Wie gestern angekündigt, wird sechzger.de in einer mehrteiligen Serie auf die Historie der ARGE zurückblicken und dabei auch die Rolle der Familie Schnell durchleuchten. Heute geht es um die Gründungsjahre des Dachverbands und die ersten Querelen. Man kann nun nicht gerade behaupten, dass es von Anfang an rund lief…

ARGE: Schon nach einem Jahr hoch verschuldet

Am 2. April 1977 gründete sich mit der „ARGE des TSV München von 1860 e.V.“ der Dachverband für die Fanclubs des TSV 1860 München im Ehrengastbereich des Olympiastadions. Eine bahnbrechende und hochmoderne Angelegenheit zu Zeiten, in denen an eine professionelle Fanbetreuung im Fußball noch nicht zu denken war. Ziel des 1860-Geschäftsführers Ernst Potzler war es, der zunehmend wachsenden Anzahl von Fanclubs kompetente Ansprechpartner zu bieten und die ARGE als Katalysator zwischen Verein und Fanclubs zu installieren.

Diese an sich gute Idee schien schon im Jahr darauf stark gefährdet zu sein. Der erste Vorsitzende des Dachverbandes unterschlug Eintrittsgelder für ein Länderspiel in München und hinterließ dem Verein damit einen Schaden von etwa 100.000 DM. Leidtragende damals: die Fanclubs, die sich der ARGE angeschlossen hatten. Geschäftsführer Potzler musste mitsamt seinem Stellvertreter Martin Unger und dem ARGE-Vertreter Herbert Gertitschke Unglaubliches leisten, um die Liquidität des Vereins zu sichern. Zusammen mit Urgesteinen wie dem Aitranger Helmut Zotz, Erfinder des Slogans „Einmal Löwe – immer Löwe“, baute der Dachauer Gertitschke in den Folgejahren den Dachverband auf und sicherte somit dessen Fortbestand.

90er Jahre: Entwicklung der professionellen Fanbetreuung in Deutschland

In der Geschäftsstelle in der Auenstraße in München hatte die ARGE ein Büro, das allerdings im Jahr 1982 gestrichen wurde, nachdem sich ein Mitglied des ARGE-Vorstands öffentlich in der BILD-Zeitung äußerte und dabei Löwen-Präsident Dr. Erich Riedl harsch kritisierte. Gertitschke schrieb später, „das Zimmerschloss war schon ausgewechselt“, als er das Büro betreten wollte. Das Verhältnis zur ARGE schien zerrüttet. Gerettet wurde der Dachverband von Unternehmer und Löwen-Sponsor Roland Holly, der die ARGE nicht nur finanziell unterstützte, sondern auch ein Büro am Beethovenplatz bereitstellte.

Waren Fußballfans und Fanclubs in den 80er Jahren noch verschrien – schließlich handelte es sich damals ja um die „Wilden“ – so entwickelte sich Anfang der 90er eine zunehmende Professionalisierung im Fußball. Dies erstreckte sich insbesondere auch auf die Betreuung der Fans. Als einer der ersten Vereine der Bundesliga installierte der VfB Stuttgart mit Ralph Klenk einen hauptamtlichen Fanbeauftragten. Auch die Löwen waren gewillt, sich in der Fanbetreuung besser und moderner aufzustellen. Vor allem nach der Rückkehr in die Bundesliga und durch die regelmäßige Qualifikation für die Europapokal-Wettbewerbe war die Notwendigkeit absolut gegeben.

Jutta Schnell wird Fanbeauftragte

Kurz vor der Jahrtausendwende installierte der Verein mit der Neuburgerin Jutta Schnell ebenfalls eine Fanbeauftragte in Vollzeit. Sie sollte sich um die Belange der Löwenfans und deren Fanclubs kümmern. Schnell selbst war damals Vorsitzende des Fanclubs „Neuburger Sechzger e.V.“ und als Frau eine Seltenheit im Fußball. Für den TSV 1860 war eine solche Personalie Neuland, Schnell wurden viele Freiheiten gewährt. Abgerechnet wurde damals nach Stundenaufzeichnung. Auffällig dabei: Im Büro an der Geschäftsstelle war die Neuburgerin selten, maximal zwei Mal in der Woche besuchte sie ihren Arbeitsplatz in München. In der heutigen Zeit (vor Corona) undenkbar. Die Arbeitszeiten? Rührten hauptsächlich von Telefonaten, die für die Geschäftsführung der Löwen freilich schwer nachzuvollziehen waren.

In einer Aufzeichnung aus dem September 1998 gab Schnell etwa 235 Arbeitsstunden für den Monat an und verwies darauf, „der September war heuer der ruhigste Monat. Wesentlich intensiver werden November und Dezember.“ Schon damals auffällig: Die aufgeführten Telefonate wurden praktisch ausschließlich in einem engen Zirkel geführt. Neben Mitarbeitern und Verantwortlichen auf der Geschäftsstelle stand Schnell offenbar nur einem überschaubaren Kreis als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Beinahe täglich finden sich die gleichen Personen bzw. Fanclubs in ihrer Auflistung.

Erste Beschwerden von Fanclubs

Ebenfalls auffällig ist, dass schon damals Beschwerden auf der Geschäftsstelle der Löwen eingegangen sind. Mehrere Fanclubs hatten sich an Jutta Schnell gewandt und bekamen keine Rückmeldung. So beschwerte sich der Vorsitzende des Fanclubs aus Waging am See im August 1998 persönlich auf der Geschäftsstelle, nachdem eine Einladung zum 20jährigen Jubiläum des Fanclubs aus dem Mai unbeantwortet geblieben war. Im Mai 1999 gründete sich der Fanclub St. Englmar. Eine Anfrage zu Unterlagen für die Fanclubgründung – vier Wochen zuvor an Schnell geschickt – blieb unbeantwortet. Eine Duplizität der Ereignisse? Auch in den Jahren danach beschwerten sich viele Fans und Fanclubs bei Mitarbeitern der Löwen, dass Anfragen bei der Fanbeauftragten unbeantwortet bleiben, während Schnell zu einigen Fanclubs allerdings offenbar einen engen und rührigen Kontakt pflegte.

Im morgigen dritten Teil betritt dann auch Gerhard Schnell, damals Vorsitzender der ARGE Region 11, die Bühne…

Überblick

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