Ein herzliches Grüß Gott zur Taktiktafel vor dem Pokalkracher am Freitag Abend gegen den Ballspielverein Borussia 09 Dortmund. Zum ersten Mal seit dem 08.04.1970 spielt eine erste Mannschaft des BVB wieder in einem Pflichtspiel an der Grünwalder Straße. Endergebnis damals: 3:0 für unseren TSV! Was können wir rund 52 Jahre später erwarten?

TSV 1860 München – BVB. Zwei Bundesliga Gründungsmitglieder treffen aufeinander. Klassiker mit Tendenz zur Überraschung? Oder Scheibenschießen für den Favoriten? Was blüht uns am Freitag Abend im Sechzgerstadion? Edin Terzić, vor Jahresfrist von Marco Rose auf dem Posten abgelöst, ist wieder in Amt und Würden bei den Schwarz-Gelben.

In den Testspielen hat die Borussia mit systematischer Variabilität aufhorchen lassen. 4-2-3-1, 4-3-3 und 3-4-3 wurden mehr oder weniger erfolgreich ausprobiert. Am schlechtesten lief es im vorletzten Test gegen Valencia (1:3). Nicht viel besser, zumindest von der Tordifferenz, lief es im letzten Testspiel gegen Villareal (0:2). Nun kann sich unser TSV 1860 München nicht mit den La Liga-Hochkarätern vergleichen, aber Valencia lief, wie der TSV 1860 im Normalfall, auch in einem 4-1-4-1 auf.

Die Dortmunder erwarte ich auch aufgrund der Verletzungssorgen im 4-2-3-1, das in der Vorwärtsbewegung vermutlich mit asymmetrischen Verschiebungen aus der Defensivreihe zu einem ebenfalls asymmetrischen 3-4-3 wird. Im eigenen letzten Drittel werden die Dortmunder vermutlich auf eine doppelte Viererkette setzen. Der BVB wird gegen den Ball also vermutlich die beiden Offensiven auf den Halbpositionen abkippen lassen und so ein 4-4-1-1 herstellen.

Borussia Dortmund BVB
Borussia Dortmund bei der 0:2-Niederlage gegen den FC Villareal in Altach

Statistische Werte

Auch heute, wie schon vergangene Woche, gibt es keine statistischen Werte des Gegners für Euch. Die Zahlen aus den Testspielen sind selten aussagekräftig, darum verschone ich Euch diesmal mit der kleinen Mathestunde.
Zusammenfassend kann man über die Testspiele des BVB sagen, dass die Borussia gerne den Ball selbst in ihren Reihen führt und mit schnellem vertikalem Spiel des Gegners Probleme hat.

Stärken und Schwächen des 4-2-3-1

Stärken

Gegen den Ball ist das 4-2-3-1 in der Zentrale und Richtung eigener Box sehr kompakt. Es gibt den Gegnern kaum Raum, um dort vernünftiges Passkombinationsspiel aufzuziehen. Auch gegen zwei oder drei Stürmer ist man durch die beiden defensiven Mittelfeldspieler gut abgesichert. Nach Balleroberung kann das Spiel über die beiden Sechser relativ variabel gestaltet werden. Sowohl über die Flügel als auch über das Zentrum sind schnelle Angriffe möglich, wenn man die Lücken im Raum schnell erfasst und alle Offensivspieler ihre Laufwege situationsbedingt richtig anlegen. Oft schaltet sich einer der beiden Sechser auch aktiv und nicht nur als Ballverteiler in das Offensivspiel mit ein. Dadurch wird die Offensive als Ganzes schwerer auszurechnen.

Die Schwächen

Gegen den Ball ist ein Gegner, der gern über die Flügel angreift, schwer zu kontrollieren, da die Wege, um einen Spieler zu doppeln, relativ weit sind und die Doppelung vom Angreifer oft schon erkannt wird, wenn sich der doppelnde Gegner aus seiner taktischen Grundposition löst. Das führt bei guter Spielübersicht und genauem Passspiel zu viel Raum für die angreifende Mannschaft. Die Mittelfeldspieler auf den Außenpositionen müssen außerdem ein extrem hohes Laufpensum bewältigen, wenn sie die gegnerischen Flügel unter Kontrolle halten wollen. Im Spiel nach vorn ist vor allem das Fehlen eines zweiten Stürmers ein großes Manko, da sich dadurch für den Spieler in der Sturmzentrale nur wenig Raum zur Entfaltung seiner Fähigkeiten bietet. Deshalb sind torgefährliche Mittelfeldspieler, die mit aufrücken, zwingend erforderlich, um im 4-2-3-1 erfolgreich zu sein.

Wie wird der BVB gegen den TSV 1860 agieren?

Wenn ein Bundesligist bei einem Drittligisten antritt, kann es für den Favoriten nur eins geben: Spiel auf Sieg und viele abgeschlossene Angriffe von Anfang an. Und zwar dergestalt, dass der unterklassige Verein von Anfang an Probleme im Stellungsspiel bekommt.

Wie erreicht man das? Schnelle Kombinationen, Lauffreudigkeit, Passgenauigkeit und variable Raumaufteilung der Offensivspieler sind der Schlüssel, um eine unterklassige Mannschaft auszuhebeln.

Wirkliche taktische Feinheiten, die sich von den Testspielen unterscheiden, wird es vermutlich nicht geben.

Dortmund wird versuchen, von Anfang an das Heft in die Hand zu nehmen, früh ein Tor zu erzielen und dann abgeklärt im richtigen Moment nachlegen wollen. Ob sie das schaffen oder nicht, wird von vielen kleinen Sachen, die der Gegner – unser TSV 1860 München – richtig oder falsch macht, abhängen.

Wie kann der TSV 1860 den BVB knacken?

Mannschaftliche Geschlossenheit, defensive Kompaktheit, maximale Härte gegen den Ball, schnelles, genaues, vertikales Spiel nach vorn und natürlich ein Quäntchen Glück sind die Hauptzutaten. Genau so agierte auch der FC Villareal im Testspiel am vergangenen Freitag und hatte damit Erfolg. Steilpässe in die Schnittstelle der Innenverteidiger waren der Schlüssel zum Erfolg für die Spanier, wobei man davon profitierte, dass Hummels und Süle nicht die Schnellsten sind. Besonders Süle agierte extrem schwach: Er wirkte nicht austrainiert, behäbig, unbeweglich und antrittsschwach.

Wenn also so ein langer steiler Pass in die Schnittstelle ankommt, können die schnellen Offensivspieler der Sechzger vermutlich die Innenverteidiger abhängen und sukzessive die eins gegen eins Schwäche von Torhüter Kobel ausnutzen. Unser Erfolg hängt des Weiteren von einer tadellosen Defensivleistung und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor ab. Viele Chancen werden wir nicht bekommen. Eine Chancenverwertung wie am vergangenen Samstag, als jeder zweite Schuss ein Treffer war, würde hier sehr helfen.

Bvb Borussia Dortmund
Gegen Villareal ließ der BVB vor der Pause zahlreiche Großchancen aus

Schlüsselspieler

Wer ist bei einem Champions League-Teilnehmer, wenn er gegen einen Drittligisten spielt, kein Schlüsselspieler ist die Frage, die vermutlich leichter zu beantworten ist. Der Kader hat einen Wert von 502,45 Mio. Euro. Der Durchschnittswert eines Spielers im Kader der Borussen beträgt knapp siebzehn Mio. Euro. Es kostet beim BVB also ein Spieler mehr als das Zweieinhalbfache des gesamten Kaders des TSV 1860.

Aber sei’s drum…

Tor

Im Tor steht Gregor Kobel (#1). Der 24-jährige Nationalspieler der Schweiz (3 Länderspiele) ist seit einem Jahr bei den Borussen Stammtorhüter. Er kassiert mehr Tore als es statistisch (xG Wert) sein müsste, somit könnte man den jungen Burschen als kleine Schwäche im Kader bezeichnen. Die Zahlen sagen: Jeder dritte Schuss, der auf den Kasten geht, ist drin. Seine größte Stärke sind seine starken Reflexe. Die größte Schwäche das Eins gegen Eins.

Abwehr

Mats Hummels (#15), ehemaliger Nationalspieler, Weltmeister, sechs mal Deutscher Meister, drei Mal hat er den DFB Pokal gewonnen. Unumstrittener Abwehrchef beim BVB. Das einzige Kriterium, bei dem Hummels im Anforderungsprofil mittlerweile nicht mehr ganz vorn in der Elite der Innenverteidiger mitmischt, ist bei der Geschwindigkeit. Alles andere, was auf dieser Position wichtig ist – vom Stellungsspiel über defensive Zweikampfführung bis hin zur Spieleröffnung im Positionsspiel – liegt bei Hummels, wenn er Normalform erreicht, nahe der Perfektion. Zudem ist er auch in der Offensive bei Standards extrem kopfballstark. Man erinnere sich an die WM 2014: Frankreich hätte von Deutschland ohne Hummels Tor nicht besiegt werden können.

Mittelfeld

Jude Bellingham (#22), der 19-jährige zentrale Mittelfeldspieler, der oft die Rolle des Box to Box Spielers bei den Borussen einnimmt, hat einen Marktwert von 80 Mio. Euro. Er liegt mit acht weiteren Kollegen gemeinsam auf Platz zehn der teuersten Spieler der Welt. Bei ihm über Schwächen zu reden, wäre vermessen. Einzig die Unerfahrenheit der Jugend könnte eine sein. Auf der anderen Seite kann aber auch die Unbekümmertheit derselben eine Stärke sein.

Marco Reus (#11), zweifacher Fußballer des Jahres, Nationalspieler, zweifacher Pokalsieger. Ganz so lang wie Hummels’ Erfolgsliste ist die des offensiven Mittelfeldspielers und Kapitäns der Borussia nicht. Offensiv ist er mit allen Wassern gewaschen, gegen den Ball legt er auch gerne mal ein wenig Phlegma an den Tag. Wenn er nicht extrem angegangen wird, entscheidet er das Spiel am Freitag alleine. Reus muss mit allem Mitteln so gut es geht vom Ball ferngehalten werden.

Sturm

Karim Adeyemi (#27), ebenfalls Nationalspieler (4 Spiele/1 Tor), kam im Sommer als Meister und Torschützenkönig vom Salzburger Brauseverein mit den Rindviechern im Wappen zum Traditionsverein ins Ruhrgebiet. Er wurde beim Verein mit dem Bob im Wappen ausgebildet und kehrt nun also mit dem BVB in seine Geburtsstadt zurück, um die Löwen zu ärgern. Ob es ihm gelingt oder nicht, werden wir sehen. Die Vorzeichen stehen eher auf “ja” als auf “nein”. Ihn überall im letzten Drittel in Manndeckung zu nehmen, also ihm einen Spieler wie einen Kettenhund auf die Füße zu stellen, wäre sicher kein Fehler.

Fazit

Der TSV 1860 München ist absoluter Außenseiter im Spiel gegen den BVB. Das ist, denke ich, jedem klar. Die Chance für den TSV 1860 gegen Dortmund liegt darin, dem BVB das Leben mit maximaler defensiver Härte und körperlichem Spiel so schwer wie nur irgend möglich zu machen. Man muss den Millionarios die Lust am Spiel nehmen.

Petrus könnte der 13. Mann für die Löwen werden, wenn er, wie in der Wettervorhersage angekündigt, am Freitag Abend seine Schleusen öffnet und Regen das Geläuf im Sechzgerstadion schwer macht. Zur Not könnte man auf dem Weg ins Stadion am Marienplatz aussteigen und im “Alten Peter” dem Wetterheiligen ein Kerzerl stiften.

Der 12. Mann, die Fans des TSV 1860 München werden ihre Aufgabe, das Team nach vorne zu peitschen, mit Sicherheit erfüllen.

Die Tatsache, dass der BVB in dieser Saison noch kein Pflichtspiel bestritten hat, könnte ein weiterer Pluspunkt für den TSV 1860 sein.

Trainer Michael Köllner wird mit Sicherheit einen guten Matchplan haben. Diesen umzusetzen wird eine schwere Aufgabe für die Löwenelf. Hoffen wir auf das Beste. Ein Sieg wäre die Sensation schlechthin.

Egal wie das Spiel ausgeht: Allein das Kribbeln, das bei mir, während ich diese Zeilen schreibe, einsetzt und die Tatsache, dass wir im Sechzgerstadion gegen einen Gegner spielen, der dort spielt wo jeder Löwe wieder hinwill, nämlich in der ersten Bundesliga, macht den Freitag Abend schon im Vorfeld zu einem denkwürdigen Abend.

Einzig ein Kantersieg des BVB könnte den Fans des TSV 1860 diesen vielleicht verhageln. Solange unsere Elf sich halbwegs erfolgreich wehrt und Köllners Jungs sich so teuer verkaufen wie möglich, ist alles im grünen Bereich.

So könnte der BVB gegen den TSV 1860 beginnen

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ich freue mich unglaublich auf heute Abend. auf unsere neue Mannschaft auf alle Fälle ein ganz großes Spiel für uns. ich hoffe, dass wird irgendwie lange ein offenes Spiel werden.

Schönes Ding! Aber wie spielen wir?
Ich hoffe nicht mit 5er Kette. Generell ist mir das viiiiel zu gefährlich bei Ballverlust im Spielaufbau mit hoch stehenden Außenverteidiger/Schienenspieler.