Die Vorkommnisse beim Spiel gegen Cottbus, die nicht nur im Umfeld des TSV 1860 Wellen schlugen, haben wir genutzt, um ein Interview mit “Energiefans gegen Nazis” zu führen. Diese waren zum Glück auch dazu bereit, sich unseren Fragen zu stellen und diese auch noch schnell zu beantworten. Vielen Dank nochmal nach Cottbus hierfür!
Interview mit “Energiefans gegen Nazis”
Warum ist eure Initiative entstanden?
Unsere Initiative ist 2017 entstanden. Damals gab es heftige rechtsextremistische Ausschreitungen bei Spielen gegen Babelsberg 03, die eine linke Fanszene haben. Außerdem gab es innerhalb unserer Fanszene ein Wiedererstarken rechtsextremer Akteure und Tendenzen. Dem wollten wir etwas entgegensetzen.
Wie hat sie sich entwickelt?
Hat sich super entwickelt 🙂 Zwischendurch waren wir unter den TOP10 Anti-Nazi-Facebookgruppen im deutschen Fußball (lacht). Wir erreichen mittlerweile schon viele Leute und können zeigen: Ja, wir haben hier ein echtes Problem und wollen es nicht verschweigen. Aber auch: Nein, wir sind hier nicht alle Nazis!
Inzwischen eindeutige Positionierung des FCE
Wie ist denn die Haltung vom Verein? Arbeitet ihr mit dem zusammen?
Der Verein hatte lange Schwierigkeiten damit, das Problem ernstzunehmen. Das war in den 2000er- und frühen 2010er- Jahren. Inzwischen positioniert er sich klar und hat auch eine eigene Kampagne gestartet: “Rot-Weiß statt Braun”. Klar würden wir uns an der ein oder anderen Stelle mehr wünschen und darauf drängen wir auch. Aber wir spüren schon, dass die Vereinsverantwortlichen Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus etc. aus dem Stadion verdrängen wollen.
Auf der Homepage von Energie sind zwei Kategorien namens “Rot-Weiß statt Braun” und “Vielfalt und Toleranz” aufgelistet, zudem auch ein Awareness Konzept, das in der dritten Liga noch nicht verpflichtend vorgeschrieben ist. Wie kommt das?
Ja, das Awareness-Team ist eine tolle Sache, gerade weil es eine “Extraleistung” des Vereins ist. Hier war auch die externe Fanarbeit vom Fanprojekt wesentlich beteiligt, sowie ehrenamtlich im Verein tätige Menschen. Das Problem der Belästigungen von Frauen, aber auch andere Formen von Gewalt im Block, wurde in den letzten Jahren Gott sei Dank offener besprochen.
“Wollten zeigen, dass wir in Cottbus nicht alles Nazis sind”
Wie seht Ihr allgemein das Image des Vereins nach innen aber auch nach außen?
Das Image nach außen können wir nicht so gut beurteilen. Ihr könnt ja selber mal euer Kopfkino befragen, wenn der Name “Energie Cottbus” fällt, hehe. Wir haben die Initiative vor allem aus zwei Gründen gegründet: Nach all den Negativschlagzeilen, z.B. aus den Spielen gegen Babelsberg, wollten wir zeigen, dass wir in Cottbus nicht alles Nazis sind. Pauschale Aussagen in diese Richtung hören wir seit Jahren und die können echt verletzend sein. Zum anderen wollten wir aber auch nach innen zeigen, dass es Fans gibt, die nicht mit allem einverstanden sind und die das Thema intern nicht weiter verschweigen wollen.
Wie agiert ihr im Stadion? Wo sind euch Grenzen gesetzt?
Im Stadion zu agieren ist eher schwierig. Zum einen stehen und sitzen wir verstreut übers ganze Stadion und sind in erster Linie Fans und wollen während der 90 Minuten mitfiebern und anfeuern. Zum anderen könnte ein offenes Auftreten zu gesundheitlichen Einschränkungen führen, wenn ihr versteht… Aber in Zukunft möchten wir gerne wieder mit einem eigenen Banner auftreten. Das ist aktuell eher aus organisatorischen Gründen nicht möglich.
“Wir agieren einfach vorsichtig”
Das Gewaltmonopol liegt ja sicherlich nicht bei euch. Wie schützt ihr euch?
Wir agieren einfach vorsichtig.
Gibt es Unterstützung für Eure Initiative auch innerhalb der Fanszene? Eventuell durch Einzelpersonen oder indirekt?
Naja, wir sind die ENERGIEFANS gegen Nazis. Das heißt, wir leben mit und von den Anhänger*innen unseres Klubs. Sie teilen unsere Inhalte auf Social Media, kleben unsere Sticker in der Stadt. Sie kommentieren unsere Beiträge und sprechen sich dabei gegen die Vereinnahmung von Rechts aus. Sie senden uns aufmunternde Nachrichten und Geld 😉 Das ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und bestätigt uns, dass die meisten Energiefans stabil sind ;)!
Und außerhalb des Stadions/Vereins?
Hier ist in erster Linie der Verein Gesellschaftsspiele e.V. aus Berlin zu nennen. Sie unterstützen uns enorm, indem sie uns ein Spendenkonto eingerichtet haben, mit dem wir Gelder annehmen und z.B. für Aufkleber ausgeben können.
Was habt ihr bislang erreicht und wie zufrieden seid ihr damit?
In erster Linie haben wir es geschafft, dass das Thema nicht mehr verheimlicht wird. Den eigenen Fans, aber vor allem auch Fangruppen in ganz Deutschland wie euren können wir zeigen, dass wir nicht das “braune Kacknest” sind, von dem die meisten leider ausgehen. Zudem haben wir mit der Initiative ein Sprachrohr geschaffen, eine Identifikationsmöglichkeit für viele Fans, die vielleicht mit Blick auf die Ereignisse im Stadion frustriert waren und ihren Klub schon aufgeben wollten. Solche Rückmeldungen erhalten wir andauernd und das ist enorme Motivation für das weitere Engagement.
Vielsagende Nicht-Reaktion im Gästeblock
Wie habt ihr den Vorfall bei uns erlebt? Hattet ihr vor der Durchsage schon mitbekommen/geahnt, was passiert ist?
Aus dem Gästeblock heraus waren die Vorgänge zunächst nur schwer zu entziffern. Plötzlich kam es an der Seitenlinie zu Unruhe, ein Bierbecher flog auf den Platz, immer mehr Spieler kamen dazu und schnell richtete ein Capo der Sechziger mit seinem Megafon Worte in Richtung des Fanblocks. Erst als sich vermehrt Spieler und Funktionäre an den sichtlich geschockten Justin Butler wandten, begleitet von “Nazis raus”-Rufen der Löwenfans, konnte erahnt werden, was hier wohl vorging. Richtige Klarheit kam allerdings wirklich mit der Durchsage des Stadionsprechers.
Wie waren die Reaktionen im Gästeblock drauf?
Die Reaktionen waren vielsagend. Es gab nämlich keine, zumindest keine laut vernehmbaren. Einzelne Personen haben sich sicher ihren Teil gedacht, doch aus dem harten Kern der Fanszene kam leider nichts. Wir müssen aber auch sagen, dass auf Social Media die Meinungen und die Empathie mit Justin Butler von Seiten der Energiefans eindeutig waren. Rassismus wird auch in Cottbus inzwischen von einer Mehrheit geächtet.
Wie fandet ihr die unmittelbare Reaktion von Sechzig und dem Stadionsprecher? Hättet Ihr Euch anders gewünscht?
Die Worte des Stadionsprechers waren sehr deutlich und aufrichtig und sorgten unmissverständlich für Klarheit über die Geschehnisse. Hervorzuheben ist außerdem die Zivilcourage einiger Sechzig-Spieler und -Fans, die umgehend dafür sorgten, dass die entsprechenden Personen ausfindig gemacht und dem Stadion verwiesen werden konnten. Die unmittelbaren Reaktionen auf Löwenseite auf den rassistischen Vorfall empfanden wir als angemessen und wertvoll.
Kamen die Reaktionen aus der Westkurve bei Euch an?
Die Sprechchöre aus der Westkurve, wie insbesondere “Nazis raus”, waren klar im Gästeblock zu hören. Eine entsprechende kollektive Reaktion gab es darauf aber leider nicht.
Anständige und ehrliche Kommunikation des TSV 1860
Habt ihr noch die weiteren Statements von 1860 im Nachgang verfolgt? Was haltet Ihr davon?
Wir haben die Berichterstattung bzw. Interviews gesehen und fanden sie alle sehr anständig und ehrlich und offen.
Habt Ihr auch die Kommentare auf Social Media zu den Statements mitbekommen? Was für einen Eindruck (falls) habt Ihr bekommen, sowohl von Sechzig als auch den Kommentator*innen?
Wir haben vor allem die Kommentare unserer Fans verfolgt und die waren sehr ermutigend. Wir können uns aber vorstellen, dass das bei den 1860ern genauso ist.
Zu guter Letzt: wie kann man Euch unterstützen?
Sichtbarkeit ist natürlich immer gut, also folgt, liked und teilt unsere Social Media Inhalte, was das Zeug hält 🙂
Finanziell unterstützen kann man uns per Überweisung an:
Spendenkonto: Gesellschaftsspiele e. V.
IBAN: DE24430609671294549000
Verwendungszweck (wichtig!): Support Brandenburg
Vielen Dank für das Interview und euer Engagement!












Zum anderen könnte ein offenes Auftreten zu gesundheitlichen Einschränkungen führen, wenn ihr versteht…
Versteh ich das so dass die dort immer noch in der Unterzahl sind und das Problem im Interview irgendwie klein geredet wird? Ist so mein Eindruck.
Danke, ich hätte noch Fragen zur aktuellen Lage dort („Wir haben ein echtes Problem“ ist etwas ungenau und kann so oder so gedeutet werden), zur dominierenden Rolle der Ultras, wie es sich heute mit dem Ordnungsdienst in Cottbus verhält und wie/ob man die „Ossischweine“-Rufe wahrgenommen hat.
Auf jeden Fall halte ich es für sehr mutig (ich kenne geplagte Journalist:innen dort), dass diese Initiative existiert und natürlich Lob auch für Andreas Edge von Sechzger.de, das hätte ich gar nicht erwartet, fein, wie man immer wieder mit interessanten Inhalt überrascht wird.
Richtig erschreckend finde ich, dass die Leute anscheinend die Klappe halten müssen im Stadion, weil sie sonst zusammengeschlagen werden.
So ganz einfach ist das LEIDER bei uns auch nicht…
Siehe “Vorfall” aus diesem Januar:
https://sechzger.de/rassismus-vorfall-beschaeftigt-den-tsv-1860-muenchen/
“Im Stadion zu agieren ist eher schwierig. (…) Zum anderen könnte ein offenes Auftreten zu gesundheitlichen Einschränkungen führen, wenn ihr versteht…”
Erschreckend, dass sie offensichtlich Angst haben müssen im eigenen Stadion.
Viel Erfolg weiterhin, kann man nur wünschen!
Gutes Interview. Wäre schön, wenn man hier mehr von den Löwen gegen Rechts lesen könnte, also nicht nur, wenn das Thema hochkocht. Praktisch aktiv das Richtige normalisieren und nicht nur zu Alibizwecken hervorholen. Überspitzt ausgedrückt. 😃
Was würde Dir denn vorschweben, was man mehr über die LFGR hier lesen sollte?
Hehe, jetzt fragst du mich das, was ich gehofft hab, dass ihr sagt. Aber klar, wer das Maul aufreißt (in dem Fall ich), der darf natürlich auch liefern.
Zuerst möchte ich euch loben, dass ihr euch immerhin, wenn das Thema aufgepoppt is, ihm auch angenommen habt. Das ist ja nicht überall so, und wird sogar teilweise auch nur für eigene Zwecke missbraucht.
Ganz einfach betrachtet haben wir in diesem Thema unterschiedliche Gruppen, die da agieren könnten über das man dann schreiben kann und somit das Thema stärker in die Gesellschaft bringt.
Ich würd erstmal schauen, was is jetzt schon bei diesen Gruppen vorhanden was für sich alleine schon berichtenswert ist. Also direkt fragen, was haben Löwenfans gegen Rechts, einzelne Fans, Fanclubs, der Verein, Sechzger.de, verbundene Gewerbetreibende usw. für eine Sicht auf das Thema, welche Erfahrungen damit gemacht, was für Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen.
Dann kann man die Synergien abklopfen, z.B. gemeinsame T-Shirts anbieten, also S.de + LFGR auf einem Shirt. Im S.de-Shop. Das macht LFGR sichtbarer. Ähnliches mit dem Vereinen und den anderen Gruppen. Gemeinsame Aktionen an den Spieltagen mit den Gegen-Rechts-Gruppierungen und Medien der anderen Clubs. Und wenns nur einen kleiner Infostand vorm Stadion is, der wieder mehr Sichtbarkeit für das Thema erzeugt, Sichtbarkeit ist ja immer neuer Content.
Alleine die möglichen Überschneidungen zwischen Verein, S.de und LFGR sind sehr groß. Wenn die Fans und die Fanclubs nur teilweise dazukommen, dann wird das einen großen Transparenzeffekt haben und dazu beitragen, dass das Hinschauen und Zivilcourage normal wird und nicht das Wegschauen normal bleibt. Damit will ich nicht sagen, dass es das nicht jetzt schon gibt, sondern, dass es so mehr wird und die Spielräume der Rechten kleiner macht.
Das sind jetzt nur spontane Beispiele, da gibt es unerschöpflich viel. Und wenn man die Menschen fragt, dann kommen da noch viel mehr Ideen und auch Leute die etwas beitragen wollen. Und es ist ja auch im Interesse aller dieser Gruppen.
Und letztlich kannst den rechten Rand nur so kleinhalten, indem du ihm eine noch größere Initiative entgegenstellst, als deren eigene. Und so bekommen die Menschen das Bewusstsein, das man da auch was machen kann. Sie bekommen es praktisch vor Augen geführt.
Ich bin dabei, etwas zu tun, wenn Sechzger.de mit seinem Potenzial etwas beitragen möchte.
Klasse Ideen. Gerade die Kooperation mit LfgR und Sechziger.de als T-Shirt oder der Infostand finde ich gut.
Die LFGR haben doch schon ein paar mal in der Saison einen Info-Stand am Grünspitz. Der ist ja nicht dafür da sich günstig mit Stickern, Feuerzeugen, usw einzudecken, sondern auch um ins Gespräch zu kommen…
Ich meine nur irgendwo aufgeschnappt zu haben dass es mal wieder Stress mit irgend jemandem (wie damals mit dem Power Toni) gibt und deshalb im Moment keine Präsenz da ist.
Ich würde es begrüßen, dass trotzdem mehr Sichtbarkeit gezeigt werden würde, va die “Wertegemeinschaft” mit dem TSV 1860 mehr in den Vordergrund kommt. Ich schwenke auch hin und wieder eine der Fahnen vor Spielbeginn… warum ist es zB nicht möglich hier auch eine LFGR-Fahne dabei zu haben, allein um an prädestinierter Stelle sich auch als Verein zu den werten zu bekennen?
Die LfgR sind ja regelmäßig mit Stand in der Ambar anzutreffen. Da ergäbe sich ja auch die Möglichkeit zum Gespräch.
Auch wenn ich nicht gefragt wurde, aber wenn man schon mal Wünsche äußern darf:
Einerseits wäre es super (auch aus SEO-Perspektive denke ich für alle, die nie mit den LFGRs am Spieltag Kontakt haben und nach solchen Dingen googeln), nochmal den Platz einzuräumen, wie momentan deren Arbeit und Schwerpunkte aussehen und welche Gefahren man dort sieht.
Das würde helfen, bei allen Fans mehr Aufmerksamkeit auf problematisches Verhalten zu lenken, damit wir das gemeinsam unterbinden können.
Und wenn man mehr Akteure zusammenbringt, würde es natürlich allen nochmal zeigen, dass es bei uns eine breite Fankoalition über alle Lager hinweg gibt (LFGR, Sechzger.de, Uf60, Fanclubs, organisierte Fanszene, Pro1860, usw.), die sich klar gegen Rassismus im Stadion stellt.
Aber: mir ist klar, dass das ein mega Projekt ist, und bei euch durch eure normale, eh schon großartige Arbeit brutal viel anfällt. Deshalb ist das eher in einer idealen Welt gedacht.
Am Ende muss man auch sagen: sowas würde helfen, aber es liegt auch an jedem einzelnen von uns. Mal bei sich selbst hinterfragen, was man so sagt/denkt oder auch Freunde und Bekannte konfrontieren, wenn da was in die Richtung kommt.
Es gilt ja doch auch im Stadion die Weisheit aus Herr der Ringe, dass am Ende die kleinen, guten Tagen des Alltags das Böse fernhalten.