Dienstagabend konnten die Löwen mit dem 3:0-Auswärtssieg souverän drei Punkte aus Kaiserslautern entführen. Welcher Mannschaftsteil aus taktischer Sicht besonders hervorstach, erfahrt ihr im Folgenden. Soviel vorweg: der Sturm war es nicht!

Herzlich willkommen zur Taktiktafel Nachbetrachtung zum Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den TSV 1860 München.

Wie erwartet schickte Trainer Jeff Saibene die roten Teufel im 4-4-2 (2 DM) auf den Platz. Es blieb in der Offensive allerdings bei der flachen Vier im Mittelfeld. Um im Umschaltspiel auf die Raute zu wechseln, hätte viel mehr Tempo – vor allem von Sickinger – in der Bewegung nach vorn an den Tag gelegt werden müssen. Der Gegner unserer Löwen spielte behäbig, uninspiriert – ja fast kam es einem vor als wäre die Mannschaft gelangweilt, bei so einem Wetter auf den Platz zu müssen. Bei so einer Einstellung hilft die beste Taktik nichts.

Wie ist die Leistung der Löwen einzuordnen?

Von Beginn an spielte die Heimmannschaft mehr gegen als mit dem Ball und das auch noch fast nur in der eigenen Spielfeldhälfte. Hohes Anlaufen oder frühes Stören fand bei Kaiserslautern nicht statt. Die Spieler des 1. FCK standen häufig so weit von ihren Gegenspielern weg, dass die Sechzger im Spielaufbau selten in Bedrängnis kamen. Der Ball beim TSV lief gut, der Gegner kaum. So mussten die Löwen das Spieltempo auch nicht sonderlich in die Höhe schrauben um ihre Angriffe zu setzen. Es mag verwundern, dass der TSV in den ersten 45 Minuten weniger Angriffsspielzüge zu Ende spielen konnte als der 1. FC Kaiserslautern. Man sollte sich aber das Folgende vor Augen halten. Der TSV 1860 hatte im Schnitt 21 Ballkontakte bis der Gegner eine Abwehraktion (erfolgreich oder nicht lassen wir jetzt mal dahingestellt) setzte. Dabei musste das Tempo nicht einmal hoch gehalten, weil die Gegenspieler wirkten wie Schachfiguren und nicht wie Fußballer. Nun weicht die Verwunderung der Meisten wohl sehr schnell.

Der TSV 1860 war insgesamt aggressiver, wacher, spielstärker, kreativer, ballsicherer, motivierter und deshalb dem 1.FC Kaiserslautern in allen Belangen über die 90 Minuten eklatant überlegen. Alleine die statistischen Werte der Abwehrspieler des TSV 1860 sind eine Augenweide. Auch die Flexibilität beim Verschieben in den verschiedenen Spielsituationen war in meinen Augen unübersehbar gut. Da kippte teilweise Moll aus dem defensiven Mittelfeld in die Kette während sich gleichzeitig die beiden Flügelverteidiger auf den Weg ins Mittelfeld machten um bei Ballbesitz eine klare Überzahl für die Offensive zu schaffen. Wenn das der Fall war, rückten die Mittelfeldflügel auf die Halbpositionen und der Box-to-Box Spieler agierte als hängende Spitze. Die taktischen Feinheiten, die sich Trainer Michael Köllner für das Spiel einfallen hat lassen, waren für Kaiserslauterns Mannschaft strategisch oft nicht nachvollziehbar. Nach dem zweiten Tor (spätestens nach der roten Karte) ergaben sich die roten Teufel dem Schicksal.

Spielabschnitte: Mangelware

An dieser Stelle zerlege ich das Spiel eigentlich in Phasen. Das werde ich mir diesmal schenken, denn es gab keine längere Zeitspanne, in der es dem 1. FCK gelungen wäre die Dominanz der Löwen zu brechen oder gar selbst für kreative Momente zu sorgen. Nur vereinzelt ließen die Spieler von Jeff Saibene ihre individuelle Klasse aufblitzen. Am stärksten bermerkte man dies während einer kurzen Drangphase in der ersten Halbzeit, die jedoch mit dem Kopfballtreffer von Sascha Mölders in der 36. Minute ein jähes Ende fand.

Die Löwen verschoben übrigens aus dem 4-1-4-1 in verschiedenen Situationen nicht nur zum vorher bereits erwähnten 3-5-2 (Moll in der Verteidigung), sondern auch in ein 3-4-3 oder ein 4-3-3. Hier agierte man taktisch variabel, je nachdem wie es gerade zum laufenden Angriff passte.

Ein Blick auf die Abwehr der Löwen

In der Defensive waren die Löwen anders als der Gegner überaus diszipliniert und auch aggressiv, ohne jedoch überhart zu werden. Nur sechs Schüsse lies die Löwenabwehr während des gesamten Spiels zu. Direkt auf den Kasten von Torhüter Marco Hiller ging davon kein Einziger. Aus dem Spiel heraus gelang es Kaiserslautern gar nur vier Mal zu schießen. Die beiden anderen Schüsse resultierten aus Freistößen. Selbst die Überzahl an Ecken, die Kaiserslautern hatte, konnte nicht für einen Torschuss genutzt werden.

Im eigenen Strafraum verlor der TSV 1860 nur zwei Kopfballduelle und ließ über die 90 Minuten insgesamt nur sieben Ballkontakte der Kaiserslauterer in der Box zu.

Dennis Erdmann, der seinen Mitspielern immer wieder lautstark Kommandos gab, war da ein überaus entscheidender Faktor. Die Erfahrung und Übersicht, mit der Erdmann die Defensive steuert, war schon gegen Mannheim am Samstag auffällig. Noch stärker präsentierte er sich gegen Kaiserslautern. Kein verlorener Defensivzweikampf, fünf abgefangene Pässe, kein verlorenes Kopfballduell in der Box, eine Passquote von 92% und alles in allem 102 gelungene Aktionen (daraus resultiert eine Quote von 82%) im Spiel zeigen wie wertvoll Dennis Erdmann für den TSV 1860 München auf der Innenverteidiger Position ist. Zumindest bis zur nächsten gelben Karte (die ihm eine Sperre von einem Spiel einbringen wird) dürfte er seinen Stammplatz sicher haben.

Semi Belkahia hat vier verlorene defensive Zweikämpfe, 83% gelungene Aktionen und eine Passquote von 93% aufzuweisen. Nur ein Kopfballduell, das auch noch außerhalb des Strafraums stattfand, ging verloren. Wenn die beiden Innenverteidiger weiter so harmonieren wird es schwer für Salger werden sich wieder in die Startelf zu kämpfen. Schön zu sehen, dass der Kader nicht nur in diesem Mannschaftsteil so gut besetzt ist und es für keinen Spieler eine Stammplatzgarantie gibt.

Die Einwechselspieler

Wie breit die Löwen mittlerweile im Mittelfeld aufgestellt sind, sah man daran, dass der Trainer es sich leisten konnte zu Beginn der Partie seine bis zu ihren Sperren gesetzten Akteure Dressel und Wein zunächst auf der Bank zu lassen.

Im Vergleich zum Köln-Spiel, in der er zum ersten Mal diese Position einnehmen musste, macht Erik Tallig seine Sache als Box-to-Box Spieler seit der Mannheim-Partie sehr gut. Auch gestern wurde nicht Tallig für Dressel ausgewechselt, als dieser nach der Halbzeitpause ins Rennen geschickt wurde. Stattdessen musste Stefan Lex vom Feld, der seit einigen Spielen etwas glücklos, aber beileibe nie schlecht agierte. Dressel kam auf seine angestammte Position und Tallig füllte die durch Lex´ Herausnahme entstandene Lücke auf der rechten Mittelfeldseite.

Etwa zwanzig Minuten vor Spielende kam dann Daniel Wein für Richard Neudecker ins Spiel. Eine Passquote von 75%, der Zuckerpass auf Willsch vor dem 3:0, der das Spiel im richtigen Moment und überraschend für den 1. FCK schnell machte und ein abgefangener Pass hat er auf der Habenseite seiner Bilanz für den Einsatz. Zudem lieferte er eine Schussvorlage, die allerdings zu keinem Torerfolg führte.

Mit der Hereinnahme von Wein änderte sich auch die Grundausrichtung im System der Sechzger. 4-2-3-1 war nun angesagt. Dressel spielte fortan zentral offensiv im Mittelfeld und war von übermäßiger Defensivarbeit befreit. Das sorgte dafür, dass er in dieser Funktion gegen die dezimierte Lauterer Mannschaft nochmal ordentlich aufs Gas drücken konnte . Nur ein verlorener Offensivzweikampf, 88% gelungene Pässe und drei sogenannte progressive Läufe stehen bei ihm zu Buche. Letzteres ist eine Bezeichnung für erfolgreiche Läufe mit Ball, die für einen Raumgewinn von mehr als zehn Metern in der gegnerischen Hälfte sorgen.

Lorenz Knöferl kam erst sieben Minuten vor dem Schlusspfiff und konnte keine großen Akzente mehr setzen. Der junge Techniker war trotzdem bemüht, konnte einen Pass der Pfälzer abfangen und 75% seiner Pässe zum Mitspieler bringen. Für die kurze Einsatzzeit eine lobenswerte Ausbeute.

Die Tore
Das 0:1

In der sechsten Minute schoss Neudecker einen Freistoß von der Strafraumkante ins linke obere Eck des Tores. Vorangegangen war ein rotwürdiges Foulspiel an Greilinger. Kleinsorge, in dieser Situation letzter Mann, brachte die Nummer Elf der Sechzger regelwidrig zu Fall. Dafür sah er zum Unverständnis vieler nur die gelbe Karte, wie man den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke und auch den Reaktionen auf und neben dem Spielfeld entnehmen konnte.

Das 0:2

In einer Pressingsituation erobert Steinhart den Ball an der linken Seitenauslinie und bedient umgehend Greilinger. Greilinger spielt den Ball während eines Laufduells mit Zuck in die Box steil auf Tallig, der aus der Tiefe in Richtung der Grundlinie gestartet war und sich seinerseits sowohl gegen Bachmann als auch gegen Winkler durchsetzte. Er spielt den aus dem Strafraumzentrum in den Fünfer startenden Lex an. Der Erdinger leitet weiter zum mittlerweile in den Strafraum aufgerückten Greilinger. Seine (mehr oder weniger gewollte) halbhohe Flanke erreicht Mölders, der sich mutterseelenallein im Strafraumzentrum befindet. Der Torjäger köpft zum 2:0 für die Löwen mit tatkräftiger Unterstützung beider Innenpfosten ein. Alle beteiligten Lauterer Spieler sehen in dieser Situation aus wie Statisten.

Das 0:3

Nach einer längeren Ballstafette der Löwen kommt Wein nach Zuspiel von Willsch in der gegnerischen Hälfte auf Höhe des Mittelkreises an den Ball. Er spielt den Ball von dort steil in den freien Raum, wo es wieder Willsch ist, der das Leder erreicht. Diese plötzliche Tempoerhöhung durch den Steilpass erwischt die Lauterer eiskalt. Der Außenverteidiger schlägt eine Flanke von der Grundlinie auf Mölders, der erneut seinen Kopf an den Ball bringt und auf 3:0 erhöht. Der Schlussmann der Teufel Spahic kann hier, wie bei den beiden vorangegangen Treffern nichts dafür, dass der Ball vom Schützen aus gesehen links in seinem Kasten einschlägt. Insgesamt gehen dem Treffer zwölf Ballkontakte unserer Löwen voraus ohne dass Lautern eingreifen kann oder will. Das ist beschämend für eine Mannschaft mit so hoher individueller Qualität. Die Unterzahl im Spiel ist hier keine adäquate Entschuldigung. Auch in Unterzahl bei schlechtem Wetter und miesen Platzverhältnissen kann man kämpfen.

Die interessanten statistischen Werte im Spiel
  • Ballbesitz 57%:43%
  • Passquote 1860 85%; Kaiserslautern 82%
  • Schüsse 9:6 (davon aufs Tor 4:0)
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 11,68; Kaiserslautern 23,75
Fazit

Kaiserslautern hat mich wirklich erschreckt. Bis zur Niederlage am Freitag gegen Unterhaching haben sie wenigstens noch versucht, sich gegen Niederlagen zu stemmen und damit viele Unentschieden erkämpft. Nun sind bei den Pfälzern offensichtlich alle Dämme gebrochen. Man ergibt sich seinem Schicksal. Natürlich haben unsere Löwen den Lauterern auch bravourös den noch vorhandenen Schneid abgekauft, aber für die Fans von Kaiserslautern tut es mir persönlich leid, die Truppe so vor die Hunde gehen zu sehen. Selbstbewusste Löwen sezierten also vollkommen verdient die Roten Teufel in der ohne Fans nicht wirklich höllischen Hölle am Betzenberg. Nach zwei solch herausragenden Siegen gegen Mannschaften, die vor der Saison viele stärker eingeschätzt hatten und die momentan unter Verletzungspech leiden, gilt es nun für die Spieler des TSV die Bodenhaftung zu behalten. Die positiv motivierende Konkurrenzsituation innerhalb des guten Kaders wird dafür sorgen, dass das gelingt. Ich bin begeistert von den letzten Auftritten der Mannschaft. Und sage weiter so Buam!
Den Freunden vom Betzenberg kann ich nur sagen: seit Sommer ist Rainer Maurer, der bekanntermaßen ein ausgewiesener Fachmann für den Trainerposten ist, frei. Möglicherweise wäre ein Gedanke in diese Richtung nicht der Verkehrteste, um der Truppe vom Betze wieder Leben einzuhauchen. Konsequenzen wurden ja bereits angekündigt.

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