Herzlich willkommen zur diesmal relativ kurzen TAKTIKTAFEL-Nachbetrachtung des Spiels TSV 1860 München gegen den KFC Uerdingen 05.

Wie erwartet spielte Uerdingen gegen den Ball mit zwei tiefen Viererketten; somit war für die Löwen das Spiel im letzten Drittel vor dem Tor des Gegners nicht einfach. In Ballbesitz versuchten die Uerdinger sehr bemüht, ein 4-3-3 herzustellen. Das war gegen die in allen Mannschaftsteilen gegen den Ball bravourös agierenden Löwen kaum von Erfolg gekrönt. So wirkten die Bemühungen der Krefelder im Spiel nach vorne eher wie ein 4-2-3-1, bei dem jeweils einer der offensiven Außenspieler versuchte, mit in die Spitze zu gehen.

Für beide Teams waren die Aufgaben vor dem Tor am Samstag unlösbar. Uerdingen hatte den Bus im eigenen Strafraum geparkt und die Löwen konnten ihn nicht beiseite schieben. Die Löwen verteidigten nach Ballverlust auf allen Positionen gut und ließen aus dem Spiel heraus ebenfalls kaum Chancen zu. So entwickelte sich ein Spiel, das man in zwei ungleich lange Teile zerlegen kann; vor und nach der Gelb-Roten Karte für Erik Tallig.

Vor dem Platzverweis

Das Spiel hatte vor dem Platzverweis für den Ex-Chemnitzer sowohl in Halbzeit eins, als auch in Halbzeit zwei nur eine Richtung und die hieß Uerdinger Abwehrdrittel. Ballbesitz und Feldvorteile der Löwen waren eklatant. Dreißig Positionsangriffen der Sechzger sehen deren dreizehn beim Gegner gegenüber. Fünf Ecken und fünf Freistöße für den TSV 1860 München im Angriffsdrittel kommen hinzu. Die Mannschaft von Stefan Krämer, die wie erwartet mit zwei tiefen Viererreihen verteidigte, kam nur zu Entlastungsangriffen. Diese führten zu drei Standardsituationen für den KFC und zwei Schüssen aus dem Spiel heraus. Zählbares gab es unter dem Strich weder durch Krefelds Standards noch durch die Feldüberlegenheit der Sechzger.

Es gab zwar einige Situationen, in denen der TSV 1860 München Distanzschüsse außerhalb des Sechzehners durch die vielbeinige Abwehr der Krefelder bugsieren konnte, diese waren aber nie wirklich gefährlich für den von Jurjus gehüteten Kasten des Vereins aus der Samt- und Seidestadt. Zwingende Torgelegenheiten brachten die Löwen nicht zustande. Die Standards der Krefelder konnten von der Löwenabwehr gut entschärft werden. Einmal jedoch wurde es bei einem Freistoß in der 5. Minute gefährlich für den Kasten von Hiller. Freund und Feind verpassten aber die Hereingabe, daher ergab sich in dieser Situation keine tatsächliche Torchance.

Die größte Gelegenheit für den KFC im Spiel machte Hiller mit einer Glanztat in der 60. Minute zunichte, als er gegen den allein auf ihn zugehenden Kiprit klären konnte, nachdem Moll etwas fahrlässig gepatzt hatte.

Die statistischen Werte bis zum Platzverweis

Ballbesitz 59% : 41%, Schüsse 12 : 3, Ballkontakte im Strafraum 11 : 3 – all diese Statistiken sehen den TSV 1860 im Vorteil. Die Passquote bei den Löwen lag bei 89%. Natürlich wird diese Zahl ein wenig durch Rückpässe geschönt, aber selbst wenn man diese abzieht, kommt der TSV immer noch auf eine Quote von 87% erfolgreiche Pässe. Leider konnten die daraus entstehenden Situationen nicht in zählbare Erfolge umgesetzt werden. Die Krux im Spiel der Löwen war eindeutig die Schwäche in den offensiven Zweikämpfen. Lediglich sechzehn mal konnte sich ein Sechzger gegen seinen Gegenspieler im Eins gegen Eins durchsetzen. In dieser Hinsicht waren dieUerdinger sehr souverän. Neudecker und Tallig hatten in dieser Statistik mit 57% bzw. 50% Erfolgsquote in den Dribblings bis zur 69. Minute sehr gute Werte aufzuweisen. Eklatant ist, dass Phillipp Steinhart nur einen und Sascha Mölders keinen einzigen Offensivzweikampf bis zu diesem Zeitpunkt für sich entscheiden konnten.

Nach dem Platzverweis

Nach der etwas kleinlichen Gelb-Roten Karte für Erik Tallig wegen wiederholten Foulspiels kam Uerdingen besser ins Spiel und dominierte spätestens ab der Einwechslung von Adriano Grimaldi das Geschehen auf dem Platz. Den Uerdingern erging es nun jedoch nicht anders als den Löwen zuvor. Sie fanden kaum einen Weg durch das Abwehrbollwerk des Gegners und wenn, war der gut aufgelegte Torhüter des TSV 1860, Hiller, zur Stelle.

Die Sechzger hingegen verlegten ihre Angriffsbemühungen in Unterzahl nun hauptsächlich aufs Konterspiel. Leider wurden die Situationen, die sich ergaben, nicht präzise genug ausgespielt oder von den immer noch stabil verteidigenden Uerdingern souverän unterbunden.

Die statistischen Werte nach dem Platzverweis

Ballbesitz 44% : 57%, Schüsse 1 : 3 Ballkontakte im Strafraum 3 : 5 – nun war in diesen Statistiken jeweils Uerdingen am Drücker. Aus dem Spiel heraus kamen die Gäste in dieser Zeit allerdings nur ein einziges mal zum Abschluss, die beiden anderen Schüsse ergaben sich aus Standardsituationen. Interessant ist, dass sowohl Uerdingen als auch der TSV 1860 München in diesen letzten 20 Minuten mit je sechs Positionsangriffen genau gleich oft in die Hälfte des Gegners eindrangen. Weil Uerdingen jetzt mutig wurde und aufmachte, um den Dreier einzufahren, gelangen den Löwen auf einmal mehr Einzelaktionen als vor dem Platzverweis.

Fazit

Dieses Spiel (und auch schon einige andere davor) hinterlässt vor allem die Frage, warum sich die Sechzger gegen tief stehende Mannschaften so schwer tun. Darauf gibt es selbstverständlich nicht die eine alles erklärende Antwort; da spielen verschiedene Faktoren hinein:

Zum Einen fehlt den Löwen (meiner Meinung nach) ein kopfballstarker und robuster Sturmriese mit Gardemaß, der im Zentrum vor dem Kasten beim Flügelspiel mehrere Verteidiger binden kann und mit dem Kopf nicht nur ins Tor trifft, sondern auch Bälle für seine Kollegen im Angriff auflegt. Tim Linsbichler (1,93 m) wäre hier ein guter Kandidat, leider steht er jedoch noch nicht zur Verfügung. Sascha Mölders fehlen mit 1,85 m Größe schon einige Zentimeter, um sich bei hohen Bällen auch gegen wirkliche Abwehrriesen durchzusetzen.

Zum Anderen – und da gibt es gar nichts zu kritisieren – wird gegen solche Betonmischer bis vor den Sechzehner des Gegners meistens gut gespielt. Oft gibt es sogar kaum Gegenwehr der verteidigenden Mannschaft vor dem letzten Drittel. Zu selten jedoch versuchen die Löwen, die mauernden Gegner aus der Defensive herauszulocken um dann im richtigen Moment das Spiel schnell zu machen und gegen die defensive Phalanx Pässe in den Schnittstellen der Mannschaftsteile anzubringen und somit räumliche und personelle Überlegenheit zu generieren. Ein häufigerer Wechsel der Höhe im Pressing während des Spiels könnte eine Möglichkeit sein, hier den Hebel anzusetzen.

Nichtsdestotrotz steht der TSV 1860 auch nach diesem schweren Spiel gegen eine der besten Defensiven der Liga immer noch besser da, als es die meisten Kritiker vor der Saison erwartet hätten. Und auch die erfolgreiche Abwehrschlacht in Unterzahl stimmt mich absolut positiv. Ein Spiel ohne Gegentor mit einem Punkt auf der Habenseite. Es ist somit besser gelaufen als in den Drittligaheimspielen zuvor gegen den KFC.

Datenquelle: http://www.wyscout.com/

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