Nachdem die ARGE bereits 1977 gegründet worden war und das ein oder andere Skandälchen überstanden hatte, kam der Dachverband der Fanclubs in vermeintlich ruhigere Fahrwasser. Zumindest sah es eine Zeit lang so aus… Ein Trugschluss!

Unterdessen installierte der TSV 1860 Jutta Schnell als Fanbeauftragte in Vollzeit, die sich um Fanbelange kümmern sollte.

Fortlaufende Querelen innerhalb der ARGE

Und was machte die ARGE? Existierte freilich weiterhin, war allerdings immer wieder von internen Querelen und finanziellen Unklarheiten geplagt. Missstände in der Kasse waren offenbar keine Seltenheit beim Dachverband der Fanclubs. Mehrfach wurden Kassierer und deren Kassenprüfer heftig kritisiert. In einem Rundschreiben des ARGE-Vorstands Siegfried Mühlbauer an alle Fanclubs aus dem September 1999 heißt es einleitend: „Da immer wieder Fragen bezüglich der Kasse und dem Beitrag gestellt werden, gibt es hier ein paar grundsätzliche Erklärungen.“ Es folgten der Kassenstand sowie der Aufruf, den Mitgliedsbeitrag fristgerecht zu entrichten. Bei Punkt 10 (Einzugsermächtigung) schreibt Mühlbauer zum „abgesetzten Kassier“ („J.“), er habe die Einzugsermächtigungen für ungültig erklärt, „damit Herr J. damit keinen Missbrauch betreiben kann“.

Einige Vorstandsmitglieder der ARGE erklärten ihren Rücktritt. Beisitzer Klaus Höß begründete diesen unter anderem mit „diesen ganzen Querelen“ und der „unendlichen Geschichte mit dem Kassier“ und verwies auf eine möglicherweise „drohende Rufschädigung als Mitglied der ARGE“.

Die Stadion-Diskussion beim TSV 1860

Aber auch ein weiterer Aspekt mischte sich in die internen Angelegenheiten: Der scheinbar ewige Streit um die Heimspielstätte des TSV 1860 hatte neue Dimensionen angenommen. Während ein Teil der Löwenfans für einen Verbleib im Grünwalder Stadion plädierte und dessen Ausbau anstrebte, gab es eine Gegenbewegung, die sich den Umzug ins Olympiastadion bzw. den Neubau einer Fußball-Arena wünschte. Der immer mehr aufkommenden Initiative der „Freunde des Sechzger Stadions“ schloss sich auch ein Teil des ARGE-Vorstands an. Damit war die Vorstandschaft gespalten. Daher gab Hans Rettenmeier als Rücktrittsgrund aus der ARGE-Vorstandschaft an, der Grund sei „die Unterstützung der Initiative zur Erhaltung des Grünwalder Stadions durch die ARGE“.

Gerhard Schnell betritt die Bühne

Das Stadionthema hatte die Dachorganisation der Fanclubs erreicht. Möglicherweise war genau diese Diskussion auch ein Hauptgrund für die Spaltung innerhalb der Fanlandschaft der Löwen. In jedem Fall wurde sie auch von einigen ranghohen Mitgliedern innerhalb der ARGE befeuert. Damals noch ein relativ unbeschriebenes Blatt war Gerhard Schnell. Als Vorsitzender der Region 11 ließ er dem ARGE-Vorstand in einem Schreiben vom November 1999 ausrichten, dass auf Grund der Stadionthematik „ein Großteil der Fanclubs unserer Region bereits gedroht hat, aus der ARGE auszutreten um sich dann selbst zu verwalten“. Ebenfalls Unterzeichner des Schreibens waren im Übrigen Hans Rettenmeier, der als Kassier der Region 11 aufgeführt wurde, und als Beisitzer ein gewisser Siegbert Stemmer, der im späteren Verlauf eine entscheidende Rolle einnehmen sollte.

Der Beginn der Ära Schnell

Mit der Installation der Fanbeauftragten Jutta Schnell beim TSV 1860 und dem stetig wachsenden Einfluss ihres Mannes Gerhard begann also zur Jahrtausendwende die „Ära Schnell“ innerhalb der ARGE. Dabei machte sich Schnell vor allem die fortlaufende Unruhe innerhalb des Dachverbandes zu Nutze. Gleichzeitig griff er aber auch zu fragwürdigen Mitteln, die nach aktuellen Erkenntnissen in einem völlig anderen Licht dargestellt werden können.

Zum einen legte sich Schnell eine Schar treuer Helfer an. Mitstreiter, die in seinem Auftrag Dienste ausführten und damit Schnells Ansinnen Nachdruck verschafften. So wurde beispielsweise gegen einen unliebsamen Gegenpart von Jutta Schnell, einem Mitarbeiter vom Fanprojekt München, ein Vereinsausschlussverfahren eingeleitet. Auffällig ist: Der Name der Person, die das Verfahren eingeleitet hatte, tauchte in der Stundenaufzeichnung der Fanbeauftragten aus dem September 1998 (siehe Teil 2) mehrfach auf. Es sollte wohl eine Person aus dem Weg geschafft werden, die durch die Arbeit im sozialpädagogischen Fanprojekt ebenfalls in der Fanbetreuung tätig war und scheinbar einen Gegenpart zu Jutta Schnell darstellte – zumindest in deren Augen. Dass der Ankläger in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schnells beheimatet ist, scheint ein seltsamer Zufall zu sein.

Die Mail-Lawine kommt ins Rollen

Eine Gefahr schienen auch zunehmend Teile der ARGE zu werden. Unter dem Vorsitzenden Mühlbauer, der die Geschicke zusammen mit Urgestein Herbert Gertitschke leitete, einigte sich der ARGE-Vorstand mit Löwen-Präsident Karl-Heinz Wildmoser darauf, dem Dachverband ein festes Büro an der Geschäftsstelle an der Grünwalder Straße 114 zu geben. Zudem waren zwei bezahlte Mitarbeiter für die ARGE eingeplant. Neben einer Vollzeitkraft für die Fanclubverwaltung sollte eine Stelle mit einem Minijob besetzt werden. Den Schnells war dies offenbar ein Dorn im Auge. Im Dezember 2001 gingen mehrere E-Mails in der Geschäftsstelle der Löwen ein. Absender: Vermeintliche Mitglieder aus Fanclubs, die sich vehement gegen das so genannte „Fan-Büro“ beschwerten.

So schreibt beispielsweise „Peter Kugler“, beim TSV 1860 völlig unbekannt: „Wie seit geraumer Zeit in Fan-Kreisen das Gerücht rumgeht, soll mit einem […] Gertitschke ein so genanntes Fanbüro besetzt werden.“ Weiter heißt es: „Dass aber hier jeder ungläubig den Kopf schüttelt, ist wahrscheinlich an euch vorbeigegangen“ und „Wollt ihr die Fans noch mehr spalten und gegen euch haben?“ Auffällig: Ausdrücklich gelobt wird Jutta Schnell. „Jutta, du leistest hervorragende Fan-Arbeit.“ Die Forderung aus der E-Mail ist klar. „Wir brauchen kein Fan-Büro, sondern eine komplett selbstständige und gut funktionierende ARGE.“ Weitere Mails gleichen Inhalts erscheinen beinahe zeitgleich. Alle Absender sind beim Verein völlig unbekannt. Heute ist bekannt, dass Gerhard Schnell diese E-Mails mit Fake-Accounts verschickt hat.

Die vielen Persönlichkeiten des Gerhard Schnell

Ein Andreas Forster fragt: „Warum brauchen wir überhaupt so ein Fanbüro? Der Verein hat eine sehr ausgezeichnete und aktive Fanbeauftragte.“ Auch ein Umsturz innerhalb der ARGE-Vorstandschaft wird angeregt. „Mistet in der Vorstandschaft ein bisschen aus, sucht euch dafür gute Leute und schon funktioniert es wieder besser und wir sind selbstständig.“ Alois Henk aus Passau schreibt in Sachen Fan-Büro: „Sollte sich dieses bewahrheiten, dann haben sie viele Gegner“ und weiter „wenn sich das bewahrheitet, frage ich mich, ob von der ARGE-Vorstandschaft noch einer in den Spiegel ohne zu kotzen schauen kann“. In einer weiteren Mail wird angedeutet, dass sich eine Gegenbewegung gründen würde. Fritz Dullemann schrieb: „Nachdem die ARGE jetzt komplett in die Hosen gegangen ist, haben sich bis jetzt ca. 25 Fan-Clubs aus verschiedenen Regionen zusammengetan und wollen eine Gegenvereinigung zur ARGE gründen“. An dieser Stelle sei nochmals an das Schreiben der Region 11 an den ARGE-Vorstand erinnert, als Gerhard Schnell mit dem Austritt einiger Fanclubs drohte. Weiter schreibt Dullemann: „Mit einem Gertitschke im Fan-Büro und einen Mühlbauer können wir nicht mehr. Der Gertitschke blamiert sich doch wo es nur möglich ist und ein Mühlbauer kann nichts und macht nichts.“ Auch das Stadion wird thematisiert. „Damit nichts verstanden wird: Wir sind pro Präsident Wildmoser, pro Fröttmaning. Also vereinstreu.“ Spannend wird es in einer weiteren E-Mail an ARGE-Beisitzer Siegbert Stemmer, der ja in Schnells Region 11 ebenfalls Beisitzer ist: „Siegbert, du hast es im Kreuz, du schaffst es. Mach den Ersten Vorsitzenden, schau dass dich der Mann von der Jutta unterstützt und such dir noch ein paar zuverlässige Mitstreiter.“

Wie gehts weiter?

In Teil 4, den wir morgen veröffentlichen werden, werden wir den Umsturz innerhalb der ARGE-Führung thematisieren. Zudem werfen wir einen Blick darauf, wie sich die ARGE zunehmend in die Vereinspolitik des TSV 1860 München einmischte.

Überblick

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Servus, in der Saison 81/82 war eine total nette Frau aus Essen für die ARGE zuständig, weis leider nicht mehr den Namen, mit der war ich auch beim Auswärtsspiel in Essen das wir 4:1 gewonnen haben. Da war mir die ARGE noch richtig sympatisch
Wisst ihr noch wer das war?

Edit: glaube ja nicht, daß das die Jutta Schnellt war

Last edited 13 Tage zuvor by twchris

Sicher nicht. Vielleicht war es die Lebensgefährtin vom damaligen Arge-Kassier Mani Krauss, der unter Helmut Zotz mit Ihr noch bis 1990 richtig engagiert für damalige Arge tätig war. Wir Innstadt-Löwen wurden zum 20. Juli 1985 als neuer Fanclub Mitglied und traten 2002 wegen der Stadionentscheidung und zusammen mit dem FCBäh sowie kritiklosen Unterstützung von KHW aus.
Die Zeichen der Zeit unter Schnells & Co. hatten wir oft erlebt und auch rechtzeitig erkannt. Es gäbe noch viele Anekdoten zu den Vorgehensweisen der Arge-Vorstandschaften ab 1999, als die Jutta mit Mann als sog. Fanbeauftragte dazu kam auch aus der Region 6.
Danke für diese Aufarbeitung.

Wie kann es sein, dass die ARGE solange den TSV so vorgeführt hat?

Bereits seinerzeit wurden Personen in einer Art und Weise diskreditiert, wie sie aktuell gegen den Sportgeschäftsführer vorgetragen werden. Sind immer noch die selben Schreiberlinge aktiv?