Herzlich willkommen zur Taktiktafel Analyse des 2:2 Unentschieden zwischen dem TSV 1860 München und dem VfL Osnabrück am Mittwochabend. Dieses Unentschieden ist für den Gegner ein schmeichelhaftes Ergebnis. Dennoch muss man leider auch in einigen Punkten Kritik an der Mannschaft von Argirios Giannikis üben.
Der TSV 1860 München empfing den VfL Osnabrück im Nieselregen von Giesing am Mittwochabend unter Flutlicht. Am Ende trennten sich die Mannschaften höchst unverdient für den Gast mit 2:2 Unentschieden.
Die Gäste aus Niedersachsen begannen wie erwartet im 4-3-3 offensiv durchaus bemüht und während der Anfangsphase auch aggressiv, jedoch erfolglos im Pressing agierend, und ungenau im Spiel nach vorn.
Unsere Löwen wurden vom Coach im 4-2-3-1 ins Rennen geschickt. Zu Beginn auch druckvoll nach vorn, mit etwas weniger Spielanteilen, im Verlauf des Spiels sich stetig steigernd, schlug sich der TSV am Ende selbst, dominierte jedoch den Gegner streckenweise, konnte sich aber aufgrund zu vieler kleiner, individueller Fehler bzw. falscher Entscheidungen – vor allem im letzten Drittel des Gegners – nicht belohnen. Und das ist das, was wahrscheinlich jeden am meisten ärgert. Die Mannschaft belohnt sich nicht für die Leistung auf dem Platz. Aber der Reihe nach.
Es entwickelte sich in der Anfangsphase ein Spiel, das von den Löwen mit leicht vorgeschobener Pressinglinie, ohne direkt aggressiv anzulaufen über Ballgewinne in der Tiefe oder im Mittelfeld defensiv zunächst leicht abwartend gestaltet wurde und später immer aggressiveres Pressing seitens der Löwen offenbarte. Nach Ballgewinn schnell wieder in die Osnabrücker Hälfte zu kommen, gelang den auch im Gegenpressing engagierten Sechzgern in den meisten Fällen auch relativ gut, sich dort dann für längere Druckphasen festzusetzen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Später jedoch umso besser.
All diese Faktoren stabilisierten sich bei den Löwen während der Partie bis auf wenige kurze Phasen, in denen die individuelle Qualität des Zweitligaabsteigers aufblitzte und einige wenige brenzlige Situationen entstehen ließen.
Zweimal ging der TSV 1860 München verdientermaßen in Führung, zweimal ließ man sich die Butter vom Brot nehmen. Osnabrück nutzte eine Konzentrationsschwäche der Abwehr und einen Elfmeter, um auszugleichen.
Am Ende trennen sich der VfL Osnabrück und der TSV 1860 München für die Gäste unverdient mit 2:2. Sehen wir uns die statistischen Werte an.
Statistische Werte TSV 1860 – VfL Osnabrück
- Ballbesitz: TSV 59% – VfL 41%
- Passgenauigkeit: TSV 86% – VfL 79%
- Defensive Zweikampfquote: TSV 62% – VfL 55%
- Schüsse/aufs Tor: TSV 15/5 – VfL 8/2
- PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 6,87 – VfL 12,19
Analyse der statistischen Werte
Ballbesitz: TSV 59% – VfL 41%
Abgesehen von der Anfangsviertelstunde liegt die Ballbesitzmehrheit über das gesamte Spiel bei unseren Löwen. Während der zweiten halben Stunde der ersten Halbzeit schraubten die Sechzger ihre Spielanteile auf über zwei Drittel hinauf. Bis zur 60. Minute etwa hielt diese Balldominanz an. Ein Indikator für bei viel Ballbesitz verschlepptes Spiel sind immer die Rück- und Querpässe, die innerhalb der eigenen Defensive gespielt werden. Sowie natürlich der Index Spieltempo (Passfrequenz pro Minute eigenem Ballbesitzes).
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Effektivität des Ballbesitzes: War der Ballbesitz also ineffektiv oder wurde häufig erfolgreich das letzte Drittel des Gegners erreicht? Der Anteil der Rückpässe innerhalb der eigenen Defensive inkl. defensives Mittelfeld beträgt 9%, die Querpässe in diesen Mannschaftsteilen haben allerdings einen Anteil von 20% am Gesamtvolumen der Pässe.
Halten wir also zunächst ohne Wertung fest: sehr wenige Rückpässe, leicht überdurchschnittlich viele Querpässe im Verhältnis zur Gesamtanzahl der gespielten Pässe.
Ein weiterer Indikator, der hier wichtig ist, ist die Anzahl der bis ins letzte Drittel durchgebrachten Angriffe im Vergleich zum Gegner und natürlich auch in Abhängigkeit vom Ballbesitz. Im Vergleich zum Gegner konnten die Löwen 57% mehr Angriffe im gegnerischen letzten Drittel beenden. In Abhängigkeit vom Ballbesitz waren das 0,59 Angriffe pro Minute eigenen Ballbesitzes, die im gegnerischen Drittel endeten. Runden wir auf 0,6 auf. Das bedeutet, dass die Löwen wenn sie fünf Minuten in Ballbesitz waren, drei Mal im gegnerischen letzten Drittel aufgetaucht sind. Die Bewertung hier sollte klar sein.
Osnabrücks Wert hier liegt bei 0,52. Der Gegner brauchte also etwas eine Minute länger am Ball, um die gleiche Anzahl Angriffe zu erreichen.
Was können wir nun aus dieser Masse an Einzeldaten kombinieren? Das Spiel bis ins letzte Drittel funktionierte im Positionsspiel deutlich besser als beim Gegner. Die Häufigkeit, mit der die Sechzger im gegnerischen Drittel auftauchen, ist mit 0,59 Angriffe pro Minute oder rund sechs Angriffen alle zehn Minuten eigenen Ballbesitzes auf einem durchaus hohen Niveau.
Zu den Abschlüssen der Angriffe kommen wir weiter unten.
Kümmern wir uns zunächst um die oft stark mit dem Ballbesitz zusammenhängende Passgenauigkeit.
Passgenauigkeit (86%:79%)
Die Anteile der Rück- und Querpässe innerhalb der eigenen Defensivabteilung haben wir nun schon eine Kategorie weiter oben abhandeln müssen. Werfen wir noch einmal ein kurzer Blick zurück.
„Der Anteil der Rückpässe innerhalb der eigenen defensive incl. Defensives Mittelfeld beträgt 9%, die Querpässe in diesen Mannschaftsteilen haben allerdings einen Anteil von 20% am Gesamtvolumen der Pässe.“
Warum tun wir das? Sehr einfach: Jeder erfolgreiche Rückpass innerhalb der Defensive erfordert einen mehr oder weniger gering riskanten Vorwärtspass. Diese Vorwärtspässe rechne ich als ebenso unproduktiv wie Rückpässe innerhalb der Defensivabteilung, von daher wird diese Anzahl an Vorwärtspässen in den folgenden Rechnungen zur Genauigkeit nicht berücksichtigt.
Sicherheitspassbereinigt beträgt die Passgenauigkeit der Löwen insgesamt immer noch 80% – ein Top-Wert!
Der Gegner kommt bei der gleichen Berechnung auf eine Passgenauigkeit von 75%. Das ist Durchschnitt.
Richtet man den Blick auf einzelne Passkategorien, die in der offensiven Progression wichtig sind, wie die Pässe ins letzte Drittel, die Pässe für großen Raumgewinn, wobei nicht nur lange Bälle gemeint sind, sondern alle Pässe, die je nach Zone, in der sie gespielt werden, für einen die Entfernung des Balles zur Torauslinie in einem bestimmten Verhältnis verkleinern. Das ist eine sehr komplizierte Erklärung. Beispielhaft gesprochen ist im gegnerischen Strafraum ein Pass, der einen Raumgewinn von drei Metern bedeutet, gemeint, in der eigenen Spielfeldhälfte sollten bis zur Mittellinie mindestens zwanzig Meter am Stück, besser mehr, überbrückt werden, damit man statistisch von großem Raumgewinn sprechen kann. Und auch die Flanken müssen heute hier eine Rolle spielen.
Beginnen wir mit dem Spiel ins letzte Drittel. Wie oben schon besprochen, schafften es unsere Löwen, sich eine durchaus hohe Frequenz von Ballbesitzphasen im letzten Drittel zu erspielen. Die Passgenauigkeit in dieses letzte Drittel erreicht bei den Löwen 83%. Das ist der Saisontopwert. Auch die Anzahl der erfolgreich dorthin gespielten Pässe ist die höchste bisher in dieser Spielzeit.
Die Pässe für großen Raumgewinn erreichen sogar eine um 3% bessere Genauigkeit. Das ebenfalls bei einer Steigerung der insgesamt gespielten Pässe in dieser Kategorie.
Rund 11% aller Pässe, die der TSV 1860 München gespielt hat, waren lange Bälle. Diese mit einer Genauigkeit von 74% (ebenfalls ein Saisontopwert) gespielten Pässe drücken die Gesamtperformance im Passspiel nach vorne ein wenig.
Alle Vorwärtspässe zusammengerechnet, die unsere Löwen gespielt haben, erreichen sicherheitspassbereinigt nun eine Genauigkeit von 78%. Die Einordnung dieses Wertes überlasse ich auch hier wieder dem Leser.
Defensive Zweikampfquote (62%:55%)
Mit einer guten Quote von 62 Prozent ist noch nicht viel über die Defensivarbeit ausgesagt. Wichtig ist immer auch die Zweikampffrequenz. Im Vergleich mit dem Spiel in der Vorstadt am Sonntag hat sich die Mannschaft des TSV 1860 München deutlich gesteigert. Der Wert, der gegen Haching noch bei unterirdischen 0,7 lag, kletterte auf rund 1,3 nach oben. Eine Steigerung von ca. 85%!
Diese Giftigkeit gegen den Ball diesmal bitte unbedingt konservieren.
Dass trotzdem Fehler in der Zweikampfführung passieren, liegt in der Natur des Sports.
Dem VfL Osnabrück sind davon deutlich mehr unterlaufen als unseren Löwen, leider am Ende ohne Nutzen für den TSV 1860 München.
Schüsse/aufs Tor (15/5:8/2)
Womit wir bei den Schüssen und der Schussgenauigkeit angekommen wären. In 96 Minuten Spielzeit und während 57 Minuten eigenen Ballbesitzes erspielten sich die Löwen 15 Schüsse. Das ergibt alle 3,9 Minuten eigenen Ballbesitzes bzw. alle 6,4 Minuten der Gesamtspielzeit einen Schuss des TSV 1860 München.
Die Osnabrücker brauchten pro Schuss den Ball rund 4,8 Minuten in den eigenen Reihen bzw. 12 Minuten der Gesamtspielzeit, um selbst einen Schuss abzufeuern.
Kommen wir nun zur Schussgenauigkeit und zur Schussqualität. 33% Schussgenauigkeit stehen für die Löwen zu Buche. Dem gegenüber verzeichnen wir 25% bei den Osnabrückern. Einer der beiden Schüsse aufs Löwentor war ein Elfmeter. Den müsste man theoretisch aus der folgenden Rechnung eliminieren, wenn man die Torgefahr der beiden Teams aus dem Spiel heraus ermitteln möchte.
Der xG Wert pro Schuss ist immer ein guter Indikator, was die Chancenqualität zweier Teams im Vergleich betrifft. Die Gäste haben mit 0,15 den Löwen gegenüber hier die Nase vorn. Wohlgemerkt für den Fall, dass man den Elfmeter, der ja in diesem Fall definitiv keine selbst kreierte Chance ist, mitrechnet. Lässt man den außen vor, sinkt die Chancenqualität bei Osnabrück auf 0,06 pro Schuss.
Sucht man einzelne qualitativ gute bis hochwertige Chancen (xG über 0,15) bei Osnabrück, findet man lediglich den Elfmeter und einen Versuch von Zwarts.
Die Sechzger erreichen einen xG Wert pro Schuss von 0,1. Aber die Anzahl der einzelnen qualitativ hochwertigen Chancen aus dem Spiel heraus ist mit vier Schüssen, die alle im Einzelwert knapp 25% Einschlagchance haben, beim TSV 1860 München deutlich besser. Zwei dieser Chancen landeten im Netz der Osnabrücker.
Dass der Schuss von Hobsch (71.) geblockt wird und andere gute Schüsse den Kasten um Haaresbreite verfehlen, möchte ich nicht zu hoch bewerten. Mit drei gut gehaltenen Schüssen hat sich auch der neue Osnabrücker Schlussmann Jonsson beim Einstand zu unserem Leidwesen auszeichnen können.
PPDA (6,87:12,19)
What you see is what you get. Nun ja, nicht ganz. In den ersten 30 Minuten mussten sich die Löwen noch etwas orientieren, wie Osnabrück die Angriffe auslösen möchte. Kaum war das entschlüsselt, sprang die indirekt proportional zu lesende Pressingintensität, die für die erste halbe Stunde bei den Sechzgern einen Durchschnittswert von 12,11 erreichte, für den Rest des Spiels ohne grobe Schwankungen, also ohne Nachlassen der Intensität, auf einen Topdurchschittswert von 4,62 mit einem Minimum bei 3,3 und Maximum bei 6,8.
Bei Osnabrück sieht das insgesamt etwas passiver aus. Bis auf die Anfangsviertelstunde und etwa 15 Minuten Mitte der zweiten Halbzeit, waren die Gäste in einem eher abwartenden Modus, wenn der TSV seine Positionsangriffe abspulte.
Die Tore
Vier Tore beim 2:2 Unentschieden der Löwen. Hier die Highlights.
Sehen wir uns aber die Entstehung des ersten Gegentreffers durch den Ex-Löwen Joel Zwarts einmal genauer an.
Ohne größere Gegenwehr zirkuliert das Spielgerät nach Eroberung eines zweiten Balles von der rechten Seite der Osnabrücker auf die linke. Innerhalb des letzten Drittels der Löwen darf der VfL in dieser Situation einfach mal machen. Die komplette Mannschaft des TSV 1860 München schaut mehr oder weniger andächtig dabei zu, wie das Leder das Geläuf des Sechzgerstadions in der Eigenbewegung – unterstützt durch einen Spieler der Gäste – in der horizontalen Ebene überquert.
Am Ende bekommt Simakala links auf Höhe des Sechzehners den Ball und schlägt eine hohe Flanke in den Fünfmeterraum. Zwarts entkommt in Reinthalers Rücken und kann in der Folge nahezu unbedrängt zum Kopfball hochsteigen. Vollath kann auf der Linie nicht mehr reagieren.
Keiner der Spieler, die sich hier nicht an der Abwehrarbeit beteiligt haben, ist unschuldig am Gegentreffer. Ich denke, am Ende haben Reinthaler und Vollath noch am wenigsten Schuld nach einem Angriff, bei dem die Gäste ohne Gegenwehr agieren könnten. Dass in dieser Situation, so kurz nach der eigenen Führung trotz mehrerer Möglichkeiten, den Angriff zu stören, angefangen bei Jacobsen, dessen Passivität ich wegen der Gelb-Vorbelastung noch am ehesten verstehe, über die komplette Breite des Platzes quasi an den Gegenspielern vorbei getrabt werden durfte, bevor sich Simakala entschloss, die Kugel scharf zu machen und ungestört Zwarts Kopf anvisierte, ist unverständlich. Was geht da in den Köpfen der Spieler vor?
Das fiel auf
Wie gewonnen so zerronnen, ist der Slogan der zum Spiel TSV 1860 München – VfL Osnabrück wie die Faust aufs Auge passt.
In vielen Phasen haben die Löwen klar den Fuß auf dem Pedal, was Spielkontrolle und Spieltempo betrifft. Leider belohnen sie sich aber nicht in ausreichender Form für das gute Spiel.
Ich werde auch heute keinen Spieler einzeln herausheben, obwohl sich einige durchaus ein großes Lob verdient hätten. Die Passivität vor dem ersten Gegentreffer kostet mindestens einem Kandidaten für ein Sonderlob eben dieses.
Fazit
Die Mannschaft verbessert sich stetig weiter. Ja, zwei Gegentreffer sind blöd, sie sind mehr als blöd und ärgerlich, dass man vor Wut im Boden versinken möchte, weil es nicht gelingt, dass sich die Mannschaft für ihre harte, gute Arbeit belohnt.
Der Weg stimmt, das Glück und die großen Erfolge bleiben leider noch aus.
Trotzdem sind die Löwen nur sehr knapp an einem Sieg gegen den Zweiligaabsteiger Osnabrück vorbeigeschrammt, der deutlich mehr Potenzial aufweist, als es der derzeitige Tabellenplatz vermuten lässt.
Die Gründe für dieses Ergebnis sind zwar alle auf dem Platz zu finden – und die meisten habe ich auch schon erläutert – jedoch trugen nicht alle spielentscheidenden Akteure auf dem Platz ein Trikot in den ein oder anderen Vereinsfarben, gell Herr Oldhafer… Wir kennen uns ja schon aus anderen Taktiktafelanalysen und seltsamerweise sind, wenn Sie Pfeifen, immer deutliche Unterschiede bei der Situationsbewertung auszumachen. Sei es die gelb-rote Karte für Steinhart damals in Rostock oder andere merkwürdige Bewertungen von gleichwertigen Szenen, die in meinen Augen auffällig zu oft zu Ungunsten der Sechzger ausfielen.
Sei’s drum. Wenn sich wirklich all das irgendwann ausgleicht, wie es immer heißt, ist ja alles gut. Darauf wetten würde ich nicht.
Worauf ich aber wette ist, dass die Mannschaft des TSV 1860 München in der Liga noch eine tragende Rolle spielen kann, wenn die Verbesserungen endlich auch im Ergebnis erkennbar werden. Dass das passiert, ist lediglich eine Frage der Zeit. Der Knoten platze eher früher als später.
Man merkt, dass das Potential dieser Mannschaft explodieren will. Noch steckt der Korken im Flaschenhals, aber der Druck steigt und früher oder später sprengt diese Mannschaft die sich selbst auferlegten Fesseln und wird viele ihrer Kritiker mundtot machen.