Nachdem Ihr gestern im ersten und zweiten Teil unseres Gesprächs mit Martin Gräfer, Mitglied des Vorstands der Bayerischen schon ein wenig näher kennenlernen durftet, folgt heute nun der dritte und letzte Teil:

 

Ganz ohne Corona kommen wir hier heute natürlich nicht aus. Wo schauen Sie aktuell eigentlich die Spiele?

Zu Hause im Fernsehen oder am PC.

Geht’s Ihnen aber auch so, wie so vielen, dass man sich schon danach sehnt, wieder ins Stadion zurück zu kehren?

Ich finde das immer lustig, wenn in Social Media gefragt wird: „Wer weiß, wo das Spiel übertragen wird?“ So geht es mir mittlerweile auch. Wo wird es denn übertragen? Aber man kann sich ja ziemlich sicher sein, dass es übertragen wird.
Ich fand die Spiele zuletzt wirklich begeisternd. Michael Köllner ist auch ein Hammertyp, ich freue mich sehr, dass ich ihn auch abseits des Platzes schon kennenlernen durfte. Auch wenn es um das Thema Führung und Coaching geht, um Leadership – das hat er wirklich gut drauf.
Günther Gorenzel ist aus meiner Sicht jemand, der sehr fordernd, aber auch sehr akribisch vorgeht, ein gutes Netzwerk hat, sonst hätte man Michael Köllner gar nicht gewonnen und ich halte Herrn Pfeifer für jemanden, der da richtig gut reinpasst und der vor allen Dingen sehr kommunikativ ist. Man sollte in so einem Verein kommunikativ sein, dort braucht man wirklich Präsenz.

Sie äußern sich ja auch auf den Sozialen Medien politisch und gehen auch auf Kommentare ein…

(lacht) Selten. Manchmal mache ich das. Im Netz ist leider unheimlich viel Hass unterwegs und das ist auch in diesem Kontext so. Manchmal ist es schon erstaunlich. Aber so ist es nun einmal. Mit Sechzig dagegen sind mehrheitlich gute Gefühle verbunden: Das ist Leidenschaft, auch wenn du verloren hast. Es geht nicht immer nur darum, was auf dem Platz ist. Du gehst mit Kumpels ins Stadion, ärgerst dich gemeinsam über ein grauenvolles Ergebnis oder freust dich über einen tollen Sieg. Das eigentliche Erlebnis ist diese Gemeinsamkeit. Und wenn alle, mit denen du zu Sechzig gehst, ähnlich empfinden, dann hast du danach immer einen Grund für ein gemeinsames Bier und sich in den Armen zu liegen, entweder um sich zu trösten oder gemeinsam zu feiern. Das ist das Besondere, das den Fußball ausmacht.
In der Fröttmaninger Arena war das so: Der VIP-Bereich war erstklassig. Als ich das erste Mal dort war, hatte ich echt Tränen in den Augen, weil dieses „Bayerische“-Branding, das in den VIP-Räumen und rund um das Stadion sichtbar war – da fühlte man sich als „die Bayerische“ schon groß. Für die Anzahl der Besucher war die Arena jedoch überdimensioniert: Bei 15.000 war sie ziemlich leer und bei 20.000 bis 25.000 kam auch nicht recht die besondere Stimmung auf. Zudem blieben manche VIPs im VIP-Bereich, selbst wenn das Spiel losging. Und dieses Verhalten finde ich nervend. Also auch bei einigen wenigen Gästen, die ich eingeladen hatte und die dann im Innenraum sitzenblieben und das Spiel nicht miterleben wollten. Da war ich immer etwas angefressen. Das passiert aktuell bei Sechzig natürlich nicht (lacht).

Aber warum ist denn Fußball so attraktiv seit vielen Jahrzehnten in Deutschland? Weil es jeder spielen kann, weil es überall gespielt wird, weil es die Menschen verbindet, weil es Leidenschaft auslöst und weil die Freude und das Leid so nah beieinanderliegen. Und wenn sich das verändert und nicht gepflegt wird, dann ist der Fußball auch nur noch ein Produkt. Und so kleine Gehässigkeiten im Fußball nach dem Motto „Bist Du ein Blauer oder bist Du ein Roter“ – die machen es halt irgendwie aus.

Aber ist das wirklich Hass oder lebt der Fußball nicht einfach von den Emotionen?

Ich hatte mal ein Erlebnis in der vierten Liga. Es war ein Auswärtsspiel, bei dem es fürchterlich regnete – ein Kollege und ich sind nach Buchbach hingefahren, wir sind in dieser Saison fast zu jedem Spiel gefahren, weil dieses Fußballerlebnis so toll war. Wir kamen da jedenfalls in den VIP-Bereich dieses Stadions. Das Vereinsheim hatte einen Raum abgesperrt, mit Bar, mit einer Theke. Und dann hat es angefangen zu regnen ohne Ende und ich hatte im Auto nur eine rot-blaue Regenjacke. Da bekam ich dann sofort was zu hören, von wegen „rote Jacke“. Das finde ich übertrieben, sich darüber aufzuregen. Total übertrieben. Ich habe die zu Sechzig-Spielen dann aber nie wieder angezogen.

Nachvollziehbar. Die andere Seite dieser Medaille ist halt z.B. eine Aussage von Trainer Jürgen Sundermann, der mal in den 1990ern gesagt hat, das faszinierende an Sechzig ist, dass da jeder im Stadion was Blaues anhat…

Das stimmt schon und rot geht auch nicht. Aber das ist mir dann schon wieder einen Tick zu politisch, da kann man sich drüber lustig machen, das finde ich okay. Aber gleich dann so extrem darüber herzuziehen ist übertrieben. Aber ansonsten, mal ganz ehrlich: Schon wenn man dieses Sechzger-Logo sieht, das ist einfach sensationell …

Noch eine wichtige Frage: Sechzig würde ja sehr davon profitieren, wenn die Merchandising GmbH in eigenen Händen wäre, weil dann Erlöse aus dem Verkauf von Fanartikeln beim Verein landen würden. Auch die Klage gegen die “Löwenfans gegen Rechts” war ja sehr rufschädigend…

Die Dinge sind, wie sie sind. Es wurden Verträge geschlossen, irgendjemand hat etwas verkauft, irgendjemand hat die Konstellationen geschaffen, wie sie heute sind. Damit umzugehen bedeutet, die Realität anzuerkennen. Dass sich viele darüber ärgern, kann ich gut nachvollziehen.

Sie werden aber bezüglich der Merchandising-Rechte keine Aussage von mir bekommen, dass ich mich auf die eine oder andere Seite schlage. Die Klagen gegen die LFGR habe ich nicht verstanden, fand ich absolut nicht nachvollziehbar und ich glaube auch nicht, dass diese irgendjemanden hätte weiterbringen können. Insofern war es auch sehr gut, dass sich die Dinge in eine andere Richtung entwickelt haben. Aber vielleicht war auch das ein Beitrag, die Realität anzuerkennen.
Ich finde aber zum Beispiel auch das „Scheichlied“ nicht gut. Ich würde es nicht singen. Erstens ist Herr Ismaik kein Scheich, war es auch nie. „Scheich“, „Kameltreiber“ –  das ist diffamierend und nicht respektvoll. Ich zeige jetzt nicht mit dem Finger drauf, weil da wieder Emotionen dahinter sind. Alle Beteiligten sind gut beraten, auch mal zu erklären, warum man etwas nicht gut findet, ohne jetzt gleich mit der moralischen Keule zu kommen. Man kann – glaube ich – gar nicht zu wenig kommunizieren.

Dem ist nichts hinzuzufügen! Vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch, Herr Gräfer!

 

 

 

 

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