Florian Haas lebt seit November 2024 in Argentinien und berichtet u.a. für das österreichische Fußballmagazin ballesterer über den Fußballsport in seiner derzeitigen Wahlheimat. Für sechzger.de hat der “Haasi” ein paar Betrachtungen zur Stadionproblematik beim Hauptstadtklub Boca Juniors niedergeschrieben. Und einen Vergleich zu diesem auch beim TSV 1860 jederzeit aktuellen Thema gezogen. Wir freuen uns über den – hoffentlich nicht letzten – Gastbeitrag dieses Autors, der übrigens im August 2021, lang ist’s her, als erster externer Gast im sechzger.de Talk #23 vorbeischaute und sein damals neues Podcastprojekt Die Welt unser Spielplatz vorstellte. Ganz unten auf dieser Seite findet Ihr außerdem noch eine Galerie mit Flos Impressionen aus der Bombonera.
Stadtstadien weltweit – So kämpfen die Boca Juniors für mehr Zuschauer und das kann 1860 daraus lernen.
Ihr denkt, unsere Lage ist verzwickt? Dann schaut zu den Boca Juniors nach Buenos Aires.
Ich bin Flo, ich lebe seit einem Jahr in Buenos Aires, gehe regelmäßig in die verschiedensten Stadien und merke jedes Mal: Stadtstadien sind ein absoluter Segen, aber unsere Probleme mit dem Ausbau sind nicht einzigartig. Für uns Löwen ist das Sechzgerstadion Heimat, Identität, ein Stück Giesing. Hier in Argentinien ist es genauso, es gibt im Großraum Buenos Aires 30 Stadtstadien aus dem Profibereich, viele sehr sehenswert und mit guten, viertelfreundlichen Nutzungen. Die Clubs und ihre Stadien sind Zentrum der Barrios. Das bekannteste: La Bombonera, Stadion der Boca Juniors, mitten im Arbeiterviertel La Boca.
Die Bombonera ist mehr als nur ein Stadion, sie ist ein Symbol des Viertels La Boca. Doch genau deshalb gibt es seit Jahrzehnten dieselben Diskussionen wie bei uns: Wie kann man so ein Stadion überhaupt ausbauen, wenn es mitten zwischen engen Gassen, Häusern und der Nachbarschaft steht?
Die Bombonera: offiziell “Estadio Alberto J. Armando”, wurde 1940 eröffnet und ist weltberühmt. Drei steile Tribünen, eine flache Seite und eine Atmosphäre, die so intensiv ist, dass man glaubt, das Stadion selbst würde beben. Aber: Es ist zu klein! Boca hat rund 315.000 Mitglieder und Millionen Fans im Land, aber nur Platz für 54.000 Zuschauer. Das reicht vorne und hinten nicht.
Seit Jahren gibt es Ideen
Mauricio Macri, Ex-Präsident von Boca und später auch Argentiniens Präsident, wollte den Verein moderner und „europäischer“ machen, am liebsten mit einem Neubau für über 100.000 Zuschauer, vollgestopft mit VIP-Logen. Die Fans liefen Sturm dagegen, für sie ist klar: Boca ohne Bombonera ist nicht Boca. Auch wenn das Stadion nur 500 Meter entfernt errichtet werden würde.
Juan Roman Riquelme, Vereinsheld und seit 2023 Präsident, versprach den Fans, die Bombonera auszubauen, ohne die Identität anzutasten. Sein erstes Projekt „Bombonera 360“ sah den Kauf von angrenzenden Häusern vor. Aber die Nachbarn wollten nicht verkaufen, selbst als ihnen das Doppelte des Marktwertes geboten wurde. Das Problem: Jeder Plan muss durch das Rathaus. Und dort sitzt Jorge Macri, Cousin von Mauricio, dem größte Widersacher von Riquelme. Heißt: Riquelme muss für jeden Schritt ausgerechnet bei den Macris um Erlaubnis bitten. Aber Riquelme und Boca geben natürlich nicht auf. Es kursieren neue, geheime Pläne: Man spricht davon, das Spielfeld anzuheben und neue Ränge einzubauen, denn hinter dem Stadion ist ein wenig Platz. Offiziell bestätigt ist aber nichts. Bald sollen die Pläne präsentiert werden. Über 80.000 Plätze sollen es werden. Wie, darauf warten alle gespannt. Denn es gibt wahrscheinlich keinen Plan, den es für dieses Stadion noch nicht gab.
Was wir Löwen davon lernen können
Die Parallelen springen ins Auge. Auch bei uns ist das Sechzgerstadion Herz und Identität, aber gleichzeitig gibt es endlose Diskussionen mit der Stadt über Kapazität, Anwohner, Denkmalschutz, … In Argentinien wie in München gilt: Die Politik sitzt immer mit am Tisch. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Stadt Buenos Aires zeigt sich offen für die Pläne, denn sie hat bestehenden Denkmalschutz zugunsten von Umbauten bereits aufgehoben. Aber auch hier musste die Initiative vom Verein selbst kommen.
Identität als Kapital
Boca weiß, dass genau die „Unvollkommenheit“ das Stadion weltweit berühmt macht. Genauso ist es bei uns in Giesing – das Sechzger ist einzigartig, gerade weil es mitten im Viertel steht. Die Stärke von Sechzig ist genau das.
Kleine Schritte nutzen
Unter dem Motto “Cada vez mejor” (“Immer besser”) werden viele kleine Arbeiten durchgeführt, die das Stadion bereits vor dem großen Ausbau verbessern. Boca hat zuletzt Trainerbank und Presseplätze verlegt, um mehr Raum und neue Plätze zu schaffen. Neue Treppentürme sollen errichtet werden, um die Blöcke weiterhin zum Maximum füllen zu können. Solche Maßnahmen könnten auch bei uns sofort wirken, bevor man erst anfängt, wenn es zu spät ist. Zäune abbauen, Trainerbänke verlegen, bessere Plätze schaffen, all das geht bereits. Bei uns steht lieber ein Kameraturm mitten im Block, der leicht darüber oder dahinter montiert werden könnte.
Selbstbestimmung in der Vermarktung
Boca hat neue Werbeflächen geschaffen, u. a. einen großen Außenbildschirm. Der Vorteil bei Boca: Das Stadion gehört ihnen. Aber ohne Genehmigung der Stadt geht dennoch nichts. Das Sechzgerstadion dagegen hängt in einem äußerst unvorteilhaften Vertrag mit Stroeer fest. Den müsste man dringend neu verhandeln. Wie so vieles Strukturelles am Sechzger, denn auch der nächste Punkt ist momentan nicht möglich.
Umbau Brandsen 805
Die Ecke der Bombonera, ähnlich wie die Kassenhäuschen am Sechzgerstadion, wird modernisiert. Man nimmt den Platz auf dem Vorplatz ein wenig für das Stadion ein. Man stelle sich vor, die alten Kassenhäuschen integriert in ein Vereinszentrum, mit Fanshop, Ticketshop und VIP-Logen, die 1860 vermarkten könnte – nicht nur für die Polizei.
Boca hat die Flächen rund um das Stadion gekauft oder gepachtet. Dort haben sie Trainings- und Vereinszentren errichtet, aber auch weitere Businesses mit Partnern, wie ein Fitnessstudio und ein Hotel. Auch diese Lösung wäre für 1860 möglich. Man stelle sich eine sinnvolle Beteiligung an den möglichen Neubau-Projekten am Candidplatz vor, sodass sie mit dem Stadion zusammen eine Einheit ergeben: Turnhalle, Sportplätze, Fantreff – warum taucht das in keinem Plan auf? Ganz einfach: 1860 bringt sich, anders als die Boca Juniors, unzureichend in die Viertelgestaltung ein.
Fazit
Die Situation in Buenos Aires zeigt: Ein Stadtstadion ist ein Geschenk, aber auch eine ständige Herausforderung. Man muss jeden Raum, der sich bietet, nutzen. Und egal ob in La Boca oder in Giesing – wer sein Stadion verliert, verliert ein Stück seiner Seele. Aber wer nichts unternimmt, ist schon gescheitert. Ich persönlich hoffe auf die Gründung einer Stadiongruppe, die sich gezielt mit diesen Themen beschäftigt und eine Vision entwickelt. Den Antrag dafür habe ich auf der Mitgliederversammlung 2023 nicht umsonst gestellt, denn an einer großen Vision für das Stadion abseits von „mehr Zuschauer“ sind bisher alle Akteure gescheitert. Ich wünsche dem neuen Präsidium viel Glück in den Verhandlungen mit der Stadt und hoffe, diesmal positiv überrascht zu werden.
Wer mehr über den argentinischen Fußball wissen möchte, kann entweder mir @woist_flo oder meinem neuen Projekt “Grounded” auf Instagram folgen. Hier zeige ich Dokumentationen über Spiele, Stadien und Machtverhältnisse im Fußball aus Lateinamerika.
Fotostrecke von Florian Haas aus der Bombonera: