Zu Beginn der Corona-Krise keimte die altbekannte Diskussion auf: Ist es an der Zeit, auch in Deutschland endlich den Fußballmarkt unbeschränkt für Investoren zu öffnen? Ist 50+1 noch zeitgemäß?

Martin Kind witterte eine neue Chance, Hannover 96 zu übernehmen. Folglich fiel seine Einschätzung wenig überraschend wie folgt aus: „Ich persönlich empfehle, dass die Regel fällt. Denn für mich sind Bundesligavereine Wirtschaftsunternehmen“, so der Unternehmer im Sport1-Doppelpass.

Derzeit liegt das Thema noch immer beim Bundeskartellamt zur Prüfung; bei der Bewertung zur Rechtssicherheit gibt es verschiedene Sichtweisen von Experten und solchen, die sich gerne Experten nennen.

Die Fans haben dazu eine recht eindeutige Meinung: Nicht nur die aktiven Fanszenen in Deutschland setzen sich vehement für den Erhalt der Regel ein – sei es durch Spruchbänder oder Initiativen -sondern auch der gemeine deutsche Fußballfan spricht sich mit großer Mehrheit für den Status Quo aus. 82,8 % haben in einer repräsentativen Umfrage des Bundesliga-Barometer von Prof. Dr. Alfons Madeja in Zusammenarbeit mit dem Doppelpass für den Erhalt der Regel gestimmt. Die Umfrage stammt von Ende März, also inmitten der Corona-Krise. Und auch Rainer Koch hat eine klare Meinung zu dem Thema.

Eigentlich sollte die Regel den sportlichen Wettbewerb in den deutschen Profiligen schützen, indem verhindert wird, dass Investoren die Entscheidungsmacht über die Strategie eines Fußballvereins übernehmen. Für Investoren gibt es die berühmte 20-Jahre Ausnahme, in der man die Regel umgehen kann, wenn sich ein Investor über 20 Jahre in einem Verein engagiert hat, wie z.B. bei der TSG Hoffenheim oder dem Sonderfall Bayer Leverkusen mit dem Pharma-Konzern. Zusätzlich gibt es Konstrukte wie Red Bull Leipzig, die spezielle und zumindest oberflächlich unangreifbare Strukturen entwickelt haben. Dennoch sorgte die Leipziger Dependance des Fuschler Getränkekonzerns kürzlich für Aufregung, als ein Darlehen über 100 Millionen € in bilanzrechtliches Eigenkapital umgewandelt wurde. Hier stellte sich bereits die Frage, inwiefern dies kompatibel mit dem Financial Fairplay der UEFA ist.

Wobei diese Frage mittlerweile eigentlich beantwortet wurde, nachdem das aufsehenerregende Urteil des CAS im Fall Manchester City (Foto: Maine Road, das alte Stadion des MCFC) bekannt wurde. Eine Gerichtsentscheidung, die eine ähnliche Sprengkraft wie das Bosman-Urteil aus dem Jahr 1995 haben könnte. “Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass das ein guter Tag für den Fußball war. Das ist ein ernstes Thema”, sagte Jürgen Klopp zur CAS-Entscheidung. “Die reichsten Leute und Länder können tun, was sie wollen”, so Klopp weiter. Nicht wenige, wie Gary Lineker oder Jose Mourinho sehen darin das Ende des Financial Fairplays. Dass für Red Bull aber seit jeher scheinbar andere Regeln gelten als für den Rest, ist nun auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Hiermit wären wir wieder beim Thema 50+1: Dass diese Regel in ihrer jetzigen Form nicht perfekt ist, möchte ich gar nicht in Frage stellen. Seit zwei Jahren spricht man darüber, die Regelung rechtssicher zu machen, passiert ist bisher noch nichts. 2018 hat sich die Mehrzahl der deutschen Proficlubs für den Erhalt ausgesprochen – der deutsche Vereinsfußball steht also grundsätzlich zu dieser schützenden Regel.

Will man einen finanziell völlig entfesselten Fußballmarkt mit ständigen wechselnden Eigentümern, Hedgefonds und exzentrischen Milliardären (die bei Zeiten ihr Spielzeug auch gerne mal zerstören – Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4), bei der jede Identität irgendwann verwaschen wird? Ist es erstrebenswert, als Kunde (nicht als Fan!) in einen zwar modernen aber seelenlosen  Fußballtempel am Stadtrand zu fahren, dort ideenlose Fanartikel zu kaufen und in der stadioneigenen Gastronomie zu konsumieren, die vom Verein vorbereitete Choreografie hochzuheben? Ist es wirklich so toll, wenn kritische Stimmen mit Stadionverbot belegt werden oder durch Umwandlung der Stehplätze in hochwertige Sitzplätze die Fans rausgentrifiziert werden?

Ich will das nicht! Ich liebe vor allem auch die Interaktion mit Menschen in und um das Stadion, kleine Kneipen und Restaurants, die man dadurch unterstützen kann, und keine Konzerne. Insofern  bin ich um jeden Tag froh, an dem 50+1 noch in Kraft ist und gelebt wird.

Wie seht Ihr das? 50+1: Ja oder nein? Und warum?

Verfasser: Benedikt Niedergünzl

 

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