Unser Leser Flexi60 fasste gestern Nachmittag in einem Kommentar unter unserem – übrigens extrem stark besuchten (das vielleicht einzig Erfreuliche an diesem gebrauchten Tag) – Liveticker vom Totopokalspiel gegen die SpVgg Unterhaching seine Gefühlslage so zusammen:
Noch nie empfand ich Vereinspolitik, Fanszene und Mannschaft zur gleichen zeit so armselig und enttäuschend.
So geht es wohl vielen Löwenfans gerade. Ich greife die Enttäuschung unseres Lesers auf und formuliere meine subjektiven Giesinger Gedanken zu den drei Punkten.
Zermürbende Vereinspolitik
Was soll man zu den Ereignissen der letzten zwei Wochen noch sagen? Gestern hörte man rund um das Spiel eigentlich überall, dass kein Löwenfan mehr darüber reden will. Sondern dass die an den aktuellen Konflikten Beteiligten miteinander reden müssen. Kommunikation löst nicht alles, aber vieles. Am wenigsten können leider die im Prinzip machtlosen Fans etwas an der offensichtlich völlig festgefahrenen Situation lösen. Es ist ermüdend und zermürbend. Passend zu der ganzen Gemengelage möchte ich Euch auch nicht vorenthalten, dass sich Hasan Ismaik gestern Vormittag mal wieder bei uns gemeldet hat. Er schickte uns per WhatsApp einen Ausschnitt aus unserer letzten sechzger.de Talk Sendung, in der der Verfasser dieser Zeilen, nachdem man sich zuvor mit den diversen Stellungnahmen von Verwaltungsrat und Präsidium beschäftigt hat, in einem Anflug von Selbstironie, Fatalismus und Ratlosigkeit sagt: “Der Hasan ist an allem Schuld.” Zwei Teilnehmer der Sendung stimmen scherzhaft ein. Dass diese Aussagen natürlich keineswegs ernst gemeint waren (so einfach ist die Welt dann leider nicht), dass ich selbst auch in Talk-Sendungen schon sehr häufig geäußert habe, dass für mich der ursprüngliche Quell aller Probleme, die wir heute haben, der Größenwahn rund um die Jahrtausendwende, die Beteiligung an der Arena und auch einige unglückliche sportliche Umstände waren, ging im Zuge der Übersetzung ins Arabische wohl leider verloren. Schade, aber passt irgendwie zur desaströsen Kommunikation bei und unter den Löwen.
Kritik an der aktiven Fanszene… und den anderen Fans
Nächstes Thema. Die aktive Fanszene, die aus den Blöcken G & H bei den Heimspielen die Stimmung im Sechzgerstadion anheizt, wird – speziell von älteren Anhängern, die aus einer Zeit kommen, in der Atmosphäre im Stadion spontan entstand – häufig kritisiert. Zu viel Lalala-Gesänge, zu wenig Spielbezug. Gestern gab es in dieser Hinsicht nichts zu kritisieren. Die Ultras verzichteten nämlich gänzlich auf aktiven und koordinierten Support. Nicht wirklich erschließt sich, warum man sich bei den aktiven Gruppen offensichtlich an eine selbst auferlegte Regel gebunden fühlt, im Totopokal erst ab dem Halbfinale für organisierte Unterstützung zu sorgen? Hätte man gestern gegen einen Ligakonkurrenten, der sehr wohl seine aktiven Fans dabei hatte, in einem für den TSV 1860 sehr wichtigen Spiel davon keine Ausnahme machen können und der Mannschaft die nötige Unterstüzung zukommen lassen? Berechtigte Frage. Allerdings müssen sich auch die “normalen” Fans (die die Ultras ja so gerne kritisieren) mal hinterfragen. Wäre gerade gestern nicht die Chance gewesen, einmal zu beweisen, dass es auch im Jahr 2024 möglich ist, wie in den 1990ern spontan und spielbezogen ein Feuerwerk auf den Rängen zu entfachen, das sich auf die teilweise lethargisch wirkende Mannschaft überträgt? Oder sind die Menschen inzwischen einfach gewohnt, dass ihnen im Stadion ein Vorturner vorgibt, wann was zu singen und zu schreien ist? Schade, da haben viele Kritiker eine Gelegenheit verpasst, einmal zu zeigen, dass es auch ohne die aktive Szene bedingungslose Unterstützung von den Rängen für das Team geben kann. Wobei man natürlich zugeben muss, dass auch die Leistung der weißblauen Elf nicht gerade dazu animiert hat, ihr zuzujubeln.
Ganz schwache Leistung auf dem Rasen
Apropos Leistung der Mannschaft: Was war denn das? Zum nun vierten Mal hintereinander scheitert eine Löwenelf gegen einen als schwächer eingestuften Gegner auf dem wohl einfachsten Weg, sich für die 1. Hauptrunde im DFB-Pokal zu qualifizieren, frühzeitig. Und zwar jeweils nicht unglücklich, sondern weil einfach der letzte Biss, dieses k.o-Spiel zu gewinnen, nicht zu erkennen war. Dachte man nach den beiden Siegen in Sandhausen und gegen den Waldhof, nun sei man endlich auf dem richtigen Weg und sportlich stabil, war das gestern ein Rückschlag, wie ich ihn persönlich die ganze Saison noch nicht gesehen habe. Ich habe auch in schwierigen Phasen dieser Saison auf Kontinuität auf der Trainerbank gesetzt und mich immer hinter Argirios Giannikis gestellt, aber ich muss mich schon fragen, ob seine Reaktion in der LÖWENRUNDE am Freitag Mittag auf mehrere Nachfragen der Journalisten, ob seinen Spielern die Bedeutung dieses Viertelfinals klar sei, symptomatisch für das Auftreten seiner Akteure auf dem Platz war. Es reicht nicht, die Qualifikation für den DFB-Pokal als “wünschenswert” zu bezeichnen. Und darauf zu verweisen, dass Profis jedes Spiel gewinnen wollen sollen. Da müssen sich alle Verantwortlichen mal hinterfragen!
Nach jeder Entäuschung geht es wieder aufwärts
Um nicht vollends in den Löwenblues im November zu verfallen, lässt sich vielleicht an dieser Stelle festhalten, dass es in den kommenden Tagen und Wochen eigentlich fast nicht mehr schlimmer werden kann. Vom Punkt der tiefsten Enttäuschung hoffen wir auf eine Woche ohne Stellungnahmen und Presseerklärungen, die die Vereinspolitik betreffen. Die Mannschaft hat offensichtlich verstanden, dass so eine Leistung nicht akzeptabel ist. Und am Samstag reisen wieder tausende Löwenfans nach Aachen in einen ausverkauften stimmungsvollen Gästeblock am Tivoli und hoffen auf drei Punkte. Schönen Sonntag allerseits!