Ein herzliches Grüß Gott zur TAKTIKTAFEL vor dem DFB-Pokalspiel des TSV 1860 München gegen den Karlsruher SC.

Der seit Beginn der Saison 20/21 im Amt befindliche Trainer Christian Eichner lässt seinen Karlsruher SC meist im 4-3-3 (offensiv) antreten. Zwei Mal liefen die Badener im 4-1-4-1 und einmal im 4-2-3-1 auf. Im Pokal trat der KSC bisher im 4-2-3-1 (2. Runde – Gegner Bayer 04 Leverkusen) und im 4-3-3 (offensiv) (1. Runde – Gegner Sportfreunde Lotte) an.

Ich gehe davon aus, dass Eichner gegen den TSV 1860 München auf das 4-3-3 (offensiv) setzen wird. Einerseits, weil seine Mannschaft in diesem System eingespielt ist und andererseits, weil dieses System durchaus flexibel ist sowie Verschiebungen taktischer Natur schnell realisierbar sind, um sich dem Geschehen auf dem Platz optimal anzupassen.

Nur der Sieg zählt in einem Pokalfight. Von daher erwarte ich angriffslustige Karlsruher, die auf fremdem Platz gegen einen unterklassigen Gegner ihr Spiel durchbringen wollen, um in die nächste Runde einzuziehen.

Die wichtigsten Statistiken des KSC

  • Ballbesitz 50%
  • Passgenauigkeit 82%
  • Defensive Zweikampfquote 63% (drittbester Wert der zweiten Liga)
  • Flankengenauigkeit 39% (drittbester Wert der zweiten Liga)
  • PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) 10,4

Wie spielt der Karlsruher SC?

Christian Eicher passt die taktische Herangehensweise im Spiel dem jeweiligen Gegner an. Die Karlsruher können also einerseits abwartenden Konterfußball spielen und andererseits auch selbst mit der Offensivkraft, über die sie verfügen, über das Positionsspiel Kontrolle auf dem Platz übernehmen.

Grundsätzlich ist das Spiel des KSC leicht linkslastig. Die rechte Abwehrseite des TSV 1860 wird also vermutlich am Dienstag mehr zu tun haben als gewöhnlich. Beim Kreieren von Strafraumsituationen hilft den Karlsruhern ihre hohe Flankengenauigkeit. Mit knapp achtzehn Ballkontakten pro Spiel im gegnerischen Strafraum belegen die Karlsruher in dieser Kategorie den sechsten Platz in der zweiten Liga.

Da der KSC aber in der Box oft schlecht sortiert wirkt und auch im Abschluss eher ungenau agiert, entspringen den durchaus vielen Ballkontakten in der gegnerischen Box relativ wenig Schüsse aufs gegnerische Tor. Mit einer Schussgenauigkeit von knapp 32% liegen die Badener in dieser Kategorie sogar auf dem drittletzten Platz.

Hervorzuheben ist die Stärke des KSC bei Eckstößen. Bereits sechs Treffer konnten die Badener nach Ecken erzielen.

Schüsse aus der zweiten Reihe sind beim KSC eher die Ausnahme als die Regel. Nur Rostock und Sandhausen schließen noch seltener von außerhalb des gegnerischen Sechzehnmeterraumes ab.

Karlsruhe bevorzugt Kombinationsfußball, um Raumgewinn auf dem Spielfeld zu erzielen. Im Vergleich mit den anderen Teams der zweiten Liga sind nur Ingolstadt und Sandhausen hinter dem KSC bei versuchten eins gegen eins-Duellen. Wenn aber ein Spieler des Karlsruher SC das direkte Duell mit seinem Gegenspieler sucht, kann man davon ausgehen, dass es gewonnen wird. Nur drei Teams (Nürnberg, Kiel und Regensburg) haben eine höhere Erfolgsquote im Dribbling und bei Laufduellen.

Stärken und Schwächen des 4-3-3 (offensiv)

Die Stärken

Im Offensivspiel kann eine Mannschaft, die ein 4-3-3 praktiziert, sehr variabel auftreten. Durch die drei Stürmer wird Stress für die Abwehr des Gegners ausgelöst. Das rührt daher, dass durch die Variabilität, die mit drei Spitzen hergestellt wird, in Puncto Breite oder Enge des Spiels und dem Wechselspiel beider Varianten die Angreifer schwer ausrechenbar sind. Somit können in jedem Spielzug andere Laufwege zum Tragen kommen. Dadurch überlagern sich manchmal die im Raum zu verteidigenden Schnittstellen, wodurch eine Überzahl für die Angreifer bei kreuzenden Stürmern entstehen kann.

Wenn die Mannschaft, die 4-3-3 spielt, obendrein auf Ballbesitzfußball mit hohem Pressing gegen den Ball setzt, ist die Chance für sie sehr hoch andauernden Druck auf den Strafraum bzw. das Tor des Gegners auszuüben.

Dadurch, dass die beiden Außenstürmer mit relativ wenig Energieleistung zwischen Sturm und Mittelfeld pendeln können, ist auch eine gute Anpassung an das Spielsystem des Gegners möglich. Es kann gegen den Ball leicht eine Überzahl generiert werden, die für den Gegner – wenn die Räume gut verteidigt werden – zu Ballverlusten führen kann. Dafür müssen beide Außenstürmer gegen den Ball konsequent nach hinten mitarbeiten.

Mit drei Stürmern geht vom 4-3-3 obendrein eine hohe Gefahr für Kontergegenstöße nach Ballgewinn aus. Es kann schnell umgeschaltet werden und die Sturmreihe wird, auch wenn sich die Außenstürmer in der Rückwärtsbewegung ins Mittelfeld haben fallen lassen, schnell wieder besetzt sein, da der Außenstürmer vom Anforderungsprofil ein sehr schneller Spieler ist.

Schwächen des 4-3-3

Wenn der Gegner schnell spielt entstehen Lücken im Raum, die dann durch entstehende Überzahl ausgenutzt werden können. Schnelle Spieler im Mittelfeld gepaart mit vertikalem Spiel helfen den Gegnern diese Räume gegen ein 4-3-3 zu schaffen. Man erinnere sich an das Pokalfinale vor einigen Jahren. „Bruder… Spiel den Ball lang…“ war die Devise der Frankfurter gegen den Gegner aus der Säbener Straße, der damals dieses System auf den Platz brachte und siehe da: Frankfurt gewann damit 3:1. Das ist zwar nicht gerade attraktiv, aber höchst effizient.

Im Defensivspiel gegen Positionsangriffe sind die Halbräume und/oder Außenbahnen eine Schwäche des 4-3-3, da diese mit nur drei Mittelfeldspielern ohne Unterstützung der Außenstürmer nie vollständig zugestellt werden können.

Auch gegen diagonales Spiel (Seitenwechsel) ist das System anfällig, wenn die Defensivunterstüzung durch die Außenstürmer nicht konsequent geboten wird, weil in diesem Fall im Mittelfeld ein Spieler abgeht, um beide Flanken abzudecken.

Die Schlüsselspieler

Nachdem Stammtorhüter Marius Gersbeck (#35) in beiden bisherigen Pokalspielen im Kasten stand gehe ich davon aus, dass er auch gegen den TSV 1860 München das Tor hüten wird. Gersbeck ist ein kompletter Torhüter, der auch mal den ein oder anderen “unhaltbaren” Ball abwehrt. Seine Strafraumbeherrschung ist exzellent, und auch im eins gegen eins hat er die Ruhe weg. Aber er hält nur 55% der Schüsse, die auf seinen Kasten gehen. Im Umkehrschluss heißt das: spätestens der dritte Schuss, der nicht von der Defensive vor ihm verhindert werden kann, schlägt im Kasten ein. Das sollte uns positiv stimmen.

Innenverteidiger Christoph Kobald (#22) gewinnt mehr als 70% seiner defensiven Zweikämpfe. Er besticht durch herausragendes Stellungsspiel und tritt auch gern mal den Weg nach vorne an. Im Aufbau zeigt er sich passsicher und besonnen. Lieber ein Querpass mehr als das Spielgerät beim Gegner ist sein Credo. Mehr als die Hälfte seiner Pässe sind Quer- oder Rückpässe.

Bester Vorlagengeber des KSC ist der linke Verteidiger Philip Heise (#16). Der 30-jährige Routinier auf der linken Außenbahn ist Zweikampfstark, schnell und einer der genauesten Flankengeber der Liga. Fast jede zweite seiner Hereingaben findet ihr Ziel.

Kapitän und Schaltzentrale im Mittelfeld ist der 33-jährige Jérome Gondorf (#8). Das hohe Laufpensum auf seiner Position kompensiert er trotz seines leicht fortgeschrittenen Alters sehr gut. Gegen den Ball arbeitet er akribisch. Sowohl seine defensiven Zweikampfwerte als auch die Abfangquote gegnerischer Pässe liegen im Ligadurchschnitt. Offensiv ist er ein Stratege mit gutem Auge für sich entwickelnde Situationen. Er hat die meisten Ballkontakte pro Spiel beim KSC. Kaum ein Angriff läuft nicht in irgendeiner Phase über ihn.

Mit bereits acht Treffern ist der 1,95 m große Mittelstürmer Phillipp Hofmann (#33) der beste Schütze des Karlsruher SC. Er ist kopfballstark, gut im eins gegen eins offensiv, hat für einen Stürmer eine erstaunlich hohe Passgenauigkeit und auch gegen den Ball ist er sich nicht zu schade mitzuarbeiten. Eine gewisse Eigensinnigkeit seinerseits verhindert allerdings noch mehr Scorerpunkte. Hofmann hat erst eine Torvorlage diese Saison zu Buche stehen. Erst siebenmal hat er überhaupt versucht seinem Nebenmann den Ball zum Schuss aufs Tor aufzulegen. Seine Schussgenauigkeit liegt knapp über dem Mannschaftsdurchschnitt. Ihn unter Kontrolle zu halten ist die halbe Miete.

Fazit: was ist drin gegen den Karlsruher SC?

Einen größeren Nachteil als im eigenen Stadion unter Flutlicht ohne Fans antreten zu müssen kann ich mir nicht vorstellen. Das Sechzgerstadion an einem Pokalabend mit Geisterkulisse… Wenn der TSV 1860 München verliert, egal wie hoch, ist in erster Linie die bayerische Staatsregierung mit ihren übervorsichtigen Coronaregeln zur Verantwortung zu ziehen. Während in anderen Bundesländern vor teilweise großer Kulisse gespielt werden darf, gibt es in Bayern und damit für den TSV 1860, der als letztes verbliebenes Team aus dem Freistaat das Fähnchen im Wettbewerb noch hochhält, null Zuseher.

Aber nun mal realistisch: haben die Löwen eine Chance? Ja, die haben sie. Mit Disziplin, defensiv kompakter Spielweise und einem Quäntchen Glück wird der TSV 1860 München auch die Badener in ihre Schranken weisen. Gegen Darmstadt und Schalke wurde das Team von den großartigen Fans getragen. Nun müssen sie sich auf sich selbst verlassen und für die Fans von der ersten Minute ab kämpfen als ginge es um Leben und Tod, damit im Viertelfinale wenn vielleicht wieder Zuseher zugelassen sind, die Mannschaft von der Tribüne Richtung Halbfinale gepeitscht wird. Ich wünsche mir natürlich einen Sieg. Der ist machbar. Wer Darmstadt und Schalke besiegt, kann auch den KSC schlagen.

Wenn der TSV 1860 München ausscheiden sollte, wäre es auch kein Beinbruch. Stolz dürfen wir auch in diesem Falle sein. Als letzter Vertreter des Freistaats und als letzter Vertreter der 3. Liga aus dem Wettbewerb zu gehen ist ein durchaus achtbarer Erfolg.

Sieg oder Niederlage: was wird es werden? Wir werden sehen. Die Spieler des TSV 1860 haben es selbst in der Hand weiter im Wettbewerb zu bleiben. Die Aufgabe ist lösbar, wenn Konzentration und Einsatzwille stimmen.

So könnte der Karlsruher SC heute Abend in Giesing beginnen

 

Datenquelle: wyscout

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Was ich von der Schiedsrichteransetzung halten soll, weiß ich noch nicht. Martin Petersen ist eher locker bei seinen gelben Karten dabei. Ht in einem der beiden Drittligaspiele dieses Jahr schon Rot gegeben. (Havelse-Braunschweig) wo es gelb auch in meinen Augen auch getan hätte, dazu bei Frankfurt -Glattbach einen vielleicht-kann-Elfmeter (bei 300% Vergrößerung kann man einen Kontakt erahnen, der vom Spieler mit einer Showeinlage aber überzeichnet wird). Dazu bei einer wirklichen Rot Aktion (Fuss auf Kopfhöhe (!) und Gegenspieler getroffen nur Gelb. Klare Linie Fehlanzeige.

Hm. Bin da nicht ganz so glücklich. Statistisch können wir schon 5 gelbe Karten einbuchen. Wer Ist also in der nächsten Runde von unserem Team gesperrt 😂

Was mir zu sehr unterschätzt wird: Wir hatten fast einen ganzen Tag mehr Regeneration (25% mehr) als der KSC, welcher ja erst Samstag Nacht spielte und auch noch die Abreise aus Darmstadt plus Anreise zu uns hatte. Ich denke, das wird bei dem ein oder anderen Spieler nach 75 Minuten sich bemerkbar machen – bei einer Verlängerung umso mehr (wobei ich im Hinblick auf die weitere englische Woche dich eher auf einen Sieg unserer Löwen innerhalb der regulären Spielzeit ausgehe.

Und auch wenn die Leverkusen geschlagen haben: Wenn man sich das Spiel anschaut, si hätte ich uns auch den Sieg zugetraut (und auch Unterhaching) Denn so viel Dusel wie die Karlsruher in der Partie hat man nur ein mal in einer Saison. Leverkusen hatte sich quasi selbst besiegt.

Wir haben ein echtes 50:50 Spiel vor uns.