Freitag, 27.Mai 1960, 20:00 Uhr, das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße ist mit 35.000 Zuschauern zum ersten und einzigen Mal in diesem Jahr ausverkauft. Wo sonst, abgesehen von wenigen Highlights, die damals eher biedere Fußballkost der Oberliga Süd dargeboten wird, gastieren diesmal die sagenumwobenen südamerikanischen Ballzauberer um ihren erst 19jährigen Superstar Edson Arantes do Nascimento, auch Pelé genannt, zu einem Freundschaftsspiel in Giesing. Man durfte gespannt sein.

Erfolgreiche USA-Tour zur Vorbereitung

Aber den Löwen war keineswegs bange, hatten sie doch die Oberliga-Runde auf Platz 4 – immerhin knapp vor den Bayern – abgeschlossen. Zudem hatten sie auf ihrer US-Tournee wenige Wochen vorher alles an Gegnern weggehauen, was sich ihnen in den Weg stellte, egal ob Los Angeles, Chicago oder die American Allstars. Am Ende musste sich in den New Yorker Polo Grounds auch das mächtige Manchester United den Weißblauen mit 2:4 geschlagen geben. Den Südamerikanern würde man schon Paroli bieten.

Die brasilianischen Ballzauberer jedoch waren eine ganz andere Liga. Nie haben die Löwen im Grünwalder Stadion höher verloren. Die Zuschauer allerdings kamen an diesem Maiabend voll auf ihre Kosten. Die Balljongleure aus Santos, der auch heute noch bedeutendsten Hafenstadt Brasiliens im Bundesstaat Sao Paulo gelegen, zogen ein Feuerwerk ihrer Fußballkünste ab, das man allenfalls vom Hörensagen oder aus verschwommenen Wochenschauaufnahmen über die Fußball-Weltmeisterschaft von 1958 in Schweden kannte. Dort hatte die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft überlegen den Weltmeistertitel gewonnen.

Pelé zu Gast in Giesing

Der FC Santos, inzwischen das Aushängeschild des brasilianischen Vereinsfußballs, war den Löwen in allen Belangen bei weitem überlegen und kannte keine Gnade. Dass es zur Halbzeit “nur” 3:0 für die Südamerikaner hieß, war nur ihrer Ballverliebtheit und ihrer Tendenz, dem staunenden Publikum lieber Kabinettsstücken zu präsentieren als zielstrebig den Torerfolg zu suchen, zu verdanken. Pelé hatte dabei die ersten beiden Treffer in Giesing erzielt.

Doch zu Beginn der zweiten Halbzeit machten die Kicker aus der südlichen Hemisphäre so richtig ernst und erzielten innerhalb von sieben Minuten vier Tore, ehe sie es wieder etwas gemächlicher angehen ließen. Das Ehrentor für die Mannen des TSV 1860 München durfte ihr Kapitän „Fonse“ Stemmer zum 1:8 mittels eines Strafstoßes verwandeln. Mehr war für die arg gebeutelten Münchner an diesem denkwürdigen Abend nicht drin.

“Und dann kaaf ma uns an Brasilianer.”

Nicht unwahrscheinlich, aber noch weitgehend unerforscht ist, dass an diesem Abend unter dem Eindruck der fußballerischen Brillanz der Spieler des FC Santos, möglicherweise zum ersten Mal bei den Löwenfans der Wunsch nach südamerikanischer Verstärkung aufkam: “Und dann kaaf ma uns an Brasilianer.”

Die Aufstellung der Löwen

Der TSV 1860 München spielte mit folgender Mannschaft:

Bechtold – Wagner, Köbler – Zausinger (46. Rahm), Stemmer, Metzger – Heiß, Kölbl, Feigenspan, Fallisch, Auernhammer

Das Sechzger-Spiel des Monats

Einmal im Monat entführt Euch Thomas Bohlender in die Vergangenheit des TSV 1860 München und stellt ein – aus seiner Sicht – besonderes Spiel näher vor. Der Autor ist Mitglied der Abteilung Vereinsgeschichte des TSV 1860 München e.V. und Spartenleiter beim Futsal! Zur neuen Saison übernimmt Bohlender zusammen mit Veronika Seemann die Leitung der Fußball-Abteilung bei den Löwen.

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