1860 München – Schalke 04 in der TAKTIKTAFEL-Analyse

Herzlich willkommen zur TAKTIKTAFEL-Analyse der Pokalsensation TSV 1860 München – Schalke 04.

Dimitrios Grammozis, der Schalker Trainer, ließ Seine Mannschaft wie meistens in dieser Spielzeit im 3-1-4-2 auflaufen. Michael Köllner wählte nominell ein 4-1-4-1, was jedoch sowohl mit als auch ohne Ball stark verschoben wurde. So waren bei den Löwen im letzten Drittel vor dem Schalker Tor meist drei Stürmer zu finden. Zu Sascha Mölders gesellten sich dann Stefan Lex und entweder Marcel Bär oder Merveille Biankadi. Wenn sich Schalke im Angriff befand, verschoben die Sechzger auf ein 4-2-3-1. Daniel Wein als tiefer Sechser und Dennis Dressel als Box-to-Box Spieler sicherten dann vor der Viererkette den Raum.

Die statistischen Werte beim Duell TSV 1860 München – Schalke 04

  • Ballbesitz TSV 1860 43% – Schalke 04 57%
  • Passgenauigkeit TSV 1860 75% – Schalke 04 82%
  • Defensive Zweikampfquote TSV 1860 42% – Schalke 04 69%
  • Schüsse/aufs Tor TSV 1860 15/6 – Schalke 04 18/6
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 10,23 – Schalke 04 7,17

Tiefer in die Statistik geblickt

Oberflächlich betrachtet sieht die Statistik der TSV 1860 München aus, als wäre man unterlegen gewesen. Tatsache ist: Wer das Spiel gesehen hat, sah zwei Mannschaften, die sich auf Augenhöhe begegneten.

Schauen wir zunächst auf den Ballbesitz. Wie schon andere Gegner, hat auch der FC Schalke 04 mehr Ballbesitz als unsere Sechzger. Anderer Gegner, aber dieselbe Ursache. Die Art und Weise, wie unser TSV 1860 München den Gegner gepresst hat, sorgte in dessen Reihen für viel Ballgeschiebe in der eigenen Defensive. Allein Fährmann, der Torwart der Schalker, wurde von seinen Mitspielern um 40% häufiger angespielt als Marco Hiller von seinen Mannschaftskameraden. Insgesamt spielten die Schalker 28 Pässe mehr zurück als die Spieler von Michael Köllner.

Vorwärts ist entscheidend – nicht quer oder zurück

Bei der Anzahl der Querpässe in der Defensive übertreffen die Schalker den TSV 1860 München noch viel eklatanter. Während die Löwen mit 19 Querpässen in der Viererkette und den beiden defensiver eingestellten Mittelfeldspielern auskame, spielten die Schalker Defensivspieler sage und schreibe 71 Querpässe untereinander. Jeder Rückpass oder Querpass kostet Zeit. So hat eine Mannschaft, die viel hintenrum spielt, schnell mehr Ballbesitz als der jeweilige Gegner, der direkter und risikoreicher vorgeht.

Und damit wären wir auch schon bei der Passgenauigkeit. Diese scheint zumindest auf den ersten Blick auch deutlich pro Schalke zu sprechen. Nachdem wir aber nun wissen, dass die Mannschaft von Dimitrios Grammozis sehr viel hintenherum gespielt hat wissen wir auch, das diese Pässe meist eine Bank sind, woher die hohe Passgenauigkeit im Vergleich mit den Sechzgern kommt. Nehmen wir nur die Genauigkeit der Vorwärtspässe als Maßstab für die Passgenauigkeit, schrumpft der Vorsprung der Gelsenkirchener auf nur noch 2%.

Gibt es weitere statistische Beweise für die Ausgeglichenheit der beiden Mannschaften? Ja, die gibt es. Beide Teams erspielten sich acht Eckstöße, beide kamen zu etwa gleich vielen Schüssen und sowohl der TSV 1860 als auch Schalke 04 hatten etwa gleich viele Ballkontakte in der Box. Bei den Schüssen liegt der Gast ein wenig vorne, bei den Ballkontakten im Strafraum dagegen die Sechzger.

Das Spiel

Halbzeit eins

Eine fulminante Anfangsphase und ein frühes Tor der Sechzger brachte sofort das komplette Stadion hinter die Mannschaft. Selten habe ich in der Zeit, die ich nun in der Stehhalle bin, so eine geile Stimmung über das komplette Spiel hinweg erlebt. Aber zurück zum Spiel.

Das aggressive Pressing der Löwen war nicht auf direkten Ballgewinn im Zweikampf ausgelegt, sondern einerseits darauf die Schalker Spieler unter Druck zu setzen und zu schnellem Abspiel zu zwingen und andererseits es den Schalkern möglichst schwer zu machen eine geeignete Anspielstation zu finden. Die Situation, die zum 1:0 durch Stefan Lex führte, ist hier absolut bezeichnend gewesen. Dazu aber weiter unten mehr.

Nach dem Anpfiff hatte zuerst der Gast den Ball und kam damit zweimal in die Nähe des Strafraums der Löwen, bevor die Sechzger das Heft des Handelns in die Hand nahmen.

Ab der 4. Minute, als Biankadi einen Schuss aufs Gehäuse der Knappen versuchte (dabei jedoch geblockt wurde) bis zur 9. Minute, als Mölders zentral im Fünfer Fährmann nicht bezwingen kann, schossen die Löwen insgesamt fünfmal. Ein Schuss dieser Serie wurde geblockt. Einer war drin, zwei zwangen Fährmann zu Paraden und ein weiterer ging rechts am Kasten vorbei.

Furioser TSV 1860 beschäftigt Schalke 04 vornehmlich in der Defensive

So ein offensives Feuerwerk wie der TSV 1860 München es nach einer kurzen Abtastphase von etwa zwei Minuten gegen Schalke 04 abbrannte, würde ich gerne öfter sehen.

Zwanzig Minuten lang setzte der TSV 1860 München den FC Schalke 04 dermaßen unter Druck, dass man dachte die in rot gekleideten Schalker wären der unterklassige Verein. Danach wurde das Spiel ausgeglichener.

Das Pressing in vorderster Front war eher zur Angriffssteuerung gedacht. Im Mittelfeld wurde dann Mann gegen Mann aktiv auf Ballgewinn gespielt. So hielten die Sechzger Schalke oft und nachhaltig in deren eigener Spielfeldhälfte.

Vorstöße des S04 kamen wenn dann über lange Pässe zustande. Die Sechzger schafften es dabei die Schalker hauptsächlich auf den Flügeln zu halten und konnten mit der aggressiven Art zu attackieren immer wieder Ballverluste bei den Gästen erzwingen. Ein ums andere mal erbeuteten die Löwen das Leder, bevor es ins eigene letzte Drittel kam. 30% mehr Einwürfe für die Löwen waren der Lohn für die Taktik die Schalker auf den Flügeln zu halten.

Halbzeit zwei

Die rote Karte kurz nach Wiederanpfiff für Thiaw spielte den Löwen natürlich stark in die Karten. Das Motto der Choreo vor dem Spiel mit den besseren Trümpfen passte nun wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Fortan waren die Knappen ein Mann weniger und mussten noch mehr als in der ersten Halbzeit laufen, um sich aus dem Pressing freizuspielen. Das überspielen der vordersten Linie, die meist aus Mölders, Lex und Biankadi bestand, während Bär in zweiter Reihe Pálsson abschirmte, gelang den Schalkern weiterhin vornehmlich erst nach langen Ballstafetten in der eigenen Abwehrkette oder über lange Bälle. Im Zentrum wurden diese langen Versuche jedoch von Wein und Dressel gut abgefangen und im Kampf um den zweiten Ball hatten die Schalker auch eher mehr als weniger das Nachsehen.

Terodde kommt, doch trifft glücklicherweise nicht

Die Einwechslung des Elf Tore-Stürmers Terodde brachte die Schalker auch nicht mehr großartig in die Spur. Die Systemumstellung auf 4-4-1 bescherte den Knappen zwar mehr Ballbesitz und den ein oder anderen Durchbruch nach vorne, aber im großen und ganzen – bis auf eine – keine absolut zwingenden Torchancen.

Solche Momente, in denen dem Gegner eine Aktion gelingt, um in die Box einzudringen, sind immer gutes Futter für Kritiker an der Mannschaft im Allgemeinen oder unserer Abwehr im Speziellen. Der Gegner – egal ob höherklassig, gleichklassig oder niedrigerklassig – wird aber in einem Fehlersport, der Fußball nunmal ist, immer die ein oder andere Chance bekommen. Diese normalen Fehler wieder auszubügeln, so wie es die Mannschaft des TSV 1860 München am Dienstag Abend gegen Schalke gemacht hat, ist die Kunst, um die es im Fußball geht. Fehler passieren, sonst fallen keine Tore. Man kann nicht jedes Spiel zu null spielen. Das ist auch klar. Diesmal hat es jedoch geklappt.

Gegen Ende der Partie gab es noch einen Moment, wo die Schalker die Sechzger bzw. Marco Hiller zu Fehlern hätten zwingen können. Bülters Schuss in der 79. Minute ging zwar gefährlich auf den Kasten von Marco Hiller, dieser parierte jedoch fehlerfrei.

Die einzig wirklich große Torchance für den S04 vergab Pálsson in der Nachspielzeit als er aus zentraler Position etwas links vom Elfmeterpunkt drüberschoss. Hier folgte also ein Fehler der Schalker auf Fehler der Sechzger. Alle machen Fehler. Schalke diesmal die entscheidenden.

Das Tor

Nach einem Einwurf in der 4. Minute auf der linken Seite spielte Dressel den Ball zu Steinhart, der in die Mitte flanken will. Durch Freund und Feind hindurch landete das Leder bei Churlinov auf der rechten Seite. Deichmann setzte den Schalker Spieler sofort unter Druck.

Churlimovs Versuch, sich mit einem Pass die Linie runter aus diesem Druck zu lösen endete damit, dass Biankadi in den Passweg einlief und Mikhailov das Leder stibitzte, bevor dieses beim Adressaten ankam. Sofort setzte Mikhailov nach und erkämpfte sich den Ball wieder, musste dann aber unter dem Druck des nachsetzenden Biankadi wieder zu Churlinov zurückpassen. Churlinov versuchte das Leder zu verarbeiten, aber vertändelte rechts des Schalker Strafraums gegen Sascha Mölders, der aggressiv von hinten kam und den Ball mit Leichtigkeit eroberte. Sofort legte Mölders nach innen auf den mutterseelenallein am Fünfereck wartenden Stefan Lex ab. Der schoss die Kugel geistesgegenwärtig durch Fährmanns Beine zum viel umjubelten 1:0 Führungstreffer für die Sechzger ins Tor.

Fazit

Vor dem Spiel war ich nach den letzten Ergebnissen der Schalker überzeugt davon, dass die Königsblauen den TSV 1860 zerlegen würden. Ich habe mich getäuscht und das ist gut so. Was für ein toller Abend war das meine lieben Leser? Aber über die Glorie dessen, was wir erleben durften, haben andere schon genug geschrieben.

Kommen wir zum Wesentlichen und das ist das Sportliche. Wir haben eine Mannschaft gesehen, bei der jeder für jeden gerannt ist, jeder für den anderen die Kartoffeln aus dem Feuer geholt hat wenn es brenzlig wurde und Fehler, wenn sie gemacht wurden, im Kollektiv ausgebügelt wurden.

Es war ein spannendes Spiel, in dem die Schalker sich nicht beschweren dürfen wenn sie mehr als nur ein Tor bekommen. Außer dem von Lex erzielten Treffer hätten noch Biankadi (7.), Mölders (9.), Lex (22.), Wein (49.), wiederum Lex (61. und 69.), Biankadi (76.) und Linsbichler (83.) mehr als genug Chancen gehabt, um den Sack vorzeitig zu zu machen. Bei der Fülle dieser hochkarätigen aber vergebenen Chancen wäre es mehr als ärgerlich gewesen in diesem Spiel nicht als Sieger vom Platz zu gehen.

Wenn die Löwen für die weiteren Spiele die Leistung vom Dienstag konservieren und wieder abrufen können wird auch das Tabellenbild in der Liga bald besser ein. Einzig Steinharts Verletzung macht mir Sorgen. Die werden wir hoffentlich kompensieren können.

Datenquelle: wyscout

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