Der Derbysieg des TSV 1860 München gegen den ewigen Rivalen aus der Seitenstraße am 27.11.1999 war nach der Geburt meines Sohnes der zweitschönste Tage meines Lebens. Am authentischsten gibt die Ereignisse diesen wunderbaren Tages wohl eine E-Mail wieder, die ich – wohl noch schwer unter Restalkohol stehend – am Montag nach dem 1:0 der Löwen an meine Freunde Philipp und Roman schrieb. Beide waren Jahreskartenbesitzer, die sich zu diesem Zeitpunkt auf Auslandssemestern befanden.
Die E-Mail an die “Exil-Löwen” nach dem Derbysieg 1999
Liebe Exil-Löwen,
da es Euch nicht vergönnt war, am 27.11.1999 bei uns zu sein, möchte ich Euch diesen Tag nochmals schildern.
Alles begann um 11:00h in Untergiesing im P48 (einer Super-Boazn). Stefan, Felix, Nico, Petra und ich hatten uns zum Weißwurstfrühstück verabredet. Das Frühstück wurde von feinster Musik aus der Jukebox mit Weltniveau untermalt. Einige Beispiel The final Countdown, It’s a long way to the top, burning heart und nicht zu vergessen die Heavy-Metal-Version Löwenstark, die mehrmals aus den Lautsprechern erschallte. Uwe, der Wirt, gibt uns Fahrtbier zum Löwenpreis mit und wir brechen ein erneutes Mal auf, um unsere Löwen wenigstens zu unterstützen im Kampf gegen die Roten [im Originaltext steht ein Wort , das mit H beginnt].
Uli, der eine Konkurrenzveranstaltung zu unserem WWF bei sich daheim abhielt und versprochen hatte, früh ins Stadion zu kommen, taucht gegen 15:10h mit einer Menge von Leuten auf, die alle noch in den Block gedrückt werden müssen. Mein Vater steht vor mir mit seiner blauen Jacke, die er nach eigenen Angaben nur trägt, weil sie rotes Innenfutter hat. Das Spiel beginnt und die Unaussprechlichen sind leicht überlegen die ersten zehn Minuten. Aber dann legt der TSV los. Mit ungeahnten Kombinationen beginnen sie die Trottel unter Druck zu setzen. Der Höhepunkt ist zwischen der 25. und 30. Minute erreicht. Die Löwen treffen Latte und Pfosten innerhalb von fünf Minuten. Das Gehirn eines Löwenfans beginnt zu denken: nicht schon wieder! Warum nur?
Halbzeit. Die Gespräche ranken sich nur um eins. Wieder besser, wieder nicht gewonnen.
Bayern kommt etwas aggressiver in die Halbzeit, aber nach fünf Minuten zaubern die Löwen wieder. Dann die 57. Minute: Man hört zum ersten Mal die Roten. “Wir woll’n Euch kämpfen sehen”, schreien sie. Verwunderung darüber im Löwenblock, man reagiert mit dem längst überfälligen “und ihr wollt deutscher Meister sein?”. In der 64. Minute haut Tapalovic den Ball links alleine freistehend vorbei nach Traumzuspiel von Häßler. “Wenn nicht heute, wann dann???”, schießt es durch meinen Kopf. “Es ist schon eine Ungerechtigkeit, so ein Spiel nicht zu gewinnen oder gar noch durch ein Jancker-Tor in der 93. Minute zu verlieren.”
Dann kommt sie, die 85. Minute. Max legt per Querpass für Thomas Riedl auf. Der drischt den Ball unhaltbar ins Tor. Hitzfeld wird nach dem Spiel seinen Fußballunsachverstand preis geben und diesen Sonntagsschuss als Glücksschuss verunglimpfen. Ich fordere, ihn deswegen mindestens drei Spiele zu sperren! Beim Jubel falle ich so unglücklich, dass sich mein Kopf einige Male um die Achse dreht und mir der Rücken weh tut. Scheißegal!!!
Die letzten fünf Minuten sind von einer unheimlichen Hektik im Block geprägt. Jeder singt irgendein Lied vor sich hin, es ist unglaublich laut und unglaublich unkoordiniert. Jedes Mal, wenn Bayern an den Ball kommt, herrscht blanke Angst im Block und alle schreien. Aber Bayern hat nicht mal eine Torchance, als der schlechte Schiri Heynemann (hätte Effenberg vom Platz stellen müssen) abpfeift.
Das Stadion tobt, die Löwen tanzen Polka im Mittelkreis und ich habe Tränen in den Augen, als Thomas Riedl auf den Schultern in die Kurve getragen wird. Wir bleiben noch über ein halbe Stunde im Stadion, wo der Löwe tanzt. Danach wieder ins P48. Ganz Untergiesing ist auf den Beinen, in jeder Kneipe tanzen die Leute und man hört viele Löwengesänge. Das P48 selbst steht Kopf. Wir bestellen Fürst Metternich zur Feier des Tages und funktionieren den Freiraum vor der Dartmaschine kurzerhand zur Tanzfläche um. Dann das Spiel in ran, ein Hochgenuss.
Nach dem P48 geht’s zum Schinken Peter nach Obergiesing, wo Petras Oma Geburtstag feiert. Wir wählen den Weg am Grünwalder Stadion vorbei und verharren in Andacht. In Obergiesing lädt uns ein Rentner, der einen Weihnachtsbaum und einen Löwenschal an seinem Wohnzimmerfenster befestigt hat, mit den Worten “Kommt’s nei auf an Kasten. Wir ham was zu feiern” ein. Wir schlagen aus. Warum?
Im Schinken Peter ist ein Akkordeonspieler, der uns den Löwenmarsch vorspielt. Es stellt sich heraus, dass er Bayern-Fan ist, alle Spiel der Roten der Saison 54/55 gesehen hat. Dann redet er mit Stefan über die verzogene Jugend, bis Stefan in anschreit: “Die Jugend ist mir scheißegal! Ich bin 30!” Wenig später schläft er alkoholbedingt ein.
Wir nicht – wir gehen ins Titanic City, unseren neuen Lieblingsschuppen und feiern bis ins Morgengrauen bei mehreren tausend Goaß’n Mass und Tequila.
Dass der Nockherberg abgebrannt ist, ist nur eine Randnotiz an so einem Tag.
Löwen, wir sind stolz auf Euch!
Epilog
Dieser Tag war wirklich Wahnsinn! Ich bin sehr froh, dass ich den Derbysieg 1999 im Stadion miterleben durfte. Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich in weniger schönen Momenten die Augen geschlossen und die Flugbahn des Schusses von Thomas Riedl vor meinen Augen gesehen und der Rest war wurscht. Ich hoffe, dass es jüngeren Löwenfans vergönnt sein wird, ein ähnliches Erlebnis zu haben. Auch, wenn wir aktuell sportlich davon Welten entfernt sind!