Habt Ihr schon mal was von Günter Hiermaier gehört? Oder von Florian Baur? Christian Bernhardt, Adolf Roesch, Matthias Pusch? Andreas Höttler vielleicht? Ich ehrlich gesagt auch nicht bis zur Recherche für diese Giesinger Gedanken. Diese sechs zufällig ausgesuchten Herren haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind a) Geschäftsführer vom Hauptsponsor eines Profivereins und b) mischen sich dort nicht in die Vereinspolitik ein.
Gräfer als Unruheherd beim TSV 1860
Bereits Mitte Dezember 2025 bezeichnete mein Kollege Jan Schrader Martin Gräfer, Vorstandsmitglied von die Bayerische, als neuen Unruheherd beim TSV 1860. Damals hatte der Vertreter des Löwen-Hauptsponsors inmitten des sportlichen Höhenflugs des Teams von Markus Kauczinski völlig unnötig eine Stadiondiskussion losgetreten, obwohl in den vergangenen Monaten gerade in diesem Bereich Fortschritte erzielt worden waren.
Im Gespräch mit dem Merkur legt Gräfer nun nach und sorgt sich um die Fairness bei Abstimmungen im Rahmen der Mitgliederversammlung:
“Wenn von 27.000 Mitgliedern nur rund 500 abstimmen, dann sind das keine zwei Prozent. Also stimmen 26.500 Leute nicht ab. Sind die alle desinteressiert? Das glaube ich nicht. Mit einer Hybridversammlung glaube ich an eine Wahlbeteiligung von bis zu 40 Prozent.”
Dass es jedem Mitglied freisteht, die Versammlung zu besuchen und dort seine Stimme abzugeben, verschweigt Gräfer ebenso wie den Fakt, dass sich die Mitglieder in der Vergangenheit bereits mehrfach gegen eine Brief- oder Onlinewahl ausgesprochen haben. Bei den letzten Mitglierversammlungen waren nicht einmal mehr entsprechende Anträge gestellt worden. Wieso also sollte das Präsidium eine Änderung in die Wege leiten, selbst wenn es möglich wäre?
Warum der Weg über die Medien?
Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Hauptsponsor bzw. dessen Vertreter eigene Ideen und Vorstellungen einbringt. Wenn dies jedoch über die Medien bzw. die Öffentlichkeit geschieht, bekommt das einen faden Beigeschmack, weil es eben eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber den gewählten Vereinsvertretern zum Ausdruck bringt. Da hilft es dann auch nichts, wenn Gräfer zu Protokoll gibt:
“Der Verein hat eine gute Ausgangsposition und die Substanz des Vereins ist noch immer groß. Wir haben ein kommunikatives Präsidium, mit dem man es gerne zu tun hat.”
Soweit mir bekannt ist, haben die Herren Hiermaier (Liqui Moly/SSV Ulm 1846), Baur (JobRad/SC Freiburg), Bernhardt (Netto/Jahn Regensburg), Roesch (LEAG/Energie Cottbus), Pusch (SLT/Hansa Rostock) und Höttler (Matthäi/Werder Bremen) sich bislang in der Öffentlichkeit nicht über die Vereinspolitik “ihres” Clubs beschwert.
Warum nicht einfach nur Sportsponsoring?
Martin Gräfer ist definitiv zu intelligent und zu sehr Geschäftsmann, um nicht zu verstehen, dass Sportsponsoring in erster Linie ein Marketinginstrument ist, mit Hilfe dessen die Bayerische ihren Bekanntheitsgrad steigern und ihre Produkte verkaufen möchte. Das finanzielle Engagement beim TSV 1860 ist die Gegenleistung dafür. Andere Sponsoren belassen es folglich auch bei diesem Deal, nicht aber Gräfer. Warum ist das so?
Sitzt der Stachel der deutlichen Wahlniederlage im Jahr 2024 wirklich so tief, als das Bündnis Zukunft keinen einzigen Vertreter im Verwaltungsrat platzieren konnte? Bereitet sich Gräfer schon auf den nächsten Wahlkampf vor und möchte die seit Jahren verbal strapazierte, aber de facto nie in Erscheinung getretene “schweigende Mehrheit” hinter sich versammeln? Dass völlig unbedeutende Fanvereinigungen aus dem Olchinger Umland und der wohl erfolgloseste Influencer im Löwenkosmos auf Gräfers Äußerungen anspringen, verwundert selbstredend nicht.
die Bayerische als Mitgesellschafter der Löwen?
Dabei ist es so schade, dass Gräfer derart populistisch agiert, denn die Bayerische hat sich in den letzten Jahren (seit 2016) als verlässlicher Partner der Löwen und der vielleicht beste Sponsor, den der TSV 1860 je hatte, präsentiert. Wenn da nur nicht diese (öffentliche) Einmischung in Vereinsangelegenheiten wäre…
Wäre die Ausgangsposition eine andere, wenn die Bayerische als Gesellschafter bei der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA einsteigen würde? Bekanntlich möchte Hasan Ismaik seine Anteile verkaufen, das Versicherungsunternehmen aus Neuperlach wäre ein potentieller Käufer.
Wenn der Hauptsponsor Vereinspolitik betreibt
Auch hier hat Gräfer eine Meinung:
“Wir können nur in Strukturen investieren, die transparent und stabil sind. Konkret heißt das: Wir würden nicht darüber nachdenken, uns zu beteiligen, wenn in der Ausrichtung des Vereins Instrumente wie die hybride Mitgliederversammlung weiterhin nicht zugelassen sind. Wer Investoren will, muss auch moderne Mitbestimmung zulassen.”
Die Antwort, inwiefern die aktuellen Strukturen nicht transparent sein sollen, bleibt Gräfer indes schuldig. Und vielleicht wäre es nicht so ganz schlecht, sich vor einem möglichen Einstieg nochmal intensiv mit der 50+1-Regel vertraut zu machen. Dann wäre auch Hasan Ismaik (und dem TSV 1860) so einiges erspart geblieben…
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