutzung entschieden: Unter Tags sind die Tribünen Einkaufszentrum, wobei das Spielfeld, wenn gerade kein Fußball ist, als Biergarten verwendet werden kann. Das mit den Tickets war irgendwie eigenartig: Wir drei Alkoholiker (alle über 40) mussten uns als Familie anmelden, um an Tickets zu gelangen. Und am Ende hat der Scanner sowieso wieder nicht funktioniert, sodass „Sprachbarriere, Lächeln und gehetzt wirken“ uns schließlich zum begehrten Einlass brachte.

Sonntag war hardcore: Erst zu Huracán. Das ist das Stadion mit dem epischen Fernsehturm, den betonierten Sitzen und dem Wahnsinns Blick über die Skyline von Buenos Aires. Das hat mich echt geflasht und ich will sofort wieder hin. Aber: Nur vier Kilometer Entfernung und 1h Pause dazwischen spielt Racing Club – einer der fünf großen Vereine. Gegner ist kein geringerer als Serienmeister River Plate. Das Stadion Cilindro – ein richtig geiler, runder, hoher Bau – haut einen von den Socken. Racing präsentiert zu Spielbeginn drei unterschiedliche Blockfahnen und das ganze Stadion macht richtig Alarm. Sehr schade, dass erneut keine Gästefans zugelassen sind. Per Beamer werden zu Beginn Spielsequenzen alter Derbies aufs Spielfeld projiziert. Alles ist angerichtet, 50.000 sind höchstmotiviert, die Fans in blau singen, jubeln, schreien und winken mit ihren Armen, wie es in Südamerika üblich ist. Es ist alles fast wie daheim: Blau verliert das Derby gegen Rot mit 0:2.

Wochenstart bei Veléz Sarsfield und Boca

Montag waren wir beim ehemaligen Weltpokalsieger Veléz Sarsfield in einem schön heruntergekommenen Stadtviertel mit viel, viel dunkelblau. Direkt neben dem Stadion führt die Autobahn vorbei, und unter der Autobahn spielen die Vereinsmitglieder nachts Fußball. Oder betreiben eines der besten Steakrestaurants der Stadt. Das Stadion José Amalfitani war bei der WM 1978 eines von zwei Stadien in der Hauptstadt, unter anderem fand dort der 2:1-Sieg der Österreicher gegen Spanien statt (Tore Hans Krankl und Schoko Schachner).

Dienstag dann der nächste Höhepunkt: Boca Juniors spielen in der Copa Libertadores gegen den FC Barcelona aus Ecuador. Wir hatten über den Schwarzmarkt Tickets in der obersten Reihe der legendären Bombonera und sind einfach nur geflasht. Alle 56.000 im Stadion gehen ab, sie singen und tanzen zu den Rhythmen der Blaskapelle der Barras. Und ganz oben, da glaubt man irgendwann nicht mehr, dass das Stadion dieses Spiel überleben wird, denn es wackelt brutal. 3:0 gewinnt Boca. Boca Juniors, der Verein, bei dem ich immer noch nicht weiß, ob er den Kapitalismus perfektioniert hat, oder ob es wirklich die perfekte Symbiose zwischen Stadtteil, Verein und Fans ist. Tatsache ist: Wenn Boca spielt, dann ist das ganze Viertel eine einzige Party bis spät in die Nacht. Weitaus intensiver als in Giesing.

Weiter geht’s mit River und San Lorenzo

Am nächsten Tag spielt River Plate daheim gegen einen Vertreter aus Bolivien. River Plate ist der andere große Verein, auch einer der Big 5 (zu denen neben Racing und Boca auch Indepediente und San Lorenzo gehören). Im Finalstadion der WM 1978 Mas Monumental haben sie aktuell mit 83.000 Zuschauern pro Spiel den weltweit höchsten Zuschauerschnitt. Leider wurde ich enttäuscht. Entweder waren es einfach scheiß Plätze, oder meine Erwartungshaltung nach dem bombastischen Erlebnis des Vortags war zu groß, oder der Fußball dort ist wirklich scheiße: Aber ich fühlte mich nicht mitgenommen. Weder vom Spiel noch von den Fans. Spielerisch wars meines Erachtens ungefähr auf dem Niveau Verl gegen Ulm. Von keiner der beiden Mannschaften kam ein Ball an. Nichts ging. Irgendwie hats hinten und vorne gefehlt. Zudem hatten wir etwas teurere Plätze über den Fans mit relativ wenig Sicht auf die weiteren Fankurven. Es ist also möglich, dass der Funke einfach nicht auf uns übergesprungen ist.

Am Donnerstag gab es zum Abschluss von San Lorenzo (der Vierte der Big5) gegen Cuenza aus Venezuela. Der Club Papst Franciscos gewann souverän, aber dennoch aus meiner Warte spielerisch nicht überzeugend. Interessant ist auf jeden Fall die Stadionhistorie von San Lorenzo: Weil der Verein in den 70er-Jahren finanzielle Probleme hatte, verkaufte er sein altes Stadion an die Stadt. Die wiederum verkaufte das Areal an eine Supermarktkette und das Stadion wurde 1979 abgerissen. San Lorenzo musste sich dann einige Kilometer entfernt ein neues Stadion bauen, in dem sie nie wirklich heimisch wurden. Mittlerweile haben die Fans der Supermarktkette das alte Grundstück wieder abgekauft und es bleibt abzuwarten, ob der Verein irgendwann an seine alte Wirkungsstätte zurückziehen kann.

Tickets von der Stadionkasse bis zum Schwarzmarkt

Um Tickets haben wir uns meist ein paar Tage vor Anpfiff online gekümmert. Mit Ausnahme von Boca und Racing (gegen River) war das auch durchaus möglich. Bei unterklassigen Spielen gab es auch Tickets am Stadion. Nur für die großen Spiele von Boca, Racing und letztendlich auch River (wobei es hier auch anders gegangen wäre) haben wir uns der halblegalen Ticket-Unterwelt anvertraut. Das Heimspiel von Boca schlug dabei mit 140 Euro zu Buche, Racing mit 120 Euro. Doch selbst reguläre Tickets können (wie bei San Lorenzo) bis zu 60 Euro teuer werden. Der durchschnittliche Erstligapreis in Buenos Aires liegt bei 30 Euro, deutlich günstiger sind Tickets in Uruguay und Paraguay mit jeweils 3 bis 10 Euro. Auf alle 16 Spiele verteilt hat ein Ticket im Schnitt 39 Euro gekostet. Sicher bin ich mir jedenfalls: Wäre ich stattdessen zur WM nach Nordamerika, dann hätte ich in der selben Zeit maximal ein Viertel der Spiele gesehen, und dafür sicherlich doppelt soviel Geld bezahlt.

Unvergessliche Erfahrungen die Lust auf mehr machen

Was bleibt hängen: Es war mein Traum, einmal in die Fußballkultur der Fußball-Welthauptstadt einzutauchen. Das habe ich im Rahmen meiner Möglchkeiten geschafft. Von den Big5 habe ich vier daheim gesehen. Von den weiteren “großen” Clubs habe ich Huracán und Sarsfield erleben dürfen. Drei bis vier weitere könnten hier noch folgen. Wars das, was ich erwartet habe? Ganz ehrlich: Boca in einem Heimspiel der Copa Libertadores erleben zu dürfen, ist ein unvergesslicher Traum. Aber ich habe mir insgesamt mehr Konfetti, Regenschirme, Fahnen, Pyros und Luftballons erwartet. Und die gab es größtenteils nicht. Was es überall gibt, ist die Blaskapelle der Ultras – hier Barra Brava genannt. Diese spielen 90 Minuten ihre Lieder durch, wobei sich die Lieder bei allen Vereinen immer irgendwie wiederholen („hey, hey Amigo Charlie Brown ….“). Wobei auch immer, wenn ein neues Lied angesungen wird, das ganze Stadion aufsteht und für 4-6 Minuten voll mitgeht. Buenos Aires ist fußballerisch ein absoluter Traum. Und ich bin froh, dass ich diesen Traum mal für kurze Zeit mitträumen durfte.

Groundhopping auf sechzger.de

In den letzten Jahren erschienen bereits einige Groundhopping-Artikel auf sechzger.de. Hier eine Übersicht:

Groundhopping Rumänien
Groundhopping Mazedonien bzw. Nordmazedonien
Groundhopping Armenien
Groundhopping Thailand I
Groundhopping Thailand II
Groundhopping Ukraine
Groundhopping Kuba
Groundhopping Montenegro
Groundhopping Indien
Groundhopping Kirgisistan
Groundhopping Saudi-Arabien
Groundhopping Antarktis (Südgeorgien)
Groundhopping Kolumbien
Groundhopping Indonesien
Groundhopping Laos
Groundhopping Georgien
Groundhopping Sansibar
Groundhopping Transnistrien
Groundhopping Nordkorea
Groundhopping Bulgarien
Groundhopping Senegal
Groundhopping Gambia
Groundhopping Guinea-Bissau
Groundhopping Frankreich
Groundhopping Kosovo & Nordmazedonien
Groundhopping Bosnien
Groundhopping Taiwan
Groundhopping Tunesien
Groundhopping Algerien
Groundhopping Türkei
Groundhopping Galicien (Teil I / Teil II)
Groundhopping Madrid (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ecuador (Teil I / Teil II)
Groundhopping Albanien I
Groundhopping Albanien II (Teil 1 / Teil 2)
Groundhopping Schweden (Teil I / Teil II)
Groundhopping Finnland
Groundhopping Norwegen
Groundhopping Litauen
Groundhopping Lettland
Groundhopping Kanada
Groundhopping Sri Lanka
Groundhopping Moldawien
Groundhopping Belgien & Luxemburg

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