TSV 1860 – BVB: das Skandal-Spiel des Jahrzehnts

Kostete die 1:2 Niederlage gegen den Meisterschaftsrivalen die Titelverteidigung?

Bis heute führt die Erinnerung an das Heimspiel gegen den BVB am 08. Oktober 1966 bei vielen älteren Fans des TSV 1860 zu heftigen Emotionen und hitzigen Diskussionen. Was war passiert? Nach der glorreichen Meisterschaft im Mai 1966 zählten die Löwen in der darauf folgenden Bundesligasaison 1966/1967 erneut zu den Topfavoriten im Kampf um den Meistertitel. Allerdings war man zur allgemeinen Überraschung mit drei Auswärtsniederlagen in Folge denkbar schlecht in die Saison gestartet. Und jetzt kam, am 8. Spieltag, ausgerechnet der Mitfavorit Borussia Dortmund ins Stadion an der Grünwalder Straße, dem man in der vorangegangenen Saison den Meistertitel noch auf den letzten Metern weggeschnappt hatte.

Denkwürdige Niederlage des TSV 1860 gegen den BVB

Das hochbrisante Duell vor 32.000 Zuschauern begann mit einem ersten Aufreger, aber durchaus erfolgversprechend für die Löwen. Brunnenmeier hatte in der 30. Minute zwar einen Elfmeter verschossen, acht Minuten später aber das 1:0 erzielt. Noch 15 Minuten zu spielen, alles schien auf einen Sieg des TSV 1860 gegen den BVB hinaus zu laufen. Dortmunds Abwehrspieler Wolfgang Paul hatte den Ball ins Aus geschlagen. Fälschlicherweise gab Schiedsrichter Max Spinnler Einwurf für die Borussia, die dank dieses Vorteils in Ballbesitz kam und unmittelbar darauf deshalb durch Lothar Emmerich das 1:1 erzielen konnte. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. In der 81. Minute gelang Dortmunds Stürmer Sigi Held mit Hilfe eines vorangegangenen Handspiels das 2:1. Löwenfan Manfred Graf, der damals als Zuschauer im Stadion dabei war, ist heute noch aufgebracht:

“Jeder, wirklich jeder im Stadion hat gesehen, dass das ein eindeutiges Handspiel von Sigi Held war, nur der Schiedsrichter nicht. Es war ein Skandal.”

Statt Freistoß für die Löwen gab der Schiedsrichter Tor für Dortmund.

Sechs Monate Sperre für Konietzka

Ob solcher Ungerechtigkeiten brannten bei einigen Löwenspielern alle Sicherungen durch. Erst ging Manni Wagner, ansonsten sehr besonnen, Schiedsrichter Max Spinnler nicht nur verbal an und wurde umgehend vom Platz gestellt, daraufhin trat und schubste der völlig frustrierte Timo Konietzka den Schiedsrichter und schlug ihm die Pfeife aus der Hand. Auch er musste umgehend vom Platz. Das Strafmaß des DFB gegen die Rotsünder war drakonisch, jedoch in Anbetracht der Tätlichkeiten gegen den Schiedsrichter durchaus nachvollziehbar. Konietzka wurde für ein halbes Jahr gesperrt, also fast für die gesamte Saison, die längste Sperre, die je ein Bundesligaspieler erhalten hat, Manfred Wagner für drei Monate.

Derby-Niederlage und Abstiegsplatz

Eine Woche später verloren derart ersatzgeschwächten Löwen auch noch das Derby gegen die Bayern und rutschten auf einen Abstiegsplatz. Die Krise des Meisters war nicht mehr zu übersehen. Manches, wie die Schiedsrichterentscheidungen im Spiel gegen Dortmund, war einfach Pech, aber vieles hausgemacht. Das Verhältnis zwischen Trainer Max Merkel und insbesondere seinen Führungsspieler Radenkovic und Grosser war schon länger angespannt, zumal Diktator Merkel mit selbstbewussten, meinungsstarken Spielern nicht so recht umzugehen wusste. Zwei Monate später stand die ganze Mannschaft gegen ihren Trainer, der postwendend entlassen wurde.

Was wäre alles möglich gewesen, ohne die Schiedsrichterfehlleistung im Spiel gegen Dortmund? Sehr vieles, wahrscheinlich sogar die Titelverteidigung. Die Löwen überwanden die Krise und wurde am Ende sogar noch Vizemeister, nur zwei Punkte hinter Eintracht Braunschweig. Die krassen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters im Skandal-Spiel und die daraus folgende lange Sperre des soliden Verteidigers Manni Wagner und des in der Meisterschaftssaison mit 26 Toren erfolgreichsten Torschützen Timo Konietzka haben den Löwen möglicherweise die entscheidenden Punkte gekostet.

Si tacuisses, philosophus mansisses

Aber war da zu allem Überfluss nicht noch etwas, was dazu beitrug, den Löwen die erneute Meisterschaft zu verwehren? Ein böses Foul des Lokalrivalen? Ausgerechnet Franz Beckenbauer bekannte viele Jahre danach huldvoll grinsend in einer Fernsehsendung, seine Mannschaft, der FC Bayern, hätte am 27. Spieltag in Braunschweig absichtlich mit 2:5 verloren, nur damit die Münchner Löwen nicht erneut die Meisterschale in den Himmel über Giesing stemmen könnten. Kaum zu glauben, hatte der FC Bayern zu diesem Zeitpunkt doch ebenfalls noch Chancen auf die Meisterschaft. Ja mei, da Franz halt! Ein echter Kaiser beliebt gelegentlich zu scherzen und Märchen unter das Volk zu bringen. Oder vielleicht doch nicht?

Das Sechzger-Spiel des Monats

Einmal im Monat entführt Euch unser Autor Thomas Bohlender in die Vergangenheit des TSV 1860 München und stellt ein – aus seiner Sicht – besonderes Spiel näher vor. Der Autor ist Mitglied der Abteilung Vereinsgeschichte des TSV 1860 München e.V.!

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