Herzlich Willkommen zur TAKTIKTAFEL-Analyse des Spiels TSV 1860 München gegen die SpVgg Unterhaching, mittlerweile auch S-Bahn Derby genannt.

In einem optisch insgesamt relativ ausgeglichenen, aber durch viele Unterbrechungen sehr zerfahrenen Spiel, erarbeiteten sich die Löwen gegen die SpVgg Unterhaching etwas glücklich für den TSV 1860 – aber sicherlich nicht unverdient – einen 3:1 Sieg. Sehen wir uns mal genauer an, warum das ein wenig glücklich war.

Statistiken zum Spiel

  • Ballbesitz: TSV 1860 40%, SpVgg Unterhaching 60%
  • Schüsse (davon aufs Tor): TSV 1860 10 (4),  SpVgg Unterhaching 7 (2)
  • Passgenauigkeit: TSV 1860 78%, SpVgg Unterhaching 76%
  • Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 60%, SpVgg Unterhaching 56%
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 9,75; SpVgg Unterhaching 6,16

Die Gäste aus der Vorstadt kamen wie erwartet mit einem 4-2-3-1 auf den Platz, nichts Neues also. Mit Schröter und Greger in der Anfangsformation war die Mannschaft von Arie van Lent allerdings im Vergleich zum Duisburg-Spiel auf zwei Positionen verändert worden. Schröter spielte für den gelbgesperrten Heinrich und Greger für Stierlin. Marseiler kam deshalb wieder auf dem linken Hachinger Flügel als Offensivspieler zum Einsatz, Schröter dafür rechts. Müller rückte aus der Innenverteidigung ins defensive Mittelfeld, seinen Part dort übernahm Greger.

Taktische Umstellung beim TSV 1860

Löwencoach Michael Köllner setzte zum ersten Mal in dieser Saison nicht auf ein 4-1-4-1, sondern auf ein 3-5-2 mit stark defensiv ausgerichteten Flügelspielern im Mittelfeld. Steinhart, der sonst auf der Position des linken Verteidigers spielt, nahm diesen Platz auf dem linken Flügel ein, Biankadi rechts. Hatte der Gegner den Ball im letzten Drittel der Löwen, verschob sich das 3-5-2 zum 5-4-1. Für Steinhart änderte sich faktisch nicht viel für sein Spiel abgesehen davon, dass er mehr Freiheiten nach vorne genoss. Biankadi wirkte durch die ihm auferlegte defensive Variante etwas gehemmt und im Spiel nach vorn agierte er bisweilen unglücklich. Er hat, wenn er den Ball tief in der Hachinger Hälfte bekam, einige wenige falsche Entscheidungen getroffen, die dann zu Ballverlusten führten. Schwamm drüber.

In diesem Spiel war die Defensivarbeit Biankadis auf dem Flügel eindeutig wichtiger, um ein wenig Druck vom Debütanten Lang zu nehmen. Seine Werte in der Defensivarbeit zeigen das auch deutlich. Nur drei verlorene Duelle in der Verteidigung, drei von vier lose Ball Duelle gewonnen und vier abgefangene Pässe in der eigenen Hälfte bei nur einem begangenen Foul lesen sich für einen Spieler, dessen tägliches Brot eigentlich die Offensive ist, nicht ganz so schlecht.

Änderungen in der Startaufstellung

Personelle Wechsel in der Defensive wurden durch die Sperren von Salger und Willsch sowie durch die Verletzung des defensiven Mittelfeldspielers Daniel Wein, der sich beim Warmmachen eine Muskelverletzung im Adduktorenbereich zugezogen hat, nötig. Dennis Dressel, normalerweise der Box-to-Box Spieler im 4-1-4-1 System von Trainer Köllner, rückte auf die ihm nicht fremde Position im defensiven Mittelfeld. Niklas Lang kam für Willsch und Erdmann für Salger in die Abwehrkette. Dressels Position als Box-to-Box Spieler übernahm Erik Tallig.

Die für die Spielvereinigung Unterhaching wohl unerwartete Systemänderung änderte allerdings nicht viel an der taktischen Herangehensweise in der Offensive der Löwen.

Die Anfangsphase: 1860 gegen Unterhaching hinten gefordert

Da die Spielvereinigung Unterhaching im Sturm jedoch sehr variabel auftrat, gab es sowohl Verschiebungen zu einer asymmetrischen Fünferkette als auch zu einer flachen Fünferkette. In einigen Situationen auch zu einer Viererkette, wenn Dressel sich weiter zurückfallen lassen musste als vom System vorgesehen. Das lag an einem oder beiden Flügelspielern, die sich dann noch weiter vorne befanden.

Bis die Mechanismen im Defensivverbund des TSV 1860 München wirkungsvoll griffen, dauerte es ca. eine halbe Stunde. In dieser ersten halben Stunde des Spiels konnten die Gäste immer wieder gefährlich an und in den Strafraum der Löwen vordringen.

Die Hachinger erspielten sich in dieser Zeit einige Gelegenheiten. Aufgrund schlechter Anspiele in die Spitze oder miserabler Ballverarbeitung seitens der Hachinger kam nichts Zählbares dabei heraus. Auch die Anzahl der Bälle, die der Gegner in den Strafraum der Sechzger spielen konnte, war im Gegensatz zu Spielen im 4-1-4-1 in der Anfangsphase eher hoch. Elf Bälle wurden in dieser Zeit von der SpVgg in die Box gespielt, was zu sieben Ballkontakten der Hachinger dort führte.

Die Löwen erwachen

Nach Ablauf der ersten halben Stunde griffen aber dann die Automatismen bei den defensiven Verschiebungen und der TSV 1860 München saß, gegen eine sich redlich bemühende Unterhachinger Mannschaft, fester im Sattel. Auch offensiv kamen die Löwen, die bis zu diesem Zeitpunkt nur einmal gefährlich vor dem Hachinger Tor zu sehen waren, danach besser ins Spiel.

Aber wirkliche Dominanz strahlten die Löwen in keiner Phase des Spiels aus. Zu bissig und giftig wehrten sich die Spieler aus der Vorstadt. Diese Giftigkeit in Person von Schwabl wurde in Minute 35 dann mit einem Freistoß geahndet.

Das 1:0 für die Löwen

Nach einem durch Lex in der 35. Minute herausgeholten Freistoß schlägt Neudecker den Ball in den Fünfer zentral vor dem Tor. Torwart Coppens kann diesen nicht wie wohl geplant wegfausten. Daher prallt der Ball von Stroh-Engels Schulter zu Erdmann zurück, der etwa sieben Meter vor dem Tor nicht lange fackelt und den Ball volley in die Maschen drischt.

Dieses Tor zog den Hachingern erst einmal den Zahn. Bis zum Pausentee konnte die bis dahin gefährlichere Mannschaft nicht mehr glänzen. Brachten die Vorstädter in der ersten halben Stunde noch elf Mal den Ball in den Strafraum der Löwen, woraus insgesamt sieben Ballkontakte in der Box für die Hachinger entstanden, gelang das nur noch zwei weitere Male bis zum Halbzeitpfiff. Daraus resultierte eine nicht weiter erwähnenswerte Chance für Marseiler in der 41. Minute. Die Löwen brachten ihr Pressing nun auch besser als noch zuvor auf den Platz. So hatte Unterhaching zwar mehr, aber viel ineffektiven Ballbesitz in dieser Phase. Neun Rückpässe und viele Querpässe während der letzten Viertelstunde vor der Pause zeigen das deutlich auf.

Nach Wiederanpfiff

Nach der Pause zeigte sich ein Spiel mit allerdings jetzt großen Ballbesitzvorteilen für die SpVgg. Die erste wirkliche Chance hatten jedoch die Löwen in Minute 51 nach einer sehr guten Pressingaktion tief im letzten Drittel des Gegners durch Erik Tallig, der vielleicht ein wenig zu lang mit seinem Schuss, den er ans Lattenkreuz zimmerte, gewartet hat. Wenige Minuten später, genauer in der 56. Minute, brachte die erste Ecke von Haching in der zweiten Halbzeit den Ausgleich.

Der 1:1 Ausgleichstreffer

Von der linken Hachinger Seite bringt Schröter den ruhenden Ball punktgenau auf den Kopf von Göttlicher. Belkahia kann diesen Kopfball noch von der Linie kratzen, allerdings fällt das Leder Müller drei Meter vor dem Tor vor die Füße. Er zieht ab und erzielt das zu diesem Zeitpunkt absolut verdiente 1:1.

Nach dem Ausgleich besannen sich die Löwen wieder mehr auf ihr Spiel und die Ballbesitzquote stieg stetig an. Haching konnte in den Folgeminuten nicht mehr ins letzte Drittel der Löwen vorstoßen. Drei mal hingegen kamen die Löwen in den Hachinger Strafraum. In der 66. Minute dann auch erfolgreich.

Die erneute Führung des TSV 1860, das 2:1 gegen Unterhaching

Nach einem Einwurf von Phillipp Steinhart kommt der Ball auf der linken Seite etwa zwanzig Meter vor der Grundlinie zu Tallig. Dieser stetzt sich gut gegen Müller durch und spielt auf Stefan Lex, der von links in den Strafraum eindringen will. Dabei stört ihn Göttlicher und Lex verliert das Leder. Tallig, der hinter Lex lauert, kommt erneut an den Ball und spielt auf den aus der Tiefe antrabenden Steinhart. Dieser wiederum löffelt eine parabolische Flanke sehr hoch in den Strafraum an die Grenze des Torraums, wo Mölders den aus dem Kasten kommenden Coppens gut wegblockt. Coppens kann den Ball nur kerzenartig hoch abklatschen und verliert, wegen Mölders hartem aber absolut fairen Einsatz, dabei das Gleichgewicht und fällt um. Als die Kerze sich wieder nach unten bewegt, verwandelt Mölders per Fallrückzieher zum 2:1. Ein glasklares Tor des Monats.

Nach dem erneuten Führungstreffer unserer Löwen wurde das Spiel noch zerfahrener als es eh schon war. Beide Mannschaften sparten nicht mit Fouls, die Hachinger aber auch hier wie beim Ballbesitz mit numerischen “Vorteilen”. Tatsächlich pfiff aber Schiedsrichter Badstübner nicht jeden Zweikampf, der geahndet hätte werden müssen. Speziell Marseiler, der wiederholt den Debütanten Lang niederstreckte, hatte viel Glück mit den Entscheidungen des Unparteiischen.

Der Todesstoß, das 3:1

Nach einem Freistoß für Unterhaching von der linken Hachinger Seite durch Schwabl faustet Marco Hiller das Leder zu Anspach an die linke Strafraumgrenze. Der legt den Ball weiter nach rechts zu Mensah. Mensah will halbrechts vor dem Strafraum mit der Kugel nach vorne in die Box der Löwen eindringen. Der sehr dynamisch herausrückende Löwe Steinhart kann aber den zu weit vorgelegten Ball erobern und startet einen Konter.

Mit Biankadi und Lex im Schlepptau stürmt Steinhart 65 m über den Platz nach vorne. Nachdem Lex ihn rechts überholt hatte, spielt Steinhart ihn an. Lex bekommt den Ball zwar an den Fuß, aber das Leder verspringt. Geistesgegenwärtig holt sich Steinhart den Ball vor den Abwehrspielern der Hachinger zurück. Er geht in Richtung rechter Torpfosten und schießt. Coppens kann abwehren. Steinhart bekommt jedoch den Ball wieder und verlagert das Geschehen nach rechts, indem er durch den Sechzehner nach außen kreuzt und in Richtung Auslinie trabt. Von dort spielt er dann Mölders an, der an der rechten Strafraumgrenze den Pass erwartet. Mölders spielt eine flache Flanke diagonal in den Fünfer und Lex, der aus dem Hintergrund einläuft, verwandelt sicher zum vorentscheidenen 3:1 in der 80. Minute.

Nach diesem Treffer, der hoffentlich den Knoten bei Lex endlich zum Platzen gebracht hat, war bei Haching mehr oder weniger die Luft raus. Der TSV 1860 München verteidigte in den verbleibenden Minuten gut und setzte kleine Nadelstiche nach vorn. Gefährlich für das Tor der Hachinger war aber bis auf eine Situation kurz vor dem Abpfiff, als Mannhardt im Fünfer den Ball nicht mehr erreicht, nichts mehr. Ein Fun Fact aus der Schlussphase ist, dass Biankadi für ein paar Minuten nominell tatsächlich Rechtsverteidiger in einer Viererkette war, als Michael Köllner Greilinger für Lang einwechselte.

Fazit zum Heimsieg des TSV 1860 gegen Unterhaching

Ein brutal zerfahrenes Kampfspiel mit insgesamt 59 Einwürfen und 37 gepfiffenen Fouls sowie mehreren längeren Verletzungsunterbrechungen geht aufgrund der starken Anfangsphase der Gäste glücklich, aber letztendlich wegen der Kaltschnäuzigkeit vor dem Kasten, die der TSV 1860 München in diesem Spiel an den Tag legte, verdient mit einem Sieg unserer Löwen in die S-Bahn Derby Geschichte ein. In der Spieleröffnung waren die Hachinger einfach zu ideenlos, im gesamten Spiel verbuchten sie 81(!) Rückpässe. 49 davon gingen zum Torwart oder den Innenverteidigern. Zum Vergleich: Der TSV 1860 hat im gesamten Spiel nur 26 Rückpässe gespielt.

Niklas Lang hat finde ich ein Debüt gefeiert, dass man als in Ordnung einstufen darf. Mit Marseiler hat er sich auf jeden Fall packende Zweikämpfe geliefert. Und wenn wir ehrlich sind hätte Marseiler für mindestens eins der drei Fouls an Lang, die nicht gepfiffen wurden, den gelben Karton verdient gehabt. Drei Punkte in so einem hart umkämpften Spiel sind Gold wert. Lex als zweiter Stürmer hat mir übrigens gut gefallen. Er hat insgesamt vier Freistöße herausgeholt (einer davon führte zum 1:0), eine für einen Stürmer gute Passquote von 63%, 43% seiner Offensivduelle gewonnen (offensive Zweikampfwerte sind bei Stürmern ab 33% als normal und ab 40% als gut zu werten) und was am wichtigsten ist: Er hat ein Tor geschossen. Ein richtig schönes “Abstauber” Stürmertor. Weiter so Stefan!

Dreckig gewonnen. Weiter geht’s nach Duisburg, dort haben wir eine Rechnung zu begleichen.

 

Unsere Datenquelle: wyscout

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