Der VfL Bochum hats gemacht, ebenso der VfL Osnabrück und auch bei den Löwen wird es in diversen Kommentarbereichen gefordert. Ist es ein neuer Trend, dass im Falle des Misserfolgs neben dem Trainer auch der Sportdirektor bzw. Geschäftsführer Sport gehen muss? Warum wird seitens einiger Fans das Schicksal von Trainer Argirios Giannikis mit dem von Geschäftsführer Christian Werner verknüpft? Ein Kommentar von Stefan Kranzberg.
Kommentar: Giannikis und Werner raus?
Keine Frage: So wirklich zufrieden kann man mit der bisherigen Saison des TSV 1860 nicht sein. Zu unkonstant präsentiert sich die Mannschaft, zu erfolglos agieren die Löwen bei den Heimspielen und lassen ihre Fans regelmäßig konsterniert, enttäuscht, ja teils fassungslos zurück. Dass der Trainer sich unangenehme Fragen stellen lassen muss, liegt auf der Hand, am Samstag bei der Heimniederlage gegen den SC Verl kam es gar erstmals zu deutlich vernehmbaren “Trainer raus”-Rufen.
In diversen Kommentarbereichen wird jedoch nicht nur das Aus für Argirios Giannikis gefordert, sondern auch die Entlassung von Geschäftsführer Christian Werner. Doch warum eigentlich? Und wäre das irgendwie sinnvoll und begründbar?
Fehlende Konstanz als Anlass zur Kritik
Wie einige Redakteure in der aktuellen Folge des sechzger.de Talks erläutern, würden sie an beiden Verantwortlichen festhalten – und können dies auch begründen. Tatsächlich muss sich Argirios Giannikis die Frage gefallen lassen, wieso es seiner Mannschaft nicht gelingt, gute und konstante Leistungen auch mal über mehrere Wochen zu konservieren. Eine Siegesserie könnte die Löwen in der aktuellen Gemengelage der Liga innerhalb kürzester Zeit nach oben katapultieren. Andererseits ist genau das auch nur deshalb möglich, weil es der Konkurrenz ähnlich geht wie dem TSV 1860 und auch dort die Ergebnisse zu oft variieren.
Nichtsdestotrotz steht der Trainer – ob nun berechtigt oder nicht – in der Kritik. Und was ist mit Geschäftsführer Dr. Christian Werner? Was wirft man ihm vor? Etwa, dass er bei schwierigen Rahmenbedingungen einen nominell starken Kader zusammengestellt hat? Oder dass man bereits zum Trainingsstart alle Spieler mit Ausnahme von Rene Vollath und Soichiro Kozuki begrüßen konnte? Oder doch nur, dass er bisher an Trainer Argirios Giannikis festgehalten hat?
Wer wünscht sich die Handlungsunfähigkeit?
Ich denke, wir sind uns alle einig, dass Kritik jederzeit geäußert werden darf, solange sie konstruktiv ist. Auch darf man die Entlassung des Trainers oder des Geschäftsführers fordern, sofern das sinnvoll und begründbar ist. Schwierig wird es aber, wenn man sich mit der Materie nicht so wirklich befasst hat und die Umstände nicht berücksichtigt.
Und da sind wir beim springenden Punkt: Dr. Christian Werner ist aktuell alleiniger Geschäftsführer. Wer sich seine Entlassung wünscht, plädiert de facto unter den aktuellen Gegebenheiten für die Handlungsunfähigkeit der KGaA. Es mag nur eine Vermutung meinerseits sein, aber habt Ihr Euch wirklich nie gefragt, warum Dr. Christian Werner damals nach zweimaliger Ablehnung als Sportdirektor schließlich als Geschäftsführer Sport eingesetzt wurde, nachdem Marc-Nicolai Pfeifer bis dahin als einziger Geschäftsführer agierte?
Übersteigerte Erwartungshaltung im Umfeld
Wie dem auch sei: Aus meiner Sicht sind weder Argirios Giannikis noch Christian Werner das große Problem des TSV 1860, sondern einmal mehr die übersteigerte Erwartungshaltung des Umfelds. Klar, jeder wünscht sich sportlichen Erfolg und natürlich würden wir alle gerne aufsteigen.
Aber ist das realistisch? Ist es planbar? Übersieht man da nicht, wo wir herkommen? Ignoriert man da bewusst die Umstände? Nicht umsonst war das Ziel vor Saisonbeginn, am Ende besser dazustehen als in der letzten Spielzeit. Das mag ein wenig tiefgestapelt worden sein, um den Druck gering zu halten, keine Frage. Und ja, die Heimauftritte sind sportlich gesehen alles andere als zufriedenstellend und lassen brutal viel Luft nach oben. Aktuell liegt man sechs Punkte vor den Abstiegsrängen – aber halt auch nur sechs Zähler hinter Platz 4 (DFB Pokal) und sieben hinter dem Relegationsplatz.
Werdet Euch der Konsequenzen bewusst!
Mein Appell: Leute, verliert nicht die Ambitionen und den Wunsch, Sechzig weiter oben zu sehen. Aber bleibt dabei auch vernünftig und verfallt nicht in den Panik-Modus, wenn es nicht so läuft, wie Ihr Euch das vorstellt. Der vermeintlich große Name “TSV 1860 München” qualifiziert uns für gar nichts und im Endeffekt befindet sich unser Herzensclub da, wo er sportlich, wirtschaftlich und infrastrukturell derzeit auch hingehört: in der 3. Liga – ob uns das passt oder nicht!
Wirtschaftlichen Harakiri haben unsere Löwen in der Vergangenheit des Öfteren begangen, ja fast schon kultiviert. Lasst uns aufhören, uns nun auch auf sportlicher Ebene zu zerfleischen. Und vor allem: Werdet Euch der Konsequenzen bewusst, wenn Ihr die Entlassung des Trainers und vor allem des (einzigen) Geschäftsführers fordert!