Herzlich willkommen zur TAKTIKTAFEL Analyse des Spiels unseres TSV 1860 München gegen den SC Verl.

 

Was war das für ein intensives Spiel am Samstag? Es hatte alles, was das Fanherz begehrt. Vor allem schöne Tore und massenweise Chancen sowie Strafraumszenen auf beiden Seiten. Sowohl der TSV 1860 München als auch der SC Verl kamen im ihnen vertrauten System aufs Feld. Die Gäste wie erwartet im 4-3-3 und die Löwen im variablen 4-1-4-1. Verls 4-3-3 verschob sich gegen den Ball, wenn der Gegner die Pressinglinie überspielen konnte, zum 4-2-3-1 oder manchmal auch zum 4-4-1-1. Die Löwen hingegen verschoben gegen den Ball wieder variabel. Meinem Eindruck nach sowohl mit Neudecker als auch mit Tallig als Box-to-Box Spieler situationsabhängig auf 4-2-3-1 und im Spiel nach vorn auf 4-1-3-2 mit hängender Spitze. Merveille Biankadi war wieder sehr lauffreudig und auf dem ganzen Platz unterwegs. Besonders die Momente, in denen er als äußerer Zielspieler agierte, haben seine Klasse und seinen Wert für diesen Verein deutlich gezeigt.

Die Zahlen zum Spiel

TSV 1860SC Verl
Ballbesitz51%49%
Passgenauigkeit78%81%
Defensive Zweikampfquote58%67%
Schüsse1512
davon aufs Tor43
PPDA*11,2110,58
*(zugelassene Pässe pro Defensivaktion)

 

So agierte der SC Verl gegen den TSV 1860 München

Die taktische Ausrichtung beim SC Verl war die gleiche wie in allen von mir im Vorfeld beobachteten Spielen. Hohes Pressing gepaart mit einer hohen Defensivlinie gegen den Ball, um beim Gegner bereits im Aufbau möglichst hohen Stress aufzubauen. Positionsangriffe, bei denen die erste Pressinglinie überspielt werden konnte, wurden im Rückzugsgefecht verteidigt. Die schnellen Spieler der Verler mussten dann oft viele Meter gehen, um die Löwenoffensive wieder einzufangen. Speziell Corboz, der sowohl im offensiven als auch im defensiven Mittelfeld zu finden war, spulte vermutlich mehr Kilometer ab als jeder andere Spieler auf dem Feld.

In Ballbesitz versuchte Verl über die Zentrale nach außen zu spielen, um den Mittelstürmer und den einrückenden ballfernen Außenstürmer mit Flanken zu füttern.

Wirklich gefährlich wurde Verl vor allem dann, wenn sie den Ball im Mittelfeld oder im Verteidigungsdrittel der Löwen erobern konnten und dann das Spiel in den Umschaltmomenten schnell machten.

Das hatten die Löwen dem entgegen zu setzen

Gegen den Offensivplan im Verler Positionsspiel von hinten heraus hatte allerdings der Trainer des TSV 1860 München etwas einzuwenden. Deshalb spielten die Löwen ihr Gegenpressing nicht in der vordersten Linie sondern etwas tiefer, immer darauf bedacht den Angriff der Verler auf einen Flügel (bevorzugt den linken) zu steuern.

Nach Anlaufschwierigkeiten in der ersten Viertelstunde konnten die Löwen diese Art der Angriffssteuerung immer besser realisieren. Merveille Biankadi, Stefan Lex und Sascha Mölders stellten die Passwege ins defensive Mittelfeld und auf den rechten Flügel des SCV gut zu und die Ballstafetten der Verler Viererkette landeten ein ums andere mal bei Ritzka, der auf seiner Seite Raum angeboten bekam. Das Stellungsspiel im Mittelfeld auf dem rechten Flügel der Löwen war allerdings so ausgelegt, dass für Verl der Weg ins Zentrum meist zugestellt war. So kam es ein ums andere Mal nach Steilpässen von Ritzka zu Duellen um den Ball zwischen Corboz respektive Rabihic auf Seiten der Verler und Neudecker und/oder Willsch bei den Löwen. Meistens zogen die Spieler der Gäste hier den Kürzeren.

Ein Geniestreich von Köllner

Diese Taktik, den SC Verl lieber auf der eigenen rechten Seite zu bekämpfen, war also nachweislich sehr klug vom Trainer des TSV 1860 München gewählt. Wenn sich die Mannschaft des SC Verl über die linke Seite aus dem Pressing der Löwen befreien konnte oder nach Ballverlusten der Löwen im Mittelfeld vom Zentrum auf diesen Flügel spielen konnte, brannte es des Öfteren in der Hintermannschaft der Sechzger.

Bei Ballbesitz war zu sehen, dass die Löwen aufgrund des extrem hohen Pressings der Verler auf vorderster Linie mit gleichzeitig extrem hoch stehender Verteidigungslinie versuchten, den Ball ganz ruhig aus der diesmal nur mit leicht vorgeschobenen Außen agierenden Abwehrkette bevorzugt durchs Zentrum zu spielen. Verl war möglicherweise auf diese Variante nicht ganz vorbereitet. Oft konnte der ballsichere Belkahia mit dem Ball am Fuß allein die erste Pressinglinie überspielen und eröffnete so das Spiel von hinten sehr dynamisch. Im Mittelfeld versuchten es die Löwen mit vertikalem Kombinationsspiel. Die Räume, die sich dort anboten, konnten die Sechzger mit den schnellen Offensivspielern gut nutzen. Sowohl im Positionsspiel als auch in Kontersituationen spielten die Löwen sehr kreativ.

Der TSV 1860 kämpft sich nach einem holprigen Start gegen den SC Verl ins Spiel zurück

Die Spielanteile waren über die 90 Minuten hinweg relativ gleich verteilt. Nach einer schweren knappen Viertelstunde für die Sechzger zu Beginn, in der die Gäste auch höher als 1:0 hätten führen können, wenn sie alle sich bietenden Chancen nutzen, bekamen die Löwen das Spiel in den Griff und konnten sich bis zur Halbzeitpause selbst Ballbesitz und Feldvorteile sowie die Führung erspielen.

Die ersten Minuten der zweiten Halbzeit bis zum Platzverweis gegen Mikic wurden im Gegensatz zu Halbzeit eins von den Sechzgern dominiert. Mit dem Platzverweis gegen Verl war wie schon so oft ein deutlicher Bruch im Spiel der Löwen zu sehen. Die ab dann höhere Laufbereitschaft der Mannschaft von Trainer Capretti konnten die Löwen zunächst nicht kompensieren. So gab es weiterhin einen Schlagabtausch mit offenem Visier in beide Richtungen mit zunächst besseren Möglichkeiten für den Gast, der nach einer Standardsituation auch den Ausgleich erzielen konnte. Die Giesinger steckten jedoch keineswegs auf und konnten wenige Zeit später den erneuten Führungstreffer, der gleichzeitig auch der Siegtreffer war, erzielen.

Mit jeder Minute, die verging, merkte man den Spielern des SC Verl die deutlich höhere Kraftanstrengung an und so kam es schlussendlich wie es kommen musste. Sichtlich müde und immer unkonzentrierter werdende Verler mussten einen gefährlichen Konterangriff der Sechzger nach dem anderen abwehren. Spielt der TSV 1860 München jeden seiner Tempogegenstöße konsequent aus, geht Verl in diesem Spiel mit deutlich mehr als drei Gegentoren vom Platz.

Was stach in diesem Spiel besonders ins Auge?

Wirklich phänomenal war die Flankengenauigkeit der Spieler des TSV 1860 München. 45,5% aller von Sechzig geschlagenen Flanken aus dem Spiel heraus kamen an. Damit liegen die Löwen in diesem Spiel bei diesem Wert 12% über dem Saisondurchschnitt. Von Steinharts sieben Hereingaben kamen beispielsweise nur zwei nicht beim Adressaten an. Zwei andere führten dagegen zu den Toren durch Mölders und Neudecker.

Ebenfalls erwähnenswert ist die Anzahl der Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Mit 33 wurde der bisherige Saisonhöchstwert erreicht. Diese Zahl liegt um 42% über dem Saisondurchschnitt.

Die Tore

Das 0:1

Nach einem Befreiungsschlag von Salger in der 2. Minute des Spiels nahe der linken Seitenauslinie, köpft Mikic den Ball entlang dieser Linie zurück in die Spielfeldhälfte der Löwen. Köhler kann, obwohl Dressel und Steinhart in unmittelbarer Nähe sind, das Leder mit nur einem Kontakt steil auf Yildirim passen. Yildirims eigentlicher Gegenspieler Steinhart war also hier zu weit aufgerückt, weil er nach Salgers Befreiungsschlag einen Umschaltmoment für die Löwen annahm. Salger hingegen war allerdings auch schon wieder zu weit ins Zentrum eingerückt. So kommt der flinke Rechtsaußen sehr frei an den Ball und kein Löwenspieler kann seine flache Flanke nach innen auf den nachrückenden Eilers verhindern.

Eilers, der in dieser Situation seinem Gegenspieler Belkahia in dessen Rücken entkommt, erreicht das Zuspiel von Yildirim somit als erster. Er schießt den Ball aus etwa elf Metern ins Tor. Hiller bekommt seine Fingerspitzen zwar noch an den Ball, kann den Einschlag im Tor aber nicht verhindern.

Ausgleich zum 1:1

In der 15. Minute erobert Neudecker das Leder gegen Ritzka auf der halbrechten Seite etwa zehn Meter in des Gegners Hälfte. Der etwas weiter vorn postierte Biankadi erkennt die Gelegenheit, ändert sofort seine Laufrichtung und wird wunderbar in den Laufweg von Neudecker angespielt. Auf der rechten Strafraumseite etwa fünf Meter tief in der Box erreicht Biankadi schließlich den Ball und legt ihn sofort flach quer nach innen auf den aus dem Hintergrund einlaufenden Mölders ab. Die Nummer Neun der Löwen schießt aus knapp elf Metern ins linke untere Eck. Brüseke im Tor der Verler ist hier chancenlos.

Die Führung für die Löwen

Bei einem Angriff der Löwen durch das Zentrum kann die Defensive des Sport Clubs aus Ostwestfalen die Räume dort gut zustellen. Gleichzeitig übt Maël Corboz derart Druck auf den ballführenden Spieler der Löwen Tallig aus, dass dieser sich für einen Rückpass entscheidet. Belkahia spielt die Kugel darauf zu Salger, der ihm den Ball postwendend wieder zuschiebt. In diesem Moment sieht der ballsichere junge Innenverteidiger des TSV 1860 München Steinhart völlig frei auf der rechten Seite und spielt einen langen hohen Diagonalpass von der rechten Seite des Mittelkreises knapp hinter der Mittellinie zum Linksverteidiger der Löwen.

Steinhart nimmt den Pass mit der Brust an, verarbeitet den Ball sehr schnell und kann sofort Tempo aufnehmen. Der mittlerweile zu ihm herausgerückte Rechtsverteidiger des SC Verl kann Steinharts Flanke von der linken Seitenlinie nicht verhindern. Diese Flanke kommt punktgenau ins Zentrum des Strafraums, wo Mölders dieses Zuspiel aus zehn Metern mit dem Kopf im Tor unterbringt (19.). Wenn Brüseke da einen halben Schritt näher zum rechten Pfosten steht, hält er den möglicherweise. So war der Kopfball zu hart für ihn, um überhaupt zu reagieren.

Der Ausgleich durch die Gäste

Bei einem Eckstoß von der linken Angriffsseite (57.) des SC Verl fliegt Hiller am hohen Ball vorbei, der dann Willsch an den Fuß springt. Von dort landet der Ball bei Yildirim, der das Leder aus einem Meter zum zwischenzeitlichen Ausgleich im Tor versenkt. Wenn er rausgeht, muss er ihn haben. So lautet eine Binsenweisheit im Fußball. Gemeint ist damit der Torhüter, der den Ball bei einer Ecke sicher haben muss, wenn er seine Linie verlässt.

Seh ich auch so. Ich denke aber auch, dass wenn er rausgeht das Rausgehen so vehement sein muss, dass er Yildirim mit abräumt, wenn er schon den Ball nicht bekommt. Seis drum: Hiller hat in diesem Spiel davor in mehreren Szenen bewiesen, wie wichtig er ist und speziell in der ersten Viertelstunde mehrmals den Rückstand von 0:1 zu diesem Zeitpunkt klein gehalten. Ohne Hiller im Tor wären die Löwen möglicherweise bereits nach fünfzehn Minuten mit drei Toren in Rückstand gewesen. Keiner ist unfehlbar.

Der Siegtreffer

Im Aufbau nach einem missglückten Angriff des SC Verl spielt Salger aus zentraler Position den Ball ins Zentrum der eigenen Spielfeldhälfte zu Dressel. Dressel kann, obwohl er von vier Spielern des SC Verl umgeben ist, ungestört den Ball annehmen, verarbeiten und einen langen Pass zu Biankadi auf die halblinke Seite, circa zwanzig Meter tief in die gegnerische Hälfte schlagen. Biankadi nimmt sofort Tempo auf und geht mit dem Ball, verfolgt von Stöckner, in Richtung Grundlinie. Kurz vor Erreichen derselben stoppt er abrupt und marschiert mit dem Ball am Fuß nach innen. Stöckner hat er mit dieser Aktion auf dem falschen Fuß erwischt.

Beim Eindringen in die Box macht er einen kurzen Haken nach rechts und zieht das Tempo an. So entkommt er auch dem nächsten Gegenspieler Lannert, der ihn bis in die Zentrale vor dem Strafraum verfolgt. Dort gibt er den Ball zu Neudecker, der auf der halbrechten Seite der Box wartet und wieder zurück ins Zentrum zu Dressel passt. Dressel gibt den Ball sofort zu Steinhart auf die linke Strafraumseite. Steinhart wartet kurz, wackelt einmal mit dem Oberkörper, legt sich den Ball zurecht und flankt an seinem absolut passiven Gegenspieler vorbei auf die halbrechte Seite der kleinen Box. Dort verwertet Neudecker diese mustergültige Flanke zum 3:2-Endstand per Kopf.

Aufgrund der vielen Richtungswechsel im Verlauf dieser Angriffssituation waren spätestens bei Dressels Ballkontakt alle Zentrumsspieler des SC Verl einen Schritt hinter den Angreifern der Sechzger in dieser Situation. Die Verwandlung der butterweichen Flanke von Steinhart war somit nicht mehr zu verteidigen.

Fazit

Ein – bedenkt man die Anfangsphase – sicherlich glücklicher, aber dennoch in Summe absolut verdienter Sieg des TSV 1860 München gegen den SC Verl bringt die Löwen in Schlagdistanz zu den direkten Aufstiegsplätzen. Jetzt bloß auf dem Teppich bleiben und weiterhin die guten Leistungen konservieren.

Man muss den Verlern auf jeden Fall ein Riesenkompliment machen, wie sie auch in Unterzahl bis zum Schluss der Partie nicht aufgesteckt haben und unbedingt einen Punkt mitnehmen wollten. Spielen die Löwen die daraus resultierenden Konter jedoch cleverer beziehungsweise treffsicherer aus, geht Sechzig mit drei Toren Unterschied als sehr deutlicher Sieger vom Platz.

Am kommenden Samstag steht die sicherlich brandheiße Partie gegen Türkgücü auf dem Kalender. Diesmal am Oberwiesenfeld und nicht im Sechzgerstadion. Schmerzlich fehlen wird sicherlich Phillipp Steinhart, der gegen Verl seine fünfte gelbe Karte kassiert hat. Gute Besserung an dieser Stelle an Aygün Yildirim vom SC Verl.

 

Datenquelle: wyscout

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