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Mit den Löwen kann man ja bekanntlich ganz schön rumkommen. Die etwas Älteren erinnern sich gerne an diverse Europacup-Auswärtsfahrten wie Varna, Borisov, Smederevo oder Leeds und auch das ein oder andere Testspiel in fremden Gefilden stand in den letzten Jahren auf dem Programm. Diejenigen, die die Reisen nach Polen, Ungarn, Kanada, Südkorea etc. mitgemacht haben, haben sicher unzählige Geschichten zu erzählen. Ein ganz besonderes Kapitel in der Löwen-Historie schrieben Anfang 2016 die damals von Daniel Bierofka trainierten Amateure, die an einem internationalen Turnier in Indien teilnahmen. Unser Leser Michael Stoffl (u.a. Zeitspiel Magazin) war als einziger Fan aus Deutschland angereist und gerät auch heute noch ins Schwärmen. Viel Spaß beim Lesen!

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Im Februar 2016 machte sich unsere zweite Mannschaft auf eine Reise zu einem Turnier in Indien – aber beinahe wäre es gar nicht dazugekommen. Im südindischen Bundesstaat Kerala strickte der regionale Fußballverband an Plänen, den eingeschlafenen Sait Nagjee Cup wieder zu Leben zu erwecken. Dieses Turnier wurde seit 1952 regelmäßig ausgespielt, erfreute sich großer Beliebtheit, wurde aber nach 1995 eingemottet. Üblicherweise trat dabei eine Reihe einheimischer Vereinsmannschaften an, gespickt mit Gastmannschaften aus Nachbarländern wie Pakistan oder Bangladesch.

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Für die Wiederaufnahme des Turniers 2016 wurde mit Mahindra, einem großen indischen Nutzfahrzeughersteller, ein potenter Hauptsponsor gefunden. Zudem sollte diesmal alles noch größer und internationaler als bisher aufgezogen werden: Vor allem erhoffte man sich, ein paar Topvereine aus dem fernen Ausland gewinnen zu können. Ich habe keine Ahnung, wie viele Briefe, E-Mails und Anrufe zwischen Veranstalter und potenziellen Teilnehmern ausgetauscht wurden, geschweige denn, wer wohl alles auf dem Wunschzettel stand. In ersten Pressemitteilungen Monate vor dem Turnier war zum Beispiel noch von River Plate (Argentinien), Corinthians (Brasilien) und Brisbane Roar (Australien) die Rede, die angeblich schon zugesagt hätten. Auch Hertha BSC berichtete auf seiner Website von einer möglichen Indienreise.

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Die Organisation verlief, sagen wir mal, etwas schleppend. Termine wurden mehrfach verschoben, und dann blieb auch noch die Ungewissheit, ob die Kosten auch tatsächlich wie versprochen übernommen werden würden. Da überrascht es nicht, dass es vielen Vereinen irgendwann einfach zu bunt wurde und sie letztendlich absagten. Für die offizielle Eröffnungsfeier Anfang Januar wurde Ronaldinho als „Fußballbotschafter“ eingeflogen. Das Turnier selbst wurde aber nochmals verschoben und startete erst am 5. Februar.

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Trotz aller Anlaufschwierigkeiten fanden sich Anfang Februar acht Mannschaften in Kerala ein: Darunter auch die damals von Daniel Bierofka trainierten Sechzig Amateure. Das Teilnehmerfeld kann getrost als bunt, facettenreich oder gar bizarr bezeichnet werden.

Gruppe A: CA Paranaense, Watford FC, Volyn Lutsk, Rapid Bukarest.

Gruppe B: Argentinien U23, Dnipro Dniproterowsk, Shamrock Rovers, TSV 1860 II.

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Bemerkenswerterweise war keine einzige indische Mannschaft am Start. Bis kurz vor Meldeschluss stand aber wohl die indische U23 noch als Platzhalter bereit. Vor Ort wurde das Turnier quasi als „Mini-WM“ gefeiert und als organisatorischer Probelauf für die U17 FIFA-WM betrachtet, deren Ausrichter Indien im Jahr darauf sein sollte.

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Alle Spiele fanden im EMS Corporation Stadium in Kozhikode (ehemals Calicut) statt, einer mitten im Stadtzentrum gelegenen, maroden Betonschüssel mit einer Kapazität von rund 50.000 Plätzen, die die Herzen von Nostalgikern und Ruinenanbetern sofort höher schlagen lässt. Und ich war dabei! Beinahe aber hätte ich meine Flüge, ähnlich wie Ronaldinho, schon für Januar gebucht. Doch ich wartete bis wirklich alles in trockenen Tüchern war und ich von Sechzig die Bestätigung bekam, dass auch tatsächlich teilgenommen wird.

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Viele waren sicherlich noch nie in Indien und manch einer mag es nur von Geschäftsreisen her kennen, wo man es mit guten Hotels, zuverlässigen Fahrern und klimatisierten Büros zu tun hat und das ganze Chaos gerademal durch die Fensterscheiben mitbekommt. Ich hingegen hatte mit zwei ausgedehnten Reisen von insgesamt neun Monaten schon etwas Erfahrung gesammelt und das Land trotz all seiner Unzulänglichkeiten lieben gelernt. Der Bundesstaat Kerala im Südwesten wirkt dabei irgendwie organisierter, ordentlicher, und insgesamt stressfreier als manch andere Ecke. Ich konnte es kaum erwarten und machte mich also schon zwei Wochen vor Turnierbeginn auf die Reise, um mal wieder so richtig einzutauchen.

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Über die Wasserstraßen der Backwaters lässt sich die Gegend gut per Boot und Fährschiff erkunden. Für wenige Cents gibt es an fast jeder Ecke Kokosnüsse und frisch gepressten Zuckerrohrsaft, und das Essen ist ohnehin hervorragend (wenn man es denn indisch mag).

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Am Turnierort in Kozhikode quartierte ich mich in einem günstigen Mittelklassehotel im Zentrum ein, nicht weit vom Stadion entfernt. Zum Eröffnungsspiel mit großem Feuerwerk zwischen CA Paranaense (aus Curitiba, Brasilien), die zwei Jahre darauf die Copa Sudamericana gewannen, und dem Elton-John-Club Watford FC aus England fanden sich 35.000 Zuschauer ein. Weit mehr als ich erwartet hatte. Schließlich gilt Fußball hier bei weitem nicht als Volkssport und rangiert weit hinter Cricket, Feldhockey und Kabaddi (einer Art indisches Fangamandl – einfach mal googlen). Der Eintritt zu allen Spielen betrug bei freier Platzwahl jeweils 150 Rupien (etwa 2€) – mit Ausnahme der VIP Seats für 500 Rupien, worin zwar Tee und Wasser enthalten waren, man aber ebenerdig auf Plastikstühlen Platz nehmen durfte, und damit auch die mit Abstand schlechteste Sicht aufs Spielfeld hatte.

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Ebenso wie das Betreuerteam aus Giesing fand ich mich daher auf der Tribüne ein, wo wir uns sogleich über bereits Erlebtes austauschten. Die Delegation der Löwen war im Gegensatz zu mir in einer gediegenen Luxusherberge außerhalb der Stadt untergebracht, bekam dafür aber nicht viel vom üblichen Gewusel in der Stadt mit – was hinsichtlich Spielvorbereitung auch sicherlich von Vorteil gewesen sein dürfte.

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Denn schon tags darauf sollten die kleinen Löwen zu ihrem ersten Einsatz kommen. Ich konnte es kaum erwarten und lief schon den ganzen Tag im Trikot durch die Stadt. Im Gegensatz zum Afrika-Cup in Ghana 2008, wo mir oftmals freudig „Abedi Pele“ entgegenhallte, sobald der Löwe auf der Brust erkannt wurde, konnten die Inder das gar nicht einordnen.

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Bei tagsüber schwülwarmen 36 Grad freut man sich auf die Abendstunden, wenn die Temperaturen auf angenehme 25 Grad sinken und man endlich ins Stadion kann. Unser Auftaktgegner war die U23 Argentiniens und ich befürchtete ein Debakel. Aber das Gegenteil war der Fall: Die Gurkentruppe der Gauchos wurde mit 3:0 vom Platz gefegt. Torschützen: Bachschmid, Seferings, Köppel. Was für ein Turnierauftakt! Ich war außer mir vor Freude.

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Es waren geschätzte 20.000 im Stadion und viele Zuschauer hatten argentinische und deutsche Flaggen mitgebracht. Dass ich aber in argentinischen Farben antanzte und damit das vermeintliche „Team Germany“ unterstützte, verwirrte so manchen. Ich habe auch keine Ahnung, welche Spaßvögel da bei den Argentiniern aufliefen: Das kann beileibe nicht deren Olympia-Auswahl gewesen sein. Und in Argentinien hatte die neue Saison gerade begonnen, womit wohl kaum taugliche Spieler abgestellt werden durften. Ihren Kredit bei den Indern hatten sie zumindest schnell verspielt. Und so war es mir ein leichtes, den Mob zum Anfeuern zu bewegen. Anstatt die Südamerikaner auszubuhen, galt es jetzt die Löwen anzufeuern. Bald hallte es lautstark „Sechzig, Sechzig“ aus Dutzenden Kehlen von der Tribüne – auch wenn es eher nach „Sexy, sexy“ klang und einige Anwesende sehr erheiterte. Die Argentinier verabschiedeten sich übrigens nach drei Niederlagen und null Toren aus dem Turnier.

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Für unsere Mannschaft ging es zurück ins Hotel und für mich in die Bar nebenan, um mit zwei schnellen Kingfisher auf den Sieg anzustoßen. Über eine Schanklizenz verfügen hier nur einige der besseren Hotels und Sperrstunde ist auch schon um 22 Uhr. Dafür kostet ein Bier dann auch ungefähr soviel wie zwei Mahlzeiten. Wer in Indien Bier trinken möchte, sollte lieber nach Goa oder Mumbai fahren.

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Unsere nächste Vorrundenpartie ging dann gegen die irischen Abgesandten der Shamrock Rovers aus Dublin. Im Anschluss an die Pressekonferenz, der ich beiwohnen durfte, wurde ich dann von den indischen Journalisten zu meinen Beweggründen und Einschätzungen befragt. Das ist mir so auch noch nicht passiert. Am Vorabend des Spiels war ich dann noch als Gast zum Abendessen ins Mannschaftshotel geladen. Eine ganz besondere Ehre, zu der ich wohl nicht gekommen wäre, hätten sich Dutzende Löwenfans auf den Weg nach Indien gemacht. Ein sehr schöner Abend, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Allerdings verfehlte meine Motivationsrede ans Team ihre Wirkung. Die Partie gegen den irischen Erstligisten ging vor abermals 20.000 Zuschauern knapp mit 2:3 verloren. Die Shamrock Rovers waren übrigens neben Rapid Bukarest und Volyn Lutsk die einzigen, die mit ihrer ersten Mannschaft antraten.

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Während des Turniers besuchte ich freilich auch einige andere Spiele, sodass ich jede Mannschaft zumindest einmal zu sehen bekam. Und niemals konnte ich andere Fans oder ausländische Besucher ausmachen. Manchmal aber traf ich Spieler und Betreuer in der Stadt beim Shoppen oder einfach nur beim Spazierengehen. Die Iren und die Ukrainer waren dabei besonders locker und aufgeschlossen, und auch an meiner Story interessiert.

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Dnipro Dnipropetrowsk war dann auch unser letzter Gruppengegner. Aufgrund der Tabellensituation reichte das 0:0 aber nicht zum Erreichen des Halbfinales und die Löwen mussten nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Wir hatten uns wacker geschlagen und nicht nur viele bleibende Eindrücke hinterlassen, sondern auch mitgenommen. Bei den Trainingseinheiten auf einem nahe gelegenen Sportplatz waren stets viele neugierige Schulkinder zugegen, die von unseren Betreuern mit 1860-Devotonalien bedacht wurden. Die Mannschaft nutzte die Zeit zwischen Trainingseinheiten auch zu Ausflügen und Begegnungen mit den Einheimischen. Diese Reise war also nicht nur für mich, sondern sicherlich für alle Beteiligten etwas ganz Besonderes.

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Als Turniersieger ging dann einige Tage später Dnipro hervor. Der ukrainische UEFA-Europa-League-Finalist aus dem Vorjahr konnte sich im Finale klar mit 3:0 gegen Paranaense durchsetzen. Der Versuch, das Turnier wiederzubeleben, scheiterte aber. Seit 2016 fand es keine Fortsetzung mehr.

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Text und Fotos: Michael Stoffl & Stefan Kranzberg (sechzger.de)

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Hier noch ein paar Impressionen aus Indien (zum Vergrößern aufs Bild klicken):

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