Herzlich Willkommen zur TAKTIKTAFEL Analyse des Spiels unseres TSV 1860 München beim SV Wehen Wiesbaden.

In einem von den Löwen über die komplette Spielzeit dominierten Spiel trennen sich die Kontrahenten letztendlich mit einem gerechten Unentschieden. Ein gerechtes Unentschieden trotz Dominanz für eine der beiden Mannschaften? Das klingt zunächst ein wenig seltsam. Aufgrunddessen wie der TSV 1860 und Wehen Wiesbaden taktisch an das Spiel herangingen, ist das Ergebnis aber absolut gerecht.

Die statistischen Zahlen

TSV 1860Wehen Wiesbaden
Ballbesitz56%44%
Passgenauigkeit81%79%
Defensive Zweikampfquote65%47%
Schüsse2212
davon aufs Tor73
PPDA*12,6917,87
*(zugelassene Pässe pro Defensivaktion)

 

Das System von Wiesbaden

Die Wiesbadener spielten gegen den Ball sehr kompakt mit 4-2-3-1, wobei die Pressinglinie auf dem tiefstmöglichen Level angesetzt war. Mit nicht ganz auf tiefsten Punkt angesetzter Defensivlinie wurde das Spielfeld für den TSV 1860 sehr eng. Somit war hohe Präzision bei den Pässen sowie enorme Laufbereitschaft der Offensivspieler gefragt, um Angriffe zu Ende spielen zu können.

Bei eigenem Ballbesitz der Wiesbadener verschob sich Wurtz als hängende Spitze hinter Nilsson nach vorn und der als Box-to-Box Spieler agierende Medic ging hinter den beiden Spitzen ins offensive Mittelfeld. Es entstand bei Ballbesitz der Gastgeber dadurch ein 4-4-2 (Raute) bzw. 4-1-3-2.

Grundsätzlich war die taktische Ausrichtung der Wiesbadener auf schnelle Überbrückung des Mittelfeldes bei Ballgewinn ausgelegt. So sah man kaum zu Ende gespielte Positionsangriffe der Hessen, dafür aber viele, teils brandgefährliche, Konterattacken die, bei besserer Vollendung im letzten Drittel, auch zu einer herben Niederlage für den TSV 1860 München hätten führen können.

So spielte der TSV 1860 in Wiesbaden

Die Löwen brachten wie üblich das flexible 4-1-4-1 auf den Rasen. Die Pressinglinie gegen das Wiesbadener Positionsspiel wurde ungefähr in der Mitte der gegnerischen Hälfte gesetzt, bei Rückpässen wurde aber bis ganz vorne nachgearbeitet. Die Defensivlinie der Löwen war meist auch mittig gewählt, in seltenen Fällen kurz vor dem eigenen letzten Drittel.

Bei eigenem Ballbesitz wurde aus dem Mittelfeld heraus sehr variabel verschoben. Die Außenverteidiger ließ Michael Köllner jedoch nicht komplett von der Leine. Bei den schnellen Spielern, die der SVWW auf den Außenbahnen hat, ein weiser Entschluss.

Je nach Situation waren bis zu drei Spieler der Löwen im Sturmzentrum zu finden. Ballsicher im Positionsspiel aber gegen tiefstehende, kompakt verteidigende Gastgeber oft mit dem falschen Lösungsansatz an die Situation herangehend wurde das Toreschießen für die Spieler und die vor den Empfangsgeräten mitfiebernden Fans zur Geduldsprobe.

So setzten die Spieler bei 45 ausgespielten Positionsangriffen des TSV 1860 München gegen Wehen Wiesbaden (nur in zwei anderen Spielen konnten die Löwen diese Saison mehr Angriffe zu Ende Spielen) immerhin fünfzehn Schüsse ab. Weitere sieben Schüsse der Sechzger entsprangen Eckbällen oder Konterangriffen. Im Tor landete leider nur genau einer dieser Schüsse.

Die Gastgeber machen den Löwen das Leben mit Kontern schwer

Gegen den Ball gab meist Tallig den Box-to-Box Spieler, der den zunächst im defensiven Mittelfeld agierenden Dressel in der Abwehrarbeit unterstützen sollte. Es ließ sich aber auch Neudecker bei vielen Angriffen des SVWW weit mit zurückfallen, um vor der Viererkette mehr Kompaktheit zu generieren. Das schaffte gegen das Positionsspiel der Hessen eine derart gute Staffelung, dass es den Löwen gelang, die Wehener auf ganze vier Schüsse bei fünfzehn zu Ende gespielten Positionsangriffen zu limitieren.

Um das starke Konterspiel der Hausherren zu unterbinden, fiel den Sechzgern jedoch wenig ein. Zwölf Angriffe, die aus Umschaltmomenten entstanden, konnte Wiesbaden zu Ende spielen und dabei fünf Schüsse absetzen. Damit ist Wehen Wiesbaden das Team, dass in beiden Spielen diese Saison die meisten Konterangriffe gegen den TSV 1860 zu Ende spielen konnte. Sieben im Hin- und zwölf im Rückspiel. Gegen keine andere Mannschaft ließen die Löwen so viele ausgespielte Konter zu.

Der Vergleich der Ballkontakte in der gegnerischen Box sieht den TSV 1860 München klar im Vorteil. Ganze vierzehn Ballkontakte mehr als der Gegner konnten die Löwen für sich im Strafraum verzeichnen. Eine vielbeinige Abwehr des SVWW und ein glänzend haltender Tim Boss konnten aber die Einschläge im eigenen Kasten verhindern.

Die Punkteteilung geht in Ordnung

Warum schreibe ich von einem gerechten Unentschieden? Für beide Teams ging die taktische Marschroute auf, die Ausbeute war jedoch für die Kontrahenten mangelhaft. Der TSV 1860 München scheiterte am hinten kompakt stehenden Gegner, der von insgesamt 22 Schüssen der Löwen sechs blocken konnte. Weitere sechs der Schüsse aufs Tor hielt Torhüter Boss. Neun Schüsse gingen daneben. Der Schuss von Lex in der 61. Minute, den Boss, bevor ein Verteidiger klären konnte, an den Pfosten lenkte, war die wohl größte Chance im Spiel überhaupt.

Auch der SV Wehen Wiesbaden scheiterte bei der Durchführung des eigenen Plans vom schnellen vertikalen Spiel in Umschaltmomenten. Zu stümperhaft und planlos wurden die vielen guten Konter zu Ende gespielt, sodass am Ende des Tages für die Hessen lediglich drei Schüsse aufs Tor zu Buche stehen.

Ein Sieg wäre für beide Mannschaften trotzdem denkbar gewesen

Nun kann man zusammenfassend sagen: Beide Teams haben ihren Plan gut verfolgt und, vom Tore schießen mal abgesehen, gut ausgeführt.

Die sehr tief stehenden Hausherren machten es den Löwen generell nicht leicht. Weil die Wiesbadener so tief standen und das Pressing meist erst kurz vor der Mittellinie begannen und je näher die Löwen dem Strafraum kamen das Abwehrnetz immer engmaschiger wurde sind schon das häufige Eindringen in die gegnerische Box und auch die immerhin zwölf dort abgesetzten Schüsse als Erfolg zu werten. Das nötige Glück hat leider meist gefehlt.

Es machte sich der SVWW in die andere Richtung aber das Leben selbst schwer. Unentschlossenheit der Gastgeber, wer denn nun am besten die jeweilige Kontergelegenheit abschließen soll, brachte die Löwen in vielen Situationen zurück in Ballbesitz oder gab den Gästen genug Zeit sich defensiv zu formieren, um die Gefahr vom eigenen Tor wegzuhalten.

Somit sind beide Teams trotz korrekter Ausführung ihrer Matchpläne gescheitert. Wiesbaden an sich selbst, die Löwen an der stabilen Defensive in der Box und dem herausragenden Keeper.

Als Fan ist man während des Spiels, egal für wen man die Daumen gedrückt hat, teilweise verzweifelt. Für einen neutralen Zuschauer war dieses Spiel sicherlich ein Unentschieden mit allerhöchstem Unterhaltungswert.

Die Tore

Die Führung für Wiesbaden

Dem 1:0 für die Gastgeber ging ein ungenauer Angriff der Löwen voraus. Nachdem die Verteidiger in der Viererkette des TSV 1860 München ein wenig das Leder hin und her geschoben hatten ging Stephan Salger in halblinker Position mit dem Ball in Richtung Mittellinie und versuchte ein steiles Anspiel auf Mölders, der wenige Meter vor der Strafraumgrenze aber nicht an den Ball kam. Stattdessen lief der Wiesbadener Kapitän Mockenhaupt in den Passweg ein und stibitzte das Spielgerät, bevor Mölders es erreichen konnte. Mit dem ersten Kontakt von Mockenhaupt in dieser Szene ging der Ball steil auf Nilsson, der aus Sicht des SVWW rechts am Mittelkreis etwa sieben Meter in der eigenen Spielfeldhälfte den Ball noch einmal zu Mockenhaupt zurückprallen ließ. Die Nummer vier der Wiesbadener war zu diesem Zeitpunkt schon etwas aufgerückt und konnte seinerseits den als hängende Spitze agierenden Wurtz, der in diesem Moment ohne Gegenspieler war, im Mittelkreis anspielen.

Der Stürmer marschierte nun mit dem Ball am Fuß ungestört alleine auf die Box unserer Sechzger zu.

Die im Rückwärtsgang verteidigenden Löwen spielten Mann gegen Mann gegen den jeweiligen Gegenspieler. Belkahia versuchte Wurtz an der Strafraumgrenze zu stellen. Aufgrund des hohen Tempos des Wiesbadener Angreifers war das ein schweres Unterfangen. Technisch versiert und flink reichte Wurtz eine kurze Körpertäuschung und ein Übersteiger, um Belkahia hier zu düpieren, links an ihm vorbeizuziehen und in den Strafraum der Löwen einzudringen. Aus etwa acht Metern in halblinker Position im Strafraum versenkte Wurtz die Kugel im langen Eck.

Wäre dieser Treffer zu verhindern gewesen?

Möglicherweise. Wenn man sich die Entstehung ansieht, kann man zu der Auffassung kommen, dass der Kapitän der Sechzger näher an Mockenhaupt dran sein müsste, als Nilsson den Ball zu diesem zurückprallen lässt. Auch hätte nachdem Wurtz das Leder von Mockenhaupt bekam Dressel einen schnelleren Gang einlegen können, um zu versuchen zwischen den ballführenden Spieler und die Viererkette zu kommen. Man sieht sehr deutlich, dass Wurtz mit Ball gleich schnell ist wie Dressel ohne.

Semi Belkahia trifft in diesem Fall meiner Meinung nach die geringste Schuld. Er wird in der Rückwärtsbewegung von einem Spieler, der mit hohem Tempo auf ihn zuläuft ausgespielt. Hier ein Foul zu riskieren, wenn man noch den starken Torhüter hinter sich weiß, wäre nicht klug gewesen.

Der Ausgleich für die Löwen

Nach einem Foul an Merveille Biankadi auf der halblinken Seite auf halbem Weg zwischen Toraus- und Mittellinie in der Spielfeldhälfte des TSV 1860 München gibt es Freistoß für die Sechzger. Der Ball landet dann auf der halbrechten Seite bei Marius Willsch. Willsch spielt das Leder zu Neudecker, der etwa zwanzig Meter vor der Torauslinie auf dem rechten Flügel ungestört in Ballbesitz kommt. Neudecker macht das Spiel dann schnell und will mit Tempo an Lais vorbeigehen. Kurz vor der Torauslinie versucht er den Ball nach innen zu flanken. Dieser Versuch wird jedoch von Carstens geblockt. Mit großem Einsatz erkämpft sich Neudecker den geblockten Ball erneut gegen die zwei Gegenspieler und zieht mit dem Ball am Fuß in die Box.

Bevor ihn ein weiterer Verteidiger stören kann, legt der flinke Mittelfeldspieler den Ball zurück ins Strafraumzentrum. Biankadi kommt einen Schritt zu spät für einen Schuss, jedoch findet der Pass dann Steinhart, der aus dem Hintergrund in die Box eingelaufen kommt und sofort abzieht. Von Lankford abgefälscht landet der Ball in der 80. Minute unhaltbar für den auf dem falschen Fuß stehenden Wiesbadener Keeper Boss zum verdienten Ausgleich für den TSV 1860 München im Gehäuse.

Fazit zum Unentschieden zwischen Wehen Wiesbaden und dem TSV 1860 München

Wie oben erwähnt geht die Punkteteilung in Ordnung. Glücklicherweise gelang es der Konkurrenz um die Aufstiegsplätze auch nicht, sich entscheidend durchzusetzen.

Alles in allem haben wir am Samstag gegen Wiesbaden ein hochklassiges Drittligamatch gesehen, bei dem der TSV 1860 München und die Gastgeber alle Register gezogen haben, um aufgrund der gewählten taktischen Marschroute maximal erfolgreich zu sein. Mit Blick auf die tatsächlichen Torchancen könnte man den zwei nicht geholten Punkten möglicherweise hinterhertrauern. Tatsächlich ist es aber so, dass wenn Wiesbaden seine Konter klüger ausspielt die Torchancen für die Gastgeber eindeutiger ausgefallen wären als für unsere Sechzger.

Der TSV 1860 München hat das Erreichen des Relegationsplatzes weiterhin selbst in der Hand. Die Spieler sind mental stark und wirkten trotz des Rückstandes nie nervös. Im Gegenteil: sie versuchten bis zum Schluss der Partie, die Entscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen.

Das lässt mich sehr positiv gestimmt auf die verbleibenden zwei Spieltage blicken. Getreu dem vom Kollegen Enn ausgerufenen Motto “Nothings gonna stop us now” blicken wir alle voller Vorfreude auf die letzten beiden Spiele. Die Mannschaft gibt ihr Bestes. Mit Vertrauen ins Team und in unseren Trainer Michael Köllner bleiben wir zuversichtlich und drücken weiterhin die Daumen, dass maximaler Erfolg erreicht wird.

 

Datenquelle: wyscout

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